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 | Kapitel 41 - Das Lied des Soldaten |
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Nichts ahnend putzte Naike an ihrem vorletzten Tag im Pfarrhaus die Küche, damit alles blitzte, wenn Gerda in Kürze das Ruder endgültig wieder übernehmen würde. Alles hatte mit Eintreffen des Frühlings langsam aber stetig seine Ordnung gefunden.
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Die Kinder gingen regelmäßig zur Kasper-Jacoby-Privatschule.
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Sean zog sich unheimlich gerne schick an und liebte es daher, sich in seiner Schuluniform zu zeigen. Seine Leistungen waren deutlich besser geworden.
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Und auch seine Adoptiv-Schwester Abilene machte sich hervorragend. Paul würde allen Grund haben, stolz auf seine Tochter und ihre Leistungen zu sein.
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Zu Naikes großem Erstaunen, aber ebenso großer Freude, da sie in ihrer Kindheit selbst getanzt hatte und das Ballett noch immer sehr liebte, nahm ihr Sohn nun regelmäßig einmal in der Woche am Tanzunterricht teil und hatte sich den Profi-Tänzer Jacques Beretton zum Vorbild genommen.
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Immer, wenn dieser bei einer Stunde anwesend war, kümmerte er sich besonders um seinen neuen Schützling, den eifrigen Jungen Le Normand, denn er freute sich sehr darüber, endlich wieder einmal männlichen Nachwuchs im Studio seiner Mutter unterrichten und seine Fähigkeiten weitergeben zu können.
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Die Sprösslinge der Kappes verstanden sich inzwischen nicht nur mit Abilene, sondern auch mit Sean sehr gut, auch wenn er weiterhin zumindest ab und zu noch einen frechen Streich auf Lager hatte und Unsicherheiten der anderen gelegentlich zu seinem persönlichen Amüsement ausnutzte.
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Den vorletzten gemeinsamen Abend verbrachte man gemütlich im Wohnzimmer. Während Naike Interview mit einem Vampir las und sich dabei herrlich gruselte ...
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... übten sich Hans und Miranda im Schach, denn sie nahmen in der Schule an einer entsprechenden Arbeitsgemeinschaft teil und hatten beschlossen, dort zu glänzen.
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Die anderen Vier beschäftigten sich derweil mit spannenden Geschicklichkeitsspielen ...
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... die meist Abi gewann, weil sie von allen die ausgeprägteste Feinmotorik besaß.
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In der Wüste Negev war es inzwischen Nacht und somit unheimlich kalt geworden. Wenn Adams Sinne ihn noch nicht im Stich gelassen hatten, roch es auch nach Regen, der hier im Winter und Frühjahr oft sehr ausgiebig fiel und das vertrocknete Land für eine kurze Zeit zum Blühen brachte. Nachdenklich sog er den Rauch einer Zigarette in seine Lunge, was bei jedem Zug einen leicht stechenden Schmerz verursachte, und überlegte dabei, ob es vielleicht Sinn machte, sich zu Fuß nach Beerscheba im Norden aufzumachen, um bei der dort ansässigen Militärbasis Chazerim Hilfe zu holen.
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"Hast du noch 'ne Kippe für mich?", fragte Paul elend. Adam packte ihn vorsichtig unter den Schultern und zog ihn unter den Tragflügel des Flugzeuges, denn nun hatte es tatsächlich leicht zu regnen begonnen. Dann gab er ihm seine Zigarette, zündete sich selbst eine neue an ...
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... und legte sich zu ihm, um sich ebenfalls vor der kalten Nässe zu schützen. Adam war ratlos. Die Bombe war sehr nah an seiner Unfallstelle detoniert und ihre Druckwelle hatte die beiden Männer in ihren Ausläufern erfasst und gegen den Felsen gedrückt. Pauls kleiner Militärtransporter war nun ebenso stark beschädigt wie Adams alte Kiste. Aber bedeutend schlimmer war, dass Paul seine Beine nicht mehr spürte.
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Er litt undefinierbare Schmerzen, war aber nun endlich wieder bei klarem Verstand. "Verzeihst du mir?", fragte er Adam mit kraftloser, krächzender Stimme. "Wann verzeihst du endlich mir?", entgegnete dieser und sah seinen ehemaligen guten Freund mit offenem Blick an.
