Kapitel 34 - Rückfälle



Ja – da war der Gesuchte tatsächlich. Umgeben von gleich vier Frauen auf einmal, wie der Hahn im Korb. Und offensichtlich ging es ihm dabei ganz hervorragend, denn er flirtete gerade intensiv mit einer Langhaarigen am Tresen.





Doch dann wendete er sich plötzlich von ihr ab, stand auf, angelte nach der Taille einer Braunhaarigen, die Naike irgendwie an Herta Tellermann erinnerte, und küsste diese ohne Umschweife auf den Mund! Was sich zuvor unten vor der Tür in Naikes Kopf abspielte, war nichts gegen das Gedanken- und Gefühlsfeuerwerk, das sie nun überkam, denn nach dem Kuss mit der Braunhaarigen ...





... folgte nun ein inniger mit einer Kellnerin, wobei Naike sich nicht ganz sicher war, ob das überhaupt eine echte Kellnerin war, denn ihr Outfit glich eher einer Art Kostüm.





Aber auch diese Küsserei währte nicht lange und Adam widmete sich wieder der Langhaarigen zu, forderte sie ganz offensichtlich zum Tanzen auf.





Naike war äußerst froh, dass sie auf Position geblieben und nicht gleich ins Geschehen gestürmt war, denn das Schauspiel, das ihr Ex ihr hier bot, war doch äußerst aufschlussreich. So hatte sie sich den Abend aber weiß Gott nicht vorgestellt.





Er ging nun mit der Langhaar-Dame auf die Tanzfläche und legte mit ihr einen Stehblues aufs Parkett, der sich sehen lassen konnte. Man turtelte kichernd und immer wieder wanderten seine großen Hände an Stellen, die man normalerweise nur an seinem eigenen Partner berührt.





Eine kurze Weile sah sie sich das seltsame Treiben noch an, entschied aber dann, doch lieber wieder zu gehen, denn hier war sie offenbar völlig fehl am Platze. Aber dann zögerte sie doch noch, denn plötzlich wurde es interessant, die Braunhaarige - Naike war sich inzwischen fast sicher, dass es tatsächlich um Herta Tellermann handelte, denn sie verfügte über ein hervorragendes Gesichter-Gedächtnis - erschien nun erneut auf der Bildfläche und war jetzt eindeutig dabei, Adam mitten im Tanz mit der anderen Frau anzugraben, um ihn abzuschleppen. Aus Ahnung wurde Gewissheit - sie befand sich in einem Privatclub, im Volksmund ganz ordinär "Puff" genannt.





Spontan entschied sie sich, statt zu fliehen, den Sturm nach vorne zu wagen, um Adam davon abzuhalten, sich mit Herta Tellermann einzulassen, denn das hätte sie unmöglich mit ansehen können. Also flitzte sie wie ein geölter Blitz aus ihrem Versteck hervor und setzte sich fix an die Bar, auf die Adam und seine für die Nacht offensichtlich Auserwählte nun ebenfalls zusteuerten. "Komm' lass uns endlich gehen", flötete Herta und zog ihn am Ärmel. "Hast du es dir wirklich gut überlegt, dass du das noch mal willst?", fragte Adam nachdrücklich. Naike konnte keine Antwort von Herta vernehmen, wahrscheinlich hatte sie genickt, denn nun bestellte er eine Flasche teuersten Champagners auf Zimmer Nummer 12.





Adam wechselte noch ein paar Worte mit dem Barmann, als er plötzlich ein Parfüm roch, das ihm äußerst bekannt vorkam. Schwarze Haare in Kombination mit Sui Love?





Mit einer gekonnten Drehung wendete Naike ihre Position um 180 Grad und begrüßte den Vater ihres Sohnes, der in Folge aussah, als hätte ihn gerade ein riesiges Brauereipferd in den Allerwertesten getreten, mit einem überschwänglichen "Guten Abend, Monsieur!"





Er bekam einen fürchterlichen Hustenanfall und Naike bot ihm grinsend ein Wick-Bonbon an, welches sie stets in ihrer Hosentasche für alle Fälle aufbewahrte. Adam beruhigte sich jedoch auch ohne das Bonbon wieder, nahm stattdessen einen dicken Schluck aus dem Whiskey-Glas, das ihm der grinsende Barmann unaufgefordert als kleine Aufmerksamkeit des Hauses hingestellt hatte, und kratze sich verlegen am Kopf. "Joe ist ein Arsch!", stellte er dann grummelig fest, aber Naike nahm ihn in Schutz: "Ich hätte ihn eh nicht in Ruhe gelassen, also sei ihm bitte nicht böse, ja?!"





