Kapitel 23 - Mayday



Nachdem sie in Spiegeleiern, Speck und Toast mit Ahornsirup geschwelgt hatten, waren alle heimgekehrten Bewohner der Simlane 10 zu platt, um an diesem Tage noch irgendetwas zu unternehmen. Deshalb war nicht mehr als der Fernseher angesagt, und Naike wollte gerade eine DVD einlegen, als Nicolas zufällig in die Regionalnachrichten zappte. Und dann wiederholte sich ein Szenarium ähnlich wie bei einem Déjà-vu, das sie bereits einige Zeit zuvor schon einmal erlebt hatten.





Naike schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, das glaube ich jetzt nicht. Real-Nai … äh … die Polizei verarscht uns doch nur wieder." - "Aber warum sollten sie das tun?", jubelte Nicolas. „Freu' dich doch, jetzt kannst du endlich wieder tun und lassen, was du willst. So wie du es dir doch schon so lange gewünscht hast!"





Naike dachte nach und beschloss dann, ihre Zweifel Zweifel sein zu lassen und dem Nachrichtensprecher zu glauben. Der lang gesuchte Gewalttäter war also offenbar endlich tatsächlich hinter Schloss und Riegel. Die zwischenzeitlichen polizeilichen Ermittlungen hatten ergeben, dass es sich doch um den Nicht-Ortsansässigen handelte, der bereits beim ersten Zugriff festgenommen worden war. Die Drei waren so erleichtert, dass sie nicht mitbekamen, dass die Sache aber noch nicht endgültig unter Dach und Fach war, da eines der Opfer, Halina Fiechter, inzwischen schwanger war und erst ein DNA-Test nach Geburt des Kindes einhundertprozentige Sicherheit geben würde, dass auch wirklich der wahre Täter in Gewahrsam war. Aber aufgrund der Indizien wurden dennoch bereits jetzt die nächtliche Ausgangssperre und sonstige Vorsichtsmaßnamen aufgehoben.





Naike hatte nun keine Lust mehr auf die DVD, sondern rief gleich Carla an, um mit ihr das Allerneueste zu bequatschen. Ihre Freundin hatte den Nachmittag frei und so beschlossen die beiden, sich sofort zu treffen.

*





Als sie beim Chez Poulain, dem kleinen Laden und gleichzeitigem Wohnhaus von Carla und Fiona ankam, verabschiedeten sich die beiden Halbschwestern gerade von Peter Bockhorn, der seine Funktion als Bodyguard der beiden Damen nun beenden konnte. Da fiel Naike ein, dass ja auch Nic bald gehen würde, verdrängte den unerwünschten Gedanken aber schnell wieder.





"Stimmt was nicht?" - "Nee, alles klar, habe bloß Wasser im Ohr." - "Komm, erzähl mal wie es im Lager war! Ist dir Joe tatsächlich nicht erspart geblieben?", grinste Carla breit.





Und dann erzählte Naike alles sehr ausführlich, während die beiden Freundinnen die letzten noch warmen Sonnenstrahlen des Jahres genossen.





"Und? Wirst du diesen Brad Pitt wiedertreffen?", fragte Carla schwer neugierig. "Paul, meine Liebe, er heißt Paul!", lachte Naike herzlich und antwortete dann: "Vielleicht. Ich denke aber, ich rufe nicht zuerst an, da bin ich ganz konservativ." - "War ja klar, sonst immer einen auf Gleichberechtigung machen und wenn es um die Liebe geht, willst du einen Kavalier der alten Schule, der sich für dich die Finger schmutzig macht." - "Stimmt", gab sie kichernd zu.





"Und wie läuft es inzwischen mit Jack?" - "Ach, er arbeitet von morgens bis abends im Hafen, sogar samstags. Wenn wir uns treffen, gucken wir fernsehen und machen ein bisschen rum", grummelte Carla sichtlich frustriert. "Dann solltest du dir überlegen, was du wirklich willst, hm?! Wenigstens ist der Inselschreck jetzt dingfest, so können wir wieder zusammen jederzeit die Gegend unsicher machen!" - "Werden wir! Aber das mit dieser Halina ist ja wirklich'n Ding. Ich hab echt Schwein damals gehabt, dass Jack mich vor diesem Unhold geschützt hat, ein Verbrecher-Kind hätte ich ganz bestimmt nicht bekommen."

