Kapitel 42 - Nichts als Scherben



"Schicksalsstunde Vaterschaftstest, so so", las Joseph Tallis auf der Rückseite der Zeitung, die sein Bruder gerade belustigt durchsah, denn sie enthielt wieder einmal nur den letzten Mist. "Apropos … sag mal, willst du dich nicht mal etwas mehr um deinen Sohn kümmern? Ich hab’ das Gefühl, dass Milo ..." - "Ich muss gleich noch ein letztes Mal zur Uni, Joe, aber du hast doch nichts zu tun!", warf Adam ein, ohne seinen Blick von den Zeilen zu heben.





"Nichts zu tun, spinnst du?? Ich muss noch packen, irgendeiner muss sich schließlich darum kümmern, dass der ganze Krempel heil daheim ankommt", meinte Joe entrüstet und sah dann zur Tür. "Hoppla, wer beehrt uns denn da zu früher Morgenstunde?"





Hey, grüß dich!" Naike nahm Joseph und seine freundliche Begrüßung überhaupt nicht wahr. Mit schnellen Schritten war sie hereingestürmt und baute sich nun vor dem Vater ihres Sohnes auf. "Du haust ab nach Frankreich und lässt Sean und mich hier alleine sitzen - ist das wahr?!"





"Jein", sagte Adam ruhig, stand auf und legte die Zeitung beseite. „Dass wir zurück nach Thionville in unser Elternhaus ziehen, ist wahr, ja. Aber erstens ist das nicht "Abhauen" zu nennen, sondern ein wohlüberlegter Schritt, und außerdem werde ich Sean regelmäßig besuchen und er ist natürlich auch herzlich eingeladen, seine Ferien bei uns zu verbringen.





"Aber das kannst du doch nicht machen! Das wird viel zu selten sein! Sean braucht eine feste Hand, du weißt doch, wie er ist. Und er wird dich schrecklich vermissen!" - Adam knibbelte an seinen Nägeln herum und grinste: "Du meinst, du wirst mich schrecklich vermissen, hm?!"





"Ach Quatsch, jetzt schwenk' mir nicht das Wort im Mund herum!" - "Es heißt dreh’ mir nicht das Wort im Mund herum", korrigierte der Herr Professor, was Naike gleich noch wütender machte, obwohl er Recht hatte.





Nun begann eine wilde Argumentation über das Für und Wider des Wohnortwechsels, die zunehmend unsachlicher wurde.





Joseph, der sich eigentlich auf den Genuss seiner frischen Pfannkuchen gefreut hatte, wurde unbehaglich zumute ...





... und die immer derbere Wortwahl der beiden Streithähne ließ ihn einen kurzen Moment später ins Obergeschoß flüchten, um sich um Milo zu kümmern, da Eva-Maria ein anstrengende Nacht mit ihrem Baby verbracht hatte und noch schlief.





"Gut, gut, in Ordnung“, blaffte Naike, „dann hau doch ab!! Von mir aus brauchst du nie mehr wiederzukommen. Ich werde wieder das alleinige Sorgerecht beantragen, dann ..." - "NAIKE!!", rief Adam entrüstet, "das ist doch jetzt wohl nicht dein Ernst?!" Seine bisher stoische Überlegenheit ging nun zunehmend flöten. "Wenn du mir tatsächlich den Jungen vorenthältst, werde ich kämpfen bis zum Letzten, da kannst du Gift drauf nehmen!!!"





Der Schmerz in seinem Gesichtsausdruck ließ sie innehalten. "Es tut mir Leid, ich ... ich ... das war doch nicht ernst gemeint."





"Es tut dir Leid?? ... Es tut dir LEID??" Adam schüttelte sie kräftig. "Wie kannst du sowas nur sagen?!"





Dann ließ er abrupt wieder von ihr ab, schmiss seine Brille unsanft auf den Küchentresen und wandte sich aufgewühlt und deshalb völlig appetitlos seinem Frühstück zu.





Naike hasste es zutiefst, mitten in einem Gespräch einfach so stehen gelassen zu werden, und so einfach aufgeben wollte sie erst recht nicht. "Du bleibst hier, sonst ... sonst ...", ruderte sie hilflos auf der Suche nach einer passenden Drohung herum, während ihr langsam die Tränen kamen.





