Kapitel 51 - Wider des Drachen Natur



“Schsch..., sag jetzt nichts”, flüsterte die Blondine, während sie zwei Finger ihrer linken Hand auf Adams Lippen legte und ihn anschließend zuerst zart, dann verlangend küsste.









Zentimeter für Zentimeter verrutschte ihre Perücke, bis sie schließlich unbeachtet zu Boden fiel.





“War das eigentlich jetzt ein Test?”, fragte Adam mit bedrückter Stimme.
“Aber nein, kein Test. Ich will nur, dass du dich niemals mit mir langweilst.”
Er lächelte erleichtert und sog den vertrauten Duft der schwarzen Haare seiner Frau ein, als sie sich liebten.

*





“Das war eine schöne Idee”, lächelte Adam ein paar Stunden später glücklich, als sie sich an der Bar erfrischten, “aber ich hab’ mich echt tierisch erschrocken.”
“Sicher nicht ohne Grund”, bemerkte Naike süffisant und Adam räusperte sich.
“Du, ich möchte noch nicht nach Hause, laß uns noch irgendwo etwas essen gehen, ja?!”





„Och, nööö“, entfuhr es dem Taxifahrer, als er das Pärchen sah, zu dessen Beförderung er gerufen worden war. Er kannte die beiden bereits, bis sie einstiegen vergingen stets viele endlose, unbezahlte Minuten. Frech grinsend stellte er das schon mal Taxameter an und freute sich verschmitzt über das gut entlohnte Päuschen, das er nun abhalten durfte. Manchmal war Hupen eben nicht die beste Lösung.

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“Na, ihr zwei, dann laßt es euch mal gut schmecken!”, flötete Jessica freundlich, als sie Sean und seinem Damenbesuch zwei dicke Portionen Eisbombe servierte. Elvira Kappe lehnte aufgrund der Fastenzeit, die die Modernen Jesus-Nachfolger gerade abhielten, ab und schob ihren Teller entschuldigend lächelnd beiseite. Zu gerne hätte sie die kalte Köstlichkeit genossen, aber Gebot war nun einmal Gebot, und die meisten Mitglieder der Pfarrersfamilie hielten sich daran.





Aus Höflichkeit aß Sean auch nur wenige Löffel, die er sich beim besten Willen nicht verkneifen konnte, und sah seiner Auserwählten anschließend tief in die Augen.





Zu lange sollte man dies nicht machen, hatte er seinen Vater genauestens beobachtet, sonst wurden die Frauen nervös. Sondern nur gerade so lang, dass sie eine gewisse Befangenheit spürten, die einem Date erst die Würze gab. Und so palaverte er nun über diverse Taten, die ihn in günstiges Licht rückten ...





... lauschte aber auch Elviras Erzählungen diverser Schulereignisse und zähneknirschend auch den ermüdenden Berichten über ihres Vaters Sonntagspredigten. Aber diesen Preis war er für den ersten Kuß gerne bereit zu zahlen.





Als das gleichaltrige Mädchen ihn bat, ihr einige Tanzschritte zu zeigen, wurde er sofort wieder hellwach und ließ sich diese Gelegenheit, auf Tuchfühlung zu gehen, natürlich nicht entgehen.





“Und jetzt dreh’ dich einfach. – Ja, genau so. Hey, du hast Talent!” Elvira errötete.





Genau wie der Papa immer die Mama zog Sean nun auch Elvira näher zu sich heran und aktivierte erneut den berühmten Tallis-Blick. Elvira schaute verlegen zu Seite, kicherte dabei albern und wollte dann unbedingt Lass das Lama pennen spielen.





Auch diesen Wunsch erfüllte er der kleinen blonden Schönheit, obwohl er dem heiß begehrten Kuss zunehmend entgegen fieberte. Aber dennoch machte ihm das Spiel Spaß, da er sich geschickt anstellte und auf diese Weise noch weiter bei ihr punkten konnte.





“Komm, setz’ dich zu mir!” Elvira zögerte. “Du, es ist schon spät, ich muß jetzt heim.”





Als er hörte, dass sich seine Chance zu verflüchtigen drohte, war er mit einem Satz vom Bett gesprungen und schoss jegliche Taktik in den Wind.
„Aber warum denn jetzt schon? Ruf doch deine Mutter an, ob du noch bleiben darfst, meine bringt dich sicher nachher mit dem Auto.“





“Jessi ... hiergeblieben”, befahl Naike drohend, grinste aber dabei.
“So lange sind die jetzt schon da drin”, nörgelte Jessica, “und man hört nicht einen Ton, das gefällt mir ganz und gar nicht.” Sie schüttelte ungehalten den Kopf.
Naike verbiß sich gerade noch ein Auflachen. “Was glaubst du denn bitte, was die beiden machen? Jess, sie sind zwölf, in dem Alter habe ich an nichts anderes gedacht als an Lass das Lama pennen.” Was glatt gelogen war.
“Klein oder groß, er ist ein Tallis”, gab die Seniorin mit ernster Miene zu bedenken.