Ad verdrehte die Augen und wandte sich seiner bisherigen Begleitung zu: "Du, bitte verzeih, aber es geht heute nicht, ein anderes Mal, klar?!" - "Selbstverständlich, wie Sie wünschen", lächelte Herta. Sie wirkte nett, alles andere als unangenehm, aber Naike drehte sich dennoch der Magen herum, als sie daran dachte, dass ihr Adam sich an diesem Abend beinahe mit dieser Frau im Bett gewälzt hätte. Und was war überhaupt mit Eva? Welche Rolle spielte sie in diesem kuriosen Spiel?





"Komm, lass uns schnell hier rausgehen, das ist kein Ort für dich. Ich bring' dich nach Hause, ok?!"





"Ich bin keine 15 mehr, Adam, und finde es hier durchaus nett, lass uns doch noch etwas bleiben." - "Kommt nicht in die Tüte, Abmarsch!" Und damit schob er sie vor sich her in Richtung Treppe, was den beiden einen missbilligenden Blick von Gerda einbrachte, die sich durch ihre Nachbarin, Mademoiselle Le Normand, einem Teil ihrer Einnahmen beraubt sah.





"Puh, frische Luft. Das hatte ich jetzt nötig, mein Hals ist total rau." - "Kein Wunder, so wie du eben gehustet hast", lachte Naike über ihre gelungene Überraschung. Adam hob tadelnd seine linke Augenbraue, was sie immer so sehr liebte. "Ich rufe uns jetzt ein Taxi. Was hast du bloß Paul gesagt, wo du bist? Und wieso hast du mich überhaupt gesucht, ist was mit Sean?" - "Aber nein, alles in Ordnung. Du, lass' uns doch bitte lieber zu Fuß zum Hafen gehen, ja?! Ich habe jetzt keine Lust auf ein muffiges Taxi!" - "Muffig? Seit wann ist es darin muffig?", hob Adam nun ungläubig die andere Augenbraue. Naike musste also zum Dackelblick greifen, den sie mindestens genauso gut beherrschte wie er.





"Also gut, wenn du unbedingt willst gehen wir zu Fuß. ... Komm, erzähl mal, was hat Sean heute wieder angestellt?"

*





Als die Beiden kaum fünf Minuten unterwegs Richtung Hafen waren, donnerte und blitze es plötzlich und in Naikes Hosentasche klingelte das Handy. "Hi Paul! Mir geht's gut, klar, ich habe Adam in der Stadt getroffen, wir sind gerade auf dem Weg zum Hafen und setzen dann mit der nächsten Fähre über. - Jaa, natürlich bin ich nass, es regnet schließlich, aber nur ein bisschen. – Klaar, stellen wir uns unter, bis das Gewitter vorbei ist, Mamaaa. - Ich dich auch, bis nachher!" Naike musste lachen, manche Männer waren doch tatsächlich so besorgt wie Mütter.





"Komm, ich zeig' dir was, da können wir uns auch unterstellen", schlug Adam vor. Seine Begleiterin sah sich unsicher um.





"Äh … wo sind wir eigentlich, hier war ich noch nie bei Nacht." - "Schau, da drüben! Das ist der Eingang zum Westfriedhof der Stadt, komm mit!" Naike sah Adam unbehaglich an. "Ein Friedhof? Hier mitten in der Stadt?" - Adam nickte. "Er steht unter Denkmalschutz, die Architekten mussten wohl oder übel drum herum bauen - ein Riesenglück, wenn du mich fragst.“ Dann lief er die Stufen zum Eingang hoch.





"Worauf wartest du, willst du komplett nass werden?" Naike ging auch ein paar Schritte Richtung Treppe, blieb aber dann zögernd wieder stehen, so dass Adam noch einmal zurückkommen musste.





"Du hast doch nicht etwa Angst, oder?!" Sie zog eine unwillige Schnute. "Vor mir oder vor Gespenstern?", lachte Adam.





"Huuhuuu, ich bin ein gefährrrlicher Vampir und werden dich jetzt beißen!", alberte er herum, aber Naike fand das überhaupt nicht lustig und hatte plötzlich tatsächlich mehr Angst vor ihrem Begleiter als vor irgendwelchen durchsichtigen Gruftbewohnern. Auch diese Situation war nicht wirklich das, was sie sich vorgestellt hatte, als sie vor anderthalb Stunden zuhause aufgebrochen war.





