Kapitel 52 - Brisante Entscheidungen



“Wäre das nicht ganz in deinem Sinne, Jessica Jung?”, raunte Adam matt.
“Im Grunde ja”, gab sie freimütig zu, “aber im Interesse deiner Kinder würde es mir reichen, wenn du einfach verschwindest und in niemandes Leben mehr Schaden anrichtest.”
Adam entgegnete zunächst nichts, aber Jessica hörte sein schweres Atmen, dabei völlig irritiert von sich selbst. Wie konnte sie nur so mit ihm reden? Mit einem Mann, den sie hasste, und der sie hasste, und zwischen ihnen ein potentiell tödliches Objekt.





Aber vielleicht war gerade die Gefahr, in der sie sich befand, der Grund, bedacht zu handeln, statt sich der herannahenden Ohnmacht zu ergeben, die sie wiederholt zu beschleichen drohte.
“Wo ist sie?”, tastete sie sich vorsichtig vor, die Frage nach tot oder lebendig ängstlich vermeidend.
Adam hob seinen Kopf und sah ihr direkt in die Augen. “Ich weiß es nicht”, antwortete er ausdruckslos. Jessicas Bruste krampfte sich entsetzt zusammen, als er sich dann erhob und dabei seine Waffe vom Tisch nahm.





Er ging auf sie zu und sie wich einen Schritt nach hinten aus. Der Lauf der Pistole war nun auf sie gerichtet, doch Adams Finger befand sich nicht am Abzug, was sie jedoch nicht bemerkte. Jessica schloß die Augen, in letzter Hoffnung auf einen wenigstens nur kurzen Schmerz und schnellstmögliche Erleichterung, als sie plötzlich ein Klicken vernahm, dann eine kalte Hand, die die ihre nahm, etwas schweres Hartes hineinlegte und ihre Finger darüber schloß.
“Leg’ das Magazin bitte in den Tresor, die Kombination ist 0568. Ich ziehe mich jetzt an und dann treffen wir uns unten, wir müssen sie so schnell wie möglich finden”, befahl Adam in derart autoritärem Tonfall, das Jessica nur verwirrt nickte und seinem Ansinnen sofort wie hypnotisiert folgte. Er schmiß die Pistole in die oberste Kommodenschublade und lief aus dem Arbeitszimmer.





Jessicas Finger zitterten unaufhörlich, als sie Nummer für Nummer abtelefonierten, und Adam erging es nicht anders. Doch niemand hatte Naike bei sich oder auch nur gesehen. Nachdem auch der letzte Anruf erfolglos blieb, begann Jessica hilflos zu weinen. Adam bebte innerlich und strich sich zum zigsten Mal nachdenklich durch den Bart, bis er schließlich eine Entscheidung gefällt hatte.
“Du bleibst hier für alle Fälle am Telefon und ich fahre jetzt zur Polizei.”
“In die Stadt?”
“Ja, ich werde mich stellen und die Suche veranlassen.”
Ohne ein weiteres Wort ging er aus dem Haus und wählte dabei den Taxiruf.





Jessica nahm sich schnell einen Eierlikör aus dem Küchenschrank und tapste dann hinter ihm her. “Adam! Bist du dir wirklich sicher? Du weißt, was das bedeuten würde?!”





Und wieder einmal musste das Taxi warten, bevor sein Fahrgast einstieg. Aber dieses Mal aus weniger schönem Grund. Adam starrte ins Leere.
„Ja, das weiß ich.“





“Das weiß ich”, murmelte er weiter vor sich hin, als die Reise begann, von der er noch nicht wußte, wo sie für ihn und seine Familie enden würde.

*





Das Taxi brachte ihn zum Flughafen, von wo aus er zwar sehr teuer, aber dafür äußerst schnell mit einem Hubschrauber aufs Festland hinüber geflogen wurde. Nach ein paar weiteren Minuten zu Fuß, hatte er die örtliche Polizeistation erreicht.





Inzwischen war es fast Mitternacht, doch die städtischen Freunde und Helfer notgedrungen wie immer rund um die Ohr im Einsatz.





Die Miene der Polizistin an der Anmeldung zeigte eine Mischung aus Interesse und Erschrecken, wie Adam verwundert bemerkte. Ihm war bewußt, dass er offenbar kein schönes Bild abgab, aber warum starrte sie ihn derart fasziniert, aber dennoch mit einer gewissen Abscheu an, bevor er auch nur ein Wort seines Anliegens geäußert hatte?
“Guten Abend”, sagte er steif. “Mein Name ist Adam Tallis, ich suche meine Frau, sie ist ...”
“Hehe”, lachte der Mann neben ihm und stieß dabei eine alkoholschwangere Wolke aus. “Ihnen wär’sch ooch wegjelaufen, Sie seh’n ja us wie Dschäck, se Ripper.”





Die junge Polizistin scheuchte den Besoffenen ungehalten in eine der Besucherecken und bat Adam anschließend um einen kleinen Moment, um telefonieren zu können.
“Ja, ich brauche Herrn Rosengarten, sofort! Hier ist ein gewisser Herr ... äh ... wie war ihr Name noch?”
“Tallis”, hauchte Adam und rieb sich erschöpft die Augen.
“Tallis”, wiederholte sie so laut, dass der Kollege hinter hier aufmerksam wurde und sich sofort erhob.





“Guten Abend, mein Name ist Picaso, Polizeihauptwachtmeisteranwärter”, brach sich der junge Mann an seinem eigenen Titel beinahe die Zunge, “folgen Sie mir bitte ins Obergeschoß.”





“M ... meine Frau ist weg”, stammelte Adam, dem umgehend das Herz in die Hose gerutscht war, nachdem er am Ende eines der Gebäudegänge den Zellentrakt ausgemacht hatte.
“Bleiben Sie ganz ruhig, das können Sie gleich alles meinem Kollegen erzählen.”





Die blonde Polizistin schüttelte sich angewidert und war erleichtert, als ihr Kollege den nächtlichen Besucher zunächst durchsucht und dann zum Aufzug geleitet hatte. Adam fühlte sich bereits jetzt wie durch die Mangel gedreht, aber nun gab es kein Zurück mehr.





“Tallis, Adam?”, fragte oben angekommen ein schwarzhaariger Mann mit kalten, eisblauen Augen seinen Kollegen. Dieser nickte.
“Dann hier rüber”, dirigierte er beide zu seiner Rechten ...





… wo sich ein paar Schritte entfernt eine massive Stahltür befand. Sie führte in einen fast leeren Raum, einen Ort, dessen Art Adam noch zu gut kannte.