Plötzlich schaute Naike zu Boden. "Ich hatte mal ein "Verbrecher-Kind" in meinem Bauch und hätte es liebend gerne gehabt." Carla war augenblicklich entsetzt über ihre ungeschickte Äußerung. "Naike, das tut mir so leid, so war das doch nicht gemeint! Du warst damals schwanger von einem Mann mit Vergangenheit, den du liebtest, aber doch nicht von einem dahergelaufenen Unbekannten - das ist doch ein himmelweiter Unterschied!!!" - "Hast ja Recht", entgegnete ihre Freundin traurig und ließ sich tröstend drücken.

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Nur zwei Tage später stand sie aufgebrezelt vor dem Spiegel und sah aufgeregt einem schönen Abend entgegen. Paul hatte angerufen und sie zum Essen eingeladen.





Vorfreudig, aber auch ziemlich nervös, schaute Naike aus dem Taxi, das vor einem sehr eleganten Restaurant gehalten hatte. Rick's Café Américain - der Name kam ihr irgendwie bekannt vor.





Die Innenräume waren genauso einladend wie die Außenfassade, Paul hatte offenbar Geschmack. Naike sah sich um. Es war noch ziemlich leer an diesem Abend und ihr Date offenbar noch nicht eingetroffen. Wie blöd, die Erste zu sein.





Dann trafen sich plötzlich zwei verdammt vertraute Blicke.





Naike fühlte sich für einen Moment, als hätte sie eine schwere Keule an den Kopf bekommen. Das durfte doch jetzt einfach nicht sein! Nicht jetzt, nicht an diesem Abend!





Sie atmete einmal tief durch und beschloss, sich keinerlei Irritation anmerken zu lassen, steuerte die Bar an und setzte sich auf einen Hocker direkt gegenüber dem Mann, der es wie kein anderer verstand, ihr Wohl und Wehe zu beeinflussen.





"Guten Abend, meine Gnädigste!", grinste Adam über sein ganzes Gesicht, "Was darf es sein?" - "Ein ehemaliger Ordinarius mischt Drinks? Wolltest du dich nicht längst wieder an einer Uni bewerben?" Naike versucht möglichst locker zu klingen, aber dummerweise zitterte ihre Unterlippe. - "Habe ich bereits, aber es ist noch nichts spruchreif. Die Arbeit hier macht mir Spaß." Adam sah tatsächlich deutlich zufriedener aus als noch vor einer guten Woche, was Naike erleichtert zur Kenntnis nahm.





Seine Wangenwunde, die er sich bei einer Auseinandersetzung mit ihr zugezogen hatte, bevor sie sich endgültig getrennt hatten, war zwar noch immer nicht ganz verheilt, aber die dunklen Schatten unter seinen Augen waren gewichen. Es fiel ihr schwer, ihren Blick von seinem so vertrauten Gesicht abzuwenden, der Tallis-Magnet hatte noch immer nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. "Ich bin hier mit Paul verabredet, Paul O'Meara. Weißt du? Der Arzt aus dem Camp", sagte sie schnell. "Klar, weiß ich, wen du meinst. Ein Arzt, wow - eine gute Partie!" - "Arzt in spe, er steht gerade vor den Prüfungen. Außerdem interessiert mich das nicht." Beinahe hätte Naike ergänzt, dass sie genauso auch einen Barkellner daten würde, aber zum Glück konnte sie sich eine solch unüberlegte Bemerkung gerade noch verkneifen, was ihr aber dann doch nichts nutzte …





"Also käme für dich tatsächlich auch ein Barkellner in Frage?" Ihr brach der Schweiß aus, konnte Adam etwa Gedanken lesen? Er sah sie einige Sekunden an, die ihr wie Minuten erschienen, ohne eine Antwort zu verlangen und schien über etwas nachzusinnen.





Dann lächelte er und rief dem Mann, der schon die ganze Zeit über die stilvolle Atmosphäre des Cafés mit seiner jazzigen Klaviermusik unterstrichen hatte, zu: "Play it, Sam. Play As time goes by."





