Kapitel 44 - Pech im Spiel, Glück in der Liebe



Sean ließ umgehend die Schachfiguren stehen und zog seine aufgelöste Schwester zum kräftigen Durchatmen ins Freie. Dann gesellten sie sich zu Nat und Jessica zum Sonnenbaden an den Strand.





Im Obergeschoss des Hauses setzte sich jemand mühevoll auf und stellte seine nackten Füße auf den Parkettboden, was er als sehr ungewohnt und deshalb äußerst unangenehm empfand. Viele Wochen hatten seine Beine nichts mehr Festes unter sich gespürt, geschweige denn die Last seines Körpers getragen. Doch nun wusste er, was er zu tun hatte, auch wenn sich seine Muskeln wie Rühreier anfühlten. Aber erstaunlicherweise ließen sie sich plötzlich wieder anspannen.





Nachdem er dies einige Minuten geübt hatte, wagte er sich langsam aufzurichten, stand ein paar Sekunden erfolgreich, um dann wieder einzuknicken und auf das Bett zurückzuplumpsen. Aber das war ihm egal, denn die Tatsache, dass er sich nun wieder bewegen konnte, jagte eine Unmenge von Adrenalin in sein Blut und motivierte ihn bis in die Zehenspitzen.





So wagte er den nächsten Versuch und kam, sich an Wand und Möbeln abstützend, vorwärts bis in den Flur. Die Treppe rutschte er auf dem Hosenboden hinunter, dann ging es mit vielen Pausen weiter an den Wänden entlang ...





... bis er neben dem ehemaligen Geräteschuppen frei vor seiner Verlobten stand, die gerade trainierte.





Naike konnte sich nicht erinnern, in ihrem Sim-Leben je derart überrascht gewesen zu sein und kniff sich ungläubig den Arm blau. War dies ein Traum?





Dann stand sie auf, ging auf ihren Verlobten zu ...





... und beide schlossen sich schweigend in die Arme.





Schnell hatten auch die Sonnenbadenden mitbekommen, was sich Wundervolles ereignet hatte, und stürmten heran. Allen voran Abilene, die ihrem geliebten Vater schluchzend um den Hals fiel, so dass beide kopfüber in den Sand purzelten.

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In den folgenden Tagen blühte Paul regelrecht auf und fasste wieder neuen Lebensmut. Zwar war er noch arbeitsunfähig geschrieben und brauchte noch einiges an Gymnastik und Physiotherapie, um wieder voll durchstarten zu können, aber die Hauptsache war, dass es ab nun wieder stramm aufwärts ging. Um das wunderbare Ereignis zu feiern, musste natürlich wieder einmal eine Party her, und die Familie entschied sich für ein kleines Grillevent am Strand, zu dem auch Julia und ihr Freund Ramon geladen wurden.





Julia freute sich sehr für Naike und Paul, als sie sie endlich wieder vertrauter miteinander sah. Und Nathaniel beobachtete sie.





"Du bist wunderschön, weißt du das?!", bemerkte er fasziniert. "Äh … meinst du mich?", fragte die junge Frau völlig überrascht und verlegen, obwohl sonst niemand anderes in der Nähe war, den Nat hätte meinen können.





"Ja, natürlich du, wen sonst?!", lachte er charmant.





"Wenn hier getanzt würde, hätte ich dich jetzt aufgefordert, aber so kann ich dir leider nur die schönste Sandburg bauen, die ein Strand je beherbergt hat. Soll ich?" Julia, die jetzt schon seit Ewigkeiten mit Ramon zusammen war, war im Flirten völlig ungeübt, deshalb nickte sie nur zurückhaltend zu diesem Vorschlag, freute sich aber sehr über die Aufmerksamkeit des attraktiven Studenten. Warum er ihr so bekannt vorkam, war ihr allerdings noch immer nicht klar geworden.





"Ich warn' dich, Junge, lass ja deine Finger und alles andere bei dir", raunzte Jessica grimmig, ohne dass ihre Enkelin es mitbekam. "Aber logisch, Frau Adlerauge, bin ganz brav", scherzte Nat und schnappte sich fix ein Sandeimerchen samt Schaufel.