Nachdem der Schwarzhaarige den Lichtschalter betätigt hatte, schaltete sich mit fiesem Surren behäbig eine altersschwache Neonlampe ein. Er wies Adam, der hörte, das die Tür hinter ihnen abgesperrt wurde, einen von zwei Stühlen zu und setzte sich ihm gegenüber. Der Kugelschreiber, den er aus seiner Jackettasche geangelt hatte, schrieb nicht, so entnahm er einen zweiten. Aber auch dieser ließ den jungen Mann im Stich.
“Ach, verdammt”, motzte er wütend. Zögerlich gab Adam ihm seinen.
“Danke. Ich bin Kriminalkommissar Julien Spaß-Bremsé, was kann ich für Sie tun?”, wollte er ungehalten wissen.





“Ist das neuerdings so üblich, dass man gleich in ein Verhörzimmer gesperrt wird, wenn man ein Anliegen hat?”, fragte Adam konsterniert.
Der Komissar zögerte. “Eh ... nein, wir hatten gerade nichts anderes frei, es tut mir leid. Also, was ist nun? Ich hab’ nicht ewig Zeit.”
Adam glaubte ihm kein Wort. “Meine Frau und ich ... wir hatten einen Streit. Sie ist davon gelaufen, und ich kann sie jetzt nirgendwo finden. Sie ist verletzt und braucht sicher Hilfe”, erklärte er dann wahrheitsgemäß.
“Gehe ich also richtig in der Annahme, dass Sie der Verursacher ihrer Verletzungen sind?”
Adam nickte stumm und biss sich auf seine Unterlippe.





“Tja, wenn das so ist. – Ich denke, äh ... Sie wissen was Ihnen blüht, nicht wahr?!”, feixte er herablassend. “Eine dicke Vorstrafe ... hm ... nicht gut, nicht gut”, schien sich der junge Kommissar beinahe zu freuen. Adam starrte ihn überrascht an.





“Woher wissen Sie davon? Ich bin doch gerade erst ...”
“Aber Herr Tallis! Was glauben Sie, wie lange heutzutage eine Datenabfrage dauert? Keine Minute!”, flötete der Beamte stolz, als wäre er ein Angler, der gerade einen äußerst dicken Fisch gefangen hatte.





Adam kam die Sache dennoch merkwürdig vor, aber was blieb ihm anderes übrig, als seinem Gegenüber zu glauben?
“Hören Sie, bringen wir es hinter uns. Geben Sie mir die entsprechenden Unterlagen, ich zeige mich an und gut ist. Aber zuerst müssen Sie mir helfen meine Frau zu finden. Sie könnte ihn Not sein und braucht vielleicht dringend Hilfe, ich ...”





“Was wann zu tun ist, entscheide allein ich, alles klar?!”, entgegnete Spaß-Bremsé herrisch, “die Papiere werden jetzt sofort hier ausgefüllt, vorher setzen Sie keinen Schritt nach draußen! Abgesehen davon, dass Sie das wahrscheinlich vorerst sowieso nicht mehr tun werden!!”
Adam vernahm Schimpf und Schande plötzlich nur noch wie aus weiter Ferne. Seine Augen füllten sich langsam mit Tränen. “Ich liebe sie so sehr”, flüsterte er gebrochen.





Das brachte den Kommissar aus seinem Konzept. Er hatte sich auf einen explosiven, tobenden Mann eingestellt, nicht auf einen tief besorgten, reuigen.
“Hey! – Hey?? So hören Sie doch bitte zu!”
Grausige Bilder durchfluteten Adams Gedankenwelt und überlagerten den kahlen Raum um ihn herum. “Wenn ihr etwas passiert, Spassbremse, können Sie mich auf dem Marktplatz hängen. Aber dann werde ich einen Weg finden, dass sie ihres Leben nie mehr froh werden.”





„Glauben Sie mir, es kommt sehr häufig vor, dass Frauen sich selbst die Schuld geben, wenn sie von ihren Männern geschlagen wurden“, erklärte Polizeihauptmeister Tim Rosengarten der jungen Frau, die ihm gegenüber saß, „aber das entspricht nur selten der Wahrheit.“





“Aber es ist wirklich so. Ich ... ich kann Ihnen das nicht erklären, Sie würden es niemals verstehen”, versuchte Naike überzeugen. “Sie wissen, mein Mann ist vorbestraft, er saß lange Zeit ein, es muß einen anderen Weg geben!”





Er ließ sich nicht beirren. “Ich will Ihnen da keine falschen Hoffnungen machen, Frau Le Normand-Tallis, Wiederholungstäterschaft ist leider an der Tagesordnung, Sie gefähren sich selbst und auch ihren Sohn, wenn sie ihn nicht anzeigen. Wollen Sie diese Verantwortung wirklich übernehmen?”





Naike gab einen klagenden Laut von sich, als hätte sie gerade jemand in den Magen geboxt, und verdrehte die Augen.
“Wollen Sie vielleicht lieber mit weiblichen Beamtin sprechen?”, fragte Rosengarten besorgt.
“Nein”, stöhnte Naike.
“Oder soll ich Ihnen einen Arzt rufen?”
“Nein, danke, ich möchte nur mal kurz raus. Wo sind die Toiletten, bitte?!”
Der Polizeihauptmeister sprang auf und begleitete sie.





Naike kam nicht mehr bis zu ihrem Ziel, sondern erbrach sich bereits in eines der Waschbecken ...





... und dann doch noch am rechten Ort. Wie bereits mehrmals in der vergangenen Woche.

*





“Jetzt reißen Sie sich verdammt noch mal endlich zusammen und erledigen die Formalitäten!”, wütete Kommissar Spaß-Bremsé entnervt.





“Nein!!!”, stieß Adam plötzlich hervor, sprang dabei auf und stieß heftig gegen den Tisch, so dass der Beamte dessen Kante schmerzhaft in seiner Mitte zu spüren bekam. Schnell drückte er den unter dem Tisch befindlichen Notknopf, da er sich sicher war, dass nun doch noch die zuvor erwarteten Attacken bevor standen, denn er wußte von der Schwäche seines Gegenübers.





Doch Adam ging ihn wider Erwarten nicht an, sondern auf den großen Spiegel im Raum zu und starrte sich selbst an. Nur wenige Sekunden hielt er seinem eigenen als zutiefst widerlich empfundenen Anblick stand, dann schloss er die Augen und drückte seine heiße Stirn gegen den Spiegel. Kälte breitete sich nach und nach in seinem gesamten Körper aus und ließ ihn schaudern. Die aufgeregten Stimmen hinter sich nahm er nicht mehr wahr.





“Alles in Ordnung mit Ihnen?”
“Ja, soweit schon, danke. Darf ich eben ihr Telefon benutzen, ich will meinen Mann anrufen, damit er sich keine Sorgen macht.”
Der junge Polizist sah die übel zugerichtete junge Frau perplex an. “Ähem ... ich glaube, das ist nicht nötig. Kommen Sie mal zu mir hier rüber. Erschrecken Sie aber bitte nicht, Sie sind hier bei mir in absoluter Sicherheit ...





… er kann sie nicht sehen.“ Mit diesen Worten zog er den Lamellenvorhang an einer der Wände seines Büros zur Seite und gab damit den Blick in den benachbarten Verhörraum frei.