"Ich erinnere mich nicht daran, Chef", entgegnete der elegant gekleidete schwarze junge Mann.





Naike starrte Adam mit großen Augen an. "Wie bitte? Chef? Adam, was geht hier ab?" – „Nunja, der Laden hier gehört mir. Möchtest du ihn haben? Ihn schenke ihn dir, du wolltest doch immer schon ein Café mit Jessica."





Sie starrte verstört vor sich hin. Adam trocknete in aller Ruhe das zuletzt gespülte Glas ab und stellte es fein säuberlich in Reih und Glied zu den anderen. Dann faltete er sein Handtuch ordentlich und legte es beiseite, ging um die Theke herum zum Klavier und summte seinem Angestellten Sam leise das zuvor gewünschte Lied vor. "Chef, ich kenne As time goes by oder halten sie mich für einen Kulturbanausen?“, stellte dieser klar. „Aber ... ist das ihre Naike?" - "Ja, pssst", flüsterte Adam. "Dann sollte ich es nicht spielen." Adam sah ihn mit festem Blick an. "Vielleicht sollten Sie es wirklich nicht tun. Aber ich will, dass Sie es spielen." Sam, der tatsächlich so hieß, seufzte leise, grinste aber gleichzeitig leicht süffisant, setzte sich zurück ans Klavier und begann ...

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"You must remember this ..." Als die ersten Töne anklangen, spürte Naike deutlich wie Adam sich hinter ihr näherte und glitt, als wäre sie eine Marionette an ihren Fäden, vom Barhocker ...













Sie bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle, auch nicht als Adams rechte Hand sich plötzlich ihrem Rocksaum näherte und ihr Kleid in Zeitlupe gerade hoch genug schob, um ihren Slip erreichen zu können. "Hatte ich dir nicht gesagt, dass du kein Höschen tragen sollst, wenn wir zusammen ausgehen?", flüsterte er sanft, aber bestimmt, und schob den Stoff mit seinem Zeigefinger in Zeitlupe vorsichtig zur Seite.









"... no matter what the future brings. As time goes by ..."





Zentimeter um Zentimeter kamen sie sich näher, sie spürte seinen warmen Atem auf ihrem Gesicht und er den ihren.





"Ich hatte für 20.30 Uhr einen Tisch bestellt, auf den Namen O'Meara." Naike hielt abrupt inne und sah zur Türe. Paul!!





Sie stieß Adam gerade noch rechtzeitig beiseite, bevor Paul sie sah, der ihr kurz fröhlich zuwinkte und dann mit der Restaurantangestellten kurz weiter nach der Reservierung suchte. "Ich liebe dich, du gehörst mir!", sagte Adam leise, als sie sich von im abwandte.





"Ich gehöre niemandem", antwortete sie und ließ ihn stehen.





Paul begrüßte Naike herzlich und sie ihn ebenso, dann nahmen an einem der Tische Platz. Adam hatte sich wieder hinter die Theke verzogen, was sie erleichtert zur Kenntnis nahm ...





... aber er machte ein Gesicht, als hätte er gerade eine Schlacht verloren.

*





Während sie auf ihre Getränke warteten, erzählten sie sich gegenseitig erst einmal von ihren beruflichen Zukunftsplänen. Paul war über Naikes Interessen etwas überrascht, da er sich noch nie mit Wahrsagerei und ähnlichem beschäftigt hatte, fand es aber spannend und freute sich auch besonders darüber, dass seine neue Bekanntschaft vorerst beschlossen hatte, wie schon vor einiger Zeit einmal wieder beim Militär zu arbeiten.





"Du, das ist eine tolle Idee, dann sind wir ja quasi Kollegen!" Paul nahm ihre Hand, was Naike gleich wieder ein bisschen ins Schwitzen brachte, denn erstens ging alles relativ schnell, und außerdem befand sich Adam keine fünf Meter von ihnen entfernt.





Sie vermied es, hinüber zur Bar zu schauen, konnte es aber dann doch nicht lassen.





"Wo guckst du eigentlich dauernd hin?", fragte Paul leicht irritiert und bemerkte dann den ihm bereits bekannten schwarzhaarigen Mann.





