Kapitel 49 - Des Platzhirschs Area



Es war keine fiese Strafe, sondern eine eher lustige, die Naike nun erwartete, denn Adam hatte die Voodoo-Puppe, die sie ihm einst zu Weihnachten schenkte, mit in die Hütte geschmuggelt und brachte sie nun zum Einsatz.





"Ich habe geübt, jawohl!", rief er enthusiastisch, hatte die Dosierung aber noch keineswegs im Griff, wie sich schnell zeigte.





Wie Stromschläge schoss es durch Naikes Weichteile ...





... und sie konnte sich bereits nach kurzer Zeit kaum noch auf den Beinen halten.





So scheußlich aber die Anwendung auch war, umso angenehmer die Nachwirkungen, ein wenig wie vom Absinth. "Jetzt gib mir schon das Teil", nuschelte Naike wie betäubt und hatte ihren festen Stand noch immer nicht restlos wieder gefunden. "Kommt gar nicht in Fra...", widersprach Adam, aber da hatte sie ihm die wollene Puppe mit dem stets griesgrämigen Gesichtsausdruck bereits erfolgreich aus der Hand gerissen.





Naike wusste im Gegensatz zu ihrem Mann um die Dosierungen und wählte mit Absicht eine recht hohe, die ihn ruckzuck auf den Dielenboden beförderte.





Als er sich dann stöhnend wieder aufgerappelt hatte, kam auch er in den Genuss der antörnenden Nachwirkungen, die bei ihm nicht zu übersehen waren.





Und so verbrachte man auch diesen Tag wieder auf diversen Polstern.





Die Pfannkuchen jedoch hatte der Herr des Hauses ein wenig später kurz zwischendurch treu sorgend noch einmal neu gebacken.

*





Zum Glück ging ihnen aber, Dank einiger gemeinsamer Interessen und Vorlieben, nebenbei auch der Gesprächsstoff nicht aus, obwohl sie zuvor nie eine derart lange Zeit am Stück vereint gewesen waren. Mitten in einer Diskussion über Literatur, Filme und Musik fragte Adam plötzlich unvermittelt: "Sag mal, willst du noch ein Kind von mir?" Verdutzt hielt Naike inne. "Ist das dein Ernst??"





"Ja, natürlich ist das mein Ernst oder ich klinge ich scherzend in deinen Ohren?" Naikes Herz tat einen Freudensprung. "Ich dachte, du magst keine Windeln und Geschrei?!" - "Ach, ich werd's überleben, außerdem kannst du ja nachts immer aufstehen." - "Bäh!!", streckte Naike ihm ihre Zunge raus ...





... was er gleich als Aufforderung zum Üben nahm. Und nur kurze Zeit später war wieder einmal ein Schwarm Tallis'scher Chromosomen auf dem Wege zum seinem potentiellen Ziel.

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Der Spätsommer in Frankreich war in diesem Jahr so warm, dass die beiden Flitterwöchner bereits am frühen Morgen ihr Frühstück auf dem Balkon einnehmen konnten.





"Ich habe beschlossen, dass wir jetzt lange genug hier auf der Hütte waren, wir sollten uns langsam mal wieder unter Leute wagen."





"Echt jetzt? Ich hab mich schon gar nicht mehr getraut zu fragen", strahlte Naike hocherfreut und ergänzte: "Und jetzt denk’ nicht gleich wieder, dass ich es schlecht mit dir aushalte, aber ein Zuviel sollten wir uns im Interesse unserer Beziehung nicht geben." - "Du redest daher wie eine olle Psycho-Schrulle", meckerte Adam, "die immer so tun, als wüssten sie ganz genau, was für ihre Mitmenschen passt und was nicht." - "Puh, du kannst ganz schön anstrengend sein, genau wie dein Sohn, mein lieber Mann, weißt du das?!" - "Ja", bestätigte Adam fröhlich, "aber jetzt ist es zu spät, nun musst du mich behalten." Naike seufzte derart theatralisch verzweifelt, dass Adam ihr seinen Daumen voller Schokosoße in den Mund stopfte. Und irgendwie führte das zu einer kleinen Rangelei, so dass es dann doch Mittag wurde, bis man endlich aus dem Haus kam.