“Och, komm ... nur noch ein paar Minuten”, bettelte Sean, wartete eine Antwort aber erst gar nicht ab, sondern vergaß allen Anstand, griff nach Elviras Po und zog sie mit einem derben Ruck zu sich heran ...





... was das Mädchen instinktiv dazu veranlaßte, ihn umgehend ebenso derb von sich zu stoßen und fluchtartig das Zimmer zu verlassen.





Jessicas und Naikes Diskussion über Sean und sein vermeintliches Potential verstummte, als die Tür aufflog und Elvira Kappe plötzlich ohne ein Wort des Abschieds an ihnen vorbeiflitzte und sich nach draußen rettete.





Ein aufgebrachtes Knurrgeräusch drang aus dem Kinderzimmer und nur Sekunden später knirschte die Zarge, da Sean seine Tür deftig zugeschlagen hatte.
“Na, ich sach’s ja”, murmelte Jessica trotz Beunruhigung selbstzufrieden, “mit dem Bürschlein werden wir noch viel Spaß kriegen.”
Naike seufzte und ging nicht weiter auf die ungelegten Eier ihrer Freundin ein.

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Noch immer war es für den späten Herbst außergewöhnlich warm und sonnig. Adam hatte zeitig die Uni verlassen und auf dem Heimweg kurzerhand sein Auto stehenlassen, um den Weg vom Hafen bis zur Simlane ausnahmsweise zu Fuß zu gehen. Als er am Haus von Ramon und Julia vorbei kam, sah er zuerst Nathaniel ...





... und zu seinem großen Entsetzen tauchte im gleichen Moment auch Ramon wie aus dem Nichts auf und steuerte ebenfalls auf die Eingangstür seines Hauses zu.





„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte Adam zischend, während ihm der Schweiß ausbrach.





Ohne zu zögern und ohne jeden Plan rannte er auf den jungen Mann zu …





... begrüßte ihn überschwänglich und stellte sich ihm so in den Weg.
“Ramon, das ist ja wunderbar, dassß ich dich mal treffe, wir haben uns so lange nicht gesehen. Wie geht es dir? Kommst du gut voran? Wirst du mein Julchen bald heiraten?”, plapperte Adam stürmisch drauf los und ließ Ramon keinerlei Zeit für Antworten, was diesen völlig irritierte, denn sonst war Julias Vater eher wortkarg gewesen.





“Hast du Lust auf ‘nen Kaffee? Wenn wir uns schon mal treffen, sollten wir die Gelegenheit nutzen, uns in Ruhe zu unterhalten”, redete Adam weiter auf seinen Schwiegersohn in spe ein. “Komm, wir gehen rüber zur Taverne!”
“Also, eigentlich ...”, setzte Ramon an, der an diesem Tag Frühschicht gehabt hatte und ziemlich müde war, aber Adam umfasste seine Schultern und zog ihn nachdrücklich aus dem Gefahrenbereich. So bald wie möglich würde er mit Julia ein ernstes Wörtchen reden müssen.

*





“Sean! – Hey, Sean, wart’ doch mal!!”, rief Adam, als er nach dem Kaffeetrinken mit Ramon endlich daheim eintraf. Sean überlegte kurz, sollte er stehen bleiben oder rennen? Er entschied sich, den Ruf seines Vaters nicht zu überhören, obwohl dies gegen seine Intuition sprach.





“Mann, du hast ja’n Tempo drauf, geht’s zum Fußball?”
“Ja, bin spät dran”, log Sean und versuchte sich dem Gespräch möglichst schnell zu entziehen.
“Warum nimmst du den Ball denn nicht mit, den ich dir geschenkt habe?”
“Ui, den hab’ ich ganz vergessen. Aber ist nicht schlimm, die haben da ja genug da.”





Adam wirkte zunächst leicht beleidigt, gab seinem Sohn dann aber Recht, dass das gute Echtlederstück viel zu schade sei, um es beim Training abzunutzen.
„Jetzt muss ich aber endlich, sonst legen die noch ohne mich los“, drängelte Sean und bereute diese Aussage schon im nächsten Moment, denn Adam bot sich plötzlich an, ihn zum Platz zu fahren und wollte zu allem Überfluss auch noch gleich beim Training zusehen.
Sean wiegelte ab, aber eine gute Ausrede wollte ihm partout nicht einfallen. Erneut zog sich Adams Stirn kraus und dieses Mal fühlte er sich wirklich beleidigt, denn welcher Sohn war denn nicht stolz, wenn ihn sein Vater zum Sport begleitete und kräftig anfeuerte?





“Also, bis nachher dann, Paps!” Sean schulterte mit kräftigem Schwung seine Sporttasche und dabei fiel ein Teil des Inhalts heraus in den Sand, denn er hatte nach dem Packen vergessen, den Reißverschluß zu schließen. Ein Handtuch, eine Haarbürste ... und ein Paar rosafarbene Ballettschläppchen.