Naike erstarrte zur Salzsäule und rang um Fassung.





„Was … was macht er hier???“, stammelte sie entsetzt.





“Er ist gekommen um sich zu stellen und um Hilfe bei der Suche nach Ihnen zu bitten. Aber bedenken Sie bitte, dass das nichts heißt. Es klingt zwar gut, aber im Moment dürfte er unter Schock stehen. Ich halte ihn nach wie vor für gefährlich, solche Fälle haben wir nicht das erste Mal.”





“Das ist mein Mann und kein Fall”, sagte Naike weinerlich. “Adam.”





Plötzlich sah er auf und ihr scheinbar direkt in die Augen. Ihm war, als hätte er von irgendwo her ihre Stimme gehört, doch wie konnte das sein?





Naike erschrak und wich einen Schritt zurück. “Keine Angst, er kann Sie nicht sehen”, wiederholte Herr Rosenberg sanft.





Jetzt sah er sie nicht mehr an, sondern schluchzte nur unhörbar.





Der Polizist zog die Lamellen wieder zu und bat Naike, sich wieder zu setzen. Doch sie schüttelte seine begleitende Hand ab.
“Bringen Sie ihn her, sofort! Ich will mit ihm reden!”





“Das halte ich für keine gute Idee. Bitte treffen Sie keine emotionale, sondern eine wohl bedachte Entscheidung. Sich selbst und ihrem Kind zuliebe”, betonte er noch einmal.
“Das habe ich bereits”, sagte Naike barsch und wieder erstaunlich gefasst.





Der Polizeihauptmeister schüttelte den Kopf und griff dann unwillig zum Telefon. Sein Kollege kam hinzu und versuchte auch noch einmal, Naike von dem Sinn einer Anzeige zu überzeugen, aber ohne Erfolg.
“Ihr versteht nichts, gar nichts”, sagte sie bitter und die beiden Beamten sahen aufgrund ihres sichtbar schlechten Zustands von einer Rüge ab.





Rosengarten brachte sie schließlich in ein Zimmer direkt gegenüber.
“Das hier ist das Büro vom Chef, er wird sich Ihnen gleich annehmen. Vorher haben Sie einige Minuten Zeit, mit Ihrem Mann zu reden. Der Raum ist videoüberwacht, es ist sofort ein Beamter zur Stelle, falls er sich erneut an Ihnen vergreift”, versprach der Polizist mit ernster Miene, aus der Unverständnis und Mitleid sprach.
Naike bedankte sich und ließ sich schwächelnd auf ein weiches Ledersofa nieder.





Keine fünf Minuten später, die Naike allerdings wie ein halbe Ewigkeit vorgekommen waren, stand er schließlich vor ihr.
“Keine Mätzchen, Tallis, der Raum ist videoüberwacht”, wiederholte Kommissar Spaß-Bremsé drohend, “wenn Sie sie anlangen, breche ich Ihnen alle Knochen, so dass Sie wünschen werden, Sie hätten die Sache auf dem Marktplatz bereits hinter sich gebracht.”





Ruhig stand er da, doch in ihm tobten tausend Stürme, als er sein schreckliches Werk betrachtete. Naike sah ihn nur an, sagte aber nichts. Dann stand sie auf, durchquerte den Raum und starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Wieviel Uhr mochte es sein? Eins oder zwei? Niemand war auf den Straßen unterwegs.





“Naike?”
Ihr Körper versteifte sich, als sie seine Stimme keinen halben Meter hinter sich wahrnahm.
“Ich habe nachgedacht. Es ist besser für uns alle, wenn wir nicht zusammen leben. Ich bin für niemanden gut, für dich nicht, für Sean nicht ... nicht einmal für mich selbst. Und wir sollten kein weiteres Baby zusammen haben, dass mir ähnlich werden könnte.”
Naike schluckte.
“Wenn du willst können wir verheiratet bleiben und uns ab und zu sehen, wenn ich wieder frei bin”, schlug Adam vor. “Weißt du, wie früher! Das wolltest du doch auch. Keinen Mann mit Feinripp-Unterwäsche und Bier auf dem Sofa.” Er lächelte schmerzverzerrt.





“Dafür ist es zu spät, Adam”, ich möchte es nicht alleine großziehen.”
“Aber er ist doch jetzt schon zwölf und aus dem Gröb...”
“Ich rede nicht von Sean, sondern davon.” Sie zeigte auf ihren Bauch und eine dicke, kugelige Träne lief über ihre Wange.





Adam starrte sie an und schluckte schwer. “Du ... du bist ...”
Naike nickte betrübt.





“Und - alles klar?”, fragte Spass-Bremsé ungeduldig.
“Alles im Griff”, bestätigte seine Kollegin am Überwachungsdesk, “er umarmt sie gerade”.
“Bescheuert”, sagte er ungehalten, “manche wollen’s echt nicht kapieren.”
Die blonde Polizistin seufzte und beobachte weiter ihren Bildschirm.





„Ad, bitte lass mich los, ich …“
„Was ist es?“, flüsterte er und umschlang sie noch fester.





“Ein Mädchen”, sagte Naike kraftlos.
“Ein Mädchen”, wiederholte er weinerlich, “unser kleines Mädchen”, und küsste sie zärtlich.





“Bring sie zu mir, so oft es geht, bitte!!”, sagte er eindringlich und weinte in ihr verschwitztes Haar. “Es werden nur ein paar Jahre sein, bis ich zurück bin.” Seine Stimme versagte. “Es tut mir so leid, ich liebe dich so sehr. Bitte verzeih mir!”
Ich trage die Schuld, Adam, eines Tages wirst du es verstehen und dann wird sich die Frage stellen, ob du mir verzeihst”, sagte Naike leise. “Hast du dich angezeigt?”
“Noch nicht, aber ...”
Naike schluckte und atmete erleichtert aus. “Gut.”
Adam starrte sie verwirrt an.





“Ähem ... entschuldigen Sie, mein Name ist Geert Göttlicher, Kriminaldirektor. Ich möchte mich kurz mit ihnen beiden unterhalten, wenn es Recht ist.”
Adam ließ Naike los. Schweigend nahm sie seine Hand und drückte sie fest. Dann nahmen sie am Schreibtisch Platz.





Zunächst erörterte Chief Göttlicher kurz, worüber er bisher unterrichtet worden war, signalisierte den Wunsch nach Finden einer besten Lösung für alle und wandte sich dann an Naike.
“Wie Sie von Polizeihauptmeister Rosengarten bereits wissen, halten wir es für angemessen, in ihrem Fall Anzeige zu erstatten. Häusliche Gewalt ist kein Kavaliersdelikt und ihr Mann ist bereits einschlägig vorbestraft.”





Adam setzte zu einer Erklärung an ...





... doch der Kriminaldirektor fuhr ihm harsch über den Mund, verbat sich jegliches weitere Wort ...