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Mittags waren in dem kleinen französischen Dörfchen in der Nähe der Hütte die Bürgersteige hochgeklappt, und das erste Mal in diesem Urlaub geriet Adam tatsächlich in Wut, da ihm die ortsansässige Bäckerei durch ihre Mittagszeit-Regelung das von ihm heiß begehrte belegte Brötchen vorenthielt.





Wie gut für ihn, nun stets seine verständnisvolle und barmherzige Frau dabei zu haben, die ihn mit geschicktem Griff gleich wieder herunter kühlte.





Und so genoss man dennoch das romantische Örtchen und mehr oder weniger auch die schöne Aussicht ...





... um sich abends dann Großartigerem zu widmen, einem Besuch der Opéra National de Paris. Naike schnappte vor Begeisterung beinahe über, als Adam ihr das Hochzeitsgeschenk seiner Schwester Nastassja, ein traumhaftes grünes Abendkleid, überreichte und ihr sein Vorhaben eröffnete.





Die Pariser Straßen waren wie immer chaotisch verstopft, aber diesmal blieb Adam völlig ruhig.





Ein paar Minuten zu spät kamen sie in der Oper an, aber das Publikum hatte sich gerade erst platziert.





Staunend betrachtete Naike die heiligen Hallen meisterlichen Gesangs, von denen sie bereits so viel gehört hatte.





Endlich fanden sie dann den Eingang zu ihrer Loge, die ziemlich hoch gelegen war und Naike zuerst schaudern ließ, als sie über die Brüstung in den voll besetzten Saal sah. Aber Adam hielt sie die ganze Zeit über an der Hand, damit sie sich trotz ihrer Höhenangst wohl fühlen und La Bohème genießen konnte.

*





Nach der Aufführung gingen sie vor der Heimfahrt zur Hütte noch zum Snacken und auf einen späten Kaffee.





"Ich dachte, du bist froh, dass wir mal draußen sind und etwas anderes machen?", lachte Adam, als Naike ihn schon wieder anbaggerte, als er gerade seinen Espresso genießen wollte. Allerdings musste man ihr zugute halten, dass sie während der Aufführung sehr lange ruhig gesessen hatten und Adam in seinem eleganten Anzug einfach unwiderstehlich aussah.





Einer der Verkäufer - ganz offensichtlich kein Franzose - war empört, als das Paar eine wilde Knutscherei begann. Währenddessen schaute der andere begeistert zu und dachte mit pochendem Herzen - oder war es eher mit pochender Hose? - an seine Freundin daheim und beschloss, an diesem noch jungen Tag ein wenig früher Schluss zu machen.





So verzog man sich eben nach draußen, die Nacht war lau ...





... und vergnügte sich völlig unbeobachtet in einer stillen Ecke.

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Ein weiteres Highlight ihrer Flitterwochen war der Besuch des berühmten Varietés Moulin Rouge auf dem im Norden von Paris gelegenen Hügel Montmartre.





Zuerst genossen sie das bunte Programm …





... und saßen danach noch bis in die Nacht hinein mit französischen Spezialitäten bei Kerzenlicht zusammen …





… himmelten sich gegenseitig an ...





... und ließen den wundervollen Abend dann mit einem nächtlichen Spaziergang durch den Jardin des Tuileries ausklingen.

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"Warte, nicht aufstehen!“, sagte Adam am nächsten Morgen. „Setz' dich mal ein wenig seitlich und schau dann über die linke Schulter, ja?!"
"Oh nein, Ad, nicht noch einmal eine stundenlange Mal-Session.“
"Doch, muss sein. Ich möchte mich immer an unsere gemeinsame Zeit hier erinnern, wenn wir wieder einmal herkommen."





