Kapitel 30 - Der Mensch denkt, Gott lenkt



Naike hatte nur noch eines im Kopf, die Frage nach dem tatsächlichen Vater ihres Kindes. Das Gespräch mit Jessica hatte sie endgültig mürbe gemacht, aber wie Adam Joseph gegenüber bereits richtig vermutet hatte, wollte sie ihre Sicherheit und Geborgenheit auf keinen Fall aufgeben.





Als sie wieder einmal zu lernen versuchte und es ihr keine fünf Minuten gelang, sich zu konzentrieren, fasste sie einen Entschluss. Sie zog sich die Winterjacke über, informierte kurz Jessica, dass sie zum Einkaufen wolle und verließ dann schnellen Schrittes das Haus zu Fuß Richtung Hafen.

*





Mit vor Aufregung wild klopfendem Herzen erklomm sie die Stufen zum Haus von Voodoo Mom.





"Hallo Naike, ich habe dich schon erwartet." - "Dann weißt du auch warum ich hier bin?" - "Setz' dich schon mal an den Tisch", forderte Voodoo Mom sie auf, ohne auf ihre Frage einzugehen.





Naike wusste, dass es bei der Voodoo-Hexe keinen Sinn machte, um den heißen Brei herumzureden, und fiel deshalb gleich mit der Türe ins Haus.





Voodoo Mom schloss ihre Augen und bewegte sich minutenlang nicht, murmelte nur ab und zu ein paar unverständliche Worte. Dann riss sie plötzlich die Augen weit auf und starrte in ihre Kristallkugel. Obwohl Naike Trance-Zustände nicht fremd waren, fühlte sie in diesem Moment einen eiskalten Gruselschauer ihren Rücken entlang kriechen, wahrscheinlich lag dieses Empfinden aber weniger an der geheimnisvollen Situation, als an dem, was sie gleich hören würde.





Als sich die schwarze Dame wieder geerdet hatte, hielt sie die Anspannung nicht mehr aus: "Und, hast du ihn gesehen???" Voodoo Mom nickte. Unter Naikes rechtem Auge zuckte es seltsam, und auch ihr Unterkiefer setzte sich wie von allein leicht zitternd in Bewegung. "Ich habe ihn gesehen, ja. Aber meine Intuition sagt mir, dass ich es dir verschweigen soll." - "Waaas?" "Komm, ich mach dir mal einen Beruhigungstee, deine Aura ist unschön verformt. Entgeistert starrte Naike in die Kugel, sah aber nichts außer durchsichtigem Glas. Kein Paul, kein Adam, kein Joe und auch kein Ramon - einfach nur gähnende Leere.





"Es tut mir leid, Kind, aber ich sah, dass es besser für dich ist, wenn du den weltlichen Weg gehst und dadurch allen Beteiligten reiner Wein eingeschenkt wird. Wenn ich dir jetzt und hier sage, wer der Vater deines Sohnes ist, wirst du die Antwort in dir einmauern und sie wird vor sich hin gären und eines Tages ... du weißt sicher, wie ich das meine. Tue das dir und niemand anderem an!" Naike trank ihren Tee und mit jedem Schluck wurde sie ein wenig ruhiger, die Tasse schien etwas zu beinhalten, was befähigt war, Affen zu domptieren. Wenn die hellbraune, seltsam riechende Flüssigkeit sie auch nicht gänzlich verscheuchen konnte."





"Du bist mir nicht böse, oder?!" Naike verneinte. "Ich danke dir, Voodoo Mom, und werde über alles noch einmal nachdenken." - "Gut so, meine Liebe, ich wünsche dir viel Kraft, höre auf dein Herz! Und vergiss nie, wie Salomon einst so treffend formulierte: Der Mensch denkt, Gott lenkt."