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"Fass sie nie wieder an. Nie wieder, hörst du?!", nuschelte Paul. Adam nahm ihm die Kippe aus dem Mund, streifte die Asche ab, die sich an ihrer Spitze gesammelt hatte und steckte sie ihm anschließend wieder zwischen seine aufgesprungenen Lippen. "Kocht das Blut, da weiß ich, wie verschwenderisch das Herz der Zunge Schwüre leiht", zitierte Adam Shakespeare. "Und was willst du mir jetzt damit sagen?", rätselte Paul. "Ich will damit sagen, dass es keine Garantien im Leben gibt. Aber ich liebe neue Herausforderungen - vor allem, wenn ich die alten nicht erfüllen konnte." Paul drehte seinen Kopf zur Seite und starrte in den dunklen Sand. „Meinst du, man wird uns finden?“ – „Na, wenn das dein Handy ist, was da gerade die irische Nationalhymne trällert.” Adam grinste aus tiefster Erleichterung.
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Der letzte Tag bei Familie Kappe war nun endgültig angebrochen. Naike, Sean und Abilene hatten ihre Koffer gepackt, ganz früh am nächsten Morgen würden sie die Heimreise antreten. "Du hast Merlin schrecklich lieb gewonnen, nicht wahr?!", stellte Abi fest, als sie sah, wie herzlich ihre Freundin Elvira sich um die Katze kümmerte. Elvira nickte traurig über den ihr bevorstehenden Verlust. "Aber ich kann euch ja immer besuchen, hat deine Mama gesagt."
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"Das hoffe ich doch sehr. Du, Elvira? Möchtest du Merlin behalten?" Das blonde Mädchen riss ihre großen Kulleraugen auf und traute ihren Ohren kaum. "Wie jetzt? Willst du mir ...?" - "Ja, ich möchte sie dir schenken. Du hast dich in letzter Zeit viel öfter mit ihr beschäftigt als ich, mit meinem ganzen Schulkram. Außerdem haben wir ja auch noch einen Hund daheim. Darfst sie gerne behalten, wenn deine Ma nichts dagegen hat."
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Elvira war außer sich vor Freude und nahm in großer Hoffnung, dass Gerda es erlaubte, das Geschenk ihrer Freundin an.
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Am letzten gemeinsamen Abend hatte keiner Lust auf Spiele oder Lesen, denn die Nachrichten überschlugen sich mit viel versprechenden Meldungen. Naike wusste aufgrund ihrer Position bereits Bescheid: Es war vorbei! Eine wieder einmal völlig sinnlose Auseinandersetzung hatte sein Ende gefunden und auf jedem Fernsehkanal zeigten sich erleichterte Soldaten-Gesichter, aber auch viele Verwundete und Aufnahmen schwer beschädigter Dörfer und Städte.
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Für einen Moment konnte keines der Kinder so recht erfassen, dass die schlimme Zeit nun tatsächlich endlich zu Ende ging.
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Aber dann begriffen sie es und der Jubel war groß.
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Zum Glück begnügten sich diesmal auch die Kappe-Kinder mit Freudentänzen, so blieb ihren Gästen ein schräges Abschiedskonzert im Pfarrheim erspart.
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Als endlich alle aufgeregten Gemüter zur Ruhe gebracht waren und Naike ihren obligatorischen Sicherheitsrundgang durchs Haus machte, klingelte plötzlich ihr Diensthandy.
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Bereits morgen würde es also soweit sein. Ein heißer Sommer war vergangen, ein nasser Herbst und anschließend ein langer Winter. Und jetzt kamen sie tatsächlich von einen Tag auf den anderen zurück. Naikes Affen waren sich wieder einmal völlig uneins und wirbelten durch ihren Kopf. Sollte sie sich nun freuen oder um ihre völlig unbestimmte Zukunft bangen?
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Erst nach einer doppelten Dosis Baldrian schlief sie endlich ein und träumte von verkrüppelten und traumatisierten Soldaten, die wie riesige Fliegenhorden die heimische Militärbasis Blauseidigheide überzogen.