… und wandte sich sogleich wieder an Naike.
„Welche Möglichkeiten stünden mir frei, wenn ich von einer Anzeige absehe?“, fragte sie unsicher.
„Daran sollten Sie nicht einmal denken!“, warnte Herr Göttlicher.
Adams Herz raste.
„Ich habe mich bereits entschieden“, verkündete Naike mutig, „wir gehen jetzt nach Hause.“





Bestürzt starrte der Kriminaldirektor zunächst Naike, dann Kommissar Spass-Bremsé an, der gerade zu ihnen gestoßen war und ihre Worte mitbekommen hatte.
„Chief, das können Sie nicht zulassen! Der Kerl ist ein Vulkan, ich hab’s selbst erlebt!“
„Vielen Dank für ihre werte Meinung, Kollege, aber mehr als eine Disziplinar-Maßnahme kann ich nun mal nicht verhängen, wenn keine Anzeige vorliegt, das sollten Sie wissen.“
Der Kommissar schnaubte verächtlich, behielt sich aber im Griff.





„Also, Frau Le Normand-Tallis, ist das wirklich ihr letztes Wort?“
Adam sah zu Naike. Sie erwiderte seinen Blick, lächelte aber nicht.
„Ja, das ist mein letztes Wort.“
„Aua“, sagte Spass-Bremsé und fing sich dafür einen rügenden Blick seines Chefs ein.
„Also gut. Dann soll es so sein. Wir können Sie vor anderen Menschen schützen, aber nicht vor sich selbst“, bemerkte der Chief mit tiefem Bedauern in seiner Stimme. „Sie können gehen, aber mit der Auflage, dass Sie sich einer Therapie unterziehen, Herr Tallis.“
Adam nickte ohne Zögern, was Naike erfreut zur Kenntnis nahm.





„Bitte gehen Sie mit dem Herrn Kommissar kurz die Formalitäten erledigen, Sie müssen eine Einverständniserklärung unterschreiben. Und Sie können so lange draußen warten, junge Frau. Kommen Sie bitte mit mir.“





„Wenn ich mir diese persönliche Bemerkung noch erlauben darf – bitte verzeihen Sie – aber ich kann einfach nicht verstehen, warum Sie das tun, und es bereitet mir große Sorge, Sie jetzt einfach ziehen zu lassen.“
„Er wird es schaffen“, sagte Naike fest. „Ich weiß, das klingt jetzt furchtbar kitschig, aber Liebe hat schon so manche Herausforderung überwunden, und ich habe mich entschieden, dass er es wert ist, an seiner Seite zu kämpfen. Er hat sich jahrelang gegen eine Therapie gewehrt, aber jetzt wird er sich ins Zeug legen, da bin ich sicher. Und ich bin außerdem egoistisch, muss ich mir eingestehen, ich habe keine Lust, meine Kinder alleine großzuziehen.“
Chief Göttlicher nickte nachdenklich.
„Und selbst das ist noch nicht alles“, fuhr Naike fort, „da gibt es noch etwas, was ich in diesem Zusammenhang zu lösen habe. Aber das kann ich Ihnen nicht erzählen, Sie würden mich für bescheuert halten. Also, für noch bescheuerter wahrscheinlich.“ Sie grinste, obwohl es wehtat, die Lippen zu verziehen.
Adam kam durch den Gang auf sie zu. Er wirkte noch immer verstört, doch Naike bemerkte einen kleinen Hoffnungsschimmer in seinen tief umschatteten Augen.





Polizeimeisteranwärter Picaso brachte das Ehepaar Le Normand-Tallis zum Dome und Gerda Kappe überließ ihnen, ohne nach den Umständen zu fragen, umgehend ein Zimmer, da sie kein zweites Mal in dieser Nacht den Not-Hubschrauber nutzen wollten.

Jessica hatte inzwischen daheim eine ganze Flasche Eierlikör getrunken und schlief sofort ein, nachdem sich Naike zumindest halbwegs wohlbehalten gemeldet hatte. Voodoo Mom war gekommen und hatte mit ihrer Freundin ausgeharrt und ihr unbemerkt ein selbstgebrautes Mittel in den Likör getropft, dass ihr zu ihrem Wohl einen Teil ihrer Erinnerungen genommen hatte.
Geräuschlos schlich die schwarze Hexe durch die Räumlichkeiten und sah sie sich ein letztes Mal an, denn sie wusste bereits, dass sich in naher Zukunft so einiges verändern würde.

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Mein ganzes Leben lang war ich wie eine geballte Faust ...
Ich habe gehauen, geschlagen, zugestoßen!
Jetzt will ich diese zusammengeballten Hände öffnen
und die Dinge sanft damit berühren ...

Tennessee Willams





Am frühen Morgen waren die ersten zarten Flocken vom Himmel getänzelt. Mehr und mehr gesellten sich hinzu, bis am frühen Abend eine dichte Schneeschicht die gesamte Insel bedeckte und in der inzwischen wieder klaren Luft diamanten glitzerte. Heilig Abend.





In der Simlane 10 herrschte bereits den gesamten Tag über buntes Treiben, und als die Bescherung nahte, hatte sich die Familie mit ihren Gästen um den angenehme Gemütlichkeit spendenden Kamin versammelt, um miteinander zu feiern.





Das Feuer knisterte und prasselte warm. Einige lauschten der feierlichen Musik, andere unterhielten sich leise, Sean neckte seinen kleinen Cousin Milo Richard, indem er sein lachendes Gesicht immer wieder hinter seinen Händen verbarg und dann “Kuckuck!” rief.





Lange Jahre hatten Adams Finger keine Tasten mehr berührt, doch nach ein wenig Einspielen lockerten sich seine Sehnen zunehmend und er entlockte dem schweren Flügel im neuen Wohnzimmer des Hauses Klänge ...





... die sogar Jessica verzauberten und wehmütig an ihre einst verlorene große Liebe denken ließen. Es roch noch ein wenig nach frischer Farbe, die jedoch dem Bratenduft, der aus der Küche drang, kaum standhalten konnte.





Bewundernd beobachtete Naike, wie die großen schlanken Hände ihres Mannes über die Tastatur glitten, mal sanft, mal mit Nachdruck, und nahm sich insgeheim vor, nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter Klavierunterricht zu nehmen. Zeit würde sie dafür ausreichend haben, denn sie hatte ihre Stelle gekündigt. Die Familie brauchte das Geld nicht, sie brauchten Zeit. Zeit für- und miteinander - ungemein kostbarer als eine zweite Gehaltsabrechnung.





“Also, beinahe wäre ich eben vorbeigelaufen. Ohne die Nummer hätte ich das Haus nicht wieder erkannt”, flüsterte Pfarrer Nicolas Kappe noch immer völlig überrascht.
“Ja, ging uns auch so”, bestätigte Joe, “aber einiges haben die beiden auch belassen, wirst du gleich sicher bei einem Rundgang sehen.”
“Und ihr seid extra aus Frankreich angereist, Joseph?”
“Nein, wir wohnen schon seit drei Wochen wieder hier. Ich liebe meine Heimat, aber das Klima hier auf der Insel ist einfach einmalig. Der eigentliche Grund ist aber ein neuer Job. Leider war unser altes Haus inzwischen vermietet, sind aber dennoch bestens untergekommen. Kannst uns gerne auch mal besuchen kommen!”





