Kapitel 45 - Kalte Füße



Thionville/Frankreich am Donnerstagmorgen des 25. Juli im Elternhaus der Tallis-Geschwister ...





Adam brütete über der Dissertation seines Doktoranden ...





... und fragte sich gerade, wie sie bloß ausgerechnet auf ein derart langweiliges Thema gekommen waren, wo es doch zig andere, deutlich interessantere gab. Auf seinem Bücherregal und Schreibtisch hatten sich zig dicke Wälzer gesammelt, von Titeln wie "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" über "Kants Realismus" bis hin zu "Sufismus und Rumi". Das fand er neuerdings überaus spannend. Er hatte sich regelrecht mit einschlägiger Literatur verbarrikadiert und sprach recht wenig mit seiner Familie.





Deshalb reagierte er auch lediglich mit abweisendem Genuschel, als seine Schwester Nastassja ins Arbeitzimmer kam und ihn bei seinen hochphilosophischen Überlegungen unterbrach.





"Nicht jetzt, ich muss nachdenken“, wimmelte er sie barschen Tons ab. „Merde! - Siehste, jetzt ist es mir schon entglitten, verdammt!"





"Fahren wir jetzt am Samstag oder nicht, will ich jetzt endlich mal wissen?" - "Samstag? Wohin?"





"Hat Joseph dir die Einladung denn nicht gegeben?" - "Ich hab nicht den blassesten Schimmer, wovon du sprichst!" - "Na, Naikes Hochzeit, du Dodel!"





"Äh, Hochzeit? Mit wem?" Adam sah seine Schwester wie jemand an, dem gerade ein Geisterfahrer entgegen kam. "Also bitte, Paul natürlich." - "Aber ...", stotterte er, "warum hat Sean denn nichts davon erwähnt? Ich hab doch gestern noch mit ihm telefoniert."





"Was weiß ich, wahrscheinlich hast du wieder in anderen Sphären gehangen und ihm gar nicht zugehört, das spürt doch Junge doch selbst durch die Leitung!", warf ihm seine Schwester zu Recht vor. "Ich hab halt viel zu tun", bog Adam ab und wollte sich schon wieder an den Schreibtisch setzen.





"Pass auf, jetzt hörst du zur Abwechslung mal auf mich, kleiner Bruder", forderte Nasti plötzlich im Befehlston. Als er mit einem Piepvogel abwinkte, zitierte sie schnell seinen geliebten Rumi: "Du hast eine Aufgabe zu erfüllen. Du magst tun was du willst, magst hunderte von Plänen verwirklichen, magst ohne Unterbrechung tätig sein - wenn du aber diese eine Aufgabe nicht erfüllst, wird alle deine Zeit vergeudet sein."





"Wie bitte?", stutzte er einen Moment, denn das hatte er doch schon einmal irgendwo gehört. "Hast du noch alle Tassen im Schrank oder sind sie schon wieder rausgefallen?", wütete er dann los. "Soll sie doch ihren ... ihren ... ach, Brad Pitt oder sonst wen heiraten, das ist mir sowas von scheißegal!!!"





Nastassja seufzte und redete dann mit Engelszungen weiter auf ihn ein, doch er schüttelte nur völlig abweisend den Kopf. Und als es ihm zu bunt wurde, schob er sie mit Nachdruck zur Tür hinaus und knallte diese so fest zu, dass die alte Zarge gefährlich knirschte.





Unmittelbar danach musste sein Stuhl dran glauben, auf dem einst bereits seine Ahnen saßen, gegen den er mit voller Wucht trat. Er knallte mit der Lehne gegen die Blümchentapete und hinterließ in der Wand eine unschöne Delle, bevor er wieder in seine vorherige Position zurück kippte.





Adams Eingeweide verzogen sich zu einem einzigen Krampf.





"Den Geräuschen von oben nach zu urteilen, brauche ich gar nicht fragen, wie er reagiert hat, nicht wahr?!", schmunzelte Joe.





"In der Tat. Stattdessen wäre es wohl sinnvoller, schon mal einen Handwerker zu bestellen", meinte Nastassja sarkastisch. Eva-Maria und ihr jüngster Bruder sahen sie betreten an. "Was sollen wir jetzt machen?" - "Eins steht jedenfalls fest, Adam und Naike sind für einander bestimmt, doch beide solche Dickköpfe, dass sie das nicht merken", sagte sie weiter, um dann bitter hinzuzufügen, "ich habe versucht, ihn zu töten, damit sie sich nicht kriegen, und du hast ihn für tot erklärt, um sie ihm zu entfremden. Bekanntlich hat beides zum Glück nichts gebracht und wir uns mit schlimmer Schuld beladen. Ich glaube, dass jetzt die letzte Möglichkeit gekommen ist, es wieder gut zu machen. Wenn es überhaupt noch möglich ist nach all den Jahren."





