Kapitel 36 - 40 Grad



Naike entschied sich gegen den weiteren Aufenthalt auf Twikii-Island und nahm deshalb das nächste Flugzeug nach Hause. Als sie ins Haus kam und ihre Lieben wieder sah, war sie überglücklich, dass alle froh und munter waren. Adam und Jessica hatten mit Hilfe von Carla Kinder und Haushalt perfekt gemeistert. Ihr kamen dadurch nun leichte Zweifel darüber, ob Adam nicht doch über Ehemann-Qualitäten verfügte, rief sich aber sogleich wieder zur Ordnung, auf dem nun eingeschlagenen Weg zu bleiben. "Ja, schau mal, Seani, wer kommt denn daaa?! Könnte das eventuell die Mama sein?!" Sean ließ einen begeisterten Schrei los, als er seine Mutter sah, und kuschelte sich sofort jubelnd an sie.





"Und ich werde nicht liebkost?", jammerte Adam gespielt. Naike nahm daraufhin seine Hand, drückte sie ganz fest, lächelte ihn liebevoll und dankbar an, aber schüttelte sanft den Kopf.

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Carla wurde immer stiller und zog sich oft zurück.





Auch wirkte sie nicht mehr so fröhlich wie nach ihrem Einzug.





Den anderen Familienmitgliedern fiel auf, dass sie einige Kilos zugelegt hatte, was aber kein Wunder war, wenn man wie sie viel am PC saß und dabei unentwegt dies und das in sich hinein knabberte.





Dennoch fragte sich Naike, ob nicht doch mehr dahinter steckte. Aber Carla hielt sich weiterhin bedeckt und überspielte geschickt jegliche Anfrage seitens ihrer Freundin, Paul und Jessica.





"Ja, ja, was Käseplatten alles so anrichten können!", mutmaßte Jessi und kicherte dabei albern, meinte es aber natürlich nicht böse.





Paul fand diese Bemerkung aber voll daneben und war entrüstet. "Also hör mal, solche Witze kannste dir aber echt sparen." - "Äh ... tschuldigung", sagte die jung gebliebene alte Dame daraufhin kleinlaut, aber Carla hatte die Bemerkung offenbar nicht also so schlimm empfunden, denn sie grinste leicht.

*





Adam jedoch hatte ein deutlich weniger ausgeprägtes Taktgefühl als sein Freund Paul und hielt es gar nicht für nötig, sich vorsichtig heranzutasten, um an die gewünschten Informationen zu kommen: "Komm, Schätzchen, spuck's aus, wer hat dir den Braten in die Röhre befördert, häh?" Carla starrte nur ins Leere und Adam zuckte mit seinen Schultern. "Na gut, dann eben nicht. Wer nicht will, der hat schon." Und löffelte dann weiter sein Müsli.





Durch die Betreuungszeit während des Kurzurlaubs von Naike und Paul hatte er sich der kleinen Abilene zum Glück nun doch endlich angenähert.





Er hatte erkannt, wie herzig und absolut liebenswert die Kleine war ...





... und schämte sich furchtbar für seinen lächerlichen Auftritt bei ihrer Ankunft.





Zunächst ohne dass jemand davon erfuhr, entschuldigte er sich eines Tages bei ihr und schenkte dem Mädchen neben mehr Aufmerksamkeit ein kleines grünes Kuschelmännlein ...





... das bei ihr bestens ankam. Naike fand es zwar eher ulkig, aber auf jeden Fall schon deutlich hübscher als Darsweder. Aber vor allen Dingen war sie sehr glücklich, als sie sah, dass die kleine Äthiopierin Adam weich gekriegt und zum Nachdenken über seine zuvor haarsträubende Einstellung angeregt hatte.

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Noch immer war die internationale Lage sehr angespannt, laufend wurden Reservisten im Schnellverfahren für einen potentiellen Einsatz fit gemacht, aber bisher hatte zum Glück noch keine Eskalation stattgefunden, die den letzten dramatischen Schritt des Einzugs notwendig gemacht hätte. Dennoch klingelten im Hause Simlane 10 permanent entweder das Festnetz oder die Handys von Paul und Naike, wenn sie nicht gerade eh schon vor Ort in ihren Kasernen waren, Paul in Blauseidigheide, Naike nun auch unweit davon in Hochfelde.





Paul kam in seiner geringen Freizeit kaum noch zur Ruhe, und wenn er endlich mal ein wenig auf dem Sofa ausspannen konnte, fühlte er sich gezwungen, die Laufbänder im Nachrichtenfernsehen im Auge zu behalten. Das ungeklärte Verhältnis zwischen Naike und Adam beschäftigte ihn weiterhin noch zusätzlich …





… in beider Nähe fühlte er sich höchst unwohl, denn es kam ihm dann vor, als wäre er einer Art elektromagnetischen Strahlung ausgesetzt. Bald litt er unter Schlafstörungen und da er schon über die Vorgänge im Krisengebiet keine Kontrolle hatte, sondern immer nur reagieren konnte, beschloss er wenigstens einen weiteren Klärungsversuch in dieser lähmenden Privatsache zu unternehmen.

