 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
            |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 | Kapitel 53 - Verfrühte Frühlingsgefühle |
|
|
|
|
|
|
|
Zögernd setzte Naike einen Schritt vor den anderen und bewegte sich langsam auf das leicht offenstehende Fenster zu, aus dem helles, milchig-graues Licht schien. Aus dem Inneren des Hauses drängte gepresstes Keuchen an ihr Ohr. Sie horchte für einen Moment, dann glitt sie mühelos durch die Scheibe, die einen kühlen Schauer auf ihrer Haut hinterließ.
|
|
|
|
|
|
“Los, zieh dich aus! Hier wird brüderlich geteilt.“ Adam grinste schräg.
|
|
|
|
|
|
Naike wich einen Schritt zurück, doch bevor sie protestieren konnte, hatte Joseph sie bereits gepackt, halb verschlungen und nahm ihr den Atem. „Naike? Hey, was ist los, stimmt etwas nicht?“, hörte sie Adam Stimme aus weiter Ferne …
|
|
|
|
|
|
“Ist etwas nicht in Ordnung, Schatz? - Mensch, jetzt sag doch mal was!”, rief Adam besorgt, nachdem sich seine Frau nach einem kleinen Mittagsschläfchen ruckartig aufgerichtet hatte und nun verwirrt an ihm vorbei starrte. “Äh ... nichts ... gar nichts. Hab nur so’n Quatsch geträumt”, schüttelte sie sich, um auch die letzten Traumfetzen noch loszuwerden. “Klingt spannend”, grinste Adam, “ich muss dich aber jetzt bitten, dich schnell anzuziehen, Pfarrer Kappe steht unten im Flur und “qualmt” aus mir unbekanntem Grund. Er will unbedingt mit dir persönlich reden.”
*
|
|
|
|
|
|
“Hallooo? Geht’s noch lauter?”
|
|
|
|
|
|
„Was ist los, häh?“, fragte Adam genervt. „Er behauptet, dass Sean …“ „Ja, ganz genau, ich habe ihren Sohn mit meiner Tochter Elvira erwischt!“, erklärte Albert Kappe noch einmal hoch entzürnt.
|
|
|
|
|
|
“Moment ... was genau meinen Sie mit “erwischt”?” “Ich war nicht dabei, mein Sohn Hans informierte mich eben über den ungeheuren Vorfall, als ich aus der Kirche kam. Ihr Junge hat meiner Tochter just in dem Augenblick, als Hans die Treppe hinunter kam, im Kinderkeller einen Kuss gegeben!!”
|
|
|
|
|
|
Sean presste lauernd sein Ohr gegen die Tür.
|
|
|
|
|
|
„Einen Kuss, sagten Sie?“ Adam bemühte sich sehr, ein aufkommendes Grinsen zu unterdrücken. „Ganz genau! Und das in dem Alter! Ich kann nicht länger zulassen, dass sich Ihr Sohn meiner Tochter nähert und verbitte mir deshalb jeden weiteren Kontakt.“ Alberts Wangen glühten vor Zorn.
|
|
|
|
|
|
“Mein lieber Herr Pfarrer”, sagte Adam mit todernster Miene und nahm die Hand seines Gegenübers beschwichtigend in seine, “ich bin Ihnen äußerst dankbar, dass Sie uns diese Unerhörtheit umgehend berichtet haben, das macht uns sehr betroffen. Aber wir sollten jetzt besonnen sein und keine voreiligen Verbote setzen, schließlich sind die Kinder schon lange befreundet. Also, wenn ich wüßte, woher er das nur hat? Ich werde Sean die Leviten lesen, darauf können Sie sich verlassen.” Albert nickte verblüfft, aber dann hochzufrieden. Naikes Miene verriet ausschließlich Verblüffung.
|
|
|
|
|
|
”Mein lieber Herr Pfarrer!” Sean gelang zunächst ein lautloses Lachen, stürzte sich dann aber in ein Kissen, um sein Mithören nicht doch noch zu verraten.