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An Seans erstem Geburtstag wurde Paul wieder befördert. Nun trennte ihn nur noch ein Dienstgrad von seinem Ziel, General zu werden. In Platinlaune kam er nach Hause und wurde stürmisch von seiner Familie begrüßt. Dann warfen sich alle in Schale, denn schon bald würden die ersten Gäste eintrudeln. Naike war ultranervös, denn es war klar, dass sie heute Adam das erste Mal nach Julias Abflug wiedersehen würde. Ihre Hand zitterte beim Wimpern tuschen so sehr, dass sich die schwarze Paste letztlich überall befand, nur nicht auf den Wimpern. Aber was auch immer kommen mochte, sie wollte glänzen an diesem Abend, und so cool wirken wie nur irgend möglich. Die aufgesetzte Coolness hielt allerdings keine fünf Minuten, denn bereits die ersten Gäste brachten sie völlig aus dem Konzept.





"Naike, bestätige mir bitte, dass das wirklich unsere Julia ist, sonst glaube ich noch an Gespenster", stammelte Jessica. Aber auch Naike konnte kaum glauben, wie stark sich ihre ehemalige Mitbewohnerin, Adams Tochter, sich in den vergangenen Monaten verändert hatte. Nur noch ihr fröhliches Lachen erinnerte an das Teenager-Mädchen, dass sie im Frühsommer verabschiedet hatten, sie hatte sich in eine wunderhübsche junge Dame verwandelt.





Aber noch mehr staunte Naike über Ramon Alvarez, der seine Freundin überraschend begleitete. Er hatte nichts mehr von dem schüchternen Jungen von damals, die Zeit hatte ihn zu einem attraktiven jungen Mann reifen lassen. Und dann kam gleich die nächste Überraschung ...





"Hallöchen zusammen!!"





"NICOLAS!!!" Naike stieß einen Schrei aus, sprang ihrem alten Freund auf den Arm und drückte ihn so sehr, dass es ihm beinahe den Atem verschlug.





"Das ist einfach wunderbar, dass du kommen konntest“, jubelte sie, „hast du in der Nähe zu tun?!" - "Nein, meine Liebe, ich bin extra angereist. Erstens hatte ich Sehnsucht nach euch und zweitens wollte ich es mir nicht nehmen lassen, endlich deinen Sohn kennen zu lernen. Die MJN werden mich wahrscheinlich degradieren, aber das nehme ich in Kauf", witzelte Nicolas.





"Und das hier ist der junge Mann, hm?! Hallooo, ich bin der Onkel Nic", flötete er und kitzelte Sean am Kinn. Dieser sah ihn etwas scheu an und versteckte sein Köpfchen an Julias Schulter, grinste aber keck. "Ich freue mich auch dich wieder zu sehen, Julia, du bist eine Traumfrau geworden! Ach was, das warst du schon immer!" Die beiden strahlten sich so zärtlich an, dass sich Ramon erstaunt am Kopf kratzte. Aber dann erinnerte er sich daran, dass Nicolas einige Zeit lang wie ein Vater für Julia gewesen war. Naike ließ die beiden turteln und übernahm Sean, um ihn schnell frisch zu machen, denn zur Feier des Tages hatte er ein ordentliches Geschäft in seine Windel produziert.





Beinahe wäre sie mit Adam zusammengestoßen, denn sie hatte im Trubel gar nicht bemerkt, dass weitere Gäste eingetroffen waren.





"Er ist ordentlich gewachsen." Die junge Mutter nickte und hielt ihren Sohn wie ein Schutzschild vor ihren Körper.





Eva begrüßte Naike relativ kühl, aber mit einem höflichen Lächeln. Dem Geburtstagskind schenkte sie ein herzliches. "Hast du das Geschenk, Joe?!" - "Äh ... nee, Mist, das liegt noch im Auto, ich hole es gleich."





"Ich hole es, Liebling, du hast dir soviel Mühe damit gegeben", sagte Adam und sah seine Freundin liebevoll an. In Naikes Hals bildete sich ein fieses Kloßgefühl und sie spürte im Nacken, dass sie von Joseph genau beobachtet wurde.