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Auf dem letzten Stipp kam sie am nächsten Tag in der Kaserne an, denn Sean hatte partout nicht in die Schule gehen wollen, jetzt, wo er doch vielleicht seinen Vater endlich wiedersehen würde. Aber sie hatte sich durchgesetzt und sein Gezeter tapfer ertragen.
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Da der Hubschrauber noch nicht zu sehen war, zog sie sich ein Päckchen Filterzigaretten am Automaten und rauchte vor lauter Nervosität den ersten Glimmstängel seit 15 Jahren. Was würde sie erwarten? Würde der gesamte Trupp mit allen Männern der Insel zurückkommen oder nur einige? Waren welche von ihnen verletzt? Genaues wusste sie nicht. Und sie musste tierisch husten, als sie vergebens versuchte, den beißenden Tabakrauch zu inhalieren.
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Ihr blieb nichts anderes übrig, irgendwann musste sie sich im Bürogebäude melden und zu allem Überfluss saß dort bereits der Rest der Meute, einschließlich Sean, der schließlich Jessica hatte weich klopfen können, mit ihm doch noch nach Blauseidigheide zu fahren, während Abi längst in der Schule angekommen war. Naike war darüber sehr entzürnt. Was, wenn Adam in Einzelteilen angeliefert würde? Sie tranken noch etwas, dann war von draußen definitiv der sehnlich erwartete Helikopter-Lärm zu vernehmen.
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Nun sprach keine der anwesenden Frauen mehr ein Wort, alle standen in höchster Anspannung am Eingang des Kasernengeländes und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Und selbst Sean, der sonst unentwegt irgendetwas erzählte, hatte es ausnahmsweise die Sprache verschlagen.
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Mit dem üblichen ohrenbetäubenden Getöse landete der Hubschrauber ganz behutsam auf der Straße, und nach und nach verließ ein "grüner" Mann nach dem anderen das Fluggefährt.
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"Papaaa!!!", brüllte Sean und übertönte damit fast den Rotorenlärm. Er rannte wie ein Irrer los ...
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... und fiel seinem Vater, der gesundheitlich zumindest auf den ersten Blick einen guten Eindruck machte, überglücklich in die Arme. "Mein Junge, mein lieber Junge! Ich hab' dich ja so schrecklich vermisst", bemühte sich Adam seine Fassung zu wahren und den Schmerz in seiner Brust zu veratmen.
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Sean ließ ihn plötzlich los und starrte ihn von oben bis unten an. "Was ist jetzt auf einmal los?", wunderte sich sein Vater. "Bist du auch wirklich echt? Ich kann es einfach nicht glauben", stammelte Sean und nun merkte Adam erst, wie verstört sein Kind war und es tat ihm zutiefst im Herzen weh. Aber nun würde hoffentlich bald alles wieder in geregelten Bahnen laufen.
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Vorsichtig kamen jetzt auch die Frauen heran und Naike durchfuhr der Schreck wie ein Blitz, als sie Paul im Rollstuhl sitzend erkannte. "Hallo", sagte sie leise, aber er würdigte sie keines Blickes. Hilflos sah sie zu Nicolas Kappe hinüber, der einen ungewohnt unsicheren Eindruck machte. Hinter ihr ertönte lautes Jubelgeschrei.
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So innig hatte Naike Gerda und Albert Kappe noch nie miteinander gesehen. Sie schienen sich nach all den gemeinsamen Jahren tatsächlich noch zu lieben, was sie aufgrund ihrer eigenen Situation sehr nachdenklich stimmte.
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"Milo Richard?", fragte Adam halb staunend, halb irritiert, und versuchte für einen Moment erst einmal zu begreifen, dass das kleine Bündel in Eva-Marias Arm sein neugeborener Sohn war.
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Naike schmerzte einfach alles, als sie mit ansah, wie Adam Frau und Kind anschließend liebkoste und wie gelöst er dabei wirkte. Sie tröstete sich damit, dass er wenigstens Sean zuerst begrüßt hatte.