"Du hast ja eine richtige Gänsehaut", stellte Adam verwundert fest. „Mensch, es ist doch total warm, wir haben mindestens noch 25 Grad!" Er nahm seine Begleiterin kurz in den Arm und führte sie dann die Stufen hoch Richtung Friedhof, bevor er sich losriss und auf eine gemauerte Gruft zulief.





"Wer hier wohl begraben liegt?" - "Keine Ahnung, wahrscheinlich zig Kappes." - "Die Großeltern von Albert?" - "Aber nein, dieser Friedhof hier ist schon sehr alt, die Gräber sind allesamt aus dem 18. und 19. Jahrhundert, schau dir mal die Inschriften an."





"Siehst du, es hört schon auf zu regnen, lass uns noch ein wenig umschauen, es ist wirklich schön hier", schlug Adam vor.





Die beiden nächtlichen Besucher schlenderten durch matschiges Gelände, aber das war ihnen egal, denn an diesem Ort gab es wirklich interessante Grabmäler zu bestaunen, Naike hätte so etwas niemals in einer Simulation vermutet. "Warst du schon mal auf dem Père Lachaise?" - "Selbstverständlich, ich bin in Frankreich aufgewachsen und war mit meiner Familie oft in Paris. Der Père Lachaise hat seine ganz eigene Aura, ich könnte immer wieder Stunden dort verbringen." - "Ich habe mich dort mal beinahe verlaufen." - "Ja", lachte Adam, "das kann leicht passieren, aber hier nicht. Jetzt schau’ doch nicht schon wieder so ängstlich!"





"Da haben wir ja einen Kappe, den Theobald", las Naike. "Ui, das soll ein ganz Schlimmer gewesen sein, ich würde mich nicht wundern, wenn der hier spukt."





"Na, dann soll er mal, ich werde ... Adam? Hey, wo bist du jetzt schon wieder hin?" - "Hier drüben, Moment!"





"Warum rennst du mir immer weg? Was suchst du denn da in der Ecke?", rief sie ungehalten.





"Hokuspokus ... tadäää!" - "Ohhh … dankeschön!", strahlte Naike über seinen netten Einfall.





Wie romantisch, dachte sie überglücklich, schloss ihre Augen und wartete auf den Kuss, der sicher nun unweigerlich folgen würde.





Doch Adam lief stattdessen plötzlich Richtung Ausgang. "Komm, es regnet nicht mehr, lass uns jetzt mal weitergehen, sonst ist nachher noch die letzte Fähre weg."





Naike lief ihm nach und verstand nun die Welt nicht mehr. "Aber warum willst du denn jetzt schon gehen, es ist doch so schön hier!" - "Eben hattest du noch eine Gänsehaut und jetzt willst du nicht mehr weg?", wunderte er sich. "Ach komm’, lass uns wenigstens noch ein bisschen auf der Bank da vorne quatschen, du wolltest doch eben wissen, was es Neues von Sean gibt." - "Das kannst du mir doch auch noch morgen erzählen." Sie zog die Stirn kraus, woraufhin er sich geschlagen gab. "Also gut, wenn du unbedingt willst."





Adam wischte mit seinem Ärmel kurz die kleine Holzbank vor dem Friedhofseingang trocken, was Naike wohlwollend zur Kenntnis nahm, und dann setzen sie sich gemeinsam nieder. "Na, dann schieß mal los!", forderte er, nachdem sie sich zuerst eine gute Minute angeschwiegen hatten. Sie sah ihm mit festem Blick ins Gesicht: "Warum hast du mich geküsst?"





"Geküsst? Was meinst du?" - "Na, hör mal, der Kuss letztens abends im Vorgarten." - "Ach so. Na, einfach so", zuckte Adam mit den Schultern, "oder war daran etwas falsch?!" Naike starrte unbehaglich vor sich hin. "Denk dir bitte nichts dabei. Du hast nett ausgesehen, fand ich. Und wir sind doch alte Freunde und uns vertraut, oder?!"