|
|
|
|
|
|
Albert hatte sich nach Adams Ansprache umgehend wohlwollend empfohlen und die Simlane 10 inzwischen wieder verlassen. “Das war doch jetzt nicht dein Ernst, oder?!”, fragte Naike irritiert. “Bloß ein Kuss? Deswegen braucht der doch nicht so ein lächerliches Theater zu machen!”
|
|
|
|
|
|
Der zuvor unterdrückte Lacher platzte aus Adam heraus. “Was war unser vorrangiges Ziel, Naikilein, hm?!” “Albert loswerden?” “Bingo!”, kicherte Adam. “Und wie kann man das auf schnellstem Wege?” “Jemandem beipflichten? Sich quasi “verpachten”?” “Ganz genau. Nicht immer ist klein beizugeben der richtige Weg, aber manchmal erspart es einem viel Ärger!”, erklärte er weise. “Die Therapie schlägt an!”, jubelte Naike. “Ha ha, solche Binsenweisheiten kannte ich auch schon vorher.” Adam rollte mit den Augen. “Na, schön, dass du dich jetzt so freust”, bemerkte Naike trocken, da sich sein Grinsen zementiert zu haben schien. “Nicht darüber”, meinte er. In ihrem bunten Gedankengemisch klickte es. “Ah, er ist nicht schwul, das denkst du jetzt, oder?!” “Hihi”, zwinkerte Adam fröhlich. “Zumindest ist die Wahrscheinlichkeit gesunken.” “Fein, dann darf er jetzt wieder tanzen?” Naikes Augen weiteten sich erwartungsfreudig.
|
|
|
|
|
|
“Von wegen, nix da! Bleib mir bloß von der Pelle mit dem Scheiß!” “Das ist voll unfair!! Du hast gesagt, es liegt dir daran, dass ...” “Basta”, unterbrach Adam sie schroff, ging dann quer durch das Wohnzimmer zu seinem Flügel und haute für die nächste Viertelstunde die Rhapsody in Blue in die Tasten.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Jessicas Neugier kannte wie eh und je kein Alter. “Sag mal, Sean, ist die kleine Elvira denn jetzt nun deine feste Freundin?” “Also, Jessi, bitte!” Naike schüttelte verständnislos den Kopf.
|
|
|
|
|
|
Doch ihrem Sohn schien die Frage nichts auszumachen. Frei von der Leber weg schilderte er seiner Wahl-Oma sämtliche Details des Dates und ließ sich selbst durch mehrmaliges Einschreiten seiner Mutter nicht davon abhalten, den kruden Mix aus Wahrheit und ordentlich Füllwatte großzügig vor den erwachsenen Damen auszubreiten.
|
|
|
|
|
|
“Aber warum küsst du sie denn, wenn du nicht mit ihr gehst?”, bohrte Jessica nach. “Weil sie schon mit Guido zusammen ist”, erklärte der 12jährige ungerührt. “Weiß ihr Vater das denn?”, fragte Naike überrascht. “Nö, glaub nicht, aber ... mein Gott ... wir tun ihr doch nix! Sie ist noch Jungfrau und wird es auch bleiben, Guido und ich haben schließlichen ‘nen Ehrencodex ...” Jessica erblasste. Naike stand sich räuspernd auf, packte ihren Sohn am Kragen, schubste ihn, während Jessica affektiert über die heutige Jugend klagte, die Treppe hoch Richtung Adams Arbeitszimmer. Sollte der sich doch damit weiter befassen!
|
|
|
|
|
|
Und das tat er auch. In Sachen Ballett hörte Sean nicht auf seinen Vater, in allen anderen Belangen jedoch schon. Adam führte mit ihm das schon lange überfällige Aufklärungsgespräch, und es gelang ihm erstaunlich einfühlsam. Der reifende Junge fühlte sich danach noch enger mit seinem Vater verbunden und ließ sich sogar begeistern, sich im Boxen zu verbessern. Ein Sport, den Adam für seinen Sohn bestens geeignet hielt.