"Ach, Adam Tallis. Hallo!", winkte er durch den Raum. Adam nickte nur grimmig in Richtung des inzwischen dinierenden Pärchens. Naike verspürt den Drang, unter dem Tisch zu verschwinden. "Du kennst ihn?", fragte sie verwundert.





"Schlechtes Kurzzeitgedächtnis? Wir haben uns doch bei der kleinen Abschlussfeier im Lager letztens kennen gelernt. Netter Kerl, ihm gehört der Laden hier." Was Paul alles wusste! Naike sägte nervös an ihrem Beefsteak. "Weißt du das etwa nicht? Du warst doch schließlich mal mit seinem Bruder zusammen, oder?!" Alles wusste er zum Glück anscheinend doch nicht …





... und Naike beschloss, es ihm auch nicht zu sagen. Zumindest vorerst nicht. Schnell ergriff sie die Gelegenheit, ein neues Thema anzuschneiden, indem sie ein Rosenköhlchen von seinem Teller mopste, was Paul sehr lustig fand. Den gleichen albernen Humor wie sie hatte er also schon mal – bestens!





Als sie nach ein paar Minuten einen erneuten Blick zur Bar wagte, war Adam zunächst verschwunden. Doch dann kam er plötzlich im Mantel aus der Küche und verließ grußlos das Restaurant.





Nun konnte sie sich also ohne weitere Ablenkung auf Paul konzentrieren, der ihr zunehmend besser gefiel. Er war ja auch zweifelsohne ein Mann mit Format.





Der weitere Abend verlief harmonisch, Paul hatte sie zum Tanzen aufgefordert und konnte es auch sehr gut. Und Sam spielte nicht mehr As time goes by.





Als sich das Tanzpaar langsam näher kam, stand irgendwann die Frage nach dem weiteren Verlauf des Abends im Raum. Zu Paul konnten sie nicht gehen, denn er wohnte während seiner Stationierung in Blauseidigheide und Umgebung vorübergehend bei einem ehemaligen Studienkollegen, der sich inzwischen mit eigener Praxis niedergelassen hatte. Also bat Naike ihre neue Eroberung, sie nach Hause in die Simlane zu bringen.





Bereits im Taxi saßen sie sehr eng nebeneinander auf dem Rücksitz und sie sank vorsichtig Stück für Stück mit ihrem Kopf auf Pauls Schulter, was er sich gerne gefallen ließ. Vor der Haustür angekommen küssten sie sich dann das allererste Mal. Sie überlegte fieberhaft, sollte sie ihn noch auf einen Kaffee hereinbitten oder verbot ihr das ihre gute Kinderstube bei ersten Dates? "Magst du mir noch einen späten Kaffee anbieten oder soll ich dorthin verschwinden, wo der Pfeffer wächst?“, witzelte Paul plötzlich und brachte damit Naikes Überlegungen zu einem schnellen Abschluss.





Aber in Wahrheit wollte keiner Kaffee.





*





Irgendwann tief in der Nacht schlief Paul ein. Naike aber war noch eine kleine Weile wach und betrachtete sein wunderschönes Gesicht, was denen der Tallis-Brüder nicht nachstand.





Dann kuschelte sie sich zufrieden an seine Schulter und murmelte lächelnd: "Danke, Real-Naike!"



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Zur gleichen Zeit Downtown in Gerda Kappes Etablissement ...





Zuerst war Herta Tellermann angenehm überrascht, als sie den groß gewachsenen, elegant in einen schwarzen Mantel gekleideten Mann mittleren Alters hereinkommen sah. Er sollte es also sein. Und Gerda war offenbar ebenfalls dieser Meinung, denn ohne zu zögern nahm sie ihre junge Mitarbeiterin beiseite, drückte ihr eine Flasche besten Champagners in die Hände und stellte sie dann ihrem Kunden als "Belle Fleur" vor. Adam zog seine linke Augenbraue hoch, musterte die junge Frau interessiert und nickte, dann verschwanden sie gemeinsam in einem Zimmer im ersten Stock des Hauses.