Nachdem Adam geendet hatte, nahm er seine Frau in die Arme und betrachtete ihr Gesicht einige Sekunden lang schweigend. Er liebte sie mit jeder Faser seines Körpers, wie auch sie ihn. „Ich danke dir von Herzen, dass ich hier sein darf“, sagte er leise.
„Es ist dein Zuhause – unser Zuhause. Das ohne dein Wirken niemals so schön geworden wäre. Und es ist auch nie ganz so schön, wenn du nicht da bist.“ Naike lächelte voller Zärtlichkeit.





“Ähem ... darf ich das junge Glück mal stören?”, unterbrach Adams Bruder das Liebesgeflüster. “Milo hat ziemlichen Kohldampf, wollen wir nicht mal langsam mit der großen Schlacht am Buffet beginnen?”
Adam nickte zustimmend. “Sean, gehst du Jessica bitte mal in der Küche zur Hand?!”
Auch Naikes Magen knurrte, aber sie verwies auf einen noch fehlenden Gast, als es aber auch schon an der Tür klingelte.





“Willkommen, kommt herein!”, sagte Adam ernst, aber freundlich und blickte in ein Paar furchtsamer Kinderaugen. “Frohe Weihnachten, Paul!”





“Frohe Weihnachten”, erwiderte dieser tonlos, schob seine Tochter Abilene durch die Tür, die jedoch blockierte, als verfüge sie über eine aktivierte Handbremse. “Willst du denn nicht herein kommen und einen Schluck mit uns trinken?”, fragte Naike herzlich.
”Du weißt doch, ich hab’ Dienst, die warten ungern”, lehnte Paul dankend ab und war insgeheim sehr froh darüber. “Ich wünsch’ euch was! Hole Abe morgen recht früh ab, so gegen Zehn, wenn’s recht ist?! Wir fahren zu meinen Eltern und ich möchte nicht stundenlang im Stau stehen.”





“Also, tschüss, mein Schatz!” Abilene warf sich an ihres Vaters Hals und umklammerte ihn unschlüssig. Doch als sie Sean rufen hörte, ließ sie ihn gehen.

*





Nachdem alle Anwesenden sie freudig begrüßt hatten, wurde sich auf die zahlreichen Köstlichkeiten gestürzt, die Naike und Jessica mit großem Eifer den ganzen Tag über zubereitet hatten. Während Josephs Lebensgefährtin Eva-Maria deftige Köstlichkeiten wie gewohnt unbeachtet ließ und dem im Winter oft recht geschmacklosen Salat fröhnte, starrte Sean mit dem Mund voller Speichel auf den riesigen Truthahn, der zuvor kaum in den Ofen gepasst hatte.
”Nat, lach’ nicht, mach’ dich nützlich und schneid’den Vogel an!”, tönte Jessica und schüttelte den Kopf über die Seelenruhe ihres Mitbewohners. Wollte sie doch schließlich, dass sich alle Gäste wie zuhause fühlten.





“Guten Appetit, Nat!”, rief Joseph dem jungen Studenten ein paar Minuten später zu, als sich dieser seinen Weg an ihm vorbei bahnte, um sich ein ungestörtes Plätzchen zu suchen, und fragte sich für einen Moment, welche Rolle dieser wohl im Hause seines älteren Bruders spielte?
“Wie heißen Sie eigentlich mit Nachnamen?”
“Tallis”, murmelte Nathaniel tollkühn, wußte aber genau, daß die Chance, daß sein Halbbruder ihn hörte, äußerst gering waren. Und schon war er auch im Wohnzimmer verschwunden. Joe nahm sich kopfschüttelnd einige Käsepicker und garnierte Eierhälften.





“Doch keine Wurst - frisches Obst braucht der Junge”, zensierte Adam Naikes Serviervorhaben.
“Aber die Brote sind doch so lustig geworden, außerdem ist Ei und Paprika drauf. Obst allein macht doch gar nicht satt.”
“Na, da haste auch wieder Recht. Den Rest ißt du aber, unsere Kleine soll ja nicht darben”, scherzte Adam. Naike lachte und biß sogleich einem der Wurstgesichter ein Auge aus.
“Aua aua, wehtan”, kommentierte Milo brabbelnd und jetzt lachte auch Adam laut. Dann schoben sie gemeinsam Seans altes Kinderstühlchen, das bald wieder im Einsatz sein würde, mitsamt schmatzendem Inhalt zu Milos Eltern hinüber.





Während alle kräftig schaufelten, war Nicolas sehr weihnachtlich zumute und er beschloss, später noch bei seinem Zwillingsbruder Albert und seiner Familie vorbeizuschauen, obwohl sie sich vor kurzem gestritten und seitdem nicht mehr miteinander gesprochen hatten.





“Paß auf, Nic, gleich liegt der Pudding auf dem Teppich! Also, du bist mir ein Heiliger ...”, mahnte Jessica den halb entrückten Kirchenmann entrüstet.
“Heilig bin ich bei weitem nicht”, grinste Nic bis über beide Ohren, “wirst du gleich sehen! Erinnerst du dich noch an meine heiße Sohle damals? Inzwischen kann ich sogar rappen! Das haben mir ein paar Straßenkids beigebracht. Jugendarbeit, weißt du?!”
Joe schwante nichts Gutes, denn auch er hatte damals in der Simlane 10 gewohnt, als Nicolas eine Weile bei Naike und Jessica untergebracht worden war, um sie vor einem Gewalttäter zu schützen, der einst alle Frauen der Insel und Umgebung bedroht hatte, und erinnerte sich noch lebendig an des Herrn Pfarrers “Künste”.





Doch Jessica war begeistert und schwang sich gleich ans Klavier, denn auch sie konnte ein klein wenig spielen. Nicolas verschwand für einen Moment und tauchte dann in einem komischen Mantel wieder auf, den er offenbar für cool und würdig hielt, ihn bei seiner Darbietung zu kleiden. Zumindest überdeckte er seine für diesen Zweck unpassende Amtstracht.





Nicht nur Adam runzelte die Stirn, als er loslegte, denn das paßte nun wirklich überhaupt nicht zur weihnachtlichen Stimmung, die zuvor fast alle empfunden hatten.
So nahm er sich ein Herz und gebot ihm höflich dankend Einhalt und schob als Grund die Ungeduld der Kinder vor, was in Anbetracht der geplanten Bescherung ja auch der Wahrheit entsprach. Nicolas lenkte sofort ein und freute sich auf die strahlenden Gesichter.