|
|
|
|
|
|
Doch sobald er das Haus für jeweils längere Zeit verlassen hatte, trug Sean mit Naike, Jessi oder Nat die portable Ballettstange in sein Zimmer und trainierte eifrig und hochkonzentriert. Gab es keine günstige Gelegenheit, nutzte er die Vorrichtung, die Paul für ihn in seinem Flur angebracht hatte.
|
|
|
|
|
|
So war zwar alles zwar etwas umständlich, aber gelang reibungslos.
|
|
|
|
|
|
Er verbesserte sich von Tag zu Tag und konnte sich inzwischen bereits in freiem Tanz üben, der ihn eines Tages zur Bühne bringen würde.
|
|
|
|
|
|
“Um Punkt neunzehn Uhr bist du zuhause, nicht noch bei Elvira vorbei. Papa hat bis halb acht Therapiestunde, dann ist er im Handumdrehen hier, das weißt du”, mahnte Naike.
|
|
|
|
|
|
“Geht klar, Mams”, versicherte ihr Sprössling. “Ich ziehe mich etwas früher um, dann schaffe ich das.”
|
|
|
|
|
|
Naike küsste ihn zum Abschied zärtlich. „Viel Spaß, Mausbär, ich bin stolz auf dich!“ „Mausbär? Maman, das will ich nicht mehr hören, hab ich doch schon gesagt“, schimpfte Sean und stampfte mit dem Fuß auf. Seine Mutter lachte. „Bist du das denn wirklich nicht mehr, bloß weil du wächst? Für mich bleibst du für immer mein kleiner Süßer, da kannst du gar nichts dran drehen.“ „Das darfst du denken, aber nicht laut sagen, ok?!“ Jetzt grinste er und kuschelte sich noch einmal innig in die langen Arme, die ihn fest umschlungen hielten, bevor er sich seine Balletttasche schnappte und auf den Weg machte.
--------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Eines Morgens erhielt Jessica den Brief von der Behörde aus Thionville, auf den sie schon so lange gewartet und von dem sie sich Aufschluss über Nathaniel Tallis erwartet hatte. Doch als sie damit auf ihr Zimmer eilte, um ihn zu lesen, klingelte das Telefon. Ein dicker Schreck durchzuckte ihre Glieder, sie warf den Brief auf den Küchentresen und bemerkte nicht, dass er dabei sein Ziel verfehlte und zu Boden segelte. “Armin, ich ... ich weiß nicht, ich glaub, ich bin noch nicht soweit”, flüsterte sie verschämt in den Hörer. Shakespeare tapste während des Gesprächs heran, schnüffelte, nahm den Brief ins Maul und trug seine Beute nach draußen in die kleine Hütte. Dort zerfetzte er ihn mit großem Vergnügen in tausend Teile und bettete sich gemütlich auf das, was davon übrig geblieben war.
|
|
|
|
|
|
Während Jessica anschließend zerstreut durch das Haus wuselte und gedankenverloren mal hier mal da etwas wegräumte oder abstaubte, hatte sich Armin seinen Mantel übergezogen und auf den Weg zur Simlane 10 gemacht, wo er dort angekommen ausgerechnet auf den ungünstigsten Ansprechpartner traf. Zögernd streckte er Adam die Hand entgegen. “Hallo, Monsieur Tallis. Ich vermute, Sie kennen mich noch?”
|
|
|
|
|
|
Adam erwiderte den Gruß nicht, sondern starrte mit unbeweglicher Miene in Armin Sims’ stahlblaue Augen, die ihm alles andere als Wohlgefühl verschafften. “Ich denke ja. Aber ich möchte nicht behaupten, dass ich diese Erinnerung begrüße”, antwortete er dann so kalt, dass es dem Schnee um die beiden Männer herum Konkurrenz machte.