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"Paul, du bist so blass wie ein unreifer Käse." - "Weiß ich, danke." - "Tut mir leid, dass es so beschissen für uns aussieht im Moment, ich hab' absolut keinen Bock irgendwo am Arsch der Welt rumzuballern." - "Ich auch nicht, das kannst du mir glauben", seufzte Paul. "Sag mal ...", begann er dann mutig, "wie stehst du eigentlich zu Naike?"





"Äh ... wie meinst du das?" Jetzt war Adam auch blass geworden, obwohl das Dampfbad glühend heiß war. "Nunja ...", schaffte Paul es kaum auszusprechen, "liebst du sie noch?"





Adam zögerte einen Moment, der seinem Freund wie eine halbe Ewigkeit vorkam. "Ja." Paul überkam leichter Schwindel und er nickte. "Aha." - "Tut mir leid, aber es ist nun mal so. Wie stehst du denn zu deinen Ex-Frauen?"





"Ich sehe sie nur selten. Und wenn ich mal zufällig eine treffe, winken wir uns zu. Das war's dann." - "Hm … verstehe: Komm, Mensch, schau’ nicht so frustriert, immerhin ist sie deine Verlobte. Sie hat sich entschieden, dich zu heiraten und nicht mich. Ich bin ihr nicht gut genug für eine dauerhafte Beziehung. Glaube mir, das fühlt sich mehr als beschissen an."





Paul tat die Aussprache gut, aber es war noch lange nicht alles geklärt, was ihm auf dem Herzen lag. Noch einmal atmete er tief ein, bevor er sprach: "Ich habe euch gesehen." Adam spürte einen fiesen Schreckensstich im Herzen, während der sengende Dampf um ihn herum waberte und ihn eh schon schlecht durchatmen ließ. Es schien sich nun wohl doch um eine Art Verhör zu handeln. Aber mit welchem Ziel bloß? "Mit dieser komischen Puppe. Was habt ihr da bloß gemacht?", ergänzte Paul dann. Adam war erleichtert, blieb aber angespannt. In seinem Hirn rasten die Affen, was sollte er auf diese Frage bloß erwidern?





"Ach, das meinst du", versuchte er dann möglichst gelassen zu klingen. "Weißt du nicht, dass sie eine Hexe ist?" Paul schüttelte verständnislos den Kopf. "Ich dachte bisher auch, das wäre Spinnerei, der ganze Quatsch mit dem Kartenlegen und so“, erklärte Ad. „Aber als sie mir dann diese Puppe schenkte und auch gleich demonstrierte, wie sie funktioniert, war ich völlig von den Socken. Es geht tatsächlich, nicht nur im Fernsehen!" - "Ok, das habe ich ja selbst gesehen, obwohl ich immer noch glaube, dass mir dabei meine Wahrnehmung einen Streich gespielt hat“, meinte Paul, „aber warum um alles in der Welt nutzt sie so ein Teil, was will sie damit? Jemandem schaden?" Adam kratzte sich verlegen an der Nase: "Wie eng seit ihr eigentlich miteinander, wenn ich mal fragen darf?" Paul sah seinen Kumpel verwundert an, der kurzerhand noch nachlegte: "Habt ihr Sex?" - "Natürlich haben wir Sex!" - "Stellt sie dabei irgendwelche ungewöhnlichen Ansprüche?" Paul verstand zuerst nicht, was Adam meinen könnte, doch dann fielen ihm nach kurzer Überlegung bestimmte Situationen ein und es ratterte in seinem Kopf wie ein einarmiger Bandit. "Du meinst ... äh … du meinst, sie ...? Adam nickte.

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An diesem Abend hatte Naike keine Lust zum Kochen und fuhr deshalb kurz zur kleinen Taverne, um für sich und ihre Familie etwas Fertiges zu holen.





Als sie das Restaurant betrat, fiel sie aus allen Wolken, denn da standen Carla und Ramons Vater, Herrn Alvarez! Naike drückte sich vorsichtig hinter einem Kellner Richtung Vorküche und lauschte dort halb unfreiwillig, halb absichtlich dem Gespräch der beiden. "Carla, ich bitte dich, das ist doch lächerlich. Wie stellst du dir das vor? Ich habe Frau und Kinder!!"





"Dann hättest du dich nicht mit mir einlassen sollen!", rief die junge Frau viel zu laut für diesen öffentlichen Ort, aber das war ihr in ihrer verzweifelten Lage im Moment völlig egal.





"Kinder kann man heute ohne Gefahr wegmachen lassen, meine Liebe. Mach' dir keine Sorgen um das Finanzielle, ich komme selbstverständlich für alles auf." Carla schnappte nach Luft und Tränen bahnten sich unter unbändiger Wut ihren Weg. "Das kann nicht dein Ernst sein, ich treibe doch kein Kind ab!!!" Veto verdrehte die Augen und seufzte. "Gut, dann bringe es halt zur Welt, wenn du das lieber willst. Ich kaufe dir ein Haus und es soll euch an Simoleons nicht fehlen. Aber ich kann und will die Vaterrolle nicht übernehmen, hörst du?! Schließlich lebe ich tausende Kilometer von hier entfernt und bin verheiratet. Niemals darf meine Frau etwas davon erfahren, es würde ihr das Herz brechen!", sagte Veto ruhig und bestimmt. "Aber ..."