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Dann wandte sie sich von der für sie unerträglichen Vater-Mutter-Kind-Szene ab und versuchte ihren zweiten Anlauf bei Paul. Aber er ließ sich lediglich ein tonloses Hallo entlocken und sah sie dabei nicht einmal an. Naikes Mundwinkel sanken und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
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"Nic … Nicolas ... was ist mit ihm?" Der Pfarrer nahm sie tröstend in den Arm wie ein kleines Mädchen. "Es ist alles gut, meine Liebe, glaube mir. Es sieht schlimmer aus als es ist. Alles wird wieder werden!", sagte er liebevoll. Naike hielt ihren guten Freund ganz fest umarmt und schluckte die Tränen so gut es ging hinunter.
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Kurz darauf hatte sie sich wieder im Griff. "Herzlichen Glückwunsch, Ad!" – „Hallo du, schön dich wieder zu sehen. Danke dir!", lächelte der frischgebackene Vater. Leider nahmen ihre Tränen nun doch wieder Kurs nach draußen. "Geht es dir gut?", fragte sie leise. "Aber sicher doch. Ein bisschen Urlaub könnte ich gebrauchen, aber sonst … ich freu’ mich tierisch auf die Uni." Naike nickte lächelnd, offenbar war wenigstens er der alte geblieben.
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"Es tut mir Leid wegen Paul, es hat uns im Negev eine Bombe erwischt." Naike kaute auf ihrer Unterlippe herum. "Weißt du Näheres über seine Verletzungen?" - "Nein, nur dass er sich seit dem Aufprall auf einen Felsen nicht mehr richtig bewegen kann. Ein Militärarzt in Chazarim hat ihn kurz durchgecheckt, nachdem man uns gefunden hatte, aber keine Schäden an seiner Wirbelsäule diagnostizieren können. Du solltest abwarten, was die Ärzte hier nach eingehenderen Untersuchungen dazu sagen." Naike nickte seufzend. "Mach' dir mal keine allzu großen Sorgen. Ich vermute, dass es psychisch ist. Tief in seiner Seele sitzen seine echten Verletzungen und wir tragen die Schuld daran." Naike schloss für einen Moment ihre Augen und schmeckte ein wenig Blut aus ihrer Lippe. Adams Blick erschien ihr trotz der erfreulicheren Umstände traurig und leer. Oder war es nur Einbildung? Wunschdenken? „Paul braucht dich jetzt", sagte er dann und wandte sich seinem Bruder Joseph zu, der seinen kleinen Neffen bestaunen wollte.
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"Oh Mann, ist der winzig!", entfuhr es ihm begeistert. "War Sean auch so klein damals?" - "Ich glaube schon", meinte sich Adam zu erinnern und warf einen stolzen Blick zu seinem ersten Sohn hinüber, der nun schon bald in die Mittelstufe kam.
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"Ich beneide dich, Bruderherz, immer kriegst du die Kinder, obwohl du im Gegensatz zu mir keinerlei Familienambitionen hast", klagte Joe. "Du einsamer Wolf, du!", knuffte er ihn scherzend in die Seite. "Autsch, verdammt, denk doch an meine gebrochene Rippe!" Als Eva-Maria das hörte, war sie sogleich schwer besorgt. "Komm, Liebling, lass uns nach Haus fahren. Ich habe alles vorbereitet, bei mir ist genug Platz für uns drei und ich werde dich wieder ganz gesund pflegen!"
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"Du, das ist sehr lieb von dir, aber ich möchte zu mir nach Hause, in mein eigenes Bett, dessen Komfort ich seit einem knappen Jahr nicht mehr genießen durfte, bitte hab Verständnis. Ich komme dich dann morgen besuchen, ja?!" Eva-Maria zog einen enttäuschten Flunsch, was Naike, die zugehört hatte, große Genugtuung verschaffte, obwohl sie es sich nur ungern eingestand. Nun hat sie ihren einsamen Wolf, dachte sie, und war ziemlich gespannt, ob die junge Mutter damit umgehen konnte.
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Dann begann der allgemeine Aufbruch, die Heimkehrer wollten nichts als endlich nach Hause. Paul wurde in einen Krankentransporter geschoben und fuhr mit Jessica schon mal zur Simlane 10 vor, während Naike mit ihrem Sohn und den Kappes noch einmal kurz zum Pfarrhaus fuhr, um die restlichen Koffer und anschließend Abilene von der Schule abzuholen.