|
|
|
|
|
|
“Hören Sie, lehnen Sie mich ab, ich bin das eh gewohnt. Sie wissen ja sicher ebenfalls wie schwer es ist, wieder Fuß zu fassen, wenn man im Gefängnis war. Aber bitte tun Sie mir nur einen einzigen Gefallen und lassen mich dieses eine Mal ins Haus, ich muss mit Jessica sprechen”, bat Armin eindringlich.
|
|
|
|
|
|
„Eher würde ich die Landesversammlung der Modernen Jesus-Nachfolger in meinem Haus dulden“, erwiderte Adam abschätzig und bemerkte, wie sich seine Fäuste wie von selbst ballten. Wie dreist war dieser Kerl, nach allem, was einst geschehen war und den ganzen Schwierigkeiten, die er ihm bereitet hatte, plötzlich nach Jahren um Einlass zu bitten? In Seans Zimmer hinter ihnen raschelte unhörbar die Gardine.
|
|
|
|
|
|
“Ich sag’ dir was, Sims.” Adam packte Armin am Kragen. “Wenn Jessica so dumm und naiv ist, sich mit dir irgendwo in der Pampa zu treffen und alte Zeiten zu beweinen, werde ich das nicht verstehen, aber es soll mir Recht sein. Aber über diese Schwelle hier wirst du keinen Fuß setzen, sonst wirst du dir sehnlichst wünschen, im Knast geblieben zu sein!” Armins Hände zitterten aus einem Gemisch von Angst, Kälte und Enttäuschung. Er schlang die Arme um seinen frierenden Körper, wandte sich ab und schritt durch die wenigen Zentimeter Schnee, die den Boden frisch bedeckten, in die entgegengesetzte Richtung, aus der er zuvor gekommen war. Jessica ließ sich auf Seans Schreibtischstuhl niedersinken und verblieb dort mehrere Minuten unbeweglich in Schockstarre, bevor sie sich wieder erhob ...
|
|
|
|
|
|
... und willenlos an Naike vorbei auf den Küchenschrank zusteuerte und ihr geliebtes Helferlein in schweren Stunden, den Eierlikör, diesmal gleich aus der Flasche trank.
|
|
|
|
|
|
“Jessi, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber sogar unsere Leser machen sich bereits Sorgen über deinen zunehmenden Alkoholkonsum. Was ist nun wieder los, hm?!” “Welche Leser?”, murmelte Jessi matt, interessierte sich aber überhaupt nicht für eine Antwort, was Naike von vornherein klar war, sonst hätte sie sich eine solche Bemerkung niemals erlaubt. Aber so hatte sie sie sich nicht verkneifen können.
|
|
|
|
|
|
“Dein Gatte hat gerade Armin vertrieben und das zurecht”, erklärte sich Jessica betrübt. “Er will, dass wir uns treffen und mit mir sprechen. Aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist. Er ruft dauernd an und drängelt mich.” Äußerst überrascht sah Naike ihre langjährige Freundin an. “Mensch, warum hast du mir nicht längst davon erzählt??” “Ach, ihr habt doch ganz andere Sorgen im Moment”, seufzte Jessi. Naike nahm ihr behutsam die Flasche aus der Hand und zog sie ins Wohnzimmer. Nach einigen Minuten des Schweigens kam ein Gespräch zustande, das Jessica wenigstens ein bißchen stärkte und zuversichtlicher stimmte.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Was redete ihre Mitbewohnerin da eigentlich? Naike fühlte sich keineswegs besorgt, im Gegenteil, sie freute sich auf ihr Wunschbaby, Adam war guter Dinge, Sean machte in jeglicher Hinsicht Fortschritte – was sollte es zu klagen geben? Mal ab und an ein Alptraum zwischendurch war nun wirklich keine große Sache! Oder doch? Einige Zeit später, endlich war der Schnee geschmolzen, betrat Joseph noch im warmen Pullover, aber bereits mit fröhlicher Miene das Haus und strahlte seine Schwägerin an, als wäre er persönlich der keltische Frühlinsgott.