Eva-Maria hörte schweigend zu und ließ die beiden Geschwister ungestört diskutieren. "Aber wie? Ich kann nicht mal mit zur Hochzeit, Nasti, du weißt doch, dass ich mit Eva morgen nach Spanien zur Beerdigung ihres Vaters fliege. Aber was viel problematischer ist, Adam hat aufgegeben! Und Naike wird ihn wohl kaum noch haben wollen, nachdem er sie wieder geschlagen hat.“ Nachdenklich sah er zu Boden. „Vielleicht ist es auch generell besser für ihn, wenn er alleine bleibt, er war schon immer ein einsamer Wolf. Wie sollte so jemand plötzlich zum Familienvater mutieren?" - "Indem er die Richtige trifft?", entgegnete Nastassja erstaunlich weise.
Endlich war es im Obergeschoss wieder ruhig geworden. Bis auf Milo, der fröhlich juchzend ein paar Bauklötze durch die Gegend warf, schwiegen sich alle ratlos an.

*





Zur gleichen Zeit war in der Simlane 10 Naikes Brautkleid geliefert worden, und inzwischen fühlte sie sich trotz des Reifrocks sehr wohl darin. "Lass dich anschauen, Maus!", staunte Jessica voller Bewunderung.





"Darf ich bitten?", fragte Nathaniel charmant, nahm die Braut in seine Arme und drehte - erstaunlich galant für einen gärtnernden Studenten - eine kleine Runde mit ihr durchs Zimmer. Jessica seufzte tief und dachte an ihren eigenen Jungmädchentraum, der sich nie erfüllt hatte. Aber es lag wenig Bedauern in ihren Erinnerungen, denn sie hatte stattdessen ein selbständiges und abwechslungsreiches Leben geführt, was ihr eigentlich mehr gelegen hatte, als eine Familie zu gründen. Dafür war sie jetzt umso glücklicher, Teil einer großen, bunt zusammen gewürfelten geworden zu sein, und freute sich von Herzen für ihre langjährige Freundin.





Und da war es wieder. Irgendetwas in Nathaniels Augen schien Naike unendlich vertraut, und für einen Moment verschwamm sein Gesicht und wandelte sich in Adams. Zarte, längst vergessene Flammen loderten in ihrem Inneren auf und brachten ihren Atem zum Stocken. Sie brach den Tanz ab, schickte ihre beiden Mitbewohner aus dem Zimmer, um sich für die Arbeit fertig zu machen, ging dann aber hinaus auf den Balkon und schaute in die Ferne …

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Am Abend vor der Hochzeit waren Jessica, Naike und die Kinder früh zu Bett gegangen, um am nächsten Tag so fit wie möglich zu sein. Nur Paul verspürte noch keine Müdigkeit, er hätte es nur ungern zugegeben, aber war einfach zu aufgeregt zum Schlafen. Nicolas ging nie vor Mitternacht ins Bett, kam bestens mit vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht aus, und so waren sie die einzigen beiden im Haus, die noch wach waren und noch einmal nach den Kindern schauten.





"Entschuldige, Schatz, ich wollte dich nicht wecken, schlaf weiter", flüsterte Paul zärtlich, als Abilene sich regte und verschlafen fragte, ob es denn schon losginge. "Sie ist wunderhübsch", flüsterte Nicolas und überlegte in diesem Moment ernsthaft, eines Tages auch mal ein Kind zu adoptieren, denn seine Ehe war leider kinderlos geblieben.





Sean hingegen schlief tief und fest, träumte aber auch schon vom morgigen Tag. "Meinst du, dass er gut damit klar kommen wird, Nic?!" - "Was meinst du?" - "Na, dass seine Mutter mich heiratet und nicht seinen Vater?" Nicolas schob Paul aus dem Zimmer.





"Natürlich, er ist doch längst daran gewöhnt, dass ihr eine Patchwork-Familie seid. Er hat doch nie mit seinem Vater zusammen gelebt, warum sollte er es jetzt unbedingt wollen?" - "Ich hatte in letzter Zeit den Eindruck, dass er leidet." - "Weil sein Vater weggezogen ist vielleicht, aber sicher nicht wegen dir. Ihr versteht euch doch prächtig, er mag und respektiert dich." - "Na ja, meistens jedenfalls, manchmal flippt er ziemlich."