"Kein Aber mehr, entweder du nimmst mein Angebot an oder lässt es bleiben. Ich mag dich sehr, Carla, und wir hatten eine gute Zeit zusammen, aber ich liebe meine Frau." Mit diesen Worten zog er seine Brieftasche hervor, holte eine seiner eleganten Visitenkarten hervor und drückte sie seiner ehemaligen jungen Geliebten in die Hand. "Du weißt, wo du mich findest." Dann verließ er mit zügigen Schritten, und ohne sich noch einmal umzusehen, die kleine Taverne und ließ sie alleine zurück.





Naike hatte alles mit angehört und war fassungslos. Was für ein Drama! Und warum hatte Carla bloß nicht längst erzählt, in welcher Lage sie sich befand? Und was sollte nun werden?





„Hi." Carla zuckte erschreckt zusammen. "Äh … hi. Was machst du denn hier?"





"Was machst du bitte für einen Scheiß, möchte ich gegenfragen?" Carla sah aus wie ein geprügelter Hund und wischte sich über ihre Augen. Naike führte sie langsam zu dem kleinen Sofa im Karaoke-Bereich und sie setzten sich.





"Und ich dachte, du hättest einfach nur zuviel Schoki gegessen." Carla zuckte mit den Schultern. "Tja, nicht wirklich."





"Und was willst du jetzt machen?" - "Ich weiß es nicht und ich will auch gar nicht darüber nachdenken." – „Musst du aber, sonst macht es plötzlich plopp und ihr steht zu Zweit da und keiner weiß wohin. Komm, jetzt hör' mal auf zu weinen, praktisch ist die Frau! Nimm' sein Angebot an, der Kerl stinkt vor Kohle."





"Nein, das kann ich nicht", schüttelte Carla fest den Kopf, "das ist unter meiner Würde." - "Ach Quatsch, Würde. Du brauchst für dich und dein Kind ein Dach über dem Kopf. Und es ist völlig normal, dass der Vater eines Kindes sich finanziell beteiligen muss, wenn er ansonsten nicht bereit ist, sich um seinen Nachwuchs zu kümmern. Und wie ich gehört habe, wird er dies freiwillig tun, andere Frauen müssen dafür kämpfen. Also sei doch bitte schlau und nimm es an, wenn du das Baby behalten möchtest!"





"Gut, ich werde darüber nachdenken, aber jetzt will ich einfach nur nach Hause ... ich meine, zu euch natürlich, ich habe ja gar kein Zuhause." - "Na, hör mal! Solange du bei uns wohnst, ist das auch dein Zuhause, das ist ja wohl klar, oder?! Ich habe dir eine Menge zu verdanken, du hast deinen Arbeitslohn in unsere Haushaltskasse beigesteuert und mir mit den Kindern geholfen, also sind wir völlig quitt, ja?!" Carla nickte zaghaft und ihre Miene hatte sich schon wieder ein ganz klein wenig aufgehellt.

*





Zurück in der Simlane legte sie sich sofort schlafen, denn sie war fix und fertig. Naike musste die Leckereien aus der kleinen Taverne alleine essen, denn Paul war unterwegs, Jessica schon im Bett und Adam hatte mal wieder den Babysitter gespielt und war auf dem Sofa eingeschlafen.





Schlafend sah er immer richtig lieb aus, als könne ihn kein Wässerchen trüben. Sie hockte sich neben ihn und fuhr mit Wange und Lippen über seine weichen Armhaare. Er lächelte, murmelte irgendetwas Unverständliches und drehte sich dann um, wobei er beinahe von der Couch gerutscht wäre. Naike roch, dass er Alkohol getrunken hatte, den er bekanntlich nicht besonders vertrug. Deshalb unterließ sie jeden Versuch, ihn aufzuwecken, sondern legte ihm eine Decke über und ging dann selbst zu Bett.

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Einige Tage später fiel Naike beim Baden ihrer Kinder auf, dass Sean sich irgendwie heiß anfühlte.





Und auch beim Spielen vor dem Abendessen macht er einen matten Eindruck und malte nicht so eifrig wie sonst.





Obwohl er sonst immer erst gegen 21 Uhr ins Bett ging, war er an diesem Abend schon deutlich früher müde und begann irgendwann kläglich zu weinen.





Dann bekam er auch noch einen Schluckauf und klang plötzlich ganz rau, was Abi beunruhigte. "Naikeee!", rief sie laut ihre Pflegemama zu Hilfe.





Naike kam sofort, nahm ihr verstörtes Söhnchen mit ins Kinderzimmer und steckte ihm sofort das Fieberthermometer in den Mund, welches Sekunden später weit über 39 Grad anzeigte. Sie gab ihm eine kleine Menge Fiebersaft und brachte ihn sofort ins Bett. "Mein armer kleiner Schatz, was hast du dir denn da bloß geschnappt, hm?!" Sean weinte bei jedem Schlucken ...





... aber nachdem seine Mama ihn hingelegt hatte, schlief er sofort ein.