|
|
|
|
|
|
“Steht dir mal wieder gut, das Baby”, bemerkte er charmant, griff nach Naikes Händen und streichelte sie liebevoll. “Los, zieh dich aus! Hier wird brüderlich geteilt.“ Hatte er das jetzt tatsächlich gesagt oder war es Einbildung? Nichts hatte Joe gesagt, doch alleine die Erinnerung an diesen blöden Traum von früher, den sie in letzter Zeit öfter in verschiedenen Variationen träumte, ließ sie zusammenzucken und von ihm weichen.
|
|
|
|
|
|
„Was ist los, stimmt etwas nicht“, wunderte sich Adams Bruder über den jähen Entzug. Schließlich hatte sie ihn doch am Weihnachtsabend noch geküsst! „Es ist nichts, ich … ich sag Adam Bescheid, dass du da bist ok?! Ich wolltet saunieren, oder?!“
|
|
|
|
|
|
“Komm, erzähl mir nix, du hast irgendwas, so’n grober Klotz bin ich nun auch nicht, dass ich das nicht spüre. “Joe, bitte ...”, bat Naike eindringlicher und drückte ihn von sich weg, was er jedoch als Einladung zu sehen schien, sie noch ein wenig näher an sie heranzuziehen. “Hey, du hast doch nicht etwa Angst vor mir? Ich liebe dich, das weißt du doch.”
|
|
|
|
|
|
Naike riss Augen und Mund gleichzeitig auf, doch Joe unterband jegliches Protestgebaren umgehend mit einem leidenschaftlichen Kuss, bei dem ihr Hören und Sehen verging.
|
|
|
|
|
|
Japsend taumelte sie zurück in ihre Ausgangsposition, nachdem ihr Schwager seinen Griff wieder gelockert hatte. “Joe, verdammt!! Was soll das???” “Tschuldigung”, murmelte er verlegen, “wollte dich nicht verstören.” Naike schüttelte schmunzelnd den Kopf und suchte dann schnell das Weite. Aber nicht ohne seinen Duft in der Nase, der sie ein wenig schwindeln ließ.
*
|
|
|
|
|
|
“Kuckuck, da bin ich!” “Selber Kuckuck”, brummte Adam, “mach schnell die Tür zu, sonst ist die Hitze draußen.” “Cool, dass ihr jetzt die Sauna und den Pool habt, da komme ich öfter.” “Übertreib’s bloß nicht”, scherzte sein älterer Bruder.
|
|
|
|
|
|
“Wann kommt Naike denn endlich?”, wollte Joe bereits nach fünf Minuten wissen. “Naike und Sauna? Das wirste mit so großer Wahrscheinlichkeit erleben, wie ein Eskimo auf Hawaii. Sie hasst krasse Temperaturen und deren Wechsel erst recht.” Joseph wirkte enttäuscht, was Adam nicht entging, er griff sich an die Brust und legte seinen Kopf schief. “Vergiß es, mein Herz, sie läßt dich eh nicht ran, ich bin einfach zu gut.” “Pah, wir werden sehen”, blaffte Joe und streckte ihm die Zunge raus. “Lass das mal nicht das Evchen hören!” “Meiner Liebe zu Eva-Maria täte das keinerlei Abbruch”, kommentierte Joseph trocken. “Hört, hört!” “Nee, echt jetzt, alles läuft bestens zwischen uns, bald bin ich auch noch mal Papa.” “Ach, tatsächlich?? Na, dann herzlichen Glückwunsch! Ist ja prima, wenn die Kleinen dann zusammen spielen können!”
|
|
|
|
|
|
“Hättest du gedacht, dass wir es mal so weit bringen werden? Familienväter – wir beide!”, staunte Joseph über die bisherigen und neuesten Entwicklungen. “Nee, hätte ich nicht gedacht, welch ein Glück! Und Glück sollte man auch nicht durch kurzweilige Ideen wieder aufs Spiel setzen. “ Joe wirkte für eine Weile nachdenklich. “Wie läuft’s denn im neuen Job”, wechselte Adam das Thema, aber sein Bruder schien darüber nicht reden zu wollen. Plötzich öffnete sich erneut die dicke Holztür.