Dieses Mal ging es zum Glück ein wenig schneller, aber das von Natur aus eher unruhige Modell tat sich mit Stillsitzen grundsätzlich schwer.
"Sitzen bleiben!!!", befahl Adam, als sie sich nach einer halben Stunde erhob.
"Nein, ich will das jetzt sehen!", widersprach Naike und kam dann auch schon unerlaubt herangewieselt.





"Na, bin ich gut?", fragte der Künstler nach vollendetem Werk, ebenso stolz und selbstverliebt, wie sein Sohn damals nach seinen Turnvorführungen. Die Porträtierte jedoch starrte auf das Gemälde und schwieg.
"Naike? Hey, was ist los, stimmt etwas nicht?"
Und ob etwas nicht stimmte. Sie besah sich ihre Hände, dann ihre Arme und fühlte nach ihrem Haar. Erinnerungen stiegen in ihrem Geiste auf, Erinnerungen aus einer anderen Welt.





"Adam, lass uns bitte nach Hause fahren!“, sagte sie dann leise. „Wir waren jetzt sehr lange hier und es war wunderschön, ich habe jede Minute genossen. Aber jetzt möchte ich heim, ich vermisse Sean, Jess und Abi. Und meine Freundinnen. Und ich hab einen Riesenschiss vor den Millionen von Emails, die mich sicher erwarten werden."
Adam lachte. "Lösch’ sie doch einfach alle!"
"Meine Familie???"
"Quatsch, du Doof, deine Emails natürlich!“
Naike lächelte, aber eine kleine Träne rann über ihre Wange. "Mensch Mädchen, du brauchst doch nicht weinen, klar fahren wir, wenn du willst.“
"Aber du bleibst doch bei mir, oder?!"
"Selbstverständlich. Oder glaubst du, ich wohn’ weiterhin bei meinen Verwandten?"
"Ad? Danke für alles, du warst der Vernünftigere von uns beiden."
"Ach, du doch auch schon öfters", zwinkerte er ihr zu und versprach: "Morgen fahren wir heim, gleich in der Früh, ok?!"
Naike nickte glücklich und ließ sich von ihrem geliebten Mann ein letztes Mal auf das ihr inzwischen so vertraut gewordene Lager ziehen.

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Sean heulte laut auf vor Glück, als er seine Eltern in der Dämmerung plötzlich kommen sah, und fiel sogleich zuerst Papa ...





... und dann seiner Maman um den Hals. Auch Nat begrüßte die Heimkehrer freundlich und er sah sich den Mann, der eine Frau einfach so, wenige Minuten vor ihrer Hochzeit, mit einem anderen weggeklaut hatte, äußerst interessiert an. Auch ihn hatte er sich, ebenso wie seine Schwester, ganz anders vorgestellt, obwohl er ein paar alte Fotos von ihm kannte.
Jessica hielt sich im Hintergrund, lediglich ein heiseres Hallo kam über ihre Lippen, obwohl sie sich durchaus auch freute, dass ihre Freundin zurück war. Aber keineswegs über den Mann an deren Seite.





Und auch beim ersten gemeinsamen Abendessen hielt sie sich eher still, während Sean fröhlich plappernd seine Eltern ausquetschte, was sie denn die ganzen Wochen über so getrieben hatten, wovon natürlich nur ein Bruchteil verraten wurde.





Schon bald erhob sich Jessica vom Tisch ...





... und verabschiedete sich zur Nacht, obwohl der Abend noch recht jung war.
"Aber Jess, bleib doch noch eine Weile bei uns, wir haben soviel zu erzählen und auch zu besprechen!"
"Dafür haben wir auch morgen noch Zeit, meine Liebe", antwortete die alte Dame ernst. Naike sah ihr frustriert hinterher.
"Lass sie gehen, Schatz, es ist nicht leicht für sie, sie wird einiges zu verdauen haben", wusste Adam, womit er natürlich sehr Recht hatte.