Naike spielte noch ein wenig mit Abi und aß mit ihr, Carla und Jessica zu Abend, brachte sie so leise wie möglich zu Bett und legte sich dann ebenfalls hin, um noch ein bisschen zu lesen, denn sie war noch nicht müde und wollte außerdem ab und zu nach Sean schauen.





Und jemand anderes wollte ganz offensichtlich eine knappe Stunde später mal nach Naike schauen und klopfte an ihre Balkontür. Sie stöhnte genervt auf, als sie den grinsenden Adam durch die Scheibe erspähte.





"Ad, ich bitte dich, nicht wieder die alte Balkonnummer. Sean fiebert und ich muss immer mal wieder runter ins Kinderzimmer, ich mache mir Sorgen." - "Er ist krank? Was hat er denn?" - "Keine Ahnung, sein Hals tat ihm weh, wahrscheinlich ein Virus-Infekt halt." - "Dann lass uns mal nach ihm schauen!"





"Du kannst doch jetzt nicht einfach hier reinkommen, was soll Jessica denn denken, wenn wir plötzlich zusammen durchs Haus schleichen? Sie ist bestimmt noch wach ... Adam, guck mich nicht so an wie ein Dackel und lass mich los! Komm morgen wieder, dann kannst du ihn immer noch umsorgen." - "Darf ich denn wenigstens dich ein bisschen umsorgen? Paul ist doch weg, oder?!"





"Adam, hatten wir uns darüber nicht geeinigt?“ – „Nö, du hattest dich alleine geeinigt. Jetzt tu' nicht so entrüstet, du hast doch nur auf mich gewartet!" - "Nee, kein Stück, ehrlich gesagt“, erwiderte Naike unfreundlich und wahrheitsgemäß. Warum gehst du nicht einfach zu Gerda?" Adam setzte eine beleidigte Miene auf. "Habe Hausverbot im Dome", grummelte er. "Wie Hausverbot?" - "Na ja, diese Herta Tellermann ..." - "Danke, Ad, mehr will ich gar nicht hören, du bist doch echt bescheuert!" - "Nicht bescheuerter als du!!" Naike zeigte dem Vater ihres Sohnes einen Vogel und wandte sich wieder ihrer Balkontür zu, doch Adam griff blitzschnell nach ihr, erwischte sie aber nur noch ihre Haare und zog sie daran zurück auf den Balkon. "Autsch, verdammt, lass das!!" - "Ja oder ja?" - "Keins von beiden", antwortete Naike empört und trat Adam gegen sein Schienbein, worauf er mit einem lauten Autsch ihre Haare losließ. Sie nutzte den günstigen Moment, um schnell in ihr Zimmer zurückzuschlüpfen und die Balkontür zuzudrücken und streckte Adam anschließend triumphierend die Zunge heraus. Die Augenbrauen des Ausgesperrten zogen sich bedrohlich zusammen. Naike zog gnadenlos die Vorhänge zu, um sich diesen Anblick zu ersparen, und war gerade dabei, sich wieder gemütlich aufs Bett zu legen, als etwas dumpf gegen das Fenster schlug.

Und beim zweiten Mal klirrte es ordentlich. Sie stolperte über ihren Bücherstapel, während sie verschreckt zum Fenster eilte, um den Vorhang wieder beiseite zu ziehen, doch da stand er auch schon im Raum. "Bist du von allen guten Geistern verlassen??? Meine Tür!!", flüsterte sie aufgebracht. "Lass mich nie wieder wie ein Depp auf dem Balkon stehen, hörst du, NIE WIEDER!!", befahl Adam bedrohlich und hatte sie wieder an den Haaren gepackt. "Ad, lass das, bitte! Du machst mir Angst!", wimmerte sie, doch er grinste nur überheblich und griff noch fester zu. Naike wand sich in Panik und dann fiel ihr nichts Besseres ein, als ihrem Peiniger mitten ins Gesicht zu spucken, was äußerst riskant war, aber ihn zum Glück für einen Moment völlig aus dem Konzept brachte, so dass schlagartig wieder Ruhe in ihn einkehrte. Naike holte schnell ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schlang es um Adams Hand, die ein paar kleinere Schnitte aufwies, um ihn weiter zu beruhigen, und das war auch genau das Richtige, denn nun normalisierte sich seine Atmung wieder und seine Augen füllten sich mit Tränen. "Es tut mir leid", sagte er leise und senkte seinen Kopf.





Naike zog ihn Richtung Tür, dann durch den Flur, die Treppe hinunter bis zum Kinderzimmer. Alles war in Ordnung, die liebe Jessica hatte sich zu Sean ans Bett gesetzt und war dabei eingeschlafen. Leise machten sie die Tür wieder zu und gingen aus dem Haus. Eigentlich um sich zu verabschieden …





"Was hängt’n da am Gerätehaus?", fragte Adam, der nicht so erschien, als ob er nun wirklich nach Hause wollte. "Käpt'n Jack`s Säbel", schmunzelte Naike. "Paul hat sie von Twikii-Island mitgebracht, er fand sie so schön. Eintausend Simoleons, kannst du dir das vorstellen?!" - "Kindskopf", sagte Adam und lächelte.