"Du siehst toll aus. Und dir gratuliere ich ganz herzlich zum Geburtstag, kleiner Sean. Wo ist sein Vater eigentlich?" Naike erkannte sofort am Tonfall, dass Joe diese Frage doppeldeutig meinte, doch für eine passende Antwort ergab sich keine Gelegenheit ...





... weil Julia sich gerade lautstark in die Arme ihres Vaters stürzte, der ihrer sichtlich stolz geäußerten Ansicht nach "endgeil" aussah.





"Julchen, verteilst du bitte schon mal den Kuchen, ich mache Sean eben frisch, ja?!" - "Gerne", sagte Julia, und Naike wankte auf Puddingbeinen Richtung Kinderzimmer.





Kurze Zeit später waren alle gut versorgt und mampften Naikes Spezial-Mandarinentorte, die ihr auch in dieser Welt jedes Mal perfekt gelang und zu jeder Feierlichkeit einfach dazu gehörte. Nur Eva verzichtete dankend mit dem Hinweis auf ein wichtiges Foto-Shooting am nächsten Tag.





Inzwischen waren auch noch Dr. Blythe, Voodoo Mom und Carla eingetroffen, stürzten sich begeistert auf die Torte und schnatterten wild durcheinander.





Sogar Halina kam mit ihrer kleinen Susanne vorbei, die ebenfalls in den vergangenen Wochen einen ordentlichen Schuss gemacht hatte.





"Hey, Halina! Toll, dass ihr gekommen seid, Sean wird sich sicher über eine Spielkameradin in seinem Alter sehr freuen. Sollen wir mal ausprobieren, ob die beiden miteinander klar kommen?" Naike hatte das nicht ganz uneigennützig vorgeschlagen, denn so hatte sie die Gelegenheit, Adams Blicken wenigstens für ein paar Minuten zu entkommen.





Susanne und Sean hatten sich gleich begeistert auf das Puppenhaus gestürzt und so konnten die beiden Mütter für einen Moment in Ruhe ein paar Worte wechseln. Halina ging es gut, sie wohnte zwar noch immer bei Kappes, hatte aber inzwischen ein kleines Häuschen für sich und ihre Tochter in Aussicht, die MJN hatten sie dabei in jeglicher Hinsicht unterstützt. Armin hatte man den Prozess gemacht und aufgrund der eindeutigen Beweislage würde er wohl für eine lange Zeit hinter Schloss und Riegel bleiben müssen.

"Und wie geht es dir, Nai?" Ich kann dich nur beglückwünschen, dass du so schnell wieder abgenommen hast, das war mir leider bisher nicht vergönnt." - "Ach Halina, du siehst doch auch toll aus, ich finde die paar Kilo mehr stehen dir hervorragend, ganz ehrlich." Halina freute sich über das Kompliment, bemerkte aber einen Schatten im Blick ihrer Freundin. Naike sah keinen Grund, ihr die Situation zu verschweigen und erzählte deshalb frei heraus, dass sich gleich vier Männer unter den Gästen befänden, die alle Seans Vater sein könnten. Halina war völlig überrascht und wusste zuerst gar nicht was sie dazu sagen sollte. Sie nahm Naikes Hand und drückte sie liebevoll. "Lass es bitte testen, kann ich dir nur raten. Es ist ungeheuer befreiend, wenn man die Wahrheit weiß, auch wenn sie einem nicht in den Kram passt. Du wirst dich sicher mit jeder Antwort über kurz oder lang arrangieren können, ich habe es doch auch geschafft und Armin inzwischen verziehen. Ich habe ihn auch schon einige Male besucht, er hat furchtbar geweint, als er Susanne sah." - "Und was treibt Melissa?" - "Sie hat geschworen, sich nie wieder in ihrem Leben mit einem Kerl einzulassen", grinste Halina schmunzelnd.





"Papa!", rief Susanne plötzlich, als hätte sie genau verstanden, über wenn ihre Mutter gesprochen hatte, und biss herzhaft in ein Püppchen, welches Sean ihr sofort entriss, um es ebenfalls mal zu probieren. Die beiden Mütter lachten. "Komm, wir schauen mal, was der Rest der Bande macht!"