Sean war begeistert, als er Hilfe bekam. Seine große Schwester beobachtete die beiden Buddler und fühlte sich noch immer irgendwie leicht gehemmt.





Aber alle genossen den schönen Abend, die Luft war lau, Jessicas Koteletts wie immer ein Gedicht, und es wurde viel geschwatzt und gelacht.





Nachdem die Gäste gegangen waren, konnte sich Naike einfach nicht vom Spielautomaten lösen.





Unfassbare zehntausend Punkte hatte sie bereits erdaddelt und Paul fieberte mit, ob sie auch die Fünfzehntausender-Grenze noch knacken würde. Doch dann wurden die Gegner übermächtig und es prangte nur noch ein dickes rotes GAMEOVER über den Bildschirm. Naike wütete, halb echt, halb gespielt ...





… und fand sich plötzlich unvermittelt in Pauls Armen wieder.





Sie küssten sich zuerst vorsichtig, dann innig, taumelten kurz darauf turtelnd ins Haus, die Treppe hoch in Pauls Schlafzimmer und ließen sich nach langer Zeit endlich wieder aufeinander ein. Naike hatte beinahe vergessen, wie sich ein Männerkörper anfühlte und genoss die neue, aber doch noch so vertraute Nähe. Wie sehr hatte sie sie vermisst! Zuerst das Warten während des Kriegseinsatzes und dann die permanente Abweisung ohne absehbares Ende - eine lange, schmerzhafte Durststrecke.





"Verzeihst du mir jetzt endlich?", wagte sie vorsichtig zu fragen. "Läge ich sonst hier mit dir?" Paul lächelte. "Lass uns vergessen, was war und neu anfangen, ja?!" Diesmal schaffte Naike, ihre aufkommenden Tränen zu unterdrücken, was bei Freudentränen ja auch leichter war, als bei denen von Traurigkeit, und küsste, statt zu weinen, ihre zurück gewonnene Liebe glücklich auf seine weichen Lippen.

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Viele Wochen waren vergangen. Freudestrahlend kam Abilene jeden Tag aus dem Haus gehüpft, nachdem der Militärhubschrauber mit ihrem Vater gelandet war, und fiel ihm strahlend um den Hals. Das Verhältnis der beiden war durch die schwierige Zeit, die sie gemeinsam durchlitten hatten, noch enger geworden, weder Paul noch Abi konnten sich ein Leben ohne einander mehr vorstellen, zumal er ihr den größten Anteil an seiner Genesung zu verdanken hatte, weil sie ihm mutig den Kopf gewaschen hatte.





Sean hatte wieder einmal Damenbesuch, diesmal Selinas zweieiige Zwillingsschwester Jil, ebenfalls eine seiner Ballett-Mitschülerinnen, aber um einiges hübscher als ihre Schwester. Abilene amüsierte sich köstlich über die "Dates" ihres Bruders und hatte selbst noch nicht das geringste Interesse, sich mit Jungs in ihrem Alter abzugeben, denn der eine im Haus reichte ihr völlig.





Es klingelte an der Tür und zum Schrecken von Naike begrüßte Paul Gerda und ihre Töchter Miranda und Elvira. Was mochten die wohl wollen? Naike sah sich in Gedanken schon wieder die Puffleitung übernehmen und wurde unruhig.





Aber Gerda schien wohlauf und strahlte über ihr ganzes spitzes Gesicht. "Naike, meine Liebe … ich hab mich kaum mehr eingekriegt, als ich es hörte! Das ist ja wunderbar, dass ihr heiraten wollt, meinen allerallerherzlichsten Glückwunsch!! Und das nach dieser Tragödie, wer hätte das gedacht?!" Naike startete mehrere Versuche, ihre förmlich übersprudelnde Nachbarin zu unterbrechen und fragte sich gleichzeitig, wie sie an die Neuigkeit überhaupt gekommen war, aber Gerda ließ sich vorerst nicht bremsen.





"Schau mal hier, was ich dir mitgebracht habe!!"





