Kapitel 26 - Das Wunder des Lebens



Paul sollte Recht behalten, noch am gleichen Tag wurde er zum Ausbilder ernannt, was einen großen Schritt und viel Anerkennung für ihn bedeutete. "Du freust dich gar nicht, hm?" - "Ach Paul, du bist so selten zuhause. Es ist ja nicht so, daß ich mich nicht selbst beschäftigen könnte, aber ein bißchen Familienleben fände ich schon mal ganz nett." Paul lächelte.





"Das kommt doch alles noch. Nimm' dir jetzt noch die freie Zeit für dich. Wenn das Kleine erstmal da ist, wirst du dich noch danach zurücksehnen. Meiner Schwester ist es auch so ergangen, glaube mir. Aber ich habe auch noch eine Überraschung für dich! Morgen habe ich frei und wir feiern abends im einem hübschen Restaurant meine Beförderung, ja?!" Naike begann zu strahlen. "Und Adam und seine Freundin kommen auch mit, er hat ebenfalls etwas zu feiern. Wir machen einen richtig schönen Pärchenabend, was meinst du?!" Naikes Lächeln erstarb augenblicklich und statt dessen fiel ihr die Kinnlade herunter.
"Wie bitte? Mit Adam??? Und dieser ... dieser Frau da? Was hat der denn zu feiern, Verlobung oder was?!" Paul war völlig überrascht über ihre Reaktion. "Was ist denn nun los? Ich dachte, du möchtest endlich mal wieder raus und etwas Schönes unternehmen. Im Moment brauchen wir noch keinen Babysitter - ist doch alles prima! Und eine Verlobung? Nicht, dass ich wüßte. Adam hat wieder einen Posten als Professor an der Uni bekommen. Toll, oder?!"





"Ja, sehr toll", muffelte Naike. Paul sah sie besorgt an. "Ist es wegen dieser früheren Sache zwischen euch? Das macht doch nichts, ich hatte schließlich auch andere Frauen vor dir. Adam ist ein feiner Kerl, er ist intelligent und witzig, man kann echt Spaß mit ihm haben, ich bin froh, ihn als Freund zu haben und Eva wirst du auch mögen." Aus Paul sprudelte es so sehr heraus, dass es Naike kaum gelang einzuhaken. "Du weißt, dass ich mit ihm mal was hatte???", fragte sie erschrocken. "Ja, Joe hat es mir letztens erzählt, du scheinst ja recht umtriebig gewesen zu sein, hm?!", grinste Paul breit. "Komm, überlege es dir noch mal, ja?!"
Es lag in Naikes Natur, Dackelblicken nicht widerstehen zu können. Paul konnte ihn recht gut und war so enthusiastisch, daß sie nur noch seufzte und sich dann wieder an den PC hockte. Paul deutete dieses Verhalten und das Ausbleiben weiteren Protestes als ein Ja und mixte sich an der Bar vergnügt einen Drink.

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Am nächsten Abend hatte Naike keine Lust, sich anzuziehen. Aber ob statt dessen unmotiviertes Blättern in "Jedes Kind kann schlafen lernen" dafür sorgte, den Abend doch noch platzen zu lassen? Wohl kaum. Sie überlegte, ob sie Paul einen kleinen Durchfall anhexen sollte, aber da war es schon zu spät, denn sie vernahm zuerst die Türglocke und dann Stimmen.





Vorsichtig lugte sie aus dem Kinderzimmer, um dann mit einem Satz ungesehen ins Badezimmer zu hüpfen, denn Adam und Eva waren tatsächlich gerade eingetroffen und wurden von Paul im Wohnraum begrüßt.





Sie hatte im Vorbeihuschen nur eines gesehen, eine gertenschlanke Eva, und kam sich selbst dagegen vor wie ein Trampeltier in Übergröße. Wenigstens glühten vor Aufregung ihre Wangen, so wirkte sie wenigstens recht frisch. "Naaaike! Wo bist du? Unsere Gäste sind da!", rief Paul





Sie atmete tief ein, stellte sich so gerade hin wie möglich und watschelte dann tapfer aus dem Bad.