"Paul, kann es sein, dass es hier gar nicht um Sean geht, sondern in Wahrheit um dich?" Paul sah Pfarrer Kappe erstaunt an, eine gute Menschenkenntnis konnte man ihm weiß Gott nicht absprechen. Er druckste eine Weile herum, kapitulierte aber dann gegen den wohlwollend bohrenden Blick seines Gegenübers und räumte seine Zweifel ein. "Liebst du sie denn etwa nicht?" - "Doch, schon … natürlich." - "Und wo liegt dann der Hase im Pfeffer?"





"Ich habe Angst vor dieser Ewigkeit." Nicolas lächelte verständnisvoll. "Ach, Paul, so geht es doch jedem Bräutigam. Kurz vor der Trauung kommt das große Muffensausen. Denkst du, ich hatte das nicht?!" - "Aber woher kommen bloß plötzlich die Zweifel? Vor ein paar Wochen war noch nichts von ihnen zu spüren."





"Ich würde dir normalerweise jetzt raten, mal tief in dich zu gehen und ein Gespräch mit Gott darüber zu führen. Aber dazu ist es jetzt zu spät. Also Augen zu und durch! Auf die Zukunft!" Mit diesen Worten stieß Nicolas mit seinem Glas gegen Pauls und trank seinen Wodka auf Ex. Paul tat es im gleich. Dann verabschiedeten sie sich ...





... und er kuschelte sich zu seiner Verlobten unter die Decke. Der Drink tat sein schnell Werk und ließ seine Gedanken beim Einschlafen einfach verschwimmen.

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"Eieiei, wenn das mal hält", sagte Jessica am nächsten Morgen besorgt zu sich selbst, als sie aus dem Fenster schaute, obwohl kein einziges Wölkchen den blauen Himmel trübte. Sie war bereits um sechs Uhr aufgewacht und hatte sich hibbelig schon mal fertig gemacht, während alle anderen noch selig schlummerten. Dann klopfte sie an Naikes Tür und rief laut: "Aufstehen!", um anschließend die Kinder aus den Betten zu scheuchen, was ihr heute ausnahmsweise mal keinen Protest der beiden Racker einbrachte.





Naike war in der Nacht aufgewacht und wie so oft in ihr Bett gewechselt, da Paul ein bisschen schnarchte, und hatte danach blöderweise eine Stunde wach gelegen.





Sie schälte sich noch schlaftrunken aus den Kissen, war dann aber umgehend hellwach, als ihr einfiel, welcher Tag heute war. Dann lief sie zu Paul hinüber, der sich auch gerade erhoben hatte.





"Du ... äh ... meinst du, dass wir das wirklich machen sollen?", fragte sie ihn zaghaft und wirkte etwas durcheinander.





… du, ich hatte gestern auch Zweifel und dachte, dass man die eigentlich nicht haben dürfe, aber Nicolas hat mir dann versichert, dass es jedem Brautpaar so geht." Naike sah in die liebevollen blau-grauen Augen ihres Verlobten und fühlte sich geborgen, konnte sich aber beim besten Willen nicht daran erinnern, auch vor ihrer ersten Hochzeit - im anderen Leben - auf irgendeine Weise unsicher gewesen zu sein. Vielleicht war es aber auch nur einfach viel zu lange her, um die damaligen Gedanken noch wahrheitsgetreu nachvollziehen zu können. Paul gab ihr einen Kuss und es fühlte sich richtig an. Und sie musste ja sowieso heiraten, da es die Spielregeln des Sim-Projekts, in dem sie sich seit dem Eintritt in die virtuelle Realität befand, so verlangten. Warum also nicht ihn, der ihr ein weiterhin wohlbehütetes Familienleben versprach? Sie drückte ihn zärtlich und huschte dann fröhlich ins Bad, um sich für den großen Tag vorzubereiten.

*





"Ist es nicht herrlich, Kinder, heute fällt die Schule für euch aus!" Jessica erntete deutliche Zustimmung von Sean und Abi, wobei Sean es noch besser fand, für diesen besonderen Tag einen so herrlichen Anzug bekommen zu haben, denn er liebte es im Gegensatz zu seiner Schwester sehr, sich ordentlich herauszuputzen.