|
|
|
|
|
|
“Oh, ich bitte vielmals um Entschuldigung, wußte nicht, dass hier schon besetzt ist.” “Kein Problem, wenn du schnell die Tür wieder schließt”, lud Adam Nathaniel ein, der dieser Bitte sofortigst nachkam.
|
|
|
|
|
|
Er setzte sich so weit wie möglich abseits seiner beiden Brüder, die inzwischen wie die Ackergäule schwitzten. „Wo waren wir stehen geblieben?“ „Du hattest von Sex geredet, lieber Joe“, meinte Adam. „Irrtum, von Liebe war die die Rede.“ „Ja, klaaar. Frag doch mal Nat, ob er nicht auch noch bei dieser „Liebe“ mitmachen will. Irgendwie scheinen wir doch von einem Schlag, oder nicht?!“, triezte Adam Joe. Nathaniel fuhr der Schrecken durch sämtliche Glieder, was er jedoch verbergen konnte.
|
|
|
|
|
|
Als Adam ihn frei heraus ansah, merkte er jedoch, dass es sich bloß um eine Zufallstreffer gehandelt haben musste, denn er wirkte ahnungslos. “Um was genau geht es?”, fragte er die beiden zurückhaltend ...
|
|
|
|
|
|
... als zum dritten Mal die Tür aufging und Sean hereingewieselt kam. “Hach, wirklich schön warm hier, Maman hatte Recht.”
|
|
|
|
|
|
“Mensch, mach die Tür zu, sonst ist gleich alles wieder beim Teufel”, befahl Adam langsam genervt und nahm sich vor, beim nächsten Mal besser wieder alleine zu saunieren. “Aber dann wird es zu heiß, ich krieg jetzt schon kaum noch Luft. Kommt schwimmen, ja?!” “Mein Junge, draußen hat es keine zehn Grad, du solltest dich besser gut aufheizen, bevor du ins Becken hüpfst.” Sean schlug den Rat seines Vaters in den Wind und ging schwimmen. Keine drei Minuten später flog erneut die Tür auf und ein 1,65 m großer Eiszapfen trat ein. Diesmal blieb er brav eine Weile neben Nathaniel sitzen, denn inzwischen war es durch die permanenten Türöffnungen auch nicht mehr ganz so heiß. Und dann ging es endlich in den Pool.
|
|
|
|
|
|
“Äh ...”
|
|
|
|
|
|
Für einen Moment befand sich Jessica im Glauben, zuviel Eierlikör getrunken zu haben, und schwor dem gelben Gebräu umgehend ab.
|
|
|
|
|
|
Doch gleich drei völlig unbekleidete Tallis-Männer und dazu noch ein halber, ließen sie ihren Entschluss dann doch wieder rückgängig machen. Das war einfach zuviel. Doch es kam noch schlimmer ...
|
|
|
|
|
|
„Hunger, Jessi?“, fragte Nathaniel freundlich, nachdem sie sich mit dem Aufgängen der Wäsche im Obergeschoss abgelenkt hatte und danach einen Kaffee aufbrühen wollte. „Nimm dir schnell einen Strammen Max, bevor wir uns die Reste komplett reinpfeifen, Sauna macht echt voll den Kohldampf!“
|
|
|
|
|
|
Eigentlich hatte das Jessica das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Egal auf welche Weise, aber um wenigstens etwas gesagt zu haben, bevor sie die Segel strich. Aber keinem einzigen Wort gelang es, sich einen Weg durch ihre trockene Kehle nach außen zu bahnen. Und es bemühte sich auch niemand, ihr eines zu entlocken, man ging wieder über zur Tagesordnung.
|
|
|
|
|
|
Sie wußte, dass es eine andere Generation war, die da so völlig ungeniert in der Küche hauste. Prüde war auch sie nicht, aber sie schätzte ihre Privatsphäre, was leider offensichtlich sonst niemanden interessierte.