"Liebling, da bist du ja! Du siehst wundervoll aus! Ziehst du dich noch schnell um, dann können wir los." Paul strahlte stolz über sein ganzes Gesicht. "Darf ich vorstellen, das ist Eva Montez."





Die beiden Damen begrüßten sich mit kurzem Handschlag. Naike fand Evas Jacke unmöglich, sie schien aus echtem Fell zu sein, pfui. Aber schön war die junge Frau, ein richtiges Model halt, das auch ohne Farbe im Gesicht morgens nach dem Aufwachen bereits hervorragend aussah. Diese Tatsache versetzte Naike einen fiesen Stich, denn sie war eher der Typ Silberleuchter, den man erst herausputzen mußte damit er glänzte.





Doch dann wurde sie durch eine lustige Entdeckung aus ihren eifersüchtigen Gedanken gerissen, über die sie sogar ihre unangenehme Aufregung vergaß. "Ja, Adam, seit wann trägst du denn eine Brille?!", lachte sie lauthals. "Dankeschön für das Kompliment", sagte Adam ironisch, "es ist eigentlich nur meine Lesebrille, ich habe sie ganz vergessen abzusetzen." - "Ach, stimmt, du bist ja jetzt wieder der Herr Professor Dr. Dr. Dr. Tallis und gehst außerdem stramm auf die Vierzig zu, nicht wahr?!", kicherte Naike weiter. "Zwei Dr. kannste weglassen, aber ansonsten haste Recht und ich stehe auch dazu." "Na, nun sei doch nicht gleich beleidigt", zwinkerte die Hochschwangere und war nun deutlich besserer Laune.





Auf dem Weg zum Taxi blieb Naikes Blick an einem kolossal eleganten Auto hängen, welches auf ihrem Grundstück geparkt war. Es mußte Adams Wagen sein, aber warum fuhren sie nicht mit dieser beeindruckenden Karosse? Sie sagte gar nichts und schaute aus dem Fenster, als Adam dem Taxifahrer die Anweisung gab, in die Stadt überzusetzen und sie zu seinem eigenen Restaurant Rick's Cafè zu fahren. Einfaltspinsel, dachte sie. "Warum fahren wir eigentlich nicht mit deinem Auto, Ad?" - "Ach, ich habe keine Lust mein gutes Stück wieder auf eine Fähre zu quetschen, der Lackschaden vor vier Wochen hat mir gereicht." Naike empfand diese Erklärung als reichlich versnobt.

*





Gut zwanzig Minuten später trafen sie in Rick's Café ein.





Beim Platznehmen bekam Naike nun auch ein Kompliment von Adam, was sie wieder ein wenig versöhnlicher stimmte, zumal er es vor seiner attraktiven Freundin frei heraus äußerte, was diese aber offenbar nicht störte.





"Schön, daß du mitgekommen bist, Maus, es ist doch wunderbar hier, oder?!", lächelte Paul seine Freundin an, die ihm zustimmte.





Nach der Bestellung dauerte es keine zehn Minuten und das Essen stand auf dem Tisch, nur Paul hatte sich eine Fisch-Spezialität bestellt und mußte noch ein wenig warten, wahrscheinlich weil der Fisch erst gefangen werden mußte. Deshalb stießen sie erst einmal auf alles mögliche an, Pauls Beförderung, Adams neuen Posten und auf die bevorstehende Geburt des Le Normand-Nachwuchses.





Die Atmosphäre war unerwartet locker und fröhlich, bis Adam damit begann Naike unter dem Tisch zu befüßeln. Er hatte seinen Schuh ausgezogen und fuhr ihr damit zärtlich die Wade auf und ab, was sie mit einem kräftigen Tritt gegen sein Schienbein erwiderte, der Adam, seinem Gesichtsausdruck nach, wenig behagte. Doch dann hatte Paul plötzlich wieder alle Aufmerksamkeit, denn sein Essen kam einfach nicht, was Adam dazu veranlaßte, seinem Personal in der Küche mit sofortiger Entlassung zu drohen, was dann schlußendlich doch dazu führte, daß Paul doch noch seinen Magen mit etwas anderem füllen konnte, denn der Fisch war schlichtweg angebrannt. Und zum Nachtisch gab es dann französischen Kirschpudding, den Naike trotz recht hohem Alkoholgehalt emsig löffelte, denn Adams Starrerei ging ihr kräftigst auf die Nerven, und durch den Pudding wurde ihr das wenigstens ein kleines bißchen gleichgültiger. Allerdings löste er gleichzeitig eine gewisse Schwummerigkeit aus.