*





Der Rest der Bande lungerte von der Kuchenfutterei offenbar völlig entkräftet im Wohnzimmer herum und schaute Fernseh-Nachrichten. Das wollte Naike nun schnell ändern.





"Zeit für ein Tänzchen!", rief sie laut, ich will hier ein bisschen Stimmung in der Bude, sonst gibt es nachher noch eine schlechte Partybewertung!" Keiner kapierte, was Naike damit meinte, aber die Salsa-Rhythmen, die nun aus der Stereoanlage klangen, motivierten zumindest einen Teil der Gästeschar zur Bewegung.





"Los Paul, hoch die Beine!" - "Aber ... äh ... ich kann gar nicht tanzen, lediglich Klammerblues." - "Na, der kommt zur Belohnung dann später dran", lachte Naike und schaffte es inzwischen nun doch wieder, cool und locker zu wirken. Es fragte sich bloß, wie lange …





Belustigt beobachtete Naike, wie Carla zögerte, als Joseph sie zum Tanzen aufforderte. Man sah ihr deutlich an, dass sie noch immer Vorbehalte gegen ihren ehemaligen "Kollegen" hegte, mit dem sie früher auf Diebestour ging, da er einst ihre Freundin übelst hintergangen hatte.





Aber er sah in seinem hellgrauen Anzug mit der eleganten orangefarbenen Krawatte derart zum Anbeißen aus, dass sie sich ein kleines bisschen Schwäche erlaubte und die erlebten Tatsachen wenigstens für einen Moment beiseite ließ.





Beim Schlambada hielt es dann außer den älteren Herrschaften kaum mehr jemanden auf den diversen Sitzgelegenheiten.





Adam wurde ganz schwummerig, als Sean plötzlich Papa zu ihm sagte, nachdem er ihn hoch in die Luft geworfen und wieder aufgefangen hatte. Hatte er wirklich richtig gehört? Aber als der Kleine dann anschließend auch Julia gleichermaßen betitelte, musste er enttäuscht feststellen, dass der Junge dieses Wort offensichtlich bisher noch universal einsetzte. Und dann klingelte es noch einmal an der Tür.





"Ja? Guten Abend, was kann ich für sie tun?", fragte Naike den ihr unbekannten älteren Besucher. "Mein Name ist Alvarez, Veto Alvarez, und ich würde gerne meinen Sohn und seine Freundin abholen." Der sehr elegante und gutaussehende Herr sprach grammatisch einwandfreies Deutsch, rollte aber stark jedes "r", was ziemlich feurig klang.





"Hallo Vater, du bist viel zu früh. Darf ich vorstellen, das ist Naike Le Normand. Naike, mein Vater Veto." Sie gaben sich freundlich lächelnd die Hände und bestätigten sich gegenseitig die Freude des Kennenlernens. Das war also der neue Mann von Julias Mutter Desdemona, stellte Naike beeindruckt fest. Er war zwar nicht mehr der Jüngste, aber zweifellos ein Mann von Format und seinem Anzug nach zu urteilen im wahrsten Sinne des Wortes äußerst gut betucht.





"Setzen Sie sich ruhig zu uns und feiern Sie noch ein bisschen mit, ja?! Wir machen nachher noch ein Feuer. " – „Bitte Vater, ich würde gerne noch etwas bleiben." Veto nickte und bedankte sich. Dann stellte Ramon ihn den anderen Gästen und Hausbewohnern vor. Sean spuckte etwas auf seinen guten Anzug, aber Herr Alvarez lachte herzlich darüber. Kurz dachte Naike darüber nach, dass er theoretisch der Großvater ihres Sohnes sein könnte, verdrängte diesen Gedanken aber schnell wieder. "Warum ist Desdemona eigentlich nicht mit euch gekommen?", fragte sie dann. "Sie ist schwanger", erklärte Ramon und schien sich sehr darüber zu freuen.