"Alte Freunde??", hakte Naike ungläubig nach. "Das war doch kein Freundschaftskuss!!" - "Doch, so küsse ich immer." Sie schluckte einen kleinen Frosch im Hals hinunter. "Und heute? Gefalle ich dir nicht?!" Sie kam sich bei dem albernen, zähen Verhör langsam vor wie ein Volltrottel. "Ach Naike, ich bitte dich, was soll das denn jetzt?" Adam hob wieder einmal seine Augenbraue und sagte dann leise: "Ich hole jetzt mal besser ein Taxi, Paul wird sich sonst Sorgen machen."





Naike spürte ihre Augen feucht werden und ihr Unterkiefer begann zu zittern. "Dann eben bis bald!", sprang sie plötzlich auf und lief in großen Schritten zurück in Richtung Friedhofseingang. Adam war völlig überrascht von ihrer merkwürdigen Reaktion und wusste damit zuerst gar nichts anzufangen. "Hey, was hast du vor?"





"Fahr ruhig nach Hause", rief sie, "ich bleib noch ein bisschen hier." Adam aber folgte ihr. "Sag mal, spinnst du? Ich lass' dich hier doch nicht alleine!"





"Kannst du aber ruhig, ich bin erwachsen!", versuchte sie so fest wie möglich zu sagen, aber ihre Stimme brach: "Ach, hau doch endlich ab!!"





"Sag mal, weinst du etwa? Was ist denn bloß los?" - "Geh, Adam, bitte!"





“Na, jetzt entspann' dich mal. Ich werde ohne dich keinen Schritt Richtung Insel setzen ...





"... und sag mir bitte endlich, warum du weinst. Habe ich etwas falsch gemacht?" Adam wusste gar nicht so recht, was er noch sagen sollte, doch dann dämmerte es ihm. "Hast du mich etwa heute Abend aufgesucht, damit ich mit dir ...", fragte er vorsichtig. Naike bestätigte seine Vermutung nicht, aber das war auch eine Antwort. Adam seufzte. "Mädchen, Mädchen, wie stellst du dir das denn bloß vor?" - "Liebst du mich denn gar nicht mehr?", wagte sie schniefend zu fragen.





"Natürlich tue ich das und das weißt du auch - auf Gedeih und Verderb, hm?!" Zärtlich streichelte er ihre feuchte Wange. "Aber du wolltest mich nicht, meine Liebe. Schau hier, der Ring an deinem Finger - der ist nicht von mir." - "Du weißt genau warum, Adam", sagte Naike beinahe vorwurfsvoll. Adam rollte seine Augen. "Wegen deinen albernen Phantasien über unsere Zukunft? Meinst du etwa das? Ich in Feinripp, du am Herd?" Sie nickte und zog die Nase hoch. Er dachte einen Augenblick nach. "Nunja, ich glaube, ich eigne mich wirklich nicht sonderlich zum Ehemann, irgendwo hast du Recht. Aber Feinripp würde ich bestimmt nicht tragen und Bier mag ich auch nicht besonders." Damit entlockte er seiner Ex-Freundin ein ganz kleines Lächeln und zwinkerte ihr aufmunternd zu. Doch dann wurde sein Blick wieder ernst.





"Komm, lass uns jetzt endlich gehen, langsam wird mir ungemütlich in meinem feuchten Pullover." Naike zögerte noch einen Moment. "Adam?" - "Hm?" - "Es tut mir leid. Ich hab mich schrecklich kindisch benommen." - "Ach komm, mach dir keinen Kopf, ich bin nun mal unwiderstehlich", behauptete er übermütig und handelte sich dafür gleich einen kleinen Boxhieb ein. Dann verließen sie den Friedhof ...





Bitte das erste Video der Übersicht anklicken: http://tr.im/oqGX

... und warteten schweigend auf das per Handy georderte Taxi, was kaum fünf Minuten später auch bereits eintraf. Aber Naike stieg nicht ein. Die Fahrerin hupte nun schon zum dritten Mal, aber auch Adam stand wie angewurzelt vor der Taxi-Tür und starrte auf eine eingebildete Lichtung, wo sich ein kleines Rudel Affen kloppte. Naike sah ihn fragend an und wurde nun gänzlich unsicher. "Ad, was ist jetzt ...





... das Taxi wartet nicht ewig auf u..."





Die Taxifahrerin fuhr nach dem dritten Hupen kopfschüttelnd weiter.





Das inzwischen ziemlich durchnässte Paar sah sich lange so tief in die Augen, als versuchten sie ihre Seelen völlig miteinander zu verbinden.