"Selber Kindskopf", meinte Naike und handelte sich dafür einen Kuss ein, der wie immer kein Freundschaftskuss war und ihr durch sämtliche Glieder fuhr. Sie starrten sich zitternd an und gingen dann, ohne eine Entscheidung getroffen zu haben, wie ferngesteuert in den Geräteschuppen. Bis auf ein paar viel zu leise Abtrünnige jubilierten beider Affenbanden im Chor.





"Urgemütlich - man kann es nicht anders beschreiben", grinste Adam, als er den schmuddeligen Innenraum sah und den leichten, typischen Modergeruch einer solchen Einrichtung wahrnahm. "In der Tat. Hättest du kein Hausverbot, hättest du es jetzt luxuriöser", scherzte Naike.





"Das ist mir scheißegal!"





Mit diesen Worten trug er sie zu den alten Küchentresen, die einst in Naikes kleinem grünen Häuschen gestanden hatten.





Und wie es der Zufall so wollte, kam Paul kurz darauf mit dem Taxi nach Hause. Niemand hatte mit seiner verfrühten Heimkehr gerechnet, denn am Morgen noch sah es nach einem mehrtägigen Aufenthalt aus, als sie miteinander telefoniert hatten. Paul fühlte sich, wie fast immer in letzter Zeit, müde und abgekämpft, als er durch das Eingangstor seines Hauses schritt. Dabei wurde er auf ungewöhnliche Geräusche aufmerksam, die aus Richtung des Gerätehauses kamen …





... und er beschloss umgehend nach dem Rechten zu schauen, denn offenbar hatten sich dort wieder einmal streunende Tiere niedergelassen. Doch es waren keineswegs Streuner, die er erblickte, als er durch das kleine Fenster in den Schuppen sah, sondern einen Menschenpaar, sein Freund und seine Verlobte in deutlich mehr als trauter Zweisamkeit. Paul schwanden für einen Moment die Sinne und er musste sich an der Hauswand abstützen. Dann atmete er tief durch: "TALLIS - KOMM RAUS, DU ARSCHLOCH!!!", brüllte er aus Leibeskräften.





Wenige Sekunden später stand ein bleicher Adam vor ihm und stammelte: "Paul ... es ..." - "Es ist nicht so wie ich denke, JA!?", vollendete er den Satz seines Gegenübers. Adam machte keinen Versuch einer weiteren Erklärung, es war sowieso sinnlos.





Und dann erblickte Paul etwas aus seinem Augenwinkel und entschied unmittelbar, es zu nutzen. Mit einer blitzartigen Bewegung riss er die Säbel von der Wand des Geräteschuppens ...





... warf einen davon Adam zu, erhob seinen eigenen zum Kampf und schrie: "LOS!! UM DIE EHRE … UND DIE „HOLDE“ PRINZESSIN!!!"





Seine Augen funkelten bitterböse. Naike stieß einen halb erstickten Schrei aus, aber das hörte er nicht. "Das ist nicht dein Ernst, Mann, oder?!" Adam betrachtete kurz den Säbel, er war kein stumpfes Spielzeuggerät, sondern wohlgeschliffen und lag schwer in seiner Hand. Und im Gegensatz zu Paul hatte er nicht die geringste Ahnung, wie er damit umgehen sollte.





Doch um sich das zu überlegen, dazu war es viel zu spät, denn nun schlug Paul auch schon kräftig zu und mit Mühe und Not gelang es Adam, seine Waffe quer zu stellen, so dass die Klingen sich kreuzten. Zum Glück hatte er als Junge viel Fernsehen geguckt. Naike war hinter ihrem Türversteck hervor gelaufen und begann nun völlig hilflos zu weinen. "HÖRT AUF! SOFORT!! IHR SEID DOCH IRRE!!!“





Jedoch keiner der beiden Männer hörte auf das klagende Weib und sie schenkten sich nichts. Immer wieder schlugen die Klingen krachend aneinander. Den ersten Aussetzer hatte dann Adam und Paul erwischte ihn mit der Schneide an der linken Wange, und das sollte nicht der einzige Treffer bleiben.





Der Schmerz und seine Angst brachten Adam zur Raserei und sein bedrohlich entschlossener Gesichtsausdruck erschreckte Paul so sehr, dass er für einen Augenblick unaufmerksam wurde und ebenfalls durch einen Hieb verletzt wurde. Naike rannte zutiefst entsetzt ins Haus, um Hilfe zu holen.





Paul spürte warmes Blut über sein Auge laufen und hielt vor Überraschung für einen Moment inne, in dem ihm bewusst wurde, dass er sich weder in einem Traum noch in einem Spiel befand und aus dieser Situation nun so schnell nicht wieder herauskommen konnte.





Er war mit seiner Waffe eindeutig stärker und geschickter als sein Gegner, aber dieser stand außer sich und handelte instinktiv ohne Nachzudenken.





Die beiden Männer kamen sich immer wieder gefährlich nahe und Paul ging langsam die Puste aus. Er nutzte einen Moment aus, in dem Adam so wirkte, als wäre er wieder gefasster, und forderte ihn zur Aufgabe auf.