Dann wurde das Abendbuffet eröffnet und erneut kräftig gespachtelt ...





... und sich dabei bestens unterhalten. Die Partybewertung war auf jeden Fall gerettet.





Irgendwann legte Paul eine CD mit langsamer Musik ein, Sean bekam einen Ehrenplatz mit guter Sicht in seinem Hochstuhl und Jessica belagerte den attraktiven Veto mit gepflegter Konversation.





Doktor Blythe war ein noch schlechterer Tänzer als Paul und bewunderte beneidend Joseph Tallis und Pfarrer Kappe, die vergnügt und völlig ungeniert trotz der romantischen Klänge die ulkigsten Verrenkungen aufs Parkett legten, so dass Sean sich halb kaputt lachte.





Ramon und Julia war deutlich anzusehen, dass sie sich inzwischen heftig ineinander verliebt hatten und ganz offensichtlich bereits ein Paar waren, so völlig versunken, wie sie sich beim Blues in die Augen schauten.





Als Carla ihre Cocktails - diesmal zur Vorsicht alkoholfrei - zur Toilette brachte, passierte ein peinlicher Zwischenfall. Sie hatte vergessen, die Türe zu verriegeln, und ausgerechnet im ungünstigsten Moment kam Herr Alvarez herein, bekam sofort ein tiefrotes Gesicht ...





... und floh mit einem heftig gerollten "Jesus und Marrrria, sorrrry, sorrrry!" schnell wieder aus dem Raum. Carla brach der Schweiß aus und sie ärgerte sich mächtig über ihre Schusselei.

*





"Waaasss? Der Herr Alvarez?", fragte Naike ungläubig nach. Carla bestätigte ihre soeben brühwarm geschilderte Story ...





... und Naike lachte schallend. "Ach je, du Arme. Das ist mir auch mal passiert, damals in der 11. oder 12. Klasse in der Aula-Toilette, die für Männer und Frauen gleichermaßen vorgesehen war. Ich pflegte damals, mich nicht auf öffentliche Toiletten zu setzen, und hockte deshalb immer geschickt schwebend über der Schüssel. Und gerade als ich mich abtupfte, stürmte plötzlich ein Typ aus der Parallelklasse herein, wurde puterrot und schaute mir die Zeit danach nie mehr in die Augen. Das war aber auch vielleicht peinlich!" Carla grinste kläglich, aber wenigstens konnte sie es schon wieder. "Du wirst es überstehen. Komm, nimm mal einen Schluck Tequila!" Carla lehnte dankend ab, denn sie sie wollte auf keinen Fall noch einmal mit ihrer Freundin und Adam Tallis im Schlafzimmer landen, wie einst auf der inzwischen legendären Kostümparty.





Aber sie hatte Glück, Veto Alvarez reagierte auf den peinlichen Zwischenfall völlig normal, als sei nichts gewesen, und lächelte sie auf völlig neutrale Weise an, wenn sich ihre Blicke trafen. Er war ganz offensichtlich ein echter Gentleman der alten Schule.





Sean hatte sich inzwischen an dem lustig hüpfenden Männer-Trio satt geschaut und begann zu quengeln. Aber kein Wunder, es war bereits 22 Uhr und so lange durfte er sonst nie aufbleiben. "Na, mal langsam Heia, mein Großer?" Sean schüttelte den Kopf und sagte. "Bennt!" Paul sah Naike fragend an. "Bennt?"





Nicolas lachte. "Bennt" heißt sicher "brennt" und damit will er uns sagen, dass er das Feuer noch sehen möchte." Sean klatschte in die Hände. "Jaaa, bennt doll!" Naike staunte und kicherte. "Ich nenne dich ab jetzt nicht mehr Nic Kappe, sondern Nick Knatterton, denn das war hervorragend kombiniert!"