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Zwei Wochen später ...





"Sagt mal, habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun, als auf der Couch herumzuhocken und euch irgendwelchen Mist anzugucken?? Außerdem stinkt es hier scheußlich nach Zigarre!", beschwerte sich Naike angepinkelt.





Adam gähnte herzhaft, kratzte sich unter den noch ungewaschenen Achseln und schnipste ein wenig kalte Asche vom Sofa. "Och Weib, jetzt lass uns Männer doch mal ausspannen."
"Wie bitte? Mal? Du hast doch fast den ganzen Tag lang nix zu tun im Moment, wegen dieser blöden Semesterferien!"
"Ja ja, genau, Mitte Oktober geht die Uni-Tretmühle erst weiter, so lange wirst du mich ja wohl auch mal untätig ertragen können, oder?!"





Naike wusste im Nachhinein nicht mehr, woher es kam, sondern nur noch dass es kam - nämlich das wohlbekannte geistige Bild, das sie einst immer vor Augen gehabt hatte, sobald es um das Thema Ehe mit Adam gegangen war. Wie er in Feinripp-Unterwäsche auf dem Sofa saß, grölend nach seinem nächsten Bier verlangte und sich einen Dreck um ihre Belange scherte.
Adam hatte kein Feinripp an, sein Bierkonsum hielt sich in Grenzen, und dass er sich keinen Dreck mehr um sie scherte, stimmte natürlich auch nicht. Aber das Bild kam dennoch, wahrscheinlich hatte es ihr der einst angeschossene Affe aus Rache ins Bewusstsein geschmuggelt.
Gefühle voller Angst überschwemmten ihr aufgewühltes Gemüt.





"Steh’ auf und verlass' mein Haus! Sofort!! Ich will das nicht!"
Adam reagierte zuerst nicht, da er einen Scherz vermutete. Aber Naike hatte es keineswegs scherzhaft gemeint.
"Aber Maman?!", rief Sean und zog sie an ihrem Arm, als sie seinen Vater mit hochroten Wangen anblitzte.





Jessica war gerade dabei, im Badezimmer schmutzige Wäsche in die Maschine zu stopfen, als sie am Boden des Wäschekorbs etwas fand - einen Personalausweis.













Der Schock fuhr ihr durch alle Glieder, ähnlich wie am Tag der Hochzeit vor ein paar Wochen, als Nastassja ihnen allen die Nachricht überbracht hatte, dass diese nicht stattfinden würde. Doch dieses Mal fiel sie nicht in Ohnmacht, sondern holte zuerst tief Luft und lief dann laut nach Naike schreiend ins Wohnzimmer.





Doch dort achtete niemand auf sie, denn Naike war gerade dabei, ihren frisch Angetrauten laut zeternd aus dem Haus zu schieben. Jessica hielt inne, riss sich zusammen, ging dann zu Sean hinüber, der äußerst verstört aussah, setzte sich und zog ihn mit zu sich auf die Couch.
"Seani, sorg’ dich mal nicht. Ich glaube, deine Maman ist schwanger. Und es ist leider häufig so, dass man in diesem Zustand sehr überreagiert. Die Hormone, weißt du?!"
Der kleine Junge sah seine Omi überrascht an und schmiegte sich dann in ihre Arme.





Nathaniel, der im Garten arbeitete, obwohl gerade ein Gewitter aufzog, staunte nicht schlecht, als plötzlich die Haustür aufging und Naike ihren Adam in Unterhosen die Treppe hinunter stieß.





Dann rannte sie wieder hinein, knallte die Tür zu, und Adam warf einen hilflosen Blick zu Nat hinüber. Doch die Haustür öffnete sich kurz darauf noch ein zweites Mal und es flogen ihm noch einige seiner Sachen und ein Koffer vor die Füße.