"Entschuldigt mich bitte, ich muß mal eben für kleine Mädchen."





Paul sprang sofort auf. "Ist alles in Ordnung mit dir, Liebling? Du bist ein bißchen blass um die Nase." Naike erklärte noch einmal, dass sie bloß auf die Toilette müsse und entfernte sich dann von der Gruppe.





Auch Adam machte sich Gedanken, denn theoretisch konnte die Geburt ja jeden Moment losgehen.





Naike fühlte sich nicht wirklich gut, irgendwie war inzwischen alles furchtbar anstrengend geworden, selbst etwas so wenig Aufwendiges wie ein Restaurantbesuch.





Auch hatte sie ein schwaches Ziehen im Bauch, sie deutete es als Senkwehen. Es fühlte sich nicht wirklich gut an. Es klopfte leise an der Tür. "Naike? – Naike?? Ist alles klar bei dir?", flüsterte jemand.





Es war ein beunruhigt dreinblickender Adam. "Was willst du, häh? Mich in die Toilette drängen und befummeln, wie sonst gewöhnlich in diesem Restaurant?", äußerte sich Naike in sehr offensiver Ironie. "Ich bin doch nicht irre, nachher ziehe ich dir versehentlich den Stöpsel raus und mein Sohn sitzt auf dem Trockenen", bemerkte Adam amüsiert. Naike schüttelte schmunzelnd den Kopf - was für ein Spinner! Nur dieser Mann konnte auf solche absurden Gedanken kommen, dachte sie innerlich grinsend, doch dann wurde sie sofort wieder ernst. "Ich hoffe, dein Fuß eben war ein Versehen." - "Und ich hoffe, dein Tritt eben war ein Versehen" entgegnete Adam frech. "Es ist nicht dein Sohn, Ad, verbeiß dich bloß nicht weiter in diese absurde Idee", sagte sie warnend und ging an ihm vorbei durch die Hintertür nach draußen, um ein wenig frische Luft zu schnappen.

Doch es war zu kalt, um sich auf diese Weise für längere Zeit weiterer Konversation zu entziehen. "Gehen sie lieber wieder rein, Madame", bemerkte eine Kellnerin im Vorbeigehen freundlich. Naike ärgerte sich langsam, daß alle so furchtbar besorgt waren, nur weil sie schwanger war. Als könnte sie dadurch nicht mehr selbst auf sich aufpassen! Sie beobachtete durchs Fenster, daß Adam Eva zum Tanzen aufgefordert hatte. Und Paul schien auf sie zu warten ...





Die frische Luft hatte zwar gut getan, aber Naike fühlte sich gleich wieder deutlich unbehaglicher, als sie zurück ins Restaurant ging. Lag es an ihrem Zustand, am Essen oder an der Tatsache, daß Adam gerade kaum zwei Meter neben ihr seine Zunge tief in Evas Schlund steckte? Sie wußte es nicht.





Paul forderte sie unmittelbar zum Tanzen auf und sie schmiegte sich so nah wie möglich an den ihr inzwischen so vertrauten Körper ihres Freundes an, was ihr sehr gut tat.





Aber als es ihr dann erneut im Leib kräftig zog, hielt sie es dann doch für besser, den Abend vorzeitig zu beenden und nach Hause zu fahren, was Paul sehr bedauerte, aber sein vollstes Verständnis fand.





Doch in dem Moment, wo er Adam und Eva Bescheid gab, sackte Naike plötzlich in sich zusammen und ging zu Boden.