"Und jetzt?" - "Komm!" Und dann rannten sie in dieser Nacht bereits zum dritten Mal durch den fast knöchelhohen Matsch auf den Friedhof.





"Ad, sei nicht irre! Wenn uns hier jemand sieht." - "Wer denn, untote Spaziergänger?!" Naike kicherte, aber dennoch war ihr ziemlich gruselig zumute.





"Na, dann eben hier rüber, hier gibt’s Gebüsche satt!" - "Aber pieksige!" - "Stört dich das?" - "Nein!", sagte sie verträumt ... und dann für eine ganze Weile gar nichts mehr.





"Es wollte der Herr, dass ich den Engel in leiblicher Gestalt sehen sollte. Er war nicht groß, eher klein, aber sehr schön. [...] In den Händen des mir erschienenen Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil; an der Spitze seines Eisens schien mir Feuer zu sein; es kam mir vor, als durchbohrte er mit dem Pfeil einige Male mein Herz bis ins Innerste, und wenn er den Pfeil wieder herauszog, war mir, als zöge er den innersten Teil meines Herzens damit heraus ...





Als er mich dann verließ, war ich ganz entzündet von feuriger Gottesliebe. Der Schmerz war so scharf, dass er mich zu vielen Seufzern trieb, und so groß war die Süßigkeit dieser Qual, dass ich niemals wünschen kann, sie zu verlieren, noch dass meine Seele mit weniger als Gott zufrieden sei ... Es ist kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, obwohl der Körper Anteil daran hat, großen Anteil. Der Liebesverkehr, der seither zwischen meiner Seele und Gott stattfindet, ist so beglückend, dass ich den gütigen Herrn anflehe, er wolle ihn dem zu kosten geben, der etwa meint, ich würde hier lügen." (Theresia von Avila)

*





"Was wäre, wenn wir jetzt gemeinsam stürben? Direkt hier - unter diesem traumhaften Sternenhimmel!", fragte sich Adam laut. "Hm, dann könnten wir besagten Sternenhimmel gar nicht mehr sehen." - "Ach Nai, du denkst immer viel zu praktisch, stell' doch einfach mal deinen Vernunftsaffen ab." Naike richtete sich überrascht auf: "Du hast auch Affen?" - "Natürlich, die hat jeder Mensch. Lerne, sie zum Schweigen zu bringen, dann kannst du das Leben mehr genießen." - "Und auch mehr Dummheiten begehen, was nicht unbedingt positiv sein muss", konterte sie. "Aber ist es auch nicht zwangsläufig positiv, wenn man alles immer von vorne bis hinten durchdenkt, Liebes. Ich muss es wissen, schließlich widme ich einen Teil meines Lebens der Philosophie. Und es macht mir auch durch Spaß, aber letztendlich ist das alles Quatsch, einziger großer Mindfuck."

Naike schaute in Adams warme dunkle Augen, die stets funkelten, auch wenn er wie jetzt ganz ruhig war. Unter seiner rechten Augenbraue befand sich eine kleine Platzwunde, vielleicht einen halben Zentimeter lang. Offenbar hatte er im Eifer des Gefechts irgendeinen Stein gestreift, schien es aber bisher nicht bemerkt zu haben. Ganz sachte fuhr sie mit ihrem Zeigefinger über seine Stirn, dann den Nasenrücken entlang bis über seine vollen Lippen und das kräftige, behaarte Kinn. Alles fühlte sich absolut echt an, weich und warm und vertraut. "Vielleicht hast du Recht", flüsterte sie und ließ ihren Kopf zurück auf seine Brust sinken.

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Als Naike am nächsten Morgen aufwachte, war Paul bereits an seinem Arbeitsplatz und so sahen sie sich erst am Abend wieder. "Ja, hi! Gibt es dich auch noch? Komm' und spiel' 'ne Runde mit mir!" - "Ach, bitte jetzt gerade nicht, bin müde und wollte heute mal früh ins Bett gehen." Paul schaute sie so bedauernd an, dass sie sich veranlasst fühlte, ihre Entscheidung zu ändern. "Na gut, aber nur eine Partie."





"Wie siehst du eigentlich aus? Woher kommen die ganzen Abschürfungen? Hattest du etwa einen Unfall?" - "Ach wo, nicht der Rede wert, hab ein bisschen zu wild mit den Kindern getobt."