"Sonst was, hä?! Was kommt jetzt als nächstes? Ich bring mich um oder sowas?", fauchte Adam empört. "Nein, ich ...", stotterte sie weiter, während sich auf seiner Stirn eine steile Zornesfalte bildete. "Ja, was nun??? … Weißt du was? du stiehlst mir meine Zeit!! Du bist wie alle anderen Weiber und willst nur, dass ich dir den allzeit bereiten Hengst gebe, der dir auf Abruf die Befriedigung verschafft, die du in deinem täglichen Einerlei sonst nicht finden kannst! Das ist es doch, nicht wahr?! Aber einen Ort, an dem ich mich zugehörig fühlen kann, den gibst du mir nicht. Den bekommt ein anderer!!"





Unvermittelt sank Naike vor ihm auf die Füße, umklammerte ihn so fest sie konnte und begann unkontrolliert zu weinen. "Du darfst mich nicht verlassen ... ich liebe dich doch!!"





Für einen Moment sagte Adam gar nichts mehr, sondern starrte nur völlig fassungslos auf seine Ex-Freundin, die sich plötzlich wie ein kleines Kind benahm. Dann zog er sie schnell wieder nach oben ...





... und die Affen in seinem Kopf liefen Sturm, als sie leise an seiner Schulter weiterschluchzte. Er vernahm den ihm so bekannten Geruch ihres Haares und Erinnerungen drängten sich in seinen aufgewühlten Geist. Aber nach ein paar sich wie eine Ewigkeit anfühlenden Sekunden hatte einer der Affen den inneren Kampf gewonnen.





Auch Naike war der Moment des Schweigens wie eine Ewigkeit vorgekommen. Sie hatte darauf gewartet, dass er sie in die Arme nahm, tröstete und im besten Falle seine Pläne verwarf. Aber stattdessen sagte er nun nur kühl: "Geh bitte nach Hause, du weißt, dass es vorbei ist, es gibt kein Zurück für uns."





"Waas?", rief sie völlig überrascht und zitterte am ganzen Leibe. "Nein ... nein, auf keinen Fall, das ist nicht dein Ernst, so darf es nicht sein!! Du lügst, du liebst mich auch, du kannst nicht einfach so aus meinem Leben verschwinden!" In Adams Schläfen begann es unter großem Bemühen, die Kontrolle zu bewahren, wild zu pochen.





"GEH ... NACH ... HAUSE!", sagt er dann noch einmal überdeutlich. "Du bist ein egoistisches Schwein!" stieß Naike hervor ...





… und Adams Sicherung knallte durch. In rasender Wut schlug er zu.





"Was ... WAS HAST DU GETAN???"





"Oh, mein Gott, Naike, es tut mir so leid, d … das wollte ich nicht", beteuerte Adam, über sich selbst wieder einmal völlig entsetzt. Naike trat einen Schritt zurück und schüttelte entsetzt und ungläubig den Kopf, dann stürmte sie blind vor Tränen Richtung Haustür ...





... wobei sie einer Frau in die Arme lief, an deren Gesicht sie sich sofort erinnerte, als wäre es gestern gewesen.





Unfähig zu jeglicher anderen Reaktion schubste sie sie harsch zur Seite ...





... und rannte, wie von einer Meute hungriger Wölfe verfolgt, ziellos ins Freie.

*





"Mein kleiner wilder Bruder … jähzornig wie eh und je. Der wievielte Spiegel war das jetzt, den du zertrümmert hast, weil du deine eigene Visage nicht mehr ertragen konntest, hm?"





"Ich weiß es nicht", antwortete Adam tonlos und starrte für einen Moment ins Leere.





"Du solltest dir helfen lassen", schlug Nastassja vor, "ich kann dir meinen Psychiater empfehlen."





"Ich brauche keinen Psychiater", sagte Adam matt, "schließlich schieße ich nicht auf meine Geschwister." Nastassja zog ihre Stirn kraus. "Du musst es selbst wissen."

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"Was sitzt du denn hier im Düsteren? Hast du inzwischen gepackt?" - "Nein, "Maman", zisch ab!!"





"Kann ich etwas für dich tun?" - "VERSCHWINDE!", blaffte Adam noch einmal barsch und schlug Josephs Hand weg, die dieser mitfühlend auf seine Schulter gelegt hatte. Und dann sagte auch sein Bruder: "Du musst selbst wissen, was du tust." An der Tür drehte er sich noch einmal um. "Morgen sind wir in Thionville und fangen ganz neu an, ja?!" Adam nickte unmerklich und heiße Tränen rannen eine nach der anderen über sein Gesicht.

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Der Frühling hatte sich inzwischen vollständig auf der Insel etabliert und die Dinge gingen ihren gewohnten Gang.





Die Familie hatte sich entschieden, ihren Gärtner und Mädchen für alles, Nathaniel, auch weiterhin zu beherbergen, denn er hatte sich als hilfreich herausgestellt und studierte außerdem fleißig. Naike hatte ihm erlaubt, sich den kleinen, zum Haus gehörigen Gartenschuppen einzurichten, so dass er sich seine Privatsphäre bewahren konnte.