Adam starrte zunächst unbewegt auf das unerwartete Potpourri, das sich vor seinen Augen arrangiert hatte. Fragend wandte sich sein Blick dann zu dem zutiefst erschrockenen Gesicht seines Sohnes, der sich starr an seine Tasche klammerte. Sean wußte, dass es keinen Sinn machte, seinem bestens logisch denkendem Vater weitere Märchen zu erzählen, und so entschied er sich für die Wahrheit.
“Ich wollte es dir schon längst sagen, aaa ... aber nie war der richtige Zeitpunkt dafür. Maman hat gesagt, daß du es wahrscheinlich scheiße findest und es mir dann verbietest, aber ich will tanzen!! Ich kann das super und es macht Spaß!”, stotterte er mit ängstlicher Tapferkeit.





In Adams Hirnwindungen rasten zwei seiner Affen umeinander. Seine Mimik spiegelte Fassungslosigkeit, als er die beiden am Ende der Grundstückmauer zu erspähen glaubte.





“Deine Brut ist schwul, Tallis!”, lästerte der erste Affe. “Stockschwul!”, wisperte der zweite, kicherte meckernd und streckte dabei neckisch seine kleine rosa Zunge heraus.
Adam schwindelte es. Er atmete einmal tief durch, um sich wieder zu sammeln, stopfte die Sachen wahllos zurück in Seans Tasche, presste sie ihm in den Arm und zog den Jungen dann am Kragen gepackt Richtung Haustür.





“Was zieht ihr denn für Gesichter? – Sean, warum bist du nicht längst auf dem Platz?”





“Auf dem Platz? Auf dem Platz??”, brüllte Adam los. “Du meinst wohl eher im Saal, häh?!!”
Naike zuckte zusammen, Sean begann zu weinen, schmiss die Tasche auf den Boden und rannte in sein Zimmer.
„Ihr habt mich die ganze Zeit über beschissen, beide zusammen! Ihr, meine Liebsten, denen ich vertraue!“, tobte Adam außer sich. „Wie lange geht das schon so, häh?!“





“Wundert dich das? Wundert dich das wirklich, Adam?!”, konterte Naike barsch. “Es war doch völlig klar, wie du darüber denken würdest. Die Freude vermasseln würdest du deinem Sohn, nur um wie immer deine eigenen Vorstellungen durchzusetzen!”





„Zumindest hätten wir darüber reden können!“
„Eben nicht, das ist doch das, was ich gerade meinte! Du hast immer das totale Brett vorm Kopf, wenn etwas gegen deine Wertvorstellungen geht, denk doch nur an Abi damals, als sie zu uns kam - Negerkind hast du sie genannt und ewig ignoriert! Und genauso wenig passt dir ein tanzender Junge, richtig?!!“
„Seeehr richtig, mein Sohn wird nicht zum Schwuli gemacht“, knurrte Adam böse und blähte seine Brust auf. Aus seinen Augen war jegliche Wärme gewichen, tiefschwarz funkelten sie Naike an, die empört mit den Armen ruderte.





Adam ließ sie stehen und stürmte ins Kinderzimmer. Sean heulte laut auf, als sein Vater genau das aussprach, vor dem er sich schon so lange fürchtete: das Verbot, je wieder einen Tanzsaal zu betreten.





“Das lasse ich nicht zu”, sagte Naike fest, “Sean trainiert bereits seit einem knappen Jahr und Madame Beretton hält ihn für so begabt, dass er sogar Berufschancen hat. Und die wirst du ihm nicht nehmen!”
“Wie bitte? Das Tanzen? Beruflich auch noch???”, fragte Adam entgeistert. Sein Gesicht näherte sich Naikes schwungvoll, so dass sich beinahe ihre Nasen berührten. Immer enger zogen sich seine Augenbrauen zusammen und senkten sich tief über die Augen. Naike wußte, was dies bedeutete, wich einen Meter zurück und stellte sich schützend vor ihren Sohn. Doch der Drache qualmte nur heftig, spie sein Feuer aber nicht aus, obwohl er für einen Moment den Impluls verspürte, augenblicklich die Ballettstange aus der Wand zu reißen.
“Ich warne euch, kein Ballett mehr!!”, befahl er noch einmal mit Nachdruck und verließ dann bebenden Schrittes den Raum. Naike sah ihm wütend, aber überrascht nach ...





Sean umklammerte seine Mutter und schluchzte.
“Alles wird gut, mein Schatz, wir werden ihn schon weich kriegen, ja?!”, versprach sie ihm und war auch wirklich davon überzeugt ...





... was sich noch festigte, als sie ihn einige Minuten später hinterm Haus vorfand. Er war zwar noch immer angespannt und schlug und trat mit gewaltigen Kräften auf den an der Hauswand montierten Boxsack ein, aber es war ihm immerhin gelungen, seinen Jähzorn unter Kontrolle zu halten und niemanden zu verletzen.

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“Ich versteh’ dich wirklich gut, aber Trübsal blasen bringt jetzt auch nicht weiter. Es wird schon wieder werden, ganz bestimmt!”





“Du kennst meinen Vater nicht, der ist Eisen, wenn er was nicht will”, seufzte Sean.
“Na, wie du halt”, lächelte Abilene.