"Und davon bekommt man gleich Schürfwunden?," fragte Paul in so ungläubigem Ton, dass seiner Verlobten äußerst unbehaglich zumute wurde. "Ja klar, sie sind halt … wild, die Kleinen." Auch Paul konnte einzeln die Augenbrauen heben, und das tat er auch nach dieser etwas merkwürdigen Antwort, erwähnte aber nichts weiter, denn dann kamen sie auf die neuesten Entwicklungen in Sachen internationaler Krisensituation zu sprechen.

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Frustriert musste Jessica mit ansehen, wie die Gärtnerin all ihre mühsam gepflanzten Tomatenstauden ausgrub und kompostierte, weil sie vergammelt waren. "Ach, Frau Jung, jetzt schauen Sie doch nicht so traurig drein, das kann dem besten Gärtner passieren. Das Wetter war heuer so derart ausgeprägt heiß, da sind vielerorts die Pflanzen vertrocknet, im nächsten Frühling helfe ich Ihnen beim Neusetzen, in Ordnung?!" Jessica nickte dankbar und winkte dann Adam zu, der gerade kam, nachdem er sich den gesamten Vortag über nicht hatte blicken lassen.





"Jo mei, wie schaust du denn aus?!" bayerte sie verwundert und wusste selbst nicht warum. "Bist du uns unter die Räder gekommen?" - "Ach was, bin daheim gerade beim Renovieren und gestern von der Leiter gefallen." - "Ach je, du Armer", bemitleidete ihn Jessica, "sowas möchte man sich ja am liebsten immer sparen."





Auch Paul schaute seinen Kumpel im Vorübergehen verwundert an.





“Hey Ad! Was ist dirdenn passiert? Hast du den Boden geküsst?" Aber bevor Adam antworten konnte, war Paul schon zu weit entfernt, denn er musste schnell den Hubschrauber erreichen, der in wie immer zur Arbeit abholte.





Im Eingangsbereich stieß er auf die ebenfalls eilende Naike, die natürlich nicht verwundert, sondern kicherte: "Ach je, wie siehst du denn aus?" - "Danke, das fragt mich jetzt bereits die dritte Person", tat Adam beleidigt, "und ich darf gleich mal gegenfragen: Wie siehst du denn aus?" - "Psst nicht so laut, sonst wundert sich Jessica nachher noch." - "Soll sie doch ...





... buuuhhh, ich bin ein Vampirrr!!" - "Ad, hör auf", lachte Naike, ich muss jetzt dringend los." - "Der Vampirrr will aberrr einen Kuss, sonst geht er nicht zurrrück in seine Grrruft, und Ihr werdet nieeemals Rrruhe haben, Mylady!" - "Das glaube ich dir aufs Wort!", grinste sie schräg, gab dem Vampir einen ganz kleinen Kuss auf die Wange und spürte bereits dabei wieder ein unbändiges Verlangen, sich ihm vollständig hinzugeben, was sie dazu veranlasste lieber fix das Weite zu suchen.





Adam schaute ins Kinderzimmer, dort saß sein Söhnchen auf dem Boden und widmete sich zärtlich seinem inzwischen heiß geliebten "Darsweder".





Aber irgendwie war Seans Spiel doch nicht ganz so zärtlich, wie es zuerst schien. Streckenweise schien es Darsweder in Seans kleinen Ärmchen gar nicht gut zu gehen, Adam befürchtete für einen Moment, dass der Junge ihm den Kopf abreißt.





Aber dann bekam der einstige Jedi-Ritter im Miniaturformat doch wieder liebevolle Küsschen.





"Na, du Schlawiner, was treibst du wieder?" Sean strahlte, als er seinen Papa sah. "Fiegel bitte!!"





"Was willst du? Fiegel? Was bedeutet das?" - "Fiegen Hubschauba!" - "Ach so!", lachte Adam ...





... und erfüllte ihm gerne seinen Wunsch nach etwas Action.

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"Wenn das so weitergeht müssen wir bald auf die Reservisten zurückgreifen." - "Hermanns, sagen Sie das bitte nicht so laut, ich hoffe für alle, dass uns das erspart bleibt", mahnte Naike ihren Kollegen matt. Langsam hatte sie keine Lust mehr auf ihren Job. In Friedenszeiten mochte es ja lustig sein, jeden Tag Wehrpflichtige über den Platz zu jagen. Aber jetzt, wo die Lage immer bedenklicher wurde und es bereits relativ viele Verletzte und sogar Tote gab, wünschte sie des Öfteren, sie wäre in der langweiligen Schullaufbahn verblieben.