Sean, Abi und Milo jubelten, als es endlich losging. Zuerst erzählte Naike eine kurze Version der Weihnachtsgeschichte, was Nicolas lobend zur Kenntnis nahm. Dann wurden die ersten Pakete ausgeteilt, deren Verpackungen Milo Richard laut juchzend in tausend Stücke zerfetzte, egal ob das Paket für ihn oder ein anderes Familienmitglied gedacht war.





Abilene wahrte zwar noch immer einen gewissen Sicherheitsabstand zu Adam, vor dem sie sich fürchtete, wagte aber im Kreise der anderen tatsächlich plötzlich, ihn zu provozieren.
“Laßt mich mal raten, was in dem Paket mit der blauen Schleife ist. Sean steht drauf, aha! Vielleicht ein paar neue Ballettschuhe?” Ihre Augen blitzten.





Naike zog hörbar die Luft ein. Sean starrte entsetzt in das deutlich irritierte Gesicht seines Vaters ...





... doch dieser schwieg und hatte nur wenige Sekunden später seine typisch undurchdringliche Miene wieder aufgesetzt. Nicolas unterbrach die Stille mit dem albernen Vorschlag, alle gemeinsam zwischendurch noch einmal einen Rapsong zu singen, was aber auf allgemeine Ablehnung stieß, man wollte schließlich wissen, was sich in den weiteren Geschenken verbarg. Und das waren eine ganze Menge wunderbarer Dinge. Bald schon dachte keiner mehr an den unangenehmen Zwischenfall.

*





„Jessi, du siehst toll aus, hast dich kaum verändert in der ganzen Zeit!“
Eine zarte Röte schlich sich über ihr Gesicht. „Hach, Joe, du bist und bleibst der alte Charmeur, der du schon immer warst.“
„Aber nein, ich meinte das wirklich ehrlich. Ist ja auch kein Wunder, wenn du wieder verliebt bist. Es ist nicht zu übersehen.“





“Verliebt? Ich? Wie kommst du denn darauf?”, fragte Jessica überrascht.
“Ich sag’ mal nur Paul ... Paul Heinzelmann”, zwinkerte Joe ihr verschwörerisch zu.
“Ach, der Paul. Ja, das ist ein sehr charmanter Mann. Aber viel zu alt für mich, du kennst mich doch? Wie in aller Welt ist bloß dieses Gerücht aufgekommen?”
“Wie heißt es doch so schön: Sag niemals nie!”, feixte Joe weiter und ging nicht weiter auf ihre Frage ein. Stattdessen prostete er ihr zu, wobei er noch mehrmals neckisch zwinkerte.





Im Laufe des Abends – und etlichen Gläschen edler Tropfen – stieg die Stimmung immer weiter an und wurde zwischendurch nur einmal kurz getrübt, als Milo Richard nicht aufzufinden war. Aufgeregt suchten alle das Haus und später auch Vorgarten und Strandbereich ab, aber er blieb eine ganze Weile verschollen, bis Naike ihn endlich auf seinem neuen Plastikauto unter dem Flügel vorfand. “Happe paakt”, lautete seine schlichte Erklärung, als er in das erregte Gesicht seiner Tante sah, das plötzlich vor ihm auftauchte.
“Aber hier ist doch Parkverbot”, lachte Naike und angelte ihn erleichtert hervor. Nachdem Eva-Maria ihr Söhnchen aufgelöst minutenlang geherzt hatte, brachten sie ihn ins Kinderzimmer, welches eigentlich auf Anordnung seines Besitzers Sean eigentlich nur noch Jugendzimmer genannt werden durfte – wo er mit den anderen spielen konnte und sicher war.





Doch am meisten interessierte ihn der kuschelige Shakespeare, der sich die Liebkosungen des kleinen Burschen gerne gefallen ließ.
“Abi, ich freue mich sehr, dass du heute Abend gekommen bist”, sagte Naike in diesem gerade günstigen Augenblick und vermied es vernünftigerweise, ihre Tochter für deren kleine Provokation zu schelten, die sie bei der Bescherung geäußert hatte. “Du weißt, du bist jederzeit bei uns allen mehr als willkommen!”





“Ich bin gerne hier, Maman ...” Naike hob erstaunt die Augenbrauen. Hatte Abi wirklich “Maman” gesagt? “Aber ich hasse deinen Mann, tut mir leid” , sagte ihre Tochter völlig frei heraus, aber sehr bitter klingend.
“Hör’ zu, Abi, ich verstehe ...”, begann Naike sich ihr zu erklären, aber das Mädchen unterbrach sie. “Dein Bauch ist so dick irgendwie, bekommst du ein Baby?”
Sean ließ die Fernbedingung seines neuen Spielzeugflitzers sinken und starrte seine Mutter überrascht an, die bestätigend nickte. Abilene verzog keine Miene.

*





“Frohe Weihnachten, mein geliebtes Weib”, sagte Adam liebevoll, nachdem er Naike unter dem Mistelzweig abgefangen und geküsst hatte. “Was macht mein kleines Geschenk gerade, hm?!” Er streichelte er ihr vorsichtig über den Bauch, der bereits sichtbar gerundet war.
“Eben noch Party, aber jetzt scheint sie zu etwas Ruhigerem übergegangen zu sein. Ein Glück, sonst schläft es sich gleich nicht so gut.”





“Na, wer wird denn hier schon ans Schlafen denken?”, entrüstete sich Adam gespielt, und Naike verdrehte die Augen. Dies allerdings nur ein bißchen gespielt, denn sie sehnte sich tatsächlich nach Ruhe, was nach einem ganzen Tag auf den Beinen für eine Schwangere ja nun durchaus verständlich war. Zumindest für Nicht-Adams. ;o)

*





„Sag mal, du trinkst doch nicht wirklich Glühwein in deinem Zustand, oder?!
„Ach … sieh an, hat es sich schon herum gesprochen?“
Joseph nickte bestätigend. „Allerdings ist es für aufmerksame Männer wie mich auch nicht übersehbar.“ Seine Stimme klang weich und freundlich. Voller Zuneigung.
Hinter ihnen stellte Jessica das Tellerklappern ein und spülte nun bedeutend vorsichtiger, um ein bisschen mithören zu können, was die beiden so zu bereden hatten. Niemand achtete auf sie.





“Nein, keine Sorge, der ist für Jessi. Aber wir sollten gut aufpassen, dass das für heute ihr letzter ist, sie hatte tagsüber bestimmt schon zwei oder drei Eierlikörchen. Weißt ja, wie sie ist, wenn Aufregung im Haus ...”, flüsterte Naike unhörbar für ihre Freundin.
“Ist das etwa noch immer nicht verheilt?”, unterbrach Joe sie plötzlich, hatte sie an der Schulter gepackt und betrachtete eingehend ihren Hals.
“Was?”