“Wir machen dann mal die Biege, ich kriege Su nicht mehr in den Griff, sie ist absolut bettreif." - "Macht doch nichts, Halina, ich habe mich unheimlich gefreut, dass ihr beide so lange da wart. Kommt gut heim und lass' dich bald mal wieder blicken, unsere Kleinen können doch wirklich prima miteinander.“ - "Auf jeden Fall! Und - Naike?" - "Ja?" - "Augen zu und durch, du schaffst das!", motivierte Halina ihre Freundin leise noch einmal wegen des Vaterschafttests, worauf Naike seufzend die Schultern hob und wieder senkte.





Draußen hatte Paul bereits das Feuer entfacht und es verbreitete wohlige Wärme in der kühlen Winterluft.





"Bennt gans doll!", rief Sean fröhlich, kuschelte sich dann aber müde an Pauls Schulter, wobei er wieder ein "Papa" äußerte, was diesmal Paul ganz stolz machte.





"Das war wunderschön heute, du bist eine perfekte Mutter."





"Perfekt bestimmt nicht, aber ich glaube, ich mache meine Sache ganz gut." Es war das erste Mal an diesem Abend, dass Adam Naike wirklich nahe kam und ihr ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln ganz frei heraus in die Augen sah. Aber Naike musste blinzeln, obwohl sie tapfer versuchte, seinem Blick standzuhalten. "Du?" - "Ja?" Adam holte tief Luft: „Heira …“





Plötzlich durchbrach ein entsetzter Aufschrei die relative Stille. "Baaahhh!", schrie Jessica laut und alle drehten sich erschrocken um.





Sie hatte ein Stinktier streicheln wollen, welches sich aufs Grundstück geschlichen hatte, und ihre Qualitäten als "Tier-Flüsterin" deutlich überschätzt, denn nun spritzte der kleine Kerl unermüdlich sein "duftiges" Drüsensekret auf ihren geblümten Rock.





Und dann stand auch noch der Wind ungünstig, so dass auch alle anderen in den Genuss dieses abscheulichen Geruchs kamen ...





... und sich angewidert die Nasen zuhielten. Jessica war für diesen Abend nicht mehr zu retten, winkte den Anwesenden zum Abschied und ging lachend ins Haus, um sich zu duschen und die versauten Kleider bis zur nächsten Wäsche in eine möglichst dichte Tüte zu packen.





Dann begann auch der Rest der Gästeschar sich langsam zu verabschieden.





Naike trug das nun wirklich völlig hundemüde gewordene Geburtstagskind in sein Zimmer und zog ihm seinen Schlafanzug an, was diesmal ausnahmsweise ohne die übliche Hampelei ablief.





“Das war ein feiner Tag, hm, mein Schatz?!" - "Ja, und bennt hat", sagte Sean erschöpft, aber sehr glücklich, und seine Mama hätte ihn vor lauter Liebe am liebsten die Nacht über dauergeknuddelt, aber langsam spürte sie selbst eine ordentliche Bettschwere.





„Schlaf gut, meiner Allerliebster, ich bin ganz besonders froh, dass ich dich habe." - "Und ich bin auch froh darüber, dass ich euch habe", sagte plötzlich eine ihr nur zu sehr vertraute tiefe Stimme hinter ihr …





Naike fuhr erschreckt zusammen ...





… ließ sich ermattet in den Sessel plumpsen, stand aber sofort wieder auf, um aus dem Zimmer zu flüchten, da ihr dies dann doch als bessere Lösung erschien. "Wohin gehst du?", fragte Adam. "Ins Bett, heute war ein anstrengender Tag." Er rührte sich nicht von der Stelle. Naike wurde sauer. "Was willst du denn noch?! Schließ’ doch schnell die Zimmertür ab, mach' mir den Postboten und f*** mich auf dem Wickeltisch!!", rief sie provokant und zutiefst genervt. Adam hob erstaunt die Augenbrauen. "Willst du das wirklich?" Naike wusste überhaupt nicht, was sie darauf antworten sollte, mit dieser absurden Gegenfrage hatte sie nicht gerechnet. Und so hoffte sie, sich mit einem "Gute Nacht!" aus der Affäre ziehen zu können, aber weit gefehlt.