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Sie bot Nicolas an, sich ein wenig Urlaub in der Simlane zu gönnen, was dieser aber dankend ablehnte, weil es auch ihn nach Hause trieb. "Ruf mich jederzeit an, wenn was ist, auch mitten in der Nacht, ok?!" - "Danke, Nic, ich weiß das sehr zu schätzen. Leb wohl! Und bitte komm uns so bald wie möglich wieder einmal besuchen, ja?!" - "Aber klar, spätestens bei eurer Hochzeit stehe ich natürlich frisch gestriegelt am Altar und nehme euch die Gelöbnisse ab", versprach Nicolas Kappe feierlich. "Glaube mir, bald wird das alles hier vergessen sein!"
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Und dann kamen Naike, Abilene und Sean endlich wieder zu Hause in der schönen Simlane mit der Hausnummer 10 an. Jessica hatte sie bereits erwartet, schmiss ihr Buch freudig auf die Gartenbank und stürmte in Richtung Parkbucht.
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Für Naike war es ein komisches Gefühl, endlich wieder dauerhaft den eigenen Boden unter den Füßen zu spüren, als sie ihrem Auto entstieg. Irgendwie fremd und doch so vertraut.
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"Och Sean, du kannst ruhig mal richtig mit anpacken, statt dir wieder nur Darsweder zu schnappen", schimpfte seine Mutter. "Aber ich muss meine Muskeln und Gelenke schonen, hat Madame Beretton gesagt!", gab er zu bedenken, was garantiert nicht stimmte, und Naike dazu veranlasste, ihm einen kleinen Tritt in den Hintern zu versetzen, woraufhin er gespielt zusammenbrach.
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"Ach Schatz, dass ich das auf meine alten Tage noch erleben darf!", rief Jessica begeistert und Naike lachte amüsiert über die Theatralik ihrer Freundin, die in Wahrheit noch äußerst rüstig war. Wer hatte wohl mehr Bühnenbegabung, Sean oder seine Omi?
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"Ich bin wirklich sooo glücklich, dass ich es kaum ausdrücken kann, meine Liebe! Endlich haben die Sorgen ein Ende und wir können das Leben wieder genießen!" Naike nickte kurz zustimmend und lächelte, aber ihr Blick verriet Unsicherheit.
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"Wie geht es Paul?" - "Nicht gut", antwortete Jessica leise, so dass die Kinder es nicht mitbekamen. "Er starrt die ganze Zeit aus dem Fenster und redet kaum, nur wenn er etwas braucht. Hab’ schon alles probiert, aber mehr als höfliche Antworten gibt er mir nicht." Naike zuckte mit den Schultern. Sie schnappte sich die Hauptteile des Gepäcks und dann gingen sie gemeinsam ins Haus.
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"Hey, Shaky!!", rief Sean erfreut und streichelte seinen kleinen weißen Terrier, mit dem er nun endlich wieder jeden Tag spielen konnte.
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"Siehst du, ich hab's ja gesagt. Da hockt er schon, seit der Krankenpfleger ihn gebadet hat. Willst du das in Zukunft eigentlich alles machen", fragte Jessica, "oder müssen wir jemanden einstellen?" - "Na, zumindest werde ich es erstmal versuchen … wenn er mich denn lässt", meinte Naike zerknirscht.
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"Hallo Papa!", sagte Abilene vorsichtig und fürchtete sich ein bisschen vor seiner Reaktion. Doch zu ihrer großen Erleichterung drückte er sie an sich und sie sah, dass er dabei Tränen in den Augen hatte. "Meine geliebte kleine Abi", sagte er leise und verschluckte sich kurz dabei. Seine Adoptivtochter strich ihm zärtlich die langen Haare aus dem Gesicht und lächelte ihn unsicher, aber liebevoll an.
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”Hallo Paul." - "Hallo Naike." Das noch immer verlobte Paar sah sich für ein paar sehr lang erscheinende Sekunden stumm an. "Mehr hast du mir nicht zu sagen?", fragte Naike, ernüchtert durch Pauls ausdruckslose Mimik, mit der er daraufhin wieder aus dem Fenster sah.