|
|
|
|
|
|
“Huch, du liest ja einen meiner Romane!” “Sicher, warum nicht? Er ist echt spannend.” “Naike, es tut mir sehr leid, dir das ausgerechnet jetzt sagen zu müssen, aber ich ziehe aus. Besser jetzt als später, wenn ich mich schon zu sehr an euer Mädchen gewöhnt habe. Dann würde es sicher um so mehr schmerzen.”
|
|
|
|
|
|
“Jess, was zum Geier redest du da??? Was ist jetzt wieder passiert? – Komm, setz dich mal, mir ist gerade ein bißchen flau, möcht lieber liegen bleiben.” Jessica sang ihr Klagelied. Naike verstand ihren Unmut, aber nicht den daraus resultierenden Kummer. “Aber wo willst du denn hin?” “Ich find schon was”, schniefte die Seniorin “hab ich vor unserem Kennenlernen ja schließlich auch.” Naike seufzte. “Ich bitte dich von Herzen, es dir noch einmal zu überlegen. Wir könnten solche Sauna-Aktionen doch in Zukunft auch absprechen, dann machst du in der Zeit etwas aushäusig oder verkrümelst dich.” “Aber Ad meditiert auch auch klamottenfrei im Wohnzimmer!” “Dann bitte ich ihn, das zukünftig in unserem Schlafzimmer zu tun, ok?! Und falls du in einigen Wochen noch immer ausziehen willst, suchen wir schon mal jetzt nach Möglichkeiten, dann wäre es wenigstens keine Verzweiflungsaktion mehr, sondern wohlbedacht. Auch wenn ich mir dennoch immer wünschen werde, dass du in meiner Nähe bist, ja?!” Die beiden Frauen nahmen sich in die Arme und Jessica weinte ein bißchen.
|
|
|
|
|
|
Wieder leichter ums Herz ging Jessica in ihr Zimmer und dachte noch ein Weile nach. Diesmal nicht wirr, sondern relativ klar. Vorrangig war die Sache mit Armin zu klären - das Thema, welches ihr bedeutend schwerer auf der Seele lastete, als die Schwierigkeiten mit den wilden Tallis-Brüdern.
|
|
|
|
|
|
Sie entschied, sich nicht mehr zu verstecken, sondern baldmöglichst mit Armin zu treffen, komme was wolle. Weitere Erleichterung entspannte ihre Seele, denn nichts belastet bekanntlich mehr, als hin und her gerissen zu sein. Fremd hatte er ausgesehen, draußen im Schnee, in seinem dünnen Mantel, das Haar so lang. Aber es war tatsächlich ihr Armin gewesen. Der Mann, den sie einst so geliebt und trotz allem nie vergessen hatte, und der offenbar dasselbe auch für sie empfand.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
„Futtere doch nicht dauernd so viel von dem fettigen Zeugs, sonst bist du nachher so’n Kugelfisch wie damals nach Seans Geburt.“
|
|
|
|
|
|
„Sag sowas doch nicht.“ Naike wirkte trotz ihres hübschen Make-ups ziemlich geschafft und so gar nicht in ihrer Mitte. „Nicht wegen mir. Für dich wird’s doch dann wieder stressig mit der Turnerei. Will nur vorbeugen.“ „Schon gut, hast ja Recht.“ Sie legte die Chipstüte in Adams ausgestreckte Hand. Er brachte sie direkt zum Müll und setzte sich dann wieder zu ihr.
|
|
|
|
|
|
„Stattdessen knuddeln?“ Naike lächelte dünn. Vor wenigen Stunden hatte sie noch Joseph geknuddelt, wenn auch nicht ganz freiwillig. „Also, irgendwas stimmt doch nicht. Sag’s mir sofort oder ich drücke den Notfallknopf und lasse dich verhaften!“, drohte Adam zwinkernd und brachte sein betrübtes Mädchen damit zum Lachen.