Sogar Nathaniel hatte sich zur Feier des Tages extra ein passendes Outfit geliehen. Jessica war äußerst beglückt über diesen ungewohnten Anblick, aber auch Paul gefiel ihr außerordentlich gut, dem seine Wahl in hellem Braun mit Nadelstreifen ebenfalls hervorragend zu Gesicht stand. "Bin gespannt, wie Mama aussieht!", meinte Sean neugierig. "Wenn sie Glück hat, werde ich nachher ein Tänzchen mit ihr wagen." Alle lachten amüsiert über diesen wieder einmal köstlichen Kindermund des liebenswerten Familienklugscheißers. Im selben Augenblick näherte sich der Simlane 10 eine zu allem entschlossene junge Frau, die niemand eingeladen hatte …

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Keine zehn Minuten Fußweg entfernt, machte sich auch Julia für die Trauung bereit und verbrachte eine halbe Ewigkeit in ihrem Badezimmer.





Was sich allerdings dann auch lohnte, wie ihr Freund Ramon Alvarez feststellte, als sie sich endlich blicken ließ.





"Julchen, ich glaube, ich werde heute auch um deine Hand anhalten, denn ich kann nicht anders. Allerdings musst du vorher den Brautstrauß fangen, sonst sind mir leider die Hände gebunden, und wir müssen bis zur nächsten Hochzeitsfeier warten", witzelte der ebenfalls sehr attraktive junge Mann, was Julia wieder einmal völlig verlegen machte, denn offenbar hatte sie das fast unerschütterliche Selbstbewusstsein ihres Vaters nicht geerbt.





In Gerdas Etablissement hingegen wurde gerade gestritten, denn Manu konnte sich plötzlich nicht mehr erinnern, wo sie die geliehenen Festtagsroben für sich und ihre Kollegin verstaut hatte. Katharina und Hertha flippten beinahe aus, wollten sie doch auf keinen Fall zu spät kommen, denn immerhin hatten sie den längsten Weg bis zur Inselkirche.





Nach wilder Sucherei hatte man die Festkleidung endlich aufgestöbert, da gestaltete sich auch noch die Warterei auf das Taxi als harte Geduldsprobe.





Als aber auch diese Hürde gemeistert war, fiel Manu auf, dass ihre Uhr stehen geblieben war, als sie sie mit der im Taxi abglich. So waren sie nun also sogar etwas zu früh dran, und das Trio beschloss erleichtert, vor der Überfahrt auf die Insel noch Cappuccinos bei Starbucks einzunehmen.

*





"Darf ich dich kurz stören? Hier möchte dich eine Nastassja sprechen, sie wollte sich partout nicht abwimmeln lassen, tut mir leid", sagte Paul nervös und sah leicht verstimmt zu dem ungebetenen Gast hinüber.





Naike hatte nach Frisur und Make-up schnell zwischen Tür und Angel einen kleinen Käse-Schinken-Toast verdrückt, da sie so früh am Morgen meist noch keinen Hunger hatte, aber auf keinen Fall in der Kirche Magenknurren bekommen wollte, und sich danach mit ihrem restlichen Kakao für noch ein paar ruhige Minuten auf ihr Zimmer zurückgezogen, bevor es endgültig los ging. Doch jegliche Wirkung des wohlig warmen Getränks war verflogen, als ausgerechnet die Frau in ihre Privatsphäre eindrang, die sie in der Sim-Welt am allerwenigsten mochte und von der sie gehofft hatte, sie niemals wiedersehen zu müssen. Was mochte sie wollen? Sie hatte doch ausdrücklich nur Adam und Joe eingeladen! Aufgewühlt legte Naike ihr Buch zurück in die Schublade ihres Schreibtisches und erhob sich betont langsam und würdevoll von ihrem Stuhl.





"Paul, ist schon in Ordnung, danke! Fahrt doch ruhig schon mal vor, das nervöse Gerenne hier im Haus macht mich noch ganz verrückt, ich werde dadurch auch nicht schneller fertig. Ich geb' mein Bestes und komme dann gleich mit dem Taxi nach, ok?! - "Bist du dir ganz sicher?" - "Ja, natürlich, macht dir keine Gedanken."





"Was wollen Sie von mir?", wandte sie sich dann an den Eindringling, "ich heirate in genau fünfundvierzig Minuten und habe keinesfalls vor, meinen Mann und meine Gäste warten zu lassen."