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"Kinder, setzt euch doch bitte mal ins Wohnzimmer und schaut ein bisschen Fernsehen. Oder richtet euch im Kinderzimmer doch schon mal wieder gemütlich ein, ja?! Ich mache uns dann gleich etwas zu essen." - "Bekomme ich eine Trainingsstange in mein Zimmer?", fing Sean plötzlich an. "Bitte, das können wir doch demnächst noch ganz in Ruhe klären." Der kleine Junge nickte einsichtig, nahm seine Schwester bei der Hand und zog sie aus dem Wintergarten, während Naike einen zweiten Anlauf wagte und sich zu Paul setzte.
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"Und jetzt erzähle doch mal. Wie geht es dir? Was hast du erlebt?", versuchte sie wieder Kontakt zu ihrem Verlobten zu finden.
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"Ich habe dir nichts zu sagen", antwortete Paul bitter und sah dann weiterhin schnurgerade an ihr vorbei. Na, das konnte ja heiter werden, dachte Naike. Aber Probleme waren nun mal da, um gemeistert zu werden. "Paul, ich verstehe, das du tief verletzt bist ..." - "Nein, das verstehst du nicht", grummelte er sich in seinen Bart. "Und jetzt geh bitte, ich möchte alleine sein."
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Einige Zeit später war es zum ersten Mal in diesem Jahr richtig warm geworden und Naike hatte statt morgendlicher Autofahrt lieber einen Spaziergang gewählt, um kurz bei Kappes vorbei zu schauen. Auf dem Weg dorthin kam sie am Tallis-Haus vorbei und blieb verwundert stehen.
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Es stand zum Verkauf?? Oder war dies ein Versehen? "Mademoiselle Le Normand!", rief plötzlich eine dunkle Frauenstimme, die ihr entgegen kam.
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"Wie schön, dass ich Sie mal treffe", freute sich Madame Beretton, Seans Ballettlehrerin. "Ihr Sohn macht sich ganz hervorragend, kommen Sie doch mal vorbei und schauen sich eine Stunde an, Sie sind jederzeit herzlich willkommen!" Während Naike sich erfreut bedankte und zusagte, kam plötzlich Schuldirektor Kasper Jacoby aus dem Haus der Tallis’ und begrüßte die beiden Damen höflich. Madame Beretton verabschiedete sich mit einem fröhlichen Salut und ging dann weiter ihrer Wege.
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"Was machen Sie denn hier bei den Tallis, Herr Jacoby?", fragte Naike ohne zu überlegen, dass sie das eigentlich gar nichts anging. Aber der Direktor schien sich an ihrer Neugier nicht zu stören. "Ich arbeite nebenbei noch als Makler und habe gerade einen Vertrag mit Familie Tallis gemacht, die ihr Haus verkaufen möchten, weil sie zurück in ihre Heimat, nach Nordfrankreich, ziehen werden." - "Aha", sagte Naike automatisch und merkte es nicht einmal. "Na ja, dann will ich mal wieder, es wartet heute noch mehr Arbeit auf mich. Einen schönen Tag noch, wir sehen uns dann beim nächsten Elternsprechtag!", verabschiedete sich der ältere Herr freundlich und verschwand dann in der gleichen Richtung wie zuvor Madame Beretton.
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"Familie Tallis möchte ihr Haus verkaufen, weil sie wieder in ihre Heimat nach Nordfrankreich ziehen", wiederholte Naike noch einmal die Aussage des Maklers wie ein Roboter für sich selbst, so als würde sie dadurch mehr an Wahrheitsgehalt gewinnen. Im Geiste sah sie, wie das Haus ausgeräumt wurde. Alle Möbel wurden in einen Lastwagen geschoben und zuletzt kam ein Taxi, das Adam, Eva-Maria und Milo Richard zum Flughafen bringen sollte. Sie selbst spielte in ihrem eigenen Tagtraum lediglich die Rolle eines Beobachters der ganzen Aktion. Eine Frau, die miterleben mußte, wie der Mann, den sie liebte, aus ihrem Leben verschwand.
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Kapitel 40 - Valse Sentimentale Kapitel 42 - Nichts als Scherben
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