|
|
|
|
|
|
Also gut, sollte er es doch ruhig wissen. Dass es keinen Notfall auslösen würde, wusste sie ja bereits. „Joseph hat mich heute wieder einfach so geküsst, ich will ganz offensichtlich was von mir.“ „Weiß ich doch“, kommentierte Adam das Geständnis und wunderte sich. „Und das macht dir jetzt Probleme? Musst doch nicht drauf eingehen.“ Naike beobachtete, wie die Flammen im Kamin genüsslich das frisch nachgelegte Holz vereinnahmten.
|
|
|
|
|
|
„Sag mal, träumst du etwa auch davon?“, kombinierte er messerscharf, als er sich an einige ihrer kleinen Schreckensmomente erinnerte, die definitiv erst nach Heiligabend aufgetreten waren. „Ja, manchmal. Es ist ein ganz alter Traum, der sich immer ähnlich zeigt, aber unterschiedlich endet“, erzählte sie wahrheitsgemäß. „Zuerst stehe ich auf meiner Terrasse. Damals, weißt du, als Joe und Julia noch bei mir lebten, nach deinem vermeintlichen Tod. Aus dem Fenster dringt ein Lichtschein, der mich magisch anzieht, und ich komme nie umhin hindurch zu schauen.“ „Und was dann?“, fragte Adam neugierig. „Ich glaube nicht, dass du das so gerne wissen willst“, grinste Naike. Ad ließ ihr keine Ruhe und bekam dann seinen Salat. „Pfui gacka“, sagte er angewidert, du bist ja eklig.“ „Na, hör mal, kann ich was dafür? Ihr seid es Schuld, mit eurer blöden Aktion an Weihnachten!“ „Aha. Und woher kam der Traum dann das erste Mal damals?“ „Öh ...“ Darauf wusste Naike keine Antwort. Adam lächelte süffisant.
|
|
|
|
|
|
„Aber stimmt das denn? Ich meine das mit dem Teilen, was Joe gesagt hat?“ „Ich küsse am liebsten dich“, wich Adam aus und zog seine neugierige Frau ganz nah zu sich heran. „Hör auf an meiner Nase zu lutschen und sag’s mir jetzt!“, forderte Naike trotzig. Doch wenn Adam etwas nicht sagen wollte, ließ er sich dazu auch nicht drängen.
*
|
|
|
|
|
|
„Sag jetzt, ich will es wissen!“ „Ja, ich liebe dich – und wie!“ „Nein, das meinte ich nicht.“ „Aber ist das nicht alles, was zählt?!“ „Schon, aber …“ „Wie, aber?“ Adam tat beleidigt. Naike knurrte.
|
|
|
|
|
|
„Du, ich kann nicht schlafen, wenn du dich permanent von eine Seite auf die andere drehst“, beschwerte sich Adam erschöpft. „Ich will es jetzt wissen!“ „Aaargh!! - Ohne das Baby würde ich dir jetzt den Hintern versohlen!“ „Blödes Baby“, mokierte Naike. „Nein, wunderbares Baby“, korrigierte Adam. „Ein großes Wunder wird sie sein!“ „Weiß ich doch auch.“ „Dann schlaf’ jetzt endlich, bald werden wir nicht mehr soviel davon kriegen.“ Er rollte sich auf seine Seite, Naike auf ihre. Hätte sie nicht den Großteil der Decke mit sich gezogen, wäre er damit zufrieden gewesen, aber so wurde ihm kalt. Er rutschte hinüber, schmiegte sich wie ein kleiner Junge an ihren warmen Körper und schlief dann schnell ein. Naike nicht. Aufgeregt dachte sie über die Idee nach, die ihr gerade gekommen war. Oft bargen Träume die Lösung für ein Problem im Alltag. Und ihr Traum schien ein solcher Schlüssel zu sein …
|
|
Kapitel 52 - Brisante Entscheidungen Kapitel 54 - Ein Kinderzimmer voller Geheimnisse
|
|
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
  |
 |
 |
 |
|
|