“Ich bin gar nicht so”, widersprach Sean entrüstet, “es hätte nicht viel gefehlt und er hätte mir sogar eine gewischt. Bloß weil ich tanzen will!! Das ist doch nicht normal.”
“Tja, mit Paul wäre dir das nicht passiert!”, bemerkte seine Adoptivschwester trocken.
“Na, tolle Wurst! Als hätte ich mir das ausgesucht! Außerdem ist Ad sonst super, er ist schlau wie sonst was, stark und sieht mega-gut aus.”
Abilene gähnte. “Sean, sei mir nicht bös’, aber ich bin verabredet, wir reden später weiter, ok?!”
“Verabredet? Mit wem denn?”, wollte er enttäuscht wissen ...





... als sich seine Frage auch schon auf unangenehme Weise von selbst beantwortete.





“Was will der denn hier?”, erkundigte sich Elvira, und Abi wunderte sich über den unangenehmen Ton der Stimme ihrer sonst eher sanften Busenfreundin.
“Nunja, er ist zufällig mein Bruder”, sagte Abi, “gibt’s da etwas, das ich wissen sollte?”
“Er hat mich angegrapscht”, hielt das Kappe-Mädchen kein bißchen mit der Wahrheit hinterm Berg.





Abis eh schon große Augen weiteten sich und wanderten zu ihrem Bruder. Ungläubig starrte sie ihn mahnend an. “Das ist jetzt ein Witz, oder?!”
“Wieso ein Witz?”, unterbrach sie Elvira, “bin ja nun schließlich alles andere als häßlich.”
Sean, der zunächst sämtliche seiner Felle bei beiden Damen hatte davonschwimmen sehen, grinste ob dieser Bemerkung, denn nun wußte er, woran er bei Elvira war. Abi schaute schmunzelnd zu ihrer Freundin, die verschämt zur Seite blickte und auf ihrer Unterlippe kaute.





“Hi, ich bin’s, Naike.”





“Na, das sehe ich”, bemerkte Paul. “Willst du Sean abholen?”
“Ja, er sollte eigentlich zuhause bleiben, ist mir aber ausgebüxt”, antwortete Naike nervös und traute sich kaum, ihrem Ex-Verlobten in die Augen zu blicken.
“Komm herein und setz’ dich, ich hole ihn, er ist bei Abi.” Naike nickte zaghaft und setzte sich auf das Sofa im Wohnzimmer, als bestünden dessen Polster aus rohen Eiern.

*





“Die Kids müssen noch irgendetwas ausdiskutieren, er kommt gleich”, vermeldete Paul und nahm dann ebenso zurückhaltend, wie Naike zuvor, mit großem Abstand neben ihr Platz.













„Du, was ich …“, sagten sie beide nach langatmigem Schweigen gleichzeitig. „Du zuerst.“
„Nein, du ruhig“, lächelte Naike ein bisschen, als sie merkte, dass nichts Düsteres in Pauls Blick lag, vor dem sie sich so gefürchtet hatte. Doch da erschien Sean …





“Ich bleib’ lieber hier, drüben laufe ich Gefahr, zerfleischt zu werden”, verkündete er mit trotzigem Blick und Paul horchte auf. “Wieso das? Was war los?”, fragte er neugierig.





Der Junge erzählte, was sich ereignet hatte und sparte dabei nicht an Frustäußerungen. Paul suchte in Gedanken nach der besten Antwort, er spürte die Ratlosigkeit von Mutter und Kind. Adam schlecht zu machen würde nichts zu einer Lösung beitragen, aber helfen konnte er ihnen so direkt auch nicht wirklich.





“Du mußt jetzt mit deiner Mutter nach Hause gehen”, sagte er dann, “das letzte Worte ist ganz bestimmt noch nicht gesprochen, und ich glaube auch nicht, dass du wirklich Schlimmes zu befürchten hast.”
Sean zuckte betrübt mit den Schultern, während Naike sich erhob und froh war, der doch ein wenig beklemmenden Situation des ersten Wiedersehens nun entkommen zu können.





“Du meisterst das, Sohnemann, und wirst ein großer Tänzer und Mann von Welt, da bin ich mir ganz sicher”, tröstete ihn Paul und Naike wandte sich von beiden ab, denn so viel Gefühl war für sie in diesem Moment nur schwer zu ertragen, obwohl sie sich sehr darüber freute, dass die Geschehenisse Stiefvater und Stiefsohn ganz offensichtlich nicht entzweit hatten.





“Versuch’s erst gar nicht”, drohte Naike Sean, als dieser draußen deutliche Anzeichen machte, flüchten zu wollen. “Komm, mach’ dir keinen Kopf, Papa wird zwar sicher noch ein Weilchen bei seinen antiquierten Ansichten bleiben, aber er hat eben weder uns angelangt, noch einen Spiegel eingeschlagen, sondern sich am Boxsack abgeregt. Noch vor einigen Monaten wäre das nicht denkbar gewesen.”
“Stimmt es denn, dass er dir mal die Nase gebrochen hat, Maman?”, wollte Sean wissen.
Naike zögerte und kramte in ihren Erinnerungen. “Angebrochen, ja. Aber das ist jetzt zig Jahre her, damals wurde er bei jeder Kleinigkeit zum Hulk, nur nicht grün”, seufzte sie, grinste aber dabei über den diesen Vergleich. “Aber das ist längst vorbei, die Zeit hat ihn reifen lassen, er ist nun älter und verantwortungsbewußter geworden.”