“Ach so, du meinst die kleine Sache da am Hals?”
“Kleine Sache? Was ist das – der Biss eines Untoten??”, bohrte Joe irritiert nach. “Bah!!”
Naike grinste. Ihr Schwager grinste nicht zurück, sondern kratzte sich nur wundernd sein haariges Kinn und betrachtete dabei noch eingehender die interessant aussehende Wunde.
“Mach’ dir keine Sorgen. Seit Ads letztem Ausraster wurden auf Anraten von Chief Göttlicher, du wirst den alten Herrn sicher kennen, in mehrere Lichtschalter Notfallknöpfe eingebaut. Da hinten unter dem Telefon zum Beispiel. Sollte es also brenzlig werden, kann jeder von uns den nächstliegenden dieser Dinger betätigen und die Inselstreife steht in Nullkommanichts hier vor der Tür. Ehrlich gesagt, ich finde das einen großen Blödsinn, Ad ist seit dem Vorfall völlig zahm und geht brav zu jeder Therapiestunde.”

So ganz stimmte dies nicht, denn es hatte zwei Wochen nach seiner Attacke noch einen kleinen Streit gegeben, als Naike auf Adams Regal zufällig ein Buch mit dem Titel “Mein Sohn ist schwul, wie kann ich das ändern?” gefunden und ihn ungehalten darauf angesprochen hatte. Doch es war dem Paar gelungen, seine Unstimmigkeiten zumindest für den damaligen Moment halbwegs vernünftig beizulegen, niemand war zu Schaden gekommen.
“Joe?”
Joseph wirkte, als hätte er gar nicht zugehört.





Naike vernahm seinen weinschwangeren Atem, der sich ihren Hals entlang zu ihrer Nase ausbreitete, ihr jedoch nicht unangenehm war. Und dann roch sie auch seinen eigenen Duft, der schon immer eine gewisse Ähnlichkeit mit Adams gehabt hatte, aber dennoch ein ganz eigener war.
“Dreh’ dich jetzt nicht um, hinter uns steht dein “Meistervampir” und wacht über dich mit Argusaugen”, hauchte Joseph verwegen in ihr Ohr. “Mal sehen, ob wir den Notfallknopf jetzt nicht doch mal brauchen ...”





Tollkühn küßte er Naike innig. Jessica, die sich umgesehen hatte, um sich zu vergewissern, warum das Gespräch plötzlich abgebrochen war, fiel vor Schreck die Spülbürste aus der Hand.





Zum Glück war sie abgesehen von Adam als Einzige Zeugin des Vorfalls geworden. Beinahe vergaß sie zu atmen, als Adam nun derart flink heranwieselte, als würde er gleiten statt laufen. Seine zusammengezogenen Augenbrauen lagen, wie immer in für ihn stressreichen Situationen, tief über den dunklen Augen, so dass sie sie halb verdeckten. In Naikes Speiseröhre bahnte sich ein Gemisch aus Truthahn und Wackelpudding seinen Weg zurück ans Tageslicht.
“Ich hoffe auf eine sehr gute Erklärung, Bruderherz!”, sagte Adam kalt, fühlte sich jedoch fiebrig. An seinem rechten Auge zitterte das Unterlid.
“Aaaach, ganz locker bleiben, Hulk”, erwiderte Joe cool, “ich wollte nur mal testen, ob der Notfallknopf funktioniert. Früher hast du dich jedenfalls nicht so angestellt, wenn wir uns mal ein Mädchen teilten!”





“Wie bitte?” Naike sah Adam verdattert an. Er schien für einen Moment nachzudenken, dann entspannten sich seine verzogenen Augenbrauen auseinander. Joseph verzog seinen zuvor leicht verspannten Mund zu einem entwaffnenden Lächeln.
“Aber sie ist schwanger”, bemerkte Adam dann.
“Ja, und?!” Joe grinste sehr breit.





Naike wusste nicht, wie ihr geschah, als sich ihr die beiden Tallis-Brüder nun in trauter Eintracht zuwandten und eine Art Mauer bildeten, die ihr nur wenig Raum zum Tresen ließ. Sie wich einen Schritt zurück und stieß mit dem Po gegen die Kante.
„Los, küss’ ihn noch mal!“, forderte Adam im Befehlston.
„Ad, lass sie“, lachte Joe angeheitert, „war doch nur Spaß!“ Er griff seinen Bruder am Arm, um ihn zurückzuziehen, doch dieser schüttelte ihn ab und drückte ihn an seine Frau. „Mach schon!“





Naike sah auf Josephs Schulter einen Affen sitzen, der keck kicherte und sein kleines freches Mäulchen zu einem Küsschen spitzte. Für einen kurzen Moment wankte sie zwischen Verweigerung und Begierde. Doch dann ging alles auf einmal sehr schnell. Adam schubste sie in Joes Arme, ihre Münder fanden sich wie selbstverständlich und gaben sich einander verlangend hin.
Äußerlich völlig ruhig betrachtete Adam die Szenerie, doch innerlich sprühte es Funken in alle Richtungen. Sein Blut zog sich aus dem Hirn zurück und wallte in eine andere Region seines Körpers, in der es jetzt dringender gebraucht wurde.
“Genug jetzt!”, rief er und die tief ineinander verschlungenen Zungen der Küssenden trennten sich augenblicklich.





“Joe, du kannst das nicht richtig”, urteilte Adam hart. “Direkter Vergleich gefällig, chérie?”
Naikes Herz pochte aufgebracht in ihrer Brust. Adam näherte sich ihr, seine Lippen sinnlich prall und leicht geöffnet. Sie wandte sich für einen Moment von beiden Männern ab, nahm einen kleinen Schluck Glühwein ...





... und ließ den heißen, roten Rebsaft anschließend in den Mund ihres Mannes fließen.
Sie umklammerte gierig seinen Leib und Adams Blick wanderte zu seinem Bruder, der sich sichtbar prächtig amüsierte.
Das hier will sie”, erklärte er in überlegenem Tonfall und schlug plötzlich seine Zähne in ihren Hals.





“Bist du bekloppt???”, rief Joseph erschrocken, beruhigte sich aber schnell wieder, als er sah, dass Naike lachte.





“Schhhh ... leise!” Adam hob sie behutsam zurück in die Aufrechte. Jessica stützte sich bleich am Spülbecken ab, als das Telefon klingelte. Erleichtert, die Situation mit guten Grund verlassen zu können, stürzte sie schnellen Schrittes zum Apparat.
“Bring’ deine Leute nach Hause und komm’ noch mal wieder, ok?!”, raunzte Adam seinem Bruder zu, doch Naike intervenierte. Auf dem Weg ins Wohnzimmer sah sie sich verstohlen um, aber Nathaniel und Eva-Maria saßen gemütlich mit Nicolas vor dem Kamin und hingen an seinen Lippen. Gottlob der fesselnden Geschichten, die er doch immer zu erzählen vermochte!





“Hallo? – Hallo?? Wer ist denn da?” Völlig verstört lauschte Jessica dem unruhigen Atem, der durch die Hörmuschel an ihr Ohr drang. Dann wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt. Das war zuviel für sie. Jessica ließ Glühwein und Eierlikör stehen und trank stattdessen zwei übervolle Pinnchen Wodka. Danach ging sie wieder zur Tagesordnung über und gesellte sich zu Nicolas und seinen Zuhörern, bekam jedoch in Gedanken versunken von seinen Worten nur wenig mit.