"Naike, bitte … ich muss es wissen und zwar sofort! Ich halte es nicht mehr länger aus!" Sie hatte schwer gehofft, dass ihr ein derartiges Zwiegespräch am heutigen Tage erspart blieb, aber umsonst. "Adam, bitte, Sean schläft, du ..."





"Der schläft wie ein Murmeltier." - "Was dir aber nicht das Recht gibt, hier so laut herumzubrüllen!" Adam nahm sich etwas zurück, machte seiner Ex aber weiterhin deutlich, dass er nicht mehr bereit war, sich noch länger hinhalten zu lassen. "Jetzt hör' mir mal gut zu. Wenn du nicht innerhalb der nächsten Woche einen Vaterschaftstest in Auftrag gibst, werde ich mir einen Anwalt nehmen und die Durchführung einklagen!!"

"Adam! Kommst du? Wir wollen los!", rief Joe aus dem Flur. "Moment noch!" antwortete sein aufgebrachter Bruder barsch.





Nun kam auch Joseph ins Kinderzimmer, denn er hatte mitbekommen, worum es ging. „Mensch, das ist ja wohl jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um Naike mit einer Klage zu drohen!" - "Aber du stimmst mir doch zu, dass das sein muss, oder?!“, hielt sein älterer Bruder dagegen. "Natürlich, ich will es ja auch wissen. Aber jetzt sei bitte leise, Julia, Ramon und Herr Alvarez sind noch da, das ist doch oberpeinlich", schüttelte Joe verständnislos den Kopf. "Naike, bitte sag' doch auch mal was! Gib dein Einverständnis, dann können wir uns eine teure Gerichtsverhandlung ersparen!"





"Wißt ihr was? Ich könnt' mich mal!"





Daraufhin wurde es Adam zuviel und er rannte mit verkniffener Miene aus dem Zimmer. Joseph wollte nicht so schnell aufgeben. "Wir telefonieren morgen noch einmal, ja? Schlaf' mal eine Nacht darüber, bis morgen wird dir klar geworden sein, dass wir es tun müssen, allein schon für Sean." Er strich ihr liebevoll eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihre Augen schwimmen. "Ich gehe dann jetzt mal. Bitte sei Ad nicht böse. Weißt du, ich habe ihn in letzter Zeit ein paar Mal in seinem Zimmer weinen hören. Ich kenne kaum einen zäheren Burschen als meinen Bruder, aber ich habe den Eindruck, dass er durch diese Sache bald ein zweites Mal an seine Grenzen geraten könnte, bitte bereite der Ungewissheit ein Ende. Egal wer der Vater ist, jeder von uns wird voll dazu stehen, das verspreche ich dir." Mit diesen Worten verließ er leise das Zimmer.





Naike lehnte sich gegen das kühle Fenster weinte tonlos.

"Entschuldige bitte, ich ..." Sie drehte sich mit einem Ruck herum, denn zuerst dachte sie, Joseph wäre noch einmal zurückgekommen, aber nun stand Ramon im Zimmer. Sie sah den jungen Burschen fragend an. "Hast du es mitbekommen?" - "Ja", sagte er vorsichtig. "Ich ... ich käme auch ... in Frage, ja?"





"Ich kann es zumindest nicht ausschließen. Ich war betrunken und kann mich nicht daran erinnern, dass wir verhütet haben. Es tut mir schrecklich leid. Ich wünsche uns von Herzen, dass nichts passiert ist." - "Ja, wird schon nicht. Der Kleine hat nichts von mir, er sieht aus wie Adam." - "Findest du?" - "Ja, schon irgendwie. Wen würdest du dir denn wünschen?" Naike wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie war völlig fertig mit der Welt und wollte einfach nur noch ins Bett. "Gute Nacht", sagte Ramon feinfühlig, "wir sehen uns sicher noch mal, ich bleibe mit Julia und meinem Vater noch eine gute Woche im Land, er hat geschäftlich hier zu tun." - "Ok, Ramon, vielen Dank, dir auch eine gute Nacht!"