Sie fand ihren Angetrauten beim Eintreffen nicht mehr hinter dem Haus, sondern in seinem Arbeitszimmer vor. Frisch geduscht und in tiefem, erschöpften Schlummer lag er auf der Couch. Lange betrachtete sie sein nun wieder entspanntes, schönes Gesicht und verliebte sich zum tausendsten Mal aufs Neue in ihn. In diesem Moment glaubte sie ernsthaft an seine positive Entwicklung und dass sie ihn endlich gezähmt hatte. Aber diese naive Annahme sollte sich schon bald als gefährlicher Trugschluss erweisen.

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Chatlog 23.10. 21:58
Naike Simlane: Hi du!
Naike Le Normand: Hi Nai!
Naike Simlane: Er flippt. Wegen Sean.
Naike Le Normand: War klar. *augenroll*
Naike Simlane: Muss das denn sein? Was soll ich jetzt machen?
Naike Le Normand: Abwarten. Kriegst deine Eingebungen doch sonst auch immer zur rechten Zeit, oder?





Naike Simlane: Manchmal allerdings wenig passende. *seufz*
Naike Le Normand: Die eine letztens war doch klasse!
Naike Simlane: Boolprop?
Naike Le Normand: Jo. *lach*
Naike Simlane: Sein Gesichtsausdruck war zu köstlich, aber ...
Naike Le Normand: Hm?
Naike Simlane:... mom, Telefon. afk
Naike Simlane: So, bin zurück.
(Naike Le Normand is offline.)





Immer wieder las Adam die Zeilen rauf und runter. In seinem Hirn ratterte es wie in einem alten Uhrwerk, das dringend einer frischen Wartung bedurfte. Aber wer sollte das tun, damit er endlich auf die zündende Idee kam, was das Ganze wohl zu bedeuten hatte?
Plötzlich kam ihm eine Erinnerung an seine Flitterwochen in den Sinn. Zweimal hatte er seine Frau gemalt, einmal direkt nach ihrer Ankunft auf der Hütte, dann einen Tag vor der Heimreise. Im Geiste sah er ihr Gesicht, wie sie mit ernster Miene das zweite Portrait betrachtete, anschließend an sich herunter schaute und nachdenklich über Haut und Haar strich. Dann hatte sie den Wunsch geäußert, abzureisen, und eine kleine Träne war ihr über die Wange gerollt.





Adam sprang auf, griff im Arbeitszimmer in die Schublade nach seinem Reisepass und lief die Treppe hinunter ...





... schnurstracks vorbei an Naike, Jessica und einer Besucherin, die er allesamt keines Blickes würdigte.
“Adam, warte!”, rief Naike hinter ihm her, “komm’ doch bitte mal, Madame Beretton ist extra vorbei gekommen, wir wollten mit dir über Sean ...”





„Ein anderes Mal, Liebes, ich muss weg. Wartet nicht mit dem Essen auf mich, ich bin erst morgen zurück. Es ist mir sehr wichtig. Okay?!“





“Aber wohin willst du denn jetzt noch so spät? Und dann auch noch über Nacht?” Naike sah ihn betrübt an.
“Na, eine Nacht ohne mich wirst du doch sicher mal aushalten, hm?!”, grinste ihr Mann kurz, aber dann wurde sein Blick wieder auffällig hart. Er nickte den beiden älteren Damen im Raum noch flüchtig zu und nahm dann seinen zuvor schnellen Schritt wieder auf.





Krachend fiel die Tür ins Schloss. Adam schwang sich auf den Fahrersitz des Jaguar, ließ den Motor laut aufheulen und bretterte, deutlich schneller als auf der Insel erlaubt, Richtung Flughafen.

*





Alles befand sich noch an gleicher Stelle wie damals, als das Ehepaar Le Normand–Tallis den Ort ihrer Flitterwochen verlassen hatte. Ein halbes Wunder eigentlich, dass abseits von Thionville niemand in ein solches Kleinod wie Adams Hütte einbrach.





Lange betrachtete er das von ihm selbst gemalte Bildnis seiner Frau, nahm es dann von der Wand und schlug es behutsam in eine grobe Decke ein.





Da zu dieser Zeit kein Rückflug verfügbar war, verbrachte Adam die Nacht auf dem Sofa. Der Fernseher spendierte dazu eine Billigproduktion, aber seine Gedanken drifteten eh bald in andere Sphären ...





... und vermischten sich mit dem laufenden Film, als er aufgewühlt und erschöpft einnickte.
Naike lag in seinen Armen und er küsste sie innig, als sich plötzlich ein Paar weiterer weiblicher Arme von hinten um seinen Körper schlangen. Er entzog seiner Frau die Lippen, wendete den Kopf um einhundertachtzig Grad und sah in ihre Augen. In ihre Augen? Sein Kopf schnellte augenblicklich zurück. Und da waren sie wieder - ihre Augen! Adam taumelte einen Meter zurück und blickte dann in die lachenden Gesichter zweier Naikes.