Alle bekamen einen Mordsschrecken ...





... und noch bevor Paul reagieren konnte, sprang Adam wie von einer Tarantel gestochen zu ihr und zog sie vorsichtig wieder in die Senkrechte. "Ja, Mensch, was machst du denn für Sachen?!", rief er entsetzt. Naike spürte das erste Mal nach Monaten wieder Adams Körper und roch seinen Duft. Es waren nur wenige Sekunden, die die beiden wie aneinander klebten, aber sie kamen ihr vor wie eine kleine Ewigkeit. Doch dann strampelte das Baby plötzlich sehr kräftig und versetzte ihr innerlich einen üblen Tritt, der zu einem heftigen Stich im Rücken führte.





"Paul, bitte laß uns jetzt gehen." - "Aber klar. Bleibt ihr noch hier?" Adam schaute Eva an und sie nickte.





"Ok, dann wünschen wir euch noch einen schönen Abend, war kurz, aber nett heute. Danke!" - "Und ich wünsche dir alles Gute für die Geburt, du wirst das schon machen, hm?!", sagte Adam und Eva nickte Naike ebenfalls freundlich zu. Naike lächelte so tapfer, wie es unter dem fiesen Stechen in ihrem Rücken möglich war, und verließ dann gemeinsam mit Paul das Restaurant.





An der Tür drehte sie sich noch einmal um und sah, dass Adam bereits wieder beschäftigt war. Sie wußte beim besten Willen nicht, wie sie aus diesem Mann bloß je schlau werden sollte.

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Zur gleichen Zeit, als Naike und Paul Rick's Café verließen, klopfte Jessica an der Tür von Melissa Fuller.





"Jess, bist du wahnsinnig, mich zu so später Stunde noch aus dem Bett zu klingeln? Zum Glück war ich auf dem Sofa eingeschlafen, sonst hätte das Handy alle anderen auch noch geweckt!", schimpfte Armin zunächst empört über die nächtliche Störung. "Ich habe mich so nach dir gesehnt, Armin!" Auch Jessica beherrschte gekonnt den Dackelblick, so dass Armin sich veranlasst fühlte, ihr zumindest für einen kurzen Moment einen Platz auf dem Sofa anzubieten.





"Bitte sag' mir die Wahrheit, Armin, warum hast du unsere Verabredung heute Abend abgesagt? Liebst du mich denn gar nicht mehr?", jammerte Jessica. "Ja, hör mal, wir waren doch erst gestern zusammen aus! Heute konnte ich beim besten Willen nicht schon wieder weg, das wäre Melissa doch verdächtig vorgekommen."





"Schläfst du noch mit ihr?", fragte sie dann besorgt. "Ach was, das habe ich doch noch nie getan, sie hat mich ja nicht rangelassen!" - "Im Ernst jetzt?" Naikes ehemalige Mitbewohnerin, die einst fest mit Armin zusammen war, bevor er sich wegen Melissa von ihr getrennt hatte, konnte kaum glauben, was sie da hörte. "Absolut im Ernst", bestätigte ihr Teilzeit-Lover und streichelte ihr liebevoll die Wange. "Du, das war echt die Hölle für mich", erklärte er und begann sie zu küssen.









Jessica richtete sich wieder auf. "Bitte, geh' jetzt noch nicht", flüsterte Armin ihr zärtlich ins Ohr.





In diesem Moment fuhr ein Polizeiwagen in hohem Tempo heran und parkte direkt vor der Fuller'schen Garage. Dann stürmten zwei Polizisten bewaffnet die Treppe des Hauses hinauf.





Es verging kaum eine Minute bis Armin die Tür geöffnet hatte und sofort von den Beamten überwältigt worden war. "Wollen Sie ihren Anwalt anrufen?", fragte der jüngere Polizist mit dem Schnurrbart. "Nein, dass kann ich auch morgen noch tun", erwiderte Armin matt.