Nastassja Tallis machte wie gewünscht keine langen Worte: "Hören Sie, Naike, ich weiß, dass Sie mich hassen, ich habe einen unentschuldbaren Fehler begangen und Ihnen furchtbares Leid zugefügt. Und ich erwarte keinesfalls, dass sie mir das je verzeihen. Aber jetzt habe ich die letzte Chance, wenigstens dafür zu sorgen, dass sich das Schicksal vollzieht, welches ich einst zu verhindern versuchte." - "Was bitte meinen Sie damit?", unterbrach Naike die ziemlich pathetisch klingende Ansprache. "Mein Bruder liebt Sie über alles, ihr seid füreinander bestimmt." - "Weiß er das??", lachte Naike ungläubig laut auf, als wäre diese Behauptung ein lächerlicher Witz. "Du darfst Paul O'Meara nicht heiraten, das würde euch alle ins Unglück stürzen", ließ sich Nastassja nicht beirren, "bitte schalten Sie ihr Denken aus und hören Sie auf ihr Herz, dann wissen Sie es selbst!" Naike starrte für einen Moment verwirrt vor sich hin. "Aber Adam hat sich gegen mich entschieden! Er bekam ein Kind mit einer anderen Frau, schlug mich, als ich ihm meine Liebe gestand, und flüchtete anschließend aus dem Land. Es gibt nicht den geringsten Grund ..."





"Milo Richard ist Josephs Sohn, nicht Adams. Er wurde meinem jüngeren Bruder immer ähnlicher, je älter er wurde, da hat Eva-Maria ihre damaligen Seitensprünge gestanden und wenig später hatten wir es Schwarz auf Weiß. "Wie schön für ihn, dann herzlichen Glückwunsch!", hörte Naike sich selbst wie aus weiter Ferne sagen. Es war ihr plötzlich, als würde sie von etwas gesprochen, auf das sie keinerlei Einfluss hatte.





"Naike, bitte!! Seien Sie doch vernünftig, es ist noch nicht zu spät!!"





"Und wenn ich gar nicht vernünftig sein will?", sprach die Naike-Stimme weiter. "Es ist absolut zu spät - ihr könnt von mir aus alle hingehen, wo der Pfeffer wächst! Ich kann den Scheißnamen Tallis nicht mehr hören, ihr seid doch alle durch und durch verhunzt!!!“ Sie schnappte unhörbar nach Luft.





Zutiefst betrübt sah Nastassja sie an. Naikes ansonsten warme grün-braune Augen wirkten wie gefroren. Ein menschlicher Eisklotz in weißem Tüll, dachte Adams Schwester, und sie rang in Gedanken erfolglos nach weiteren Argumenten für ihren Bruder.





"Sie dürfen sich jetzt entfernen, ich hab's eilig!" - "Aber ..."





"Gut - wenn Sie unbedingt wollen, bleiben Sie da stehen bis Sie Wurzeln schlagen, ich habe Ihnen jedenfalls nichts mehr zu sagen!", rief Naike böse und rannte dann selbst aus dem Zimmer Richtung Bad.





Paul, Jessica, Nathaniel und die Kinder waren unterdessen aufgebrochen ...





... und fröhlich schnatternd voller Vorfreude in die gemietete Limousine gestiegen, die sie zur Inselkirche bringen würde.





Naike stand in ihrem kleinen Bad vor dem Spiegel und versuchte nicht zu heulen, um ihr Make-up zu schonen, aber es gelang ihr nur halbwegs. Die Affen liefen in ihren Gedankengängen Amok, und das ausgerechnet an diesem Tag, wo sie doch so gänzlich unerwünscht waren, wie schlechtes Wetter oder Autopannen.





Mantramäßig murmelnd wiederholte sie zig Mal, dass alles in Ordnung sei und versuchte damit, die wilden Viecher unter Kontrolle zu halten.





Nastassja hatte Naikes Zimmer nicht verlassen, sondern nach dem Gesprächs-Desaster stattdessen "Plan B" in Form einer kleinen Flasche hervorgeholt.





Zitternd goss sie ein wenig der darin enthaltenen Flüssigkeit in die auf dem Schreibtisch abgestellte Kakaotasse, hoffte inständig, eine ausreichende, aber nicht zu hoch dosierte Menge erwischt zu haben, und schob sie ein wenig vor, als könne sie damit sicherstellen, dass die Zielperson auch wirklich noch einmal daraus trinkt, bevor sie das Haus verlässt. Aber das lag nun allein in Gottes Hand …



Kapitel 44 - Pech im Spiel, Glück in der Liebe
Kapitel 46 - Für immer mein