"Sag mal, hast du sie noch alle?", brüllte er wütend und stampfte energisch seinem rechten Fuß auf, als würde er jeden Moment zum Gegenangriff starten.
"Ich will nicht so eine beschissene Ehe", schrie Naike weinend, "ich will, dass es wieder so ist wie vorher, hörst du?!!"





Adam sah verletzt und völlig verständnislos in ihr angespanntes Gesicht, das in diesem Moment von einem Blitz erhellt wurde, auf den unmittelbar ein mächtiges Donnergrollen folgte, und blaffte sie plötzlich an: "Statt hier ein so lächerliches Theater abzuziehen, solltest du mir lieber sagen, wie wir aus dieser Scheiß-Simulation hier herauskommen!!!"





“Was redest du da?”, stammelte Naike perplex. Adam biss sich auf die Lippe, fixierte jedoch unverändert ihr völlig verwirrtes Gesicht. “Nichts ... gar nichts”, sagte er dann bemüht ruhig und nahm den Koffer, der zu seinen Füßen lag, in seine Hände.





Naike schluckte schwer, trat einen Schritt zurück und stieß die Eingangstür mit ihrem Rücken auf. Dann erst wandte sie den Blick von ihm ab, lief ins Haus, quer durch das Wohnzimmer, vorbei an Jessica und Sean, die sie wie zwei Ölgötzen anstarrten, und rettete sich ins Obergeschoss.





“Wow, das war kinoreif!”, grinste Nat und bot Adam seine Hilfe beim Packen an. “Wohin werden Sie jetzt gehen, wenn ich fragen darf?”
“Na, wieder hinein natürlich und mein Weib zähmen, was denn sonst?!”, lachte Adam laut, der sich erstaunlich schnell beruhigt hatte. Zumindest schien es so.





Doch sein Lachen blieb ihm im Halse stecken, als sein Blick auf das Nachbargrundstück fiel. “Na, dann viel Erfolg!”, wünschte Nat ihm kopfschüttelnd, doch Adam bekam es nicht mit.





Trotz vieler Meter Sand zwischen den beiden Grundstücken, überwanden Pauls Augen die Strecke mühelos und sandten ungewollt den Schmerz vieler Wochen zu dem Mann, der sein Leben von einer Stunde auf die andere völlig verändert hatte.
Nur beschwerlich entzog sich Adam Pauls Anblick, nahm von Nathaniel leise dankend den inzwischen gefüllten Koffer entgegen und folgte seiner Frau ins Haus.

*





Eine Viertelstunde später hatte er sich am Schreibtisch seines Arbeitszimmers eingefunden, um einige Emails seiner Studenten zu beantworten, als Sean ins Zimmer gelaufen kam.
„Hast du nicht etwas vergessen, mein Sohn?!“, fragte er ihn ohne aufzublicken.
„Papa, warum bist du nicht bei Maman, sie …“
„Hast du nicht etwas vergessen, Sean?!“
Der Junge knurrte. „Ja, anklopfen soll ich, ich weiß. Aber Mama weint und du musst zu ihr gehen. Jessica hat gesagt, sie bekommt ein Baby, du sollst …“





Adams Kopf flog zur Seite. “Was sagst du da?”, rief er so laut, dass Sean erschrak. Aber als er sah, dass sein Vater lächelte, wagte er seine Behauptung zu wiederholen. Adams Miene wurde wieder ernst.





„Ich glaube kaum. Deine Maman würde es bestimmt nicht zuerst Jessica erzählen, sondern mir.“ Er wirkte beleidigt, war sich seiner Ansicht also nicht ganz sicher.
„Wie auch immer“, meinte Sean, „du musst jetzt trotzdem sofort nach ihr sehen!“
Adam schüttelte den Kopf und knurrte unwillig: „Es ist besser, wenn sie sich erst einmal wieder beruhigt, sonst stehe ich gleich erneut auf der Strasse.“





Doch sein Sohn ließ nicht locker und zog einfach den Netzstecker des Computers aus der Wand, wofür er sich beinahe eine gefangen hätte, doch Adam hatte sich gut im Griff, nahm ihn stattdessen lieber in den Arm und versprach, Naike umgehend aufzusuchen.