"Ich glaube wir können ihn wieder losmachen, der geht uns nicht durch die Lappen", sagte der grauhaarige Beamte zu seinem Kollegen, der ihm zustimmte." Jessica stand wie angewurzelt im Wohnzimmer herum und bekam vor Schreck den Mund nicht wieder zu. Was ging hier vor? Dies konnte nur ein Missverständnis sein!





Durch den Lärm der Festnahme geweckt, kamen nun auch Melissa und Halina die Treppe herunter geeilt. "Was ... was tun Sie hier in meinem Haus???", schrie Melissa schrill, hielt dann aber abrupt inne. "Das fragen Sie noch? Schauen Sie sich mal das Baby ihrer Freundin an!!", entgegnete einer der Polizisten in vorwurfsvollem Ton.





Halina stieß einen Schrei aus, der aus ihrem tiefsten Inneren kam und alle Anwesenden bis ins Mark erschütterte. "Es tut mir so leid, Halina, bitte ... glaube mir ... ich ...", begann Armin zu schluchzen.





Dann sagte für einen Moment niemand mehr etwas, selbst Melissa hatte es kurzfristig die Sprache verschlagen. Ja, sie hatte es geahnt. Sie war sich sogar ziemlich sicher. Aber wahrhaben hatte sie es nie wollen.





"Herr Sims, wir müssen jetzt gehen. Sie sind festgenommen wegen Vergewaltigung in zwei Fällen und versuchter Vergewaltigung in mehreren Fällen. Sie haben, wie gesagt, das Recht auf einen Anwalt, darum kümmern wir uns dann noch."





"Jessica, bitte verzeih mir, ich liebe dich!", flehte Armin. "Kommen Sie bitte jetzt!", sagte der Polizist mit dem Schnurrbart noch einmal mit Nachdruck und Melissa machte ein derart angewidertes Gesicht, als hätte sie gerade in ihrem Keller eine Leiche gefunden.





"JESSICA!!!", rief Armin noch einmal kläglich und ließ sich dann widerstandslos abführen.





Als er ins Polizeiauto stieg, dachte er darüber nach, wie oft er sich in den vergangenen Tagen vorgestellt hatte, wo man ihn aufgreifen und wie es verlaufen würde. Denn er war zum Speicheltest erschienen - er hatte keine andere Wahl gehabt. Aber dass es so schrecklich werden würde, hatte er nicht mal im Traum erahnt.





"ICH HASSE DICH, DU ALTE SCHLAMPE!!!", brüllte Melissa drinnen plötzlich aus Leibeskräften, zum Glück konnte der zweite Polizist gerade noch einen tätlichen Angriff auf Jessica verhindern, die junge Frau war völlig ausgetickert und schien zu allem bereit.





"Aber, aber - Fräulein Fuller, mein Gott, ich verstehe ja, dass Sie aufgebracht sind, aber auf diese Art löst man doch keine Probleme!! Jetzt beruhigen Sie sich doch bitte erstmal wieder und dann sehen wir in Ruhe weiter, ja?!", redete der Polizist besänftigend auf die völlig hysterisch Gewordene ein. Halina weinte lautlos und Jessica stürzte nun aus dem Haus. Der Beamte fühlte sich in dieser Situation so überfordert, wie nie zuvor in seiner Laufbahn, ließ sich aber professionell nichts davon anmerken.





"Ja, weinen Sie ruhig. Sie haben allen Grund dazu, es tut mir so leid, Fräulein Fiechter." Halina schluchzte so sehr, dass ihr Körper unkontrolliert zuckte. Dann schrie die kleine Susanne plötzlich im Obergeschoß und der freundliche Polizist begleitete sie nach oben, bevor er zur Sicherheit noch Dr. Blythe rief.





Jessica stand auf der Treppe und sah fassungslos zu, wie der Polizeiwagen ausparkte, nachdem der Polizist seinen Kollegen die erfolgreiche Festnahme und baldige Ankunft über Funk gemeldet hatte.
"ARMIN! ... ARMIIIIIIN!", gellte ihr Schreien durch die Nacht …

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Paul und Naike waren bereits zu Bett gegangen und schliefen tief und fest, als es plötzlich unten an der Tür klingelte.