Belle Fleur alias Herta erschien ihm zunächst ziemlich unerfahren, aber unter seiner zuerst äußerst sanften Führung entspannte sie sich zusehends. "Ich werde jetzt einige Dinge mit Ihnen tun, die eventuell Spaß machen werden, aber auch unangenehm sein könnten. Deshalb vereinbaren wir ein Wort, welches Sie bitte sofort äußern, wenn sie wirklich aufhören wollen. Alle anderen Protestbekundungen und Ablehnungen werde ich als Aufforderung für mehr werten, in Ordnung?“ Herta sah in seine goldbraunen Augen mit dem grünlichen Schimmer und nickte unbehaglich.





*





„MAYDAY! MAYDAY!", schrie Belle Fleur mit halb erstickter Stimme. "BITTE - ich kann nicht mehr!!!" Adam hielt wie vereinbart umgehend inne.





"Hey, alles in Ordnung mit Ihnen?", fragt er die am Boden liegende junge Prostituierte besorgt und half ihr wieder auf die Beine.





Herta warf sich leise schluchzend in seine Arme. „Ist ja gut, ist ja gut", sagte er liebevoll.





Nach ein paar Minuten hatte sie sich wieder beruhigt und entschuldigte sich bei ihrem Kunden für ihr Versagen, dem Adam sofort widersprach. "Warum tun Sie das eigentlich, Monsieur?" - "Ja, warum denn nicht? Warum tun Sie sowas?"





"Was meinen Sie?" - "Na, für Gerda Kappe arbeiten, wenn Sie augenscheinlich gar nicht hierhin passen?" Herta zögerte einen Moment, nahm einen weiteren Schluck Champagner und wurde dann redselig. "Nunja, ich bin eigentlich Psychologie-Studentin im fünften Semester. Meine Eltern sind alles andere als wohlhabend, das BAföG nicht gerade üppig und außerdem interessiert mich die Psyche von Männern, die Prostituierte aufsuchen. Und da dachte ich halt, schaue ich mal rein." Adam zog staunend und ziemlich überrascht seine Augenbrauen hoch. "Heißt das etwa, das war heute Ihr erstes Mal mit einem Fremden?" – „Ja“, antwortete Herta kleinlaut und seufzte. „Und dann geraten Sie gleich an einen Kerl wie mich? Gerda, diese Schlampe", schnaufte er verächtlich, "sie dürfte mich inzwischen kennen und hätte das nicht zulassen dürfen", schüttelte er wütend den Kopf, "ich werde mich beschweren!"





"Ach, lassen Sie nur, ich finde Sie sehr ... ähem ... ja, süß irgendwie. Aber ein wenig zärtlicher hätte es mir besser gefallen". Adam biss sich lächelnd auf die Unterlippe. Was war das nur für eine wagemutige, verrückte Nudel? "Sollten Sie ihre ... hm ... sagen wir mal "Art" irgendwann ablegen wollen, hier ist meine Telefonnummer. Ich heiße übrigens Herta. Meine Professorin kennt sich mit der Therapie von gewalttätigen Männern bestens aus, und ich kann gerne in gutes Wort für Sie einlegen, dass sie Sie in eine ihrer Gruppen aufnimmt, wenn Sie sich dazu entschließen könnten.“ Adam dachte einen kurzen Moment nach, sagte aber nichts. Stattdessen strich er ihr die Haare aus dem Gesicht und streichelte ihre Wange. Dann zog er sich schnell an, legte einen Bündel Geldscheine auf den Nachttisch, der für gleich zehn Damen und ihre Dienste gereicht hätte, und forderte Herta beim Hinausgehen auf, den Rest zu behalten und das Etablissement zu verlassen.

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"Guten Morrrgen!", schmetterte Paul fröhlich Julia zu, die beinahe vor Überraschung ihre Müsli-Schüssel hätte fallen lassen. Sooo schnell ging das bei Erwachsenen mit neuen Partnern? Und was war jetzt mit ihrem Papa? Aber sie freute sich dennoch sehr, den netten Sanitätsarzt aus Blauseidigheide wieder zu sehen und fühlte sich fast ein bisschen ins Camp zurückversetzt.