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“Die Punkte machen deinen Popo zwar ganz schön riesig, Maman, aber das Kleid ist durchaus sehr hübsch”, urteilte Sean mit Kennerblick, als er seine Mutter am nächsten Abend im Schlafzimmer vorfand, die sich gerade zum Ausgehen bereit machte.





“Danke”, lachte Naike, “ist ein Schnäppchen von H&M, das ich mir gegönnt habe. Ist zwar praktisch, dass Papa mir jetzt sämtliche Garderobe einkauft, aber ab und zu mach’ ich’s doch auch gerne mal selbst.”
“Das solltest du auch”, stimmte Nathaniel zu, der nach Sean gesucht hatte, “einen schlechten Geschmack hat dein Mann ja nun nicht, aber du bist doch keine Anziehpuppe!”
“Na, da isser halt ein bißchen eigen”, meinte Naike und zwinkerte.





“Wo ist Papa eigentlich und wo gehst du hin?”, wollte Sean wissen.
“Ich weiß leider nicht, wo er steckt.” Seine Mutter zuckte mit den Schultern. “Aber eigentlich wollte er heute zurück sein. Ich geh’ gleich mit Manu in New Moon, dann noch irgendwo etwas trinken.”
Naike und Sean lachten sich scheckig, als Nathaniel plötzlich auf das Stichwort New Moon den gefährlichen Vampir gab und sie heftig anknurrte, als leide er unter unstillbarem Riesendurst. Und das durchaus überzeugend.





“Kann ich heut’ bei Abi schlafen, bitte! Ich versprech’ auch hoch und heilig, dass wir Paul nicht nerven!”, bettelte Sean, was aber gar nicht nötig war, da seine Mutter die Idee sofort begrüßte.
”Klar, mach’ das ruhig, Schatz, morgen ist Samstag und Jessi ist noch mit Voodi unterwegs. Da ist es mir eh lieber, wenn du eine Aufsicht hast.”
Sean fand diesen Gedanken in Anbetracht seines vorgerückten Alters zwar sehr albern, aber da seinem Wunsch entsprochen wurde, sparte er sich ausnahmsweise jegliche Protestkundgebung und verließ mit Nat, der ihn noch kurz mit Sack und Pack zu den O’Mearas hinüber begleitete, um dann anschließend selbst zu einer Party zu fahren, das Haus.

*





“Bonsoir”, hörte Naike plötzlich die von ihr so sehr geliebte und vertraute dunkle Männerstimme hinter sich.
“Du bist wieder da? Ich hab dich so vermisst!!” Sie stürzte sich übermütig in Adams Arme, doch er erwiderte ihre freudige Begrüßung nur widerwillig.





“Ich hab’ dich auch vermisst. Oder soll ich besser sagen, euch?!”
Naike schaute ihn verwundert an. Blass und übernächtigt sah er aus, sein linkes Unterlid zuckte wiederholt.
“Ich war in Thionville und habe uns etwas mitgebracht, zu dem du mir sicher einiges sagen kannst.” Adam hielt ihr seinen Arm hin und geleitete sie hinüber in sein Arbeitszimmer.





“Wer ist das?”, fragte er dort angekommen in scharfem Ton.
“Bitte?”, lachte Naike ungläubig auf. “Du hast es doch selbst gemalt und kennst die Dame darauf in- und auswendig, wage ich mal zu behaupten.”
“Das dachte ich bisher auch”, konterte er trocken, und es gelang ihm, sich seine Erregung nicht anmerken zu lassen.





Naike gelang dies nicht, aber sie strebte es auch gar nicht erst an. “Geht das jetzt etwa schon wieder los?”, zischte sie. “Ich bin das! Ich und sonst keine! Punkt.”
“Ahhh, jaa”, brachte Adam gedehnt hervor und wirkte dabei erhaben wie ein alter Professor, der genau wußte, dass sein Student ihn zum Narren hielt.





“Ad, ich hab’ mich eben so sehr gefreut, als du reinkamst. Und jetzt muss ich mit dir hier über so einen Blödsinn diskutieren?? – Sorry, keine Chance, ich bin Manu zum Kino verabredet und jetzt weg.”





Heiß pulsierte das Blut durch Adams Schläfenader, die nun langsam anschwoll. “Nix da, du bleibst hier, bis die Sache geklärt ist! Ich habe berechtigte...”





“Den Teufel werde ich tun!”, widersprach sein Gegenüber ebenso hitzig und marschierte postwendend, ohne ihren Mann noch eines Blickes zu würdigen, zur Türe hinaus.
“Ach, dieser hübsche bunte Pixelhaufen - da flüchtet er ... hinterher, hinterher!!” feuerte ein kleiner hellbrauner Affe giggelnd hinter dem Sideboard hervor. Adam schluckte, seine Kehle brannte trocken.