"Paul, was war das?", fragte Naike ängstlich. "Na, es hat an der Tür geklingelt. Wer zum Teufel kann das sein?!", fluchte Paul, der am nächsten Morgen wieder einmal sehr früh aufstehen musste und sich deshalb über die Störung ärgerte.





Naike zögerte, nachdem sie die Treppe hinunter geeilt waren. "Was ist los? Du bist doch sonst nicht so ängstlich, das sind wohl die Hormone, hm?", zwinkerte Paul ihr zu, da hat bestimmt nur jemand ein irgendein Problem.





Er öffnete vorsichtig einen Spalt breit die Tür, und da stand tatsächlich jemand mit einem ganz offensichtlichen Problem - eine völlig aufgelöste Jessica.





"Jessica, ja, um Himmels Willen, was ist Ihnen denn passiert?", fragte er die schluchzende Frau erschreckt. "Heute Abend wurde wohl zugegriffen und Jessica war offensichtlich dabei", kombinierte Naike treffsicher.





Sie nahm ihre liebe Freundin wortlos in den Arm. Paul verstand zuerst nur Bahnhof, denn er hatte die kleine Susanne ja nicht gesehen. Naike bot Jessica an zu bleiben, was diese auch sofort dankend annahm. Während sie sich kurz im Bad aufhielt, um sich auszukleiden, erklärte Naike Paul dann kurz die Zusammenhänge, wie sie sich ihr darstellten, was er kaum glauben konnte.

*





Jessica wurde in Pauls Zimmer gebettet und schlief auch gleich ein, man hörte nur noch ab und zu ein leises Schniefen. Naike aber war hellwach nach diesem Schrecken zur nächtlichen Stunde.





Was war das nur für eine beknackte Welt? Nicht besser als die, aus der sie kam. Man log, man betrog, man schädigte und bestahl. Aber man liebte auch ...





.. sie wusste bloß nicht wen.

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Am nächsten Morgen brachten Paul und Naike Jessica zu Voodoo Mom, wo sie seit ihrem Auszug aus der Simlane 10 wohnte. Und das war auch gut so, denn die erfahrene Hexe kümmerte sich gleich liebevoll bemüht um den üblen Seelenzustand ihrer Freundin.

Am frühen Abend hatte Naike mal wieder großen Hunger und bereitete für sich und ihre kleine Familie Schweinekoteletts zu. "Hey, was treibst du denn da für einen Riesenaufwand, ich hab doch heute Nachtschicht und muss gleich los. Und Julia hat eben angerufen, sie übernachtet bei den Yogeshwars." Naike schluckte. "Aber wieso Nachtschicht? Das war doch erst für morgen angesagt!", sagte sie in verzweifeltem Tonfall. "Leider nein", bedauerte Paul, "aber mach dir mal keine Sorgen, ich habe Adam gebeten, über Nacht zu bleiben und auf dich aufzupassen. Ich will dich auf keinen Fall mehr hier alleine wissen, jetzt wo es jeden Moment ..."





"WAAAAS? Bist du wahnsinnig? Warum ausgerechnet Adam? Warum nicht Voodoo Mom oder Jessica oder der Klavierspieler von Rick's Café??!!", polterte Naike erhitzt los. "Jetzt beruhige dich mal. Ich hatte ja zuerst bei Voodoo Mom angerufen, aber sie ist vor zwei Stunden mit Jess in irgend so einen Wellness-Tempel gefahren, was ja für Jess auch sicher Sinn macht. Und Adam ist mein Freund, er wird dich schon nicht fressen", zwinkerte Paul. "Ich brauche keinen Babysitter und damit BASTAAA!"





Sie hatte so gebrüllt, dass ihr schwummerig wurde und Paul sie auffangen musste. "Na siehste, mein Kätzchen, es macht doch wirklich Sinn. Ich könnte sonst keine Minute in Ruhe meine Nachtschicht schieben." Naike weinte ein bisschen und hätte Paul am liebsten nie wieder losgelassen.