Nicolas hingegen war so sehr in ein offenbar wenig erfreuliches Telefonat vertieft, dass er Paul gar nicht bemerkte, der inzwischen die schmuddeligen Hundenäpfe entdeckt hatte und sich keinen Zwang antat, sie auch gleich zu reinigen.





Als Naike wach wurde, hatte ihr neuer Lover bereits aus Dienstgründen das Haus verlassen, aber sie fand einen netten Brief auf ihrem Schreibtisch, der ihr sehr schmeichelte und Hoffnung auf mehr als eine Nacht machte. Sie zog sich an und ging hinunter in die Küche, wo Nic gerade den schwulen Putzmann mit einem fetten Furz quälte.





Beim Frühstück schnitt Nicolas das weniger lustige Thema Auszug an. Er konnte es nun nicht mehr lange herauszögern, die Simlane zu verlassen, denn seine Schutzfunktion wurde nicht länger gebraucht und die europäische Leitung der MJN hatte schon wieder neue Reisepläne für ihn, um in anderen Gemeinden nach dem Rechten zu sehen, wie er soeben am Telefon erfahren hatte. "Nai, es tut mir leid, meine Abreise ist bereits fest gebucht, ich hatte leider kein Mitspracherecht." - "Wie lange noch bis dahin?", fragte Naike traurig. "In vier Wochen bin ich weg." - "Das geht ja noch." Nicolas zwinkerte verschmitzt: "Bis dahin ist sicher Paul hier eingezogen, oder?!" - "Jetzt spinn' nicht rum!", knuffte sie ihren lieb gewonnenen Mitbewohner in die Seite.

*





Nun begann eine ruhige und angenehme Zeit in der Simlane 10. Naike hatte sich beim Militär beworben, um nach Nicolas’ Auszug endlich wieder regelmäßig beruftätig sein zu können. Bis zum Dienstantritt hatte sie also nun noch Unmengen von Freizeit, beschäftigte endlich mal wieder ausführlich mit dem kleinen Shakespeare, der darüber große Begeisterung zeigte und gleich übermütig wurde. Sie schlief lang, las viel, telefonierte mit Paul, der jetzt unmittelbar vor der Prüfung stand, beschäftigte sich endlich mal wieder mit ihren Karten und sorgte für eine Grundreinigung des Hauses.





Nur ganz selten, in sehr ruhigen Minuten, dachte sie an Adam, der seltsamerweise nicht mehr vorbei kam, um seine Tochter abzuholen. Julia traf sich zwar mit ihm, aber immer irgendwo in der Stadt. Naike überlegte, ob dies Absicht von ihm sein könnte? Aber warum kümmerte sie das überhaupt noch?





Um später bleibende Erinnerungen an die gemeinsame Zeit zu haben, malte sich das Trio gegenseitig. "Schau mich nicht so an, das irritiert mich total." - "Bist du jetzt eigentlich fest mit Paul?"





"Ja, ich denke schon." - "Schade, hättest auch mich haben können." Naike grinste liebevoll. „Jetzt spinn' nicht, du bist verheiratet und außerdem nicht mein Typ." - "Wie - nicht dein Typ? Schau mich doch an, so lecker wie ich bin!" Mit dieser Bemerkung hatte er sie wieder einmal zum Lachen gebracht. "Und deine Frau, findet sie dich auch zum Anbeißen? Wer ist sie überhaupt?"





"Ach, vergiss es, Naike. Sag mal, wie lange dauert das eigentlich noch?" - "Nur noch ein paar Pinselstriche, dann machen wir für heute Schluss." Sie wunderte sich, warum Nic plötzlich so wortkarg war und wurde deshalb gleich noch neugieriger auf seine Frau. Ob sie bei Gelegenheit mal Albert oder Gerda nach ihr fragen sollte?

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Kurz darauf hatte Paul seinen Studienabschluss in der Tasche und verweilte nun immer öfter im Haus. Julia hatte einen besonderen Narren an ihm gefressen und war besonders an medizinischen Themen interessiert. Hatte sie ihr zukünftiges Steckenpferd gefunden? Nicolas nahm beruhigt zur Kenntnis, dass sie sich mit Paul gut verstand, denn er hoffte, dass sie sich dadurch mit seinem kurz bevorstehenden Fortgang leichter tat.