Nachdem er ins Schlafzimmer eingetreten war, fiel sein Blick zuerst auf die Wand. Auch das dort hängende Bild hatte zwar viel Ähnlichkeit mit Naike, aber ebenso einige feine Unterschiede. Der Haaransatz war etwas anders, die Gesichtsform weniger eckig, die Nase irgendwie größer. Warum war ihm das vorher nie aufgefallen?
Naikes Gespür verzeichnete seismische Aktivität hinter ihr. „Zisch ab, Ad! Ich wünsch’ dir einen schönen Abend und empfehle dir „Die Truman-Show“ zur Unterhaltung, falls du dich weiterhin langweilst“, sagte sie sarkastisch, während sie ihre Anlage ausschaltete.





“Was ist das eigentlich für ein Fummel, den du da trägst?”
“Hab’ mir erlaubt mal selbst was zu kaufen, was dagegen?”
“Ist das nicht vielleicht von deiner komischen Freundin? – Hui, fühlt sich erstaunlich echt an”, spielte Adam den Überraschten, nachdem er ihr einmal fest in den Bauch gepiekt hatte.
“Aua!!”





“Hahaha, jetzt tut sie so, als ob es ihr weh täte!”, lachte Adam mit damenhaft verstellter Stimme. “Dabei gibt es uns doch gar nicht, es braucht nur jemand den Strom abzuschalten und schwupps – geht’s keinen Zentimeter mehr vorwärts. Hab ich Recht oder hab ich Recht? Na?”





Naike erstarrte. Der Mann mit dem seltsam irren Gesichtsausdruck ihr gegenüber war nicht mehr ihr liebster Adam. Zumindest in diesem Moment nicht. Noch ehe sie sich äußern konnte, hatte er sie gepackt und so fest geküsst, das es schon fast schmerzte. Und sie spürte, dass es kein Liebeskuss war, sondern eine Provokation.





“Na, was sagste jetzt? Nichts mehr, häh?! Ich kann machen was ich will ... ich kann machen was ich will!”, rief er laut aus. “Nichts ist echt. Ein Traum im Traum! Morgen früh wachen wir wieder auf und haben uns nie gestritten, wie bei den Sims sind die Balken wieder auf Grün!”, jubelte Adam überschwänglich, obwohl ihm eigentlich zum Heulen war und er die Kontrolle über sich selbst zunehmend verlor.





Doch Naike war diesmal selbst zu wütend, um das Richtige zu tun und ihn herunterzukühlen, wie sie es sonst stets erfolgreich tat, wenn bereits Gase aus seinen Ohren quollen und seine Augen wie Lava zu glühen begannen.
„Hör jetzt endlich auf mit diesem Affentheater!!“, blitzte sie ihn stattdessen an. „Und meine Freundin lasse ich auch nicht beleidigen. Sie ist nicht komisch, Manu ist eine ganz liebe….“
„Manu? Wer redet denn von Manu?“, sagte Adam jetzt wieder in seiner normalen Stimmlage, doch nicht minder gequält. „Ich meine Naike Le Normand, die vom Skype-Chat. Oder bist du etwa nicht die „Naike Simlane?“
Eine heiße Welle schwappte von unten nach oben durch Naikes Körper, um dann in ihren Wangen aufzuglühen. Ihre nun weit aufgerissenen Augen bestätigten Adams Vermutung. Es blieben ihr nur wenige Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen, was jetzt zu tun war.





Blitzschnell entriss sie sich seinem Blick und rauschte an ihm vorbei. Doch noch bevor sie die Klinke erreichte, hatte sich Adam vor die Tür geschmissen und versperrte ihr den Weg.
“Es ist eine verdammte Lüge, ein abgekartertes Spiel – und du bist die Einzige hier, die die Regeln kennt!!”, fauchte er noch bitter, dann brach seine gesammlte Wut hervor und er schlug zu.





Naike sah viele Sterne ohne einen Himmel tanzen und eine gewisse Dumpfheit breitete sich über ihr Bewußtsein aus. Doch ihre zuvor dem Verstand übermächtige Wut war dem Schock, denn sie gerade erlitten hatte, gewichen.
“Adam”, brachte sie mühsam hervor, “aber ... ich liebe dich doch!!”
“Mich? Ein Haufen bunter Pixel liebt einen Haufen bunter Pixel???” Seine Augen füllten sich mit Tränen der Verzweiflung. Da Naike sich ihm nicht offenbaren wollte, sah er nur noch einen Ausweg. Er dachte nicht darüber nach, sondern reagierte einfach nur. Er glaubte einfach nicht mehr an ein natürliches Ende des Seins, in virtuellen Welten wurde nicht gestorben, sondern gelöscht.





Er ließ sich von der Begierde, zu wissen, übermannen, stürzte sich auf sie, zerriss ihr Kleid und schlug in seinem Wahn weiter zu. Sie würde nicht sterben. Sich morgen nicht einmal mehr an alles erinnern. Ja, genau so würde es sein.





Plötzlich sah er das Blut, ihre Tränen. Und mit ihnen kamen die Zweifel. Naike sackte zusammen.