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Wenigstens gab es familiär inzwischen Grund zur Freude, denn Sean und Abi spielten nun endlich miteinander. Sean war richtig lieb zu seiner Schwester und tröstete sie sogar, wenn sie sich einmal wehgetan hatte.





Aber er geriet auch noch immer leicht in Wut, wenn etwas nicht so lief, wie er es wollte, wie Naike eines Tages wieder feststellen musste, als sie vom Puppenhaus der Kinder nur noch eine Ruine vorfand.





"Ich weiß auch nicht, Schatz, vielleicht hat er irgendetwas im Fernsehen gesehen, was ihn aufgeregt hat, keine Ahnung", sagte sie möglichst ablenkend, denn sie wollte das Thema Adam nicht schon wieder auf den Tisch bringen.





"Was machen wir denn bloß mit dir, kleiner Mann, hm?! Du musst pfleglicher mit deinen Spielsachen umgehen. So geht das nicht, Sean, wir können nicht immer alles einfach neu kaufen, was du zerdeppert hast." - "Sean puttemacht!" - "Ja, genau das meine ich." Offenbar hatte er wenigstens verstanden, worum es seiner Mutter ging.





Und auch sein Vater machte ihn immer wieder darauf aufmerksam, dass man Probleme auch anders als mit roher Gewalt lösen konnte. Aber als selbst ein Hitzkopf war ihm auch bewusst, wie schwer es war, angeborenen Jähzorn unter Kontrolle zu halten.

*





Zuerst besserte sich Sean durch die Erziehungsversuche deutlich, endlich erklärte er sich zum Beispiel bereit, sein Geschäft nicht mehr in die Windel, sondern gleich ins Töpfchen zu machen, wozu er vorher schlichtweg zu faul war. Er holte seine Mutter zwar ausgerechnet mitten in der Nacht aus dem Bett, um ihr seinen Entschluss zu demonstrieren, aber Naike freute sich trotzdem sehr über diesen großen Fortschritt.





Auch Merlin wurde von dem kleinen Wildfang nicht mehr angegangen, er konnte sich nun eines ruhigen Lebens erfreuen ...





... und mit Carlas Junior freundete er sich sogar an. Es war jedes Mal eine Wonne, die beiden spielen und schmusen zu sehen.





Der Hit überhaupt aber war Adams Maltisch, den die beiden Kleinen täglich ausgiebig nutzten und zusammen gefühlte 200 Bilder in der Woche produzierten ...





... oder mit bunten Klötzchen hohe Türme um die Wette bauten.





Abilene hatte sich nach der kurzen unwohlen Phase nun vollständig in die Familie eingelebt. Da war lediglich noch ein bisschen Angst vor Shakespeare, der ihr im Gegensatz zu Junior ein wenig zu uneinschätzbar lebhaft spielte ...





... und sie wollte zuerst auf keinen Fall das Töpfchen nutzen, aber nicht wie Sean zuvor aus Faulheit, sondern weil sie es für ein erfolgreiches Geschäft zu ungemütlich fand.





Nach einiger Zeit war aber auch dieses Problem ausgestanden und es mussten endlich keine Windeln mehr ins Haus geschleppt werden.





Naike hatte die kleine Äthiopierin sehr lieb gewonnen und konnte sich gar nicht mehr vorstellen, ohne sie zu leben. Oft fragte sie sich, wer wohl ihre Eltern waren und was mit ihnen passiert war, und sie nahm sich vor, wenn wieder Frieden herrschte, eine Reise zu unternehmen, um vielleicht ein paar Informationen sammeln zu können, was auch Paul sehr begrüßte.





Abi sagte Papa zu Paul, aber seltsamerweise nicht Mama zu Naike, was deren Mutterliebe aber keinen Abbruch tat.





Wie wunderbar es doch mit den Kindern war, dabei hatte sie am Anfang, als sie in die Sim-Welt katapultiert worden war, zuerst aufgrund anderer Prioritäten gar keine Lust gehabt, hier auch welche zu haben, wie in ihrem anderen Leben. Aber noch etwas würde eines Tages anstehen, wovor sie sich nicht drücken konnte, ihre Vermählung. So stand es nun mal in den Aufgaben des Projekts, dessen Teil sie war. Doch zuerst war noch ein Drama ganz anderer Art zu meistern …



Kapitel 33 - The Power of the darrrk side!
Kapitel 35 - Scharfe Klingen