Adam meldete sich auch per Email nicht mehr, was Naike traurig machte, auch wenn sie es niemandem gegenüber je zugegeben hätte Hatte sie doch nun ihr Ziel endlich erreicht: Ruhe im Karton! Aber warum tat das genauso weh wie sein unaufgefordertes Werben?





Nachts träumte sie häufig noch vom Lager-Aufenthalt. Meist wirres Zeug über sich kloppende Tallis-Brüder, von Paul, der sie mit einer seiner Spritzen bedrohte, und wie Nicolas plötzlich als General ohne Unterlass in die Trillerpfeife blies. Sogar vom Anblick gegrillter Ratten wurde sie nicht verschont.





Julia büffelte schon fleißig für ihr Abitur, die Übersiedelung zur ihrer Mutter über den großen Teich nach Louisiana rückte ebenso wie Nicolas’ Abschied unaufhaltsam näher, auch wenn sie noch deutlich länger als er in der Simlane 10 wohnen bleiben würde. Aber wenigstens würde der große Hund endlich aus dem Haus verschwinden, er brachte immer sehr viel Dreck hinein und bellte manchmal auch nachts wegen jeder Fliege.





"Du willst auch lieber hier bleiben, oder?!", fragte Naike Nic, als dieser mit betrübter Miene von einem Spaziergang zurückkam. "Wir werden uns wiedersehen, daran habe ich keinen Zweifel. Du solltest ein Monster sein und bist mein bester Freund geworden, ich werde dich bestimmt nicht vergessen!" - "Ein Monster? Ich?" Nicolas lachte herzlich. "Na ja, ich kann auch fies sein. Aber nur zu meinem Bruder Albert." Naike spürte ein Tränchen heranrollen. "Danke für alles, Nic! Ich hab dich lieb!“ - "Ich dich doch auch, meine Süße", drückte er seine Mitbewohnerin zärtlich, die für ihn so leicht wie eine Feder war. Aber nicht weinen, du bist doch eine frisch verliebte junge Frau mit tollen Berufsausichten, nicht wahr?! Deine Zukunft wird rosig sein, Liebchen, du hast alle Chancen der Welt, alles ist offen und viel versprechend." Und dann ging die Heulerei doch noch los.





Auch der Appetit war Herrn Kappe kurzfristig abhanden gekommen. So emotional hatte er seit seiner Ordination nicht mehr reagiert.

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Paul schlief inzwischen fast jede Nacht in der Simlane 10, wenn es seine Dienstzeiten erlaubten. Heute hatte er Abend und Nacht wieder einmal frei, so dass sich Naike etwas Besonders ausgedacht hatte. Allerdings war es nur für sie etwas Besonderes ...





Paul würde an diesem Abend der allererste Mann sein, der nach Adam mit auf ihren kleinen Dachboden durfte, den sie früher regelrecht "bewohnt" hatte, als ihr Dachzimmer noch nicht gebaut war. Insofern war es für sie eine Premiere, hier mit einem anderen zu schlafen als mit Adam.





Und sie bereute ihre Entscheidung nicht, obwohl Sex mit Paul nicht Sex mit Adam war. Aber sie fühlte sich sicher in den Armen des jungen Arztes. Er war ein vollkommen offenes Buch für sie, hatte eine schöne Kindheit teilweise in Deutschland, teilweise in Irland verlebt und liebe Eltern, die sich regelmäßig bei ihm meldeten und sich nach seinem Wohlergeben erkundigten. Es gab noch zwei Schwestern, eine ältere und eine jüngere, und seit seiner frühesten Jugend arbeite er auf nichts anderes hin, als Mediziner zu werden. So neugierig sie auch war, Naike konnte keine einzige dunkle Stelle in seinem bisherigen Leben finden, dieser Mann war einfach ideal, um eine Familie zu gründen. Und Naike wusste irgenwie, dass es in nicht allzu weiter Ferne soweit sein würde, obwohl sie eigentlich lieber noch einige Zeit ohne Kinder geblieben wäre. Also warum nicht jetzt schon mal üben?

*





Mitten in der Nacht klingelte das