Doch Adam reagierte zuerst nicht in seiner Rage. Paul packte ihn fest am Arm und brüllte ihn eindringlich an: "SCHLUSS JETZT - HÖR AUF!!!", erntete dafür aber lediglich einen heftigen dumpfen Schlag in die Rippen, der die beiden Kämpfer wieder auf Abstand brachte ...





... doch zu ungunsten für Adam. Eine geschickte Bewegung seines Herausforderers und er hatte ausgespielt. Er spürte Pauls spitze Klinge an seinem Hals, die seine Haut immer tiefer unangenehm eindrückte und atmete wie eine Dampfmaschine. Langsam ließ er seinen Säbel sinken. "Na los, komm - stich zu! Dann hast du ein Problem weniger auf der Welt!", sagte er bitter. Es kam beiden vor, als stünde die Zeit still und sie würden eine Ewigkeit in dieser Position verharren. Adam breitete schließlich seine Arme aus, ließ seine Waffe fallen und schloss die Augen. Außer dem Zirpen einiger Grillen und den Atemgeräuschen beider Männer war es gespenstig still auf dem Hof …





Plötzlich kam Jessica aus dem Haus gestürmt: "PAUL! ADAM! Kommt schnell - Sean ist bewusstlos und krampft ganz schrecklich!" Paul starrte zuerst Jessica und dann Adam an, schmiss seinen Säbel auf den Boden und lief dann wie in Trance ins Haus. Adam sah für einen Moment den Boden unter sich aufgehen und tat einen direkten Blick in die Hölle. Sean! Dann rannte auch er hinterher.

*





"Wir sollten ihn über Nacht zur Beobachtung im Krankenhaus behalten und einmal komplett durchchecken, aber so wie es ausschaut, war es nur ein gewöhnlicher Fieberkrampf, sowas ereilt viele Kinder und sieht zwar schrecklich aus, ist aber normalerweise nicht gefährlich.





Und wie Sie sahen, schläft er ja bereits wieder und atmet dabei ganz gleichmäßig. Dem geschwollenen Kieferbereich nach zu urteilen, wird es sich wahrscheinlich um Parotitis epidemica handeln, eine Viruserkrankung, die im Volksmund "Mumps" genannt wird." Als Paul den Verdacht von Doktor Blythe hörte, fühlte er gleißende Angst durch seinen Körper kriechen. Ausgerechnet Mumps! Die Krankheit, die in seiner Kindheit der Auslöser für seine heutige Sterilität war. Naike sah ihn an und wusste genau, was er dachte. Sie legte ihre Hand beruhigend auf seine Schulter, aber er schüttelte sie ab, als würde er sich vor ihr ekeln wie vor einer kalten Schlange.





"Wer kommt denn jetzt nun mit, wir müssen losfahren, ich habe noch andere Patienten. Diese Nacht ist irgendwie der Wurm drin", sagte Doktor Blythe müde. "Ich will ja nicht neugierig erscheinen ... was auch immer hier sonst noch abgegangen ist, das ist ihre Sache, aber neben ihrem Sohn sehe ich hier noch zwei Verletzte und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich ebenfalls in Behandlung begeben sollten, mit Schnittwunden ist nicht zu spaßen."





Adam war der Meinung, dass ein Pflaster reichen müsse und stieg nur in den Krankenwagen, um Sean ins Krankenhaus zu begleiten. Paul reagierte überhaupt nicht auf Ansprache und starrte einfach nur vor sich hin, was Gilbert sehr besorgte, aber ohne Zustimmung des Patienten konnte er nichts machen, wenn er sich nicht gerade in einer Gefahr befand, die ihn zum Handeln gezwungen hätte. "Paul? … Es tut mir leid", sagte Naike leise und eine kleine, heiße Träne rollte über ihre rechte Wange. Dann wandte sie sich mit gesenktem Kopf ab, stieg mit in den Krankenwagen und sie fuhren durch die dunkle Nacht davon.

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Gegen Morgen brachte Carla von Doberschütz ihre Tochter Henriette zur Welt und bereits am nächsten Tag war ihr neues Heim bezugsfertig, Veto Alvarez hatte Wort gehalten. "Jess, du machst Witze, ein Strandhaus? Mit allem drum und dran? Ja, wie reich ist der denn?" - "Tja ...", antwortete Jessica, Glück muss man haben ..." - "Das ist aber ein sehr eingeschränktes Glück, Jessica, ich gehe mal davon aus, dass Carla sich alles ein bisschen anders vorgestellt hat", schmunzelte Naike. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Mitbewohnerin und fuhr in die Kaserne nach Hohenfelde. Paul hatte sie seit jener Nacht nicht mehr gesehen, er hatte ein wenig Wäsche und seine Zahnbürste in einen Koffer gepackt und nächtigte vorerst in Blauseidigheide, wo er nun eh rund um die Uhr im Einsatz war.