*





Schnell beendete sie ihr Email-Programm, als ihr Mann ins Zimmer trat. Ihre Augen schimmerten leicht gerötet, doch sie fühlte sich augenblicklich erleichtert, dass er sich durch ihren Auftritt nicht hatte vertreiben lassen.





“Es tut mir leid, ich ... ich war nicht Herr meiner Sinne.”
“Die Affen?” fragte Adam liebevoll. Naike nickte zaghaft. “Warum hast du mir nichts von dem Baby gesagt?”, setzte er nach.
“Welches Baby?” Sie sah ihn verwundert an.
“Du bist nicht schwanger?”
“Nein, wie kommst du darauf?”
Adam atmete erleichtert aus. Aber nicht weil er Nachwuchs nicht begrüßt hätte, sondern froh darüber war, dass es nicht Jessica gewesen war, die zuerst davon erfahren hatte.





Naike jedoch wirkte befangen. Noch immer kreisten ihre Gedanken um Adams Worte draußen vor der Tür. Doch die Frage, ob sie ihn darauf ansprechen sollte, stellte sich nicht mehr, als er selbst davon anfing.
“Naike, ich meine das jetzt absolut ernst, bitte weich’ mir nicht aus, ja?! Ich habe allen Grund zu der Annahme, dass mit uns etwas nicht stimmt.”
Sie schluckte nervös und stellte sich unwissend. “Mit uns? Aber wieso? Es tut mir echt leid, Ad, es war dumm von mir, dich ...”
“Das meine ich nicht”, unterbrach er sie, “sondern uns alle und die gesamte Welt um uns herum. So einiges erscheint mir sehr seltsam.”





“Ad, bitte, wie kommst du nur auf einen solchen Unsinn? Wenn ich mir allerdings deine ganzen Bücher anschaue, wundert’s mich nicht. Du solltest lieber öfter nach draußen gehen, mit uns etwas unternehmen oder dir eine neue Beschäftigung suchen.”
Sie wandte sich mit übertrieben genervtem Blick ab, der Adam auch keineswegs überzeugte, sondern vielmehr seinen Verdacht noch untermauerte.





Doch er entschied sich, es besser vorerst dabei bewenden zu lassen, griff nach ihr und zog sie in seine Arme.
“Du hast Recht, das werde ich tun. Versprochen!”, flüsterte er und beschloss im gleichen Moment, seine Nachforschungen auszuweiten.





Als Sean es nicht mehr ausgehalten hatte und – diesmal nach vorherigem Anklopfen – ins Zimmer gestürmt kam, fand er seine Eltern in trauter Zweisamkeit auf dem Bett vor und ein Stein fiel ihm vom Herzen.





„Ihr habt mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, ihr Spinner!“, maulte er empört und Adam boxte ihn für diese Frechheit gegen die Brust, so dass er nach hinten purzelte.
„Und was ist jetzt mit dem Baby?“, wollte er wissen.
„Fehlinformation, du Naseweis“, informierte ihn seine Mutter, und Sean nahm sich daraufhin vor, in Zukunft besser nicht mehr auf den Buschfunk seiner Omi zu hören.
„Na gut, dann lass ich euch jetzt mal alleine, habt ja sicher einiges nachzuholen“, stellte er altklug fest und landete diesmal durch einen Tritt seines Vater auf dem Teppichboden. Schnell trollte er sich grinsend aus dem Schlafzimmer und flitze aus dem Haus, hinüber zu Abilene.
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Zwar kehrte langsam so etwas wie Alltag in die Simlane 10 ein, aber zwei der Bewohner wurden erwartungsgemäß nicht miteinander warm. Oft gab es bereits morgens am Frühstückstisch die erste Auseinandersetzung zwischen Jessica und Adam.