*





Keine Viertelstunde später war Adam auch schon eingetroffen. Naike hatte sich vorgenommen, kein Wort mit ihm zu reden, was sie natürlich nicht mal fünf Minuten durchhielt.





"Das hast du ja fein hingekriegt, erschleichst dir hier Zugang über Paul!" - "Wie bitte? Meine Tochter Julia wohnt doch hier. Wenn ich das Bedürfnis hätte, in deiner Nähe zu sein, könnte ich das jeden Tag haben."





Naike hatte keine Lust auf eine lange Debatte, es war ihr schlicht und ergreifend viel zu anstrengend, sich in dieser Situation mit Adam auseinanderzusetzen, zumal sie merkte, dass sie ihn ungerecht behandelte. "Komm, lass gut sein, das Essen ist fertig. Bin froh, wenn überhaupt jemand meine leckeren Koteletts isst“, brummte sie grimmig.





Schweigend aßen sie und Adam schien es hervorragend zu schmecken, denn er holte sich gleich noch eine zweite Portion, offenbar gab es bei ihm zuhause weiterhin nur trockene Sandwiches oder schlimmer – mit Mayonnaise!





"Was ist los mir dir? Etwas nicht in Ordnung? Oder ist dir meine Anwesenheit unerträglich?" Naike runzelte unbehaglich die Stirn. "Ach, ich weiß auch nicht."





Dann ging sie auf Toilette und dachte zuerst, sie hätte es nicht mehr rechtzeitig geschafft, ihre Hose herunterzuziehen.





Aber die Flüssigkeit, die aus ihr herauslief, war klar. Das konnte nur eins bedeuten: Die Fruchtblase war geplatzt!





Naike informierte Adam, der sogleich zum Telefon lief, um Doktor Blythe anzurufen. Doch dieser ging nicht an seinen Apparat. Und auch Paul schien sein Handy nicht zu hören. Beim nächsten Versuch ließ sich eine Hebamme des Krankenhauses auf dem Festland die Situation erklären und riet dann vorerst abzuwarten und alles weitere zu beobachten, da noch keine Wehen eingesetzt hatten.





Adam klopfte sein Herz bis zum Hals. Sollte es jetzt wirklich ausgerechnet in der Nacht passieren, in der er sich als einziger im Haus befand? Naike hatte sich umgezogen, hingelegt und war sofort in einen leichten Schlaf gefallen. Da nahm er sich ein Buch vom Nachttisch, setzte sich damit aufs Bett und las ein bisschen in dem mittelalterlichen Grimoire, was ihn aber nur noch zusätzlich verschreckte.

*





Nach zwei Stunden schreckte Naike aus dem Schlaf. "Dr. Blythe? Wo ist Dr. Blythe? Er war doch eben noch hier!" Ihr Herz klopfte wild. "Das hast du bloß geträumt, der Tünnes ist ausgeflogen, ich konnte ihn bisher nicht erreichen. Aber das Krankenhaus hat gesagt, solange zu keine Wehen hast, sollen wir einfach abwarten und uns dann später noch mal melden." - "Aber ich habe Wehen!", korrigierte Naike und verzog das Gesicht. Adam wurde blass. "Stark?", fragte er unbehaglich. "Nein, es geht so. Ich gehe jetzt mal duschen, aber das dauert bestimmt nicht mehr lang."





Das warme Wasser entspannte sie angenehm, doch die Schmerzen wurden eher stärker. Aber das kannte sie ja bereits aus einer anderen Existenzform.

*





"Du siehst sehr schön aus." - "Ehrlich jetzt, findest du?" - "Ja, sehr ungewöhnlich. Du bist jetzt eine Göttin und schenkst Leben. Habe ich eben in diesem Buch hier gelesen.“ - "Quatsch, das Leben kommt doch nicht von mir, sondern lediglich durch mich ... aaaaargh!!!“





Diese Wehe war bedeutend stärker als die vorhergehende und Naike ging fast in die Knie. Adam sprang auf und erstarrte zur Salzsäule, jetzt war wohl Schluss mit der Philosophiererei.