*





Abilene zuckte zusammen, als sie plötzlich Adams tiefe Tiefe hinter ihr hörte und drehte sich abrupt um.
“Es wird langsam Zeit für die Heia, Kinder, wir haben elf Uhr und die Gäste möchten gehen. Zieht ihr bitte Milo an?!”
“Können wir bitte noch ein bißchen raus vorm Schlafen?”, bettelte Sean, der Schnee ist sooo schön, und wir sind sowieso noch nicht so müde.”
Adam nickte zustimmend. Abi war froh, als er sich wieder entfernt hatte.





Jessica beobachtete befremdlich, wie herzlich sich Adam von Eva-Maria verabschiedete, vergaß aber weiter darüber nachzudenken, als Nicolas sie zum Abschied herzte und sie für das überaus gelungene Buffet lobte, von dem nur noch ein wenig Salat und einige Käsepicker übrig geblieben waren.





“Na, dann schlaft mal gut, Graf und Gräfin von und zu Schlotterstein”, witzelte Joseph. “Halt die Klappe”, zischte Adam, doch da ertönte plötzlich ein donnernder Pups und Milo Richard kuschelt sich erleichtert an seines Vaters Brust. Alle lachten.





Jessica verriet Eva-Maria schnell noch ihr Rezept für die völlig fett- und kohlehydratfreie Salatsoße, die der jungen Frau so gut geschmeckt hatte, und Nathaniel lauschte unbemerkt seinen Brüdern, die irgendein Geheimnis zu haben schienen.
“Überleg’s dir noch mal, hm?!”
“Lass gut sein, Ad, sie ist schwanger”, flüsterte Joe noch einmal mit Nachdruck in seines Bruders Ohr. “Aber du könntest zu uns ...”
Adam schüttelte den Kopf und zog Naike an sich, die sich fragte, was zwischen den beiden nun schon wieder abging. Zwinkernd schnappte sich Joe Milos Wickeltasche und verließ dann fröhlich winkend mit den anderen das Haus.





“Sagt mal, habt ihr heute Pattex gefressen?”, fragte Nathaniel amüsiert. “Na, dann mal ab in die Koje mit euch, Jessi und ich übernehmen das Aufräumen und die Kids, ok?!”, schlug er vor. Adam und Naike nahmen das Angebot dankbar an und trollten sich ins Obergeschoss. Jessica war froh, als sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, begann verwaiste Teller zu sammeln und überlegte fieberhaft, wer bloß der Anrufer war, der wieder einmal seinen Namen nicht genannt hatte.

*





“Sean, Abi – kommt bitte jetzt rein, es ist fast Mitternacht!”
Die beiden Geschwister hatten noch begeistert einen Schneemann gebaut, waren aber jetzt doch langsam müde geworden und durchgefroren. Jessica kochte ihnen noch zwei kleine Tassen heißen Kakao und zog sich dann in ihr Zimmer zurück.





“Freust du dich auf das Baby?”, fragte Abi ihren Stiefbruder, als sie sich vor dem Schlafen noch ein Weilchen unterhielten und er plötzlich etwas bedrückt wirkte.
“Ja, auf jeden Fall”, antwortete Sean wahrheitsgemäßig, auch wenn er noch ein wenig unsicher war, wie es wohl werden würde, mit einem so kleinen Kind im Haus. Aber das Spielen mit Milo hatte ihm an diesem Abend viel Spaß gemacht.
“Aber du siehst nicht so froh aus.”





“Du, ich fand das nicht so klasse mit deiner blöden Bemerkung da heute, das hätte echt den ganzen Abend schmeißen können, du weißt doch wie Papa ist.”
“Tut mir leid, ich konnte einfach nicht anders. Es ist so unfair von ihm. Würdest du ihm sein Zimmer leer räumen und bestimmen, dass er sich nun ab sofort nicht mehr mit seinen liebsten Dingen beschäftigen darf?!”
“Weiß ich doch, dass das bescheuert ist, aber Maman hat gesagt, dass es nichts bringt, wenn man mit dem Kopf vor die Wand läuft, wir müssen ihn nach und nach weichkochen.”





“Das klingt gut”, lachte Abi und sah mit Genugtuung vor ihrem inneren Auge, wie Adam in einem Kannibalendorf in einem riesigen schwarzen Kochtopf auf einem Feuerchen saß und seine Haut bereits hummerfarben leuchtete.
“Und wie regelt ihr das in der Zwischenzeit? Du verlierst doch viel zu viel Zeit!”
“Nee, Maman is tricky, ich bin nach wie vor fast regelmäßig beim Training. Und für hier habe ich eine Stange bekommen, die man einfach aufbauen kann, auch wenn es schon ziemlich mühselig ist jedes Mal.”
“Stell’ die doch einfach bei uns drüben auf”, schlug Abilene vor.
“Meinst du, Paul erlaubt das?”
”Klaro, warum nicht? Ich frag’s ihn morgen, ok?!
Sean strahlte. “Abi, du bist die beste Schwester der ganzen Welt! Ich glaube, nicht, dass meine neue auch nur annähernd an dich rankommen wird.”





Die Geschwister umarmten sich herzlich, und Sean wollte das Licht löschen, als erneut an diesem Abend das Telefon klingelte. Anhaltend. Offenbar schien es niemand anderer zu hören.
„Ich hau mich schon mal hin“, gähnte Abi, als Sean sein Zimmer verließ, um dem blöden Klingler seine Meinung zu sagen.





“Haben Sie mal auf die Uhr geguckt?!” rief er entrüstet in den Hörer, ohne erst einmal nachzuhorchen, wer da überhaupt in der Leitung war. “Entschuldigung”, sagte schüchtern eine männliche Stimme, “ich würde gerne Jessica Jung sprechen, hab leider ihre Handynummer nicht.”





“Moment”, antwortete Sean barsch und wieselte ins Zimmer seiner Omi. Sie war noch wach und spielte Mahjongg.
“Telefon für Sie, Frau Jung”, verkündete er gestelzt und runzelte dabei die Stirn. “Sagen Sie dem Herrn bitte, er möge nun nicht mehr stören, ich brauche meinen Schönheitsschlaf.”
Jessica erstarrte zunächst und sah ihn mit großen Augen an, dann schob ihren Enkelsohn mit wild klopfendem Herzen vor sich aus dem Zimmer.





“Hallo?”, flüsterte sie zaghaft in den Hörer. Wieder das Atmen. “Bitte nehmen Sie sich doch ein Herz und melden sich!”, bat Jessica und ließ ihren gesamten Frust in ihre Worte fließen. “Frohe Weihnachten”, sagte Armin leise.



Kapitel 51 - Wider des Drachen Natur
Kapitel 53 - Verfrühte Frühlingsgefühle