Nur selten nur sah man ihn untätig den Tag genießen, meist war er auf den Beinen und sehr aktiv.





Regelmäßig gab er Jessica Unterricht in seiner Muttersprache Französisch, die sich sehr darüber freute, ihre verschütteten Kenntnisse endlich mal wieder aufpolieren zu können.





"La bombe heißt die Bombe." - "Na, prima, Nat, wozu brauche ich diese Vokabel denn jetzt noch, der Krieg ist längst vorbei!" - "Pardon, Madame, da haben sie natürlich Recht, aber es steht hier so in Lektion 12.“





"Also, lassen Sie es uns einfach ändern: la paix - der Frieden, la paix règne - es herrscht Frieden." - "Schon besser", strahlte Jessica und flirtete heftig mit ihrem jungen Lehrer, was dieser sehr witzig fand.





Nach wie vor überhaupt nichts witzig fand hingegen Paul. Zu nichts konnte er sich aufraffen, saß den Tag über mal hier, mal da ...





... hatte selbst auf die leckersten Köstlichkeiten keinen Appetit ...





... und fristete ein absolut sinn- und trostloses Dasein.





Naike bemühte sich nach wie vor um Unterstützung, aber Paul bewahrte sich seine abweisende Haltung. "Morgen ist der nächste Termin bei Gilbert, Paul, soll ich dich hinfahren?"





"Wozu soll ich dahin, der kriegt meine Beine auch nicht wieder in Gang ...





… aber vielleicht kannst du ja irgendwoher eine Wunderlampe zaubern, die mich wieder rennen lässt wie ein junger Gott, kennst dich mit Magie doch angeblich so gut aus", stichelte er garstig und lachte bitter. "Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg", entgegnete Naike ernüchtert und dickem Kloß im Hals.

*





Aber dann rang er sich schließlich doch noch zu dem Arztbesuch durch. Wie vermutet hatte sein ehemaliger Studienkollege aber keine Neuigkeiten.





"Tja, Paul, was soll ich dir sagen? Die Ergebnisse sind stets gleich, deiner Lähmung liegt kein physisches Problem zugrunde, du könntest theoretisch sofort aufstehen, abgesehen davon dass deine Muskeln langsam abbauen. Ich kann dir nur dazu raten, endlich einen Psychologen zu konsultieren, der kann dir sicher weiterhelfen!“ - "Siehste, Naikelein, in die Klapse will er mich schicken", meinte Paul, offenbar völlig von diesen Eindruck überzeugt, und Naike gefiel es gar nicht, dass sein Atem verdächtig nach Alkohol roch. "Aber das ist doch Blödsinn", sagte Gilbert, "sei bitte vernünftig und lassen dir helfen!"





"Also, dann auf Wiedersehen zusammen! Und bitte beherzige meinen Rat, Paul! Kann ich sonst noch etwas für euch tun?" - "Danke, Gilbert, dann bis zum nächsten Mal", schüttelte Naike den Kopf.





"Wirklich nicht, auch kein Rezept für eine gehaltvolle After-Sun-Lotion?", grinste der Doc und Naike lachte, denn sie war sich ihrer Dummheit bewusst, am Strand eingeschlafen zu sein, so dass die bereits sehr umbarmherzige Frühlingssonne gnadenlos ihr Werk hatte vollbringen können.

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Wenige Tage später fand sie in der Tagespost einen Brief ohne Absender, der sich irgendwie schwer anfühlte. Sie öffnete ihn auf dem Weg zurück ins Haus, aber er enthielt keinerlei Nachricht, lediglich ein kleiner Gegenstand fiel aus dem Umschlag heraus in den Sand und sie hob ihn auf.





Sie lief ins Haus, ließ sich im Wohnzimmer aufs Sofa fallen und starrte auf das metallene Etwas in ihrer Hand.





"War was Wichtiges in der Post?", fragte Jessica beiläufig, denn sie war wieder einmal in ihre Studien vertieft. Naike erwiderte nichts, was ihrer Mitbewohnerin aber überhaupt nicht aufzufallen schien ...