Sean war nach seinem Krankenhausaufenthalt wohlbehalten wieder zuhause eingetroffen, es hatte sich tatsächlich nur um einen Fieberkrampf gehandelt, aber jetzt war auch Abilene betroffen. Naike und Jessica waren mit ihren Nerven am Ende, als die beiden Racker endlich wieder auf ihren Beinen standen, und zur Krönung fand plötzlich überraschend ihre Alterung statt. Während Jessica diesen Vorgang natürlich als völlig normal empfand, war es für Naike wie auch beim ersten Mal ein Schock, denn in der Welt, aus der sie kam, lief das ja nun doch ein wenig anders.

*





Carla stand minutenlang sprachlos mit ihrer neugeborenen Tochter vor ihrem neuen Heim und konnte kaum glauben, was sie da sah. Bei aller unschönen Entwicklung, aber das war der absolute Hammer!





In so einem schönen Haus hatte sie noch nie zuvor gewohnt. Und außerdem war sie nun auch noch direkte Nachbarin ihrer Freunde. "Na, Henriette, was meinst du? Wagen wir den Neuanfang?" Die kleine Henni kuschelte sich noch ein bisschen mehr an ihre Mama und schlief dann in ihrem Arm ein. Carla ging ins Haus, bestaunte es von innen und legte ihr Baby dann in die bereitstehende hübsche Wiege. Dann setzte sie sich an den Computer im Schlafzimmer und sah ihre Mails durch. Neben den üblichen rauen Mengen Spam befand sich darunter auch eine Nachricht von "IndianaJones74", was ihr sogleich einen freudigen Schrecken einjagte. Er wollte sie treffen, so bald es ging! Und die junge Mutter entschied sich, es zu wagen, denn sie hatte ihrem Chat-Partner in den vergangenen Monaten alles erzählt, was ihr widerfahren war, und wenn er sich jetzt dennoch mit ihr treffen wollte, schien es ihm offenbar nichts auszumachen, dass sie gerade ein Baby bekommen hatte.

*





Gleich am nächsten Nachmittag ließ Carla die kleine Henni in der Obhut eines lieben Kindermädchens und fuhr mit klopfendem Herzen zur Naniwa Sushi Lounge, wo sie sich mit "IndianaJones74" zum Blind Date verabredet hatte. Sie hatten keine Fotos ausgetauscht, deshalb war die ganze Sache besonders spannend. Erkennungszeichen war ein Reiseführer über Japan, den sie beide besaßen, wie sie zuvor herausgefunden hatten.





Als sie eintraf, war es noch ziemlich leer im Naniwa ...





... von einem wenigstens halbwegs attraktiven Single in ihrem Alter war weit und breit nichts zu sehen.





Sie setzte sich an die Bar und sah sich plötzlich Doktor Gilbert Blythe gegenüber sitzen, der ihr bei der Entbindung von Henni geholfen hatte.





"Hi, so schnell sieht man sich wieder, alles klar mit Ihnen und Henni?" - "Danke der Nachfrage, es geht uns prächtig, ich komme morgen noch mal zur Nachuntersuchung!" - "Gerne. Was treibt Sie her? Sie sitzen hier so einsam, das kann doch nicht richtig sein." – Carla errötete. "Ich bin verabredet und hoffe, dass mein Date gleich kommt", sagte sie frei heraus.





Auch Gilbert war zum Glück nicht weniger ehrlich. "Ja, so ein Zufall … ich auch! Ich wollte es mal wagen, mich mit einer Frau aus dem Internet zu verabreden. Ein Abenteuer, ich weiß, aber man sollte nicht immer nur arbeiten und dabei die anderen schönen Dinge im Leben vergessen." Carla nickte völlig perplex, holte ihren Reiseführer aus der Tasche, legte ihn gut sichtbar auf die Theke und biss sich ein wenig verschüchtert auf die Unterlippe. Doktor Blythe starrte auf das Buch, kratze sich überrascht am Kopf und legte dann sein Exemplar daneben. Und dann mussten sie auf einmal herzhaft lachen und erst einmal auf die Überraschung anstoßen.





Es wurde ein für beide interessantes erstes Date, man hatte einen ähnlichen Geschmack, und Doktor Blythe erzählte von seinen bisherigen Reisen, was Carlas Herz vor Begeisterung zum Hüpfen brachte, denn sie wollte für ihr Leben gern auch viele fremde Länder kennen lernen.





Schnell waren sie beim Du angekommen. "Weißt du was? Wir lernen uns jetzt erstmal in Ruhe ein bisschen mehr kennen, warten, bis Henni ein Stück gewachsen ist und wieder Frieden herrscht, und wenn wir uns dann noch mögen, fliegen wir zusammen nach Japan und essen Sushi soviel wir mögen, direkt vor Ort, ok?!" Gilberte zwinkerte Carla, die so entspannt lächelte wie lange nicht mehr, fröhlich zu und übernahm dann wie ein richtiger Gentleman die Rechnung.