*





Paul hatte in der Zwischenzeit das Feuer gelöscht und war noch einmal mit Shakespeare um den Block gegangen, der dringendst musste und auch irgendwie leicht nach Stinktier roch. Offenbar hatte auch er wohl ein bisschen mit dem Viech geflirtet wie Jessica, dachte er belustigt, als seine Freundin ins Badezimmer kam. "Paul?"





"Ja, mein Hase? … Hey, was ist los? Hast du geweint?" - "Bin nur müde, es war ein langer Tag." - "Ja, und gelungen war's, nicht wahr?! Sean hat sich prächtig amüsiert, besonders als es gebennt hat", lachte Paul und Naike lächelte auch in Erinnerung an diesen schönen Moment. "Er hat eben übrigens Papa zu mir gesagt!", verkündete er stolz. "Paul? Liebst du mich, egal was auch immer passiert?" - "Hm, na ja, wenn du eines Tages eine Bank ausraubst, werde ich das sicher noch einmal überdenken, aber ansonsten: JA!" Ein Hoffnungsschimmer breitete sich in ihren Augen aus. "Ganz ehrlich?"





"Ganz und absolut ehrlich! Ich schwöre bei meiner Soldatenehre.“

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Am nächsten Abend hatte Adam Paul um eine Verabredung gebeten, sie trafen sich um 20 Uhr in Rick's Café.





"Wollen wir nachher noch durch die Gemeinde ziehen? Dann halte ich mich erstmal mit dem Trinken zurück. ... Adam?“, fragte Paul seinen abwesend dreinblickenden Kumpel.





"Ich rate dir besser gleich etwas Hochprozentiges zu bestellen, Paul, ich muss mit dir reden", sagte er dann ernst. Und dann erzählte er seinem Freund einen großen Teil der bisherigen Geschichte und dass er beschlossen hatte, zusammen mit seinem Bruder einen Vaterschaftstest einzuklagen. Paul reagierte gelassener als erwartet, aber als Adam dann noch ergänzte, dass Ramon Alvarez ihn gestern angerufen und sich der Klage angeschlossen hatte, fiel ihm dann doch die Kinnlade herab.





"Also das hat sie gestern gemeint", murmelte Paul und nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier.





"Es tut mir leid, Paul. Die Umstände waren echt chaotisch damals, eines hat das andere ergeben, wie so oft im Leben halt. Was wirst du jetzt tun?" Paul erhob sich plötzlich rasch und Adam legte besänftigend die Hand auf seine Schulter. "Nicht doch, bitte bleib!"





"Ich möchte einfach nur noch nach Hause, Ad, ich will jetzt alleine sein." - "Verstehe." - "Aber du kannst auf mich zählen, wir ziehen das jetzt durch." Adam sah überrascht auf. Paul hielt ihm seine Hand hin und er schlug entschlossen ein.

*





Die Simlane 10 lag still, alle waren bereits zu Bett gegangen. Paul war noch ein wenig ziellos durch die Stadt gefahren, bevor er sich auf den Heimweg gemacht hatte.





Er trank den Rest der Tequila-Flasche leer, die von der Feier noch übrig geblieben war ...





... und dachte nach.

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Als Naike wenige Tage später morgens aufgestanden war, fand sie Seans Bettchen leer.





Jessica war über Nacht bei Voodoo Mom geblieben, da die beiden am Vorabend zusammen im Kino waren, aber wo steckte bloß Paul? Auch sein Bett war verwaist, aber offensichtlich hatte er vergangene Nacht darin geschlafen, es sah benutzt aus. Naike bekam Angst und lief in jedes Zimmer, vor die Haustür und kletterte sogar auf den kleinen Dachboden, aber nirgendwo fand sie eine Spur von ihrem Mann und ihrem Sohn.



Kapitel 29 - Lost
Kapitel 31 - Bis(s) in alle Ewigkeit