... sondern starrte weiterhin in ihre rechte Handfläche, auf der Adams Erkennungsmarke lag, die er ganz offensichtlich als Soldat getragen hatte. Adam Tallis, geboren am fünften April 1968, Bataillon 27, Blutgruppe A positiv. Auf der Rückseite war das Kürzel "RK" für die katholische Militärseelsorge eingeprägt. Heute war der fünfte April und A positiv ebenfalls Naikes Blutgruppe. Sie erhob sich zitterich, ging die Treppe hinauf in ihr Zimmer und legte die Marke in ein Kästchen in ihrem Schreibtisch, in dem sie kleine Erinnerungstücke aufhob. Das zwei Mal vier Zentimeter große Metall war nun alles, was ihr von ihrer großen Liebe geblieben war. Sie verabschiedete sich in diesem Augenblick von sämtlichen Gedanken an eine Reunion und sah nach vorn.

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Sean hatte so lange gequengelt, bis Nathaniel ihm eine Ballettstange mitsamt wandhohen Spiegeln in seinem Kinderzimmer angebracht hatte, an der er nun jeden Tag fleißig übte ...





.. was Mutter und Sohn Beretton ihm einmal in der Woche in ihrem Unterricht beibrachten.





Sein Körper wurde zunehmend geschmeidiger, seine Haltung hatte sich begradigt und überhaupt fand er sich einfach unwiderstehlich.





Lediglich seine Schulnoten drückten sein Selbstbewusstsein, denn vor lauter Tanzerei waren seine Leistungen auf Kellerniveau gerutscht. "Guck’ dir das an, Abi, eine bodenlose Unverschämtheit ist das!" - "Aber du bist wirklich so schlecht, Sean", sagte seine Schwester bedauernd, "tu nicht immer so, als würden die Lehrer dich ungerecht behandeln. Mensch, du bist doch nicht doof, kannst du nicht mal während des Unterrichts an etwas anderes als Tanzschritte denken? Eine gute Ausbildung in Allgemeinwissen gehört auch zu einem Balletttänzer und Mann von Welt, der du doch vorgibst werden zu wollen!" Sean dachte nach. Wo Abilene Recht hatte, hatte sie Recht.





Und so nahm er Nachhilfe in Anspruch, auch wenn es ihn jedes Mal große Überwindung kostete. Für Deutsch, Englisch und Mathe kam ein Lehrer ins Haus, in Französisch war wieder Nathaniel zur Stelle.





Oft brütete er den gesamten Nachmittag über Algebra und Konjugationstabellen ...





... während seine Schwester stets in Nullkommanichts fertig war, aber andere Sorgen hatte.

*





Nachdem Dr. Blythe nichts erreichen konnte und Paul sich partout weigerte, einen der in der Simwelt berühmt-berüchtigten Psychoquacksalber zu konsultieren, waren Voodoo Moms Fähigkeiten die einzige noch ausstehende Möglichkeit auf Heilung. "Dieses stinkende Gesöff soll ich trinken? Wollen Sie mich umbringen??" Voodoo Mom gab wieder einmal ihr dröhnendes Lachen zum Besten. "Bisher haben es noch alle überlebt. Na los, nun endlich runter damit, Sie sind doch ein ganzer Kerl, oder!"





Widerwillig ließ Paul die eklig riechende, schleimige Flüssigkeit seine Kehle hinab rinnen und musste dabei dem Reiz, es gleich wieder auszuspeien, unter großen Anstrengungen unterdrücken.





"Und?" - "Ja, was und? Glaubst du, er rennt gleich nach dem Genuss ums Haus? Wir müssen jetzt abwarten."





"Aber wie lange wird es dauern bis man sagen kann, ob es gewirkt hat oder nicht?!"





"Das kann niemand vorhersagen. Aber wenn sich nach einem Jahr noch nichts getan hast, war es wohl erfolglos."





Naike schaute nach dieser äußerst „aufbauenden“ Information Jessica an und erkannte gleich an deren Gesichtsausdruck, was diese von solchen Praktiken hielt, nämlich gar nichts. Manchmal kannte Voodoo Mom tatsächlich außergewöhnliche Mittel und Wege, eingefahrene Situationen wieder in Gang zu bringen, aber bei so einer Sache wie Pauls glaubte sie nicht einmal im Traum daran.

*





Abends klingelte ungewöhnlich spät das Telefon. "Le Normand, Jessica Jung am Apparat", meldete sich die Seniorin förmlich, aber niemand antwortete ihr, lediglich ein leises Atmen war am anderen Ende der Leitung zu vernehmen. "Hallo? Hallo, wer ist denn da?!"





"Nun melden Sie sich doch!" Vor Naikes innerem Auge leuchteten sofort vier Buchstaben auf, zwei A, ein D und ein M. Bei Jessica hingegen waren es fünf, denn all ihre Hoffnungen trugen seit Jahren noch immer den gleichen Namen: Armin.



Kapitel 41 - Das Lied des Soldaten
Kapitel 43 - Genug ist genug