Adams Verstand schaltete sich schlagartig wieder ein, kraftlos und zitternd hob er sie zurück in den Stand. Sie weinte beinahe lautlos. Vorsichtig betastete er völlig irritiert ihr zerschundenes Gesicht. Hatte er sich geirrt? Bruchstückhafte Erinnerungen strömten in sein Gedächtnis. An die Kugel, die einst seinen Bauchdecke durchschlagen hatte. Wie er dann auf dem Boden lag und sich nicht rühren konnte. Die vielen Stunden im Krankenhaus. Doch die Gefühle dazu fehlten. Und auch die Narbe war nicht mehr da. Adam wußte nicht mehr was er noch glauben sollte. Ohne Gegenwehr ließ er sich von Naike zur Seite drängen, als sie aus dem Zimmer floh ...





… und draußen von der Dunkelheit verschluckt wurde.





Noch unverdauter Nahrungsbrei wanderte seine Speiseröhre hinauf, während sein Blick willenlos das Blut auf dem Teppich fixierte.





Dann gelang es ihm endlich, sich von dem furchtbaren Anblick zu lösen und seiner Frau zu folgen.

*





Die frische Nachtluft hatte Naike befähigt zu rennen, und das hatte sie ohne Unterlass getan, bis sie den Hafen der Insel erreichte.





Keuchend und völlig erschöpft ließ sie sich auf eine Bank niedersinken ...





... und lehnte ihren schmerzenden Kopf an die kühle Wand eines der Gebäude. Der Hafen war um diese Zeit menschenleer, aber sie wußte, dass noch eine Fähre an diesem Abend übersetzen würde. Instinktiv war ihr klar, dass Adam nach ihr suchte. Aber ebenso, dass er sie nicht finden würde. Telepathisch drangen seine Schreie nach ihr durch ihre Schläfen, was den Schmerz noch verstärkte. Sie war das Opfer, aber ebenso der Täter ... denn sie hatte ihn selbst geschaffen und trug nun das schwere Los der Verantwortung für sein und ihr eigenes Leid.





Adam durchquerte die gesamte Insel in einem Tempo, als hätte es ein Rudel hungriger Wölfe auf seinen Leib abgesehen. Naike war nirgends zu sehen.





Als seine Kräfte langsam nachließen, stolperte er über kleinste Unebenheiten, kurz vor dem Hafen fiel er dabei in den Schotter.
Nachdem er sich langsam wieder aufgerichtet hatte, humpelte zum kleinen Haus zu seiner Rechten, um auf dessen kleinen Mäuerchen einen Moment zu verschnaufen. Noch ehe er sich darauf niederließ, fiel sein Blick in die Räumlichkeiten, ein Geschäft für Babybedarf.





Sehnsüchtig betrachtete er das kleine Himmelbettchen, das viele Spielzeug und die kleinen Stofftierchen aus Frottee, die man Babys immer gerne gab, damit sie sie fühlen und daran lutschen konnten. Er wendete sich ab und dachte an den Moment, als er Sean das erste Mal in Armen gehalten hatte, wie winzig er gewesen war und wie er ihn mit seinem noch klitzekleinen Mund angelächelt hatte. Und er sah seine Frau mit einem zweiten Baby im Arm, wie sie ihn verließ.
In diesem Moment beschloß er, kein weiteres Kind in die Welt zu setzen, das wie er werden könnte – ein unberechenbarer Vulkan - Fruchtbarkeit, aber auch Verderben bringend.





Die letzte Station, wo er noch suchen konnte, war der Hafen. Die letzte Fähre hatte gerade abgelegt und die einzige Frau, die sich noch am Pier befand, hatte nichts von einer verletzten Frau gesehen, da sie gerade erst aus dem kleinen Lokal, in dem sie bediente, gekommen war, um Müll zu entsorgen.





Adam rief sich ein Taxi und traf nur wenige Minuten später wieder in der Simlane ein, die still und verlassen lag. Wie ein geprügelter Hund schlich er die Treppe hoch in sein Arbeitszimmer.

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“Keine Ahnung, bin gerade erst reingekommen. Wie lange wartest du denn schon auf sie? – Hm ... ein Momentchen, Manu, ich schau mal eben nach, bleib dran, ja?!”





Jessica suchte zuerst im Untergeschoss nach Naike, dann ging sie hoch. Als sie in deren Zimmer das inzwischen getrocknete Blut auf dem Teppich sah, schlang sich kalte, nackte Angst um ihr Herz und raubte ihr für einen Moment jeglichen Atem. Rückwärts wich sie dem grausigen Anblick, eilte dann zum Telefon, als sie plötzlich unterdrücktes Schluchzen aus dem Arbeitszimmer vernahm. Langsam ging sie auf die Tür zu und fand sie nur angelehnt.





Zuerst lag Adam regungslos, den Kopf in seine Arme gebettet, auf dem Schreibtisch, dann jedoch krampfte sein Körper für einige Sekunden. Wiederholt wechselten sich Ruhe und das leichte Schütteln ab, und jedes Mal wanderten seine Finger näher zu der Waffe, die vor ihm auf dem Tisch lag, bis sie sie beinahe berührten.
“Was auch immer geschehen ist, tue es nicht”, flüsterte Jessica eindringlich, “alles wird gut.”



Kapitel 50 - Big Brother is watching you
Kapitel 52 - Brisante Entscheidungen