"Oh, jetzt schon? Die Hochzeit ist doch erst in drei Wochen."





"Es ist ja auch kein Geschenk zur Hochzeit, sondern ein hilfreiches ... ach, pack einfach aus, du wirst es sehen!"





"Oh, das ist aber sehr lieb", bedankte sich Naike und rätselte in Gedanken wild, was es wohl sein könnte. "Irgendwie muss ich mich doch mal erkenntlich zeigen, nach allem, was du für uns getan hast", flötete Gerda und nahm der zukünftigen Braut schon mal das Lösen der Schleife ab.





"Oh, mein Gott!", entglitt es Naike ziemlich passend, als sie einen schweren Wälzer mit dem ihr von zahlreichen Computerbüchern bekannten Cover in den typischen schrillen Farbtönen der Dummie-Reihe aus dem Karton zog. "Jaaa, das ist klasse, nicht wahr? Ich habe Monate daran geschrieben - wie wunderbar, dass ich jetzt das erste, noch druckfrische Exemplar gleich zu so einem so schönen, persönlichen Anlass verschenken darf. Hab's auch signiert selbstverständlich!"





"Äh ... ja, das ist wirklich ... also, es ist wunderbar, passt wie die Faust aufs Auge", murmelte Naike, als sie durch die Seiten blätterte und die ersten Ratschläge kurz überflog. "Nicht wahr?!", strahlte Gerda. Damit wird alles perfekt und wir werden einen Riesenspaß haben! Nicolas wird euch doch trauen, oder?!" - "Ja, hoffe ich doch." Von der Einladung der restliches Kappes war allerdings bisher nicht die Rede gewesen, denn Naike wünschte sich eher eine kleinere Feier, ohne gleich eine ganze Inselversammlung. "Nai, zeig mal, was haste denn da?", rief Nathaniel, worauf sie nur unhörbar zu sich selbst murmelte: "Besser nicht!"





Während Elvira mit einem leckeren Hamburger versorgt fröhlich mit den anderen am Tisch saß und sich wenig kindgerechte Witze von Nathaniel anhörte, die Sean super gefielen, aber Jessica weniger klasse fand, so dass sie sich veranlasst fühlte, mal wieder ermahnend einzuschreiten, musste Naike weiterhin mit Gerda Vorlieb nehmen, die noch immer fast ohne Pause laut schnatterte und sich zu allem Überfluss auch noch einen Kaffee gewünscht hatte. Paul hatte sich schlauerweise gleich verdrückt, nachdem er von dem überraschenden Besuch schwer geherzt worden war.





"Was ist denn eigentlich aus diesem Tallis geworden?", fragte Gerda laut, während sie auf ihren Kaffee wartete. "Aber Mama, das geht uns doch nichts an", unterbrach sie ihre bedeutend taktvollere Tochter, deren Einwand ihre Mutter aber aus großer Neugier überhaupt nicht beachtete. "Er war jedenfalls schon lange nicht mehr bei uns im Do ... äh ... ja, ich hab ihn schon lange nicht mehr beim Einkaufen gesehen!" Jetzt hatte sie sich auch noch beinahe verhaspelt.





"Er ist weggezogen", antwortet Naike knapp und verbrannte sich in diesem Moment die Finger am heißen Dampf. "Na, Gott sei Dank ", setzte Gerda dann noch einen drauf, „drei Kinder von drei verschiedenen Frauen, mit dem hättest du dir keinen Gefallen getan, Schätzchen." Naike servierte ihren beiden Gästen höflich ihre Kaffees und gab dann vor, interessiert im Dummie-Buch zu schmökern, was ihr noch den Hinweis seitens Gerda einbrachte, dass sie als Nicht-mehr-Jungfrau auf keinen Fall in Weiß heiraten dürfe - welch ein Nachmittag!

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Bereits eine Woche vor dem Hochzeitstag war Pfarrer Nicolas Kappe, Freund der Familie, angereist, um bei den Vorbereitungen zu helfen. Paul und Naike hatten ihn gebeten, die Trauung zu vollziehen, worüber er sich sehr freute. "Und, wohin geht die Hochzeitsreise, ihr Lieben?!", fragte er bei einem der gemeinsamen Abendessen.