„UUUUAHHHHHH!!!“





"Jetzt steh' doch nicht da rum, wie angewachsen, ruf' den Doc an, schneeeell!", stöhnte Naike und endlich löste sich Adam aus seiner Starre und sprintete zum Telefon.





"Verdammte Scheiße, warum geht da immer noch keiner ran??!!" Wütend knallte er den Hörer auf die Gabel, denn bei Dr. Blythe erklang noch immer die Tonbandansage mit der Notfall-Nummer des Krankenhauses, aber auch diese war jetzt unerreichbar. Adam versuchte es noch ein zweites Mal und endlich hatte er die Hebamme von vorhin am Apparat, die ihm mitteilte, dass bei ihr gerade drei Geburten im Gange waren. Sie gab ihm ein paar Anweisungen und versprach umgehend herumzutelefonieren und so schnell wie möglich jemanden auf die Insel zu schicken.





"Naike? Wo bist du?" - "Im Bad, ich komme gleich", brachte sie nur mühsam hervor. Adam tat wie ihm von der Hebamme geheißen, holte Handtücher, wärmte Wasser, drehte die Heizung auf volle Pulle und richtete der Gebärenden ein dickes Kissenlager auf dem Boden.





"Ich habe telefoniert, das Krankenhaus schickt so schnell wie möglich jemanden rüber, ich fürchte aber das kann noch etwas dauern." Naike stöhnte. "Siehst du was?" - "Ja, das Tor zur Hölle!" - "Ist drinnen oder draußen für dich die Hölle?" - "Na, hier draußen natürlich, wer will da nicht wieder rein?!", schmunzelte Adam. "Mein Gott ist das groß, gleich werde ich eingesaugt", grinste er dann. "Jetzt hör' doch auf zu witzeln, sag mir endlich, ob du schon was siehst!" - "Hm, also das da könnte theoretisch ein bisschen mein Sohn sein."





Naike hielt es nicht mehr aus und stellte sich mit Adams Hilfe wieder auf die Beine, zu liegen war einfach unaushaltbar. So ging es nie vorwärts. "Adam, bitte tu irgendwas, es tut sooo weh!", klagte sie lautstark wimmernd.





"Du schaffst das, mein Herz, es ist noch nie ein Baby dringeblieben, glaube mir", tröstete er die schwer Zitternde. "Bist du sicher?" - "Aber ja", sagte Adam und verdrängte in diesem Moment alle Horrorgeschichten, die er je von Geburten gehört hatte. Dann kam ihm eine Idee. "Sag mal, hast du die Kette noch, mit der ich dich damals an die Decke gehängt habe." - "Bist du irre??? Wie ..." - "Mensch, da kannst du dich doch dran festhalten, im Stehen geht es sicher besser." Naike hatte die Kette tatsächlich noch, versteckt unter ihrer Unterwäsche in der Kommode.





Adam befestigte sie im Handumdrehen in dem kleinen Ring an der Decke und tatsächlich stellte sich die Aufhängung als erleichternd heraus. Kurz darauf bekam Naike das Gefühl, pressen zu müssen. "Was siehst du jetzt?" - "Das Köpfchen kommt schon, ich würde mal sagen press' los!" Und dann ging alles sehr schnell …





Nach der dritten Presswehe plumpste das neue Leben einfach heraus. "Alles in Ordnung, ich hab's." Naike seufzte tief und ließ die Kette los.





"Er atmet und alles ist dran, es ist wirklich ein Junge!", sagte Adam erleichtert.





"Da schau her!" Vorsichtig hob Adam den Kleinen hoch.





Naike konnte nur noch staunen - was für ein hübscher Junge! Mit offenen Augen schaute er seine Mama an. "Adam, er ist einfach wunderbar!" Auch der unfreiwillige Geburtshelfer Adam war in diesem Moment zutiefst aufgewühlt und glücklich. "Komm, leg' dich mal hin, ich mache ihn frisch, ok?! Zutiefst dankbar sah Naike den Mann an, der ihr bisher soviel Kummer gemacht hatte.



Kapitel 25 - Erzeugerzirkus
Kapitel 27 - "Papa" versus "Oma"