Sie nahmen sich ein Taxi, setzten mit der Fähre über, und Gilbert brachte seine neue Eroberung noch bis vor ihre Tür. „Also dann, vielen Dank für den angenehmen Nachmittag!" - "Ich kann noch immer gar nicht glauben, dass ausgerechnet du der "IndianaJones74" bist!", scherzte Carla, und Gilbert zeigte ihr daraufhin mit einer geschickte Geste, wie er durchaus in der Lage war, eine Peitsche zu schwingen, um damit vielen fiesen Schlangen und anderem Getier den Garaus zumachen. Das Gelächter der beiden wurde jedoch jäh von Melissa Fuller unterbrochen, die alles andere als fröhlich aussah und ungeduldig gewartet hatte, um auch endlich mal etwas sagen zu können. „Äh, darf ich Sie mal kurz stören?“, räusperte sich die Nachbarin und überbrachte eine Nachricht, die schlechter nicht sein konnte.





“Haben Sie schon gehört, Fräulein von Doberschütz und Herr Doktor, ab sofort werden sämtliche Männer unter 45 Jahren als Reservisten eingezogen und ins Krisengebiet ausgeflogen!!", erzählte Melissa aufgeregt wie ein Wasserfall und aus Carlas vormals roten Freudenbäckchen wich im Nu jegliche Farbe. Auch dem Doc stand der Schreck ins Gesicht geschrieben. Er wusste zwar, dass er als Arzt einen Sonderstatus hatte und man ihn nicht einziehen, sondern lediglich zur Betreuung der Heimkehrer einsetzen würde, da die Inselbewohner ansonsten ohne medizinische Versorgung wären, aber er dachte mit Grausen daran, wie viele Frauen mit und ohne Kinder nun mit völlig unbestimmter Zukunft zurückbleiben mussten.

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Seit sechs Tagen trug Paul nun schon dieses lästige Gipspflaster. Es drückte so unangenehm, dass er die letzten Nächte kaum hatte schlafen können, nicht mal die vergangene in seinem eigenen Bett – die letzte Nacht daheim, obwohl er nicht einmal wusste, ob es überhaupt noch sein Heim war. Wütend riss er das lästige Ding ab, obwohl Doktor Blythe eigentlich mindestens zwei Wochen Tragezeit angeordnet hatte.





Seine Nase sah überraschend gut aus. Ohne das Pflaster tat sie auch nicht mehr halb so weh. Nur die linke Seite seiner Brust schmerzte ihn noch beim Atmen, aber es führte kein Weg daran vorbei, heute ging es los. Keine Zeit mehr für Schonung, die angebrochene Rippe würde schon wieder heilen, wenn er ein bisschen auf sich Acht gab, macht er sich selbst Mut. Paul seufzte tief und verließ dann zielstrebig das Badezimmer.





Er versuchte nun, die gedrückte Stimmung im Haus mit künstlich guter Laune aufzubessern. Aber Abilene weinte in Naikes Armen und Sean wirkte wenig überzeugt von den großartigen Worten seines Stiefvaters, dass Männer nun mal dazu berufen wären, um Frieden zu kämpfen, wenn es denn sein musste. Der Junge hatte ebenfalls in der Nacht zuvor kein Auge zugemacht, nachdem er sich von seinem Vater Adam Tallis hatte verabschieden müssen, ohne zu wissen, ob er ihn je wieder sah.





Naike bemühte sich Jessica zu beruhigen, die jetzt auch noch zu weinen begann und wie üblich wieder einmal mehr Theater machte, als eigentlich nötig, und damit den Kindern noch zusätzlich Angst einjagte. "Ich bin doch gleich wieder bei euch, Jess, wir werden das gemeinsam schon schaffen, ja?!" Jessica jammerte laut. Abilene drückte ihren Vater noch fester an sich. So sehr, dass es ihm fast das Herz brach, sein kleines Mädchen zurücklassen zu müssen.





Dann verließen die beiden Generäle schnellen Schrittes die Simlane 10 und stiegen in den bereits wartenden, laut knatternden Hubschrauber, der sie nach Blauseidigheide bringen sollte.





Sean fühle sich wie taub und ganz leer, denn geweint hatte er in der Nacht bereits genug.





Mit rauschendem Getöse hob der Hubschrauber ab.





Kaum zehn Minuten eisigen Schweigens später sahen Naike und Paul bereits Blauseidigheide unter sich ...





... die ehemalige Kaserne, die ihren Betrieb inzwischen wieder hatte aufnehmen müssen.





Waren das da unten etwa Albert und Gerda Kappe? Naike stand bereits jetzt der Schweiß auf der Stirn.





Während Paul gleich sein Büro aufsuchte, um die letzten Vorbereitungen zu treffen, ließ sie für einen Moment alt vertraute Umgebung auf sich wirken. Hier hatte sie einst zusammen mit Nicolas, Joseph und Julia eine Woche Bootcamp wegen eines Verstoßes gegen die nächtliche Sperrstunde verbracht, die damals wegen der Suche nach einem Serientäter verhängt worden war. Trotz aller Anstrengungen war es eine vergnügliche Woche gewesen, an die sie gerne zurückdachte. Aber nun wirkte alles ganz anders, es gab keine Werkbänke mehr und auch keine Fitnessgeräte. Hier wurde sich nun auf eine harte Mission mit noch völlig offenem Ausgang vorbereitet.



Kapitel 35 - Scharfe Klingen
Kapitel 37 - Muss i denn zum Städele hinaus ...