"Äh ... in die Richtung hatten wir eigentlich nichts geplant, Nicolas", sagte Paul, "wir sind ja beide Generäle, zusammen frei zu bekommen geht nicht, weil sonst gar keine Führungskraft in der Kaserne wäre. Wir haben seit dem Krieg ziemlichen Personalmangel."





"Aber Paul, das ist doch nicht wirklich euer Ernst, oder?! Man heiratet meist nur einmal im Leben und dann keine Flitterwochen??", fragte Jessica ungläubig. "Es muss sich doch irgendeine Lösung finden lassen, die Kinder sind bei Nat und mir in guten Händen. Und Sean wollte doch eh wieder zu seinem Vater, jetzt wo die Sommerferien beginnen, fällt mir gerade ein, oder?! Also ich würde mit meinem frisch gebackenen Bräutigam eine wundervolle Kreuzfahrt buchen, Malediven oder sowas. Wäre das nicht was für euch?"





"Jessica, das muss jedes Paar für sich selbst entscheiden", meinte Nicolas, aber Paul versprach, bei seinem Vorgesetzten noch einmal nachzuhaken.

*





Im anschließenden Ehegespräch fragte Nicolas das Brautpaar Löcher in den Bauch. Sie mussten erklären, wie sie zur Institution Ehe stehen, deren Unauflöslichkeit anerkennen, ob sie bereit waren, ein Leben lang einander treu zu sein und ob alles freiwillig wäre. Dies wurde natürlich bejaht, wobei es Naike deutlich schwerer fiel, da sie im Gegensatz zu Paul kein Christ war, aber nachdem sie hinter ihrem Rücken zwei Finger gekreuzt hatte, ging ihr ein Ja jeweils leicht über die Lippen. MJN-Regeln brachte Nicolas vernünftigerweise nicht ein, denn er wusste, dass diese hier fehl am Platz waren.





Dann wurde noch einiges Organisatorische besprochen. "Denkt dran, dass es vielleicht regnen könnte. Das ist im Sommer zwar unwahrscheinlich, aber ich habe schon Hochzeitsgesellschaften wegschwimmen sehen, da plötzlich ein Gewitter kam", gab Nicolas zu bedenken. Paul und Naike hatten die anschließende Feier aber eh am eigenen Strand geplant, somit könnten im Falle des Falles alle gut im Haus unterkommen, was Nic akzeptabel fand.





Uneins war sich das Paar lediglich bei der Anzahl der Gäste. Während Naike die Zeremonie gerne im kleinen Kreise gehabt hätte, wollte Paul gleich die halbe Kaserne einladen. Dafür waren ihm drei Frauen aus der Stadt nicht recht, die seine Verlobte während des Krieges als neue Freundinnen gewonnen hatte, über die er aber ansonsten überhaupt nichts wusste, außer dass sie in einem „Club“ arbeiteten. Aber Naike wäre nicht Naike, wenn sie es dann nicht doch geschafft hätte, sich in beiden Punkten durchzusetzen. Paul legte seinen Arm um sie, seufzte und sagte grinsend: "Ach ja, da lass ich mich auf was ein!" - "Das kenn' ich nur zu gut", bemerkte Nicolas, der bereits langjährig verheiratet war, und lachte herzhaft.

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"Paul, wir ziehen jetzt mal los, ja?!"





"Jo, ich wünsch' euch viel Spaß, such' dir das Allerschönste aus, Kosten sind egal, ok?!" Naike nickte.





"Und bitte in Weiß oder Crème, auf keinen Fall was Buntes, Gerda kann mich mal, ich bin schließlich kein Dummie." - "Wird gemacht!", lachte Naike, ich finde die Jungfrauen-Regel auch überholt. Obwohl, Silber fänd' ich schon irgendwie schön."





"Nix da", verbot ihr der Mann, den sie in wenigen Tagen heiraten würde, und küsste sie innig. "Äh ... ich will ja ungern stören, aber können wir langsam los?", bat Jess ungeduldig, die schon ganz scharf auf den eleganten Laden war, wo sie gleich hinfahren würden.

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"Rrrriesig, ist das hier, nicht wahr?! Ich hab's dir ja gesagt, hier findest du auf jeden Fall das richtige Kleid!" Jessica stürmte zu den Auslagen und klatschte mehrmals freudig in die Hände wie ein kleines Kind.





"Äh ... ich möchte dich darauf aufmerksam machen, dass du im Beet stehst und gerade die hübschen Blumen zertrampelst, Frau Jung." - "Ups, sorry", grinste Jessi. "Komm, da hinten steht schon Manu! Huhu!!!"





Naike machte ihre inzwischen lieb gewonnene ehemalige "Kollegin" Manuela Bretz mit Jessica bekannt. Beide Damen begannen sofort ein Gespräch darüber, wie eine Oskar-reife Garderobe auszusehen habe, wobei sie allerdings völlig verschiedene Vorstellungen davon hatten, was glamourös sei und was eher nicht. Naike schwitzte bereits jetzt, das würde sicher anstrengend werden.





Zuerst verschafften sich die Damen einen Gesamtüberblick, denn der Laden bot tatsächlich eine äußerst umfangreiche Auswahl an Kleidern und Accessoires jeglicher Art.





"Halte bitte nach etwas Figurbetontem Ausschau, Jessi, für diese Prinzessinnen-Kleider hier bin ich doch schon viel zu alt."





"Schnickschnack", schüttelte ihre Mitbewohnerin den Kopf, "es geht um eine Hochzeit und nicht um einen Opernbesuch. Märchenhaft muss es sein!" - "Aber ich heirate doch und nicht du!" - "Und warum hast du mich dann als Beraterin mitgenommen, wenn du doch eh schon weißt, was du willst?", murrte Jess ein wenig beleidigt. "Aber nein, ich meinte doch nur so grob die Richtung, selbstverständlich ist mir dein Rat wertvoll!"





Bei manchen Modellen fragte sie sich, ob tatsächlich jemand in so etwas heiraten mochte? Aber offenbar war dies der Fall, die Geschmäcker waren nun mal, wie bei allem im Leben, sehr verschieden.





"Also, ich würde etwas Kurzes, so richtig Heißes nehmen. So als Vorbereitung für eine geile Hochzeitsnacht, du weißt schon", zwinkerte Manu. Naike musste lachen, aber auch das war ihr zu übertrieben. Und lang sollte es möglichst schon sein.





"Ich suche eigentlich eher etwas Schlichtes, aber Elegantes". - "Hm, das ist aber doch langweilig, oder?! Damit wirst du nie Stadtgespräch." - "Will ich auch gar nicht sein." Das konnte Manu nun wiederum nicht verstehen. "Na, dann schlage ich vor, zieh doch einfach mal ganz verschiedene Modelle an, dann werden wir sehen, was passt, ok?!"





Gesagt, getan. Während sich Naike das erste Kleid schnappte und in die Umkleide ging, hockten sich die beiden Beraterinnen gemütlich in eine Sitzecke vor dem großen Spiegel und ließen sich von einer Verkäuferin mit Pralinchen verwöhnen, nachdem sie eine ebenfalls angebotene Käseplatte lieber abgelehnt hatten. Welch ein toller Service! So ließ es sich gemütlich warten.





Es dauerte eine Weile, bis sich Naike in ihre Erstauswahl gezwängt hatte, und man unterhielt sich derweil über die absurde Möglichkeit, unter einem langen Kleid praktischerweise Stiefel anziehen zu können, falls es regnete, und anderen Quatsch.





Beinahe wäre Naike über den Saum gestolpert, als sie die Umkleide-Kabine verließ, denn sie war es nicht gewohnt, sich in bodenlangen Kleidern zu bewegen.





Jessica sprang sofort auf, als sie ihre Freundin kommen sah und inzwischen war auch Benjamin Lang, ein Kollege vom Militär, zufällig im Laden erschienen und beobachtete neugierig die Anprobe.





"Ich sehe darin voll blass aus, oder?!" - "In der Tat", stimmte Manuela zu, die sich mit Farbberatung auskannte, "also, Beige geht gar nicht, wenn du mich fragst, das kannst du mal gleich vergessen."





Jessica war - oh Wunder! - der gleichen Meinung und auch die Verkäuferin riet Naike bei ihrem hellen, kühlen Teint gleich von dieser Farbe ab.





Lediglich Benjamin Lang war begeistert. "Hey, Naike, was machen Sie denn hier? Ist es schon soweit?" - "Hi Ben, ja, am Samstag ist der große Tag. Wollen Sie denn auch heiraten?" - "Das ist ja klasse, ich freue mich sehr für O'Meara und Sie! Nein, ich suche nur nach einem Anzug, meine Schwester heiratet auch am Samstag, und sie will mich ausnahmsweise mal nicht in Uniform sehen."





"Also, das Kleid ist wirklich toll, sie sehen einfach bezaubernd aus. Ihr Verlobter ist wirklich zu beneiden!"





Naike freute sich sehr über das Kompliment und ihr Gesicht färbte sich zartrosa. Seit wann war Kollege Lang so galant? "Noch ist es nicht das Richtige, ist aber auch erst das allererste Kleid, das ich anprobiere." - "Na, dann nehmen Sie doch mal vielleicht dieses hier in Bleu!"





"Herr Lang, Sie brauchen wohl eine Brille", tadelte Jessica den jungen Mann unverblümt, als sich Naike mit seinem Vorschlag zeigte. "Damit sieht sie doch aus wie Helena, Tochter des Zeus und der Leda!" Naike zuckte mit den Schultern und lächelte Ben an, der darauf loswieselte und ein weiteres Modell brachte, das komisch knisterte, als sie es über den Kopf zog.





Zumindest war es von der Farbe schon einmal besser, aber Manu betitelte es als "Gouvernanten-Dress", was Herr Lang gar nicht verstand. Jessica hingegen war sich uneins, aber als sie alle den Preis hörten, stellten sie ihre Diskussionen ein, denn es war viel zu billig, und ein Blick auf das Schildchen zeigte auch warum: Pures Polyester!





"Gibt es denn nix Besseres", erkundigte sich Jessica bei der Verkäuferin, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, weil alle Kunden unentwegt redeten. "Was Märchenhaftes wollen wir!" - "Wollen Sie", korrigierte Manu, die anschließend losstiefelte und nach einem ihrer favorisierten "Hot-Dresses" Ausschau hielt.





Einige Minuten später hatte die Verkäuferin etwas Märchenhaftes herbeigezaubert und Naike beim komplizierten Anlegen geholfen, denn unter dem Rock befand sich ein höchst ausladender Reifrock, der beim besten Willen nicht in die Kabine passte.





Als Jessica Naike darin erblickte, kam sie sofort herbeigestürzt und umarmte sie begeistert: "Das isses, das isses!!! - Oh mein Gott, du siehst aus wie Scarlett O`Hara, Paul wird jubeln!" - "O`Meara meinst, du wohl", lachte Naike, war aber weniger überzeugt von diesem Modell, da es ziemlich ungemütlich war. Aber die Kombination von roten Blüten auf weißem Grund gefiel ihr auch ausgesprochen gut.





Vom Tisch war die Sache jedoch gleich, als es wieder um den Preis ging. Mit fünftausend Simoleons war dies offenbar das allerteuerste Modell im Geschäft. Paul hatte zwar gesagt, dass es ruhig teuer sein dürfe, aber die stets praktisch denkende Naike fand eine solche Ausgabe wenig sinnvoll, da man ein solches Kleid eh nur einmal im Leben trug. Und es eignete sich auch definitiv nicht für ein späteres Umnähen zum Abendkleid. Jessica zog einen Flunsch.





Und erst recht beim nächsten Fummel, den diesmal Manu entdeckt hatte und für sehr gut befand. Naike kicherte amüsiert darüber, dass ihre beiden Freundinnen sich so gut wie nie einig waren, wurde aber langsam müde und sehnte sich aufs heimische Sofa bei einer guten DVD.





Aber Manu hatte gleich noch ein weiteres Modell parat, welches ihr einen spitzen Begeisterungsschrei entlockte, als ihre Freundin damit aus der Kabine gestackst kam.





"Jessi, hast du den Typ gerade gesehen? Ist sein Bart nicht heiß?" Jessica hörte überhaupt nicht hin, was Naike kichernd quasselte, denn sie stand der Ohnmacht nah, als sie die kuriose Irma-La-Douce-Kreation erblickte.





"Du, ich hab keine Lust, meine Zeit hier mit so einem Mist zu vergeuden, das ist doch wohl nicht dein Ernst!", wütete sie dann los. Die Verkäuferin hatte sich richtig erschreckt und lief schnell ins Lager, weil ihr noch eine Idee gekommen war, wie sie diese doch recht nervigen Kunden langsam mal loswerden könnte. Jessica ließ sich nur schwer wieder beruhigen. "Mensch, jetzt nimm es doch mal mit Humor!" motzte Naike genervt und holte sich gleich drei Pralinchen aus der Schachtel, um ihren inzwischen schlecht gewordenen Geschmack im Mund zu vertreiben, denn zwei Stunden waren sie nun schon vor Ort. "Sowas könntest du von mir aus anziehen, wenn du den Tallis irgendwo in Posemuckel heiraten würdest! Dann würd's echt passen!", raunzte Jess weiter und Naike dachte bei sich, dass sie statt Jessica auch gleich Gerda Kappe hätte mitnehmen können und zog eine Grimasse.





Das Kleid, welches die Verkäuferin dann brachte, fand aber endlich bei allen recht guten Anklang. Manu war es zwar noch immer zu märchenhaft, ihr gefiel aber die Korsage aus eng anliegender echter Spitze, und Naike wollte eigentlich keinen Reifrock, doch dieser war deutlich weniger umfangreich als der des Scarlett-Kleides zuvor.





"Der Preis stimmt auch, zweitausend Simoleons sind doch ok", meinte Jessica, plötzlich wieder versöhnt. "Und die Spitze ist wirklich traumhaft. Magst du es nehmen?!“





Naike war noch unschlüssig, aber als ihr die Verkäuferin noch mit 300 Simoleons entgegen kam, zog sie den Kauf ernsthaft in Betracht, während Manu sich die inzwischen zehnte Praline nahm - man hatte bereits nachgefüllt - und dachte: Na ja, hätte schlimmer kommen können …





Etwas Silbernes wollte Naike aber unbedingt noch anziehen, das sie bereits ganz zu Anfang auf einem der Ständer entdeckt hatte. Langsam bekam die Verkäuferin Kopfweh, würden sich diese Damen denn nie entscheiden?





Einige Zuschauer fanden das silberne Kleid ganz toll und klatschten, während die Verkäuferin ihr Handy aus der Tasche holte und ihre Familie informierte, dass es heute wohl später werden würde. Doch das wäre nicht nötig gewesen, denn nun setzte Jessica dem anstrengenden Nachmittag ein Ende, indem sie Naike das silberne Kleid zusätzlich als Abendkleid kaufte, worüber sich diese sehr freute, denn so hatte sie auch gleich etwas schickes Neues für die Flitterwochen, die nun doch stattfinden würden.





Es war bereits dunkel geworden, als die drei Damen endlich zur Kasse gingen und die 1700 Simoleons für das langärmelige Kleid mit der Spitzen-Korsage ausgaben. "Wie lange dauert die Lieferung?" - "Übermorgen ist es spätestens da. Brauchen Sie sonst noch etwas?" - "Nein, eigentlich nicht, vielen Dank. Dann Simlane 10 bitte, das ist auf der Insel." Der Verkäufer gab Naike ihre Kreditkarte zurück und dann ließen sich die drei Damen, zwei davon mit Bäuchen voller Schokolade, völlig erschöpft auf die weichen Sitze des Taxis fallen, das sie schnell nach Hause beziehungsweise zum Hafen fuhr.



Kapitel 43 - Genug ist genug
Kapitel 45 - Kalte Füße