Abgesehen davon, dass beide Brüder Tallis lediglich in Schlafanzughose und Duschhandtuch gewickelt am Tisch saßen, ereiferte sich Jess an diesem Tag besonders über die Zigarette in Adams Mundwinkel, die jedoch gar nicht angezündet war. Seine Erklärung, er hätte sie sich bloß beim Aufräumen zum Transport zurück in die Schachtel kurz zwischen die Lippen gesteckt, ließ sie nicht gelten, obwohl das tatsächlich stimmte ...





... und sie setzte zu einer ausschweifenden Rede über die schädlichen Auswirkungen und moralischen Aspekte des Rauchens an, was Adam wiederum dazu veranlasste, sie mit Fräulein Knautschgesicht, der berühmt berüchtigten Moralapostelin, und deren Anliegen zu vergleichen, worüber sie sich schwer beleidigt fühlte und jeglichen Appetit auf ihr Käsebrot verlor.

*





Je öfter sie ihn aus begründetem oder nichtigem Anlaß anmachte, desto mehr ging Adam dazu über, die alte Dame absichtlich zu reizen. Hatte sie sich früher mit dem sehr rücksichtsvollen Paul im Haushalt stets daheim und als vollwertiges Familienmitglied gefühlt, kam sie sich nun lediglich nur noch geduldet vor. Mit großem Entsetzen nahm sie zur Kenntnis, dass Adam nun der Herr im Hause geworden war und sich auch so benahm, wie er es gerade wollte ...





... was sie nicht nur dieses eine Mal in Windeseile aus dem Haus trieb.

*





Wenigstens in ihrem Zimmer fühlte sie sich sicher, wenn auch leider die Wände der Simlane 10 recht dünn waren. Jessica versuchte, die unverwechselbaren Geräusche leiblicher Freuden aus dem Nachbarzimmer auszublenden, und wieder einmal kreisten ihre Gedanken fieberhaft um den Ausweis, den sie vor kurzem im Wäschekorb gefunden hatte. Sie hatte sich fest vorgenommen, das Geheimnis um Nathaniel Tallis ganz alleine herauszufinden. Warum sollte sie sich auch Naike anvertrauen, die sich eh nicht mehr für ihr Wohl zu interessieren schien?
Nebenan winselte etwas leise, aber unüberhörbar, dann ertönte das lang anhaltende Röhren eines Hirsches. Jessica hielt sich entsetzt die Ohren zu und fiel darüber in einem unruhigen Schlaf.





Verzweifelt versuchte sie zu schreien, als sich zwei große, eiskalte Männerhände um ihren Hals schlossen – aber wie, so ganz ohne Mund?





Ihr Atem ging heftig und das Herz raste, als sie plötzlich kerzengerade wieder in ihrem Bett saß. So konnte das nicht weitergehen, sie musste etwas unternehmen.





Jessica nahm all ihren Mut zusammen und polterte gegen Naikes Zimmertür. Eine geschlagene Minute tat sich nichts, außer dass ihre Gurkenscheiben eine nach der anderen auf den Boden fielen. Aber dann klickte es endlich im Schloss…





… und Naike stand ihrer sichtlich aufgelösten Mitbewohnerin verschwitzt gegenüber. „Jessi, Mensch, was ist denn mit dir los?? Du zitterst ja am ganzen Leib!“
Unmittelbar hinter Naike erschien Adam, zog sie ins Zimmer zurück und blitzte Jessica dabei aus geröteten Augen wütend an. Dann schloss er die Tür vor ihrer Nase und verriegelte sie wieder.



Kapitel 48 - Symbiosis
Kapitel 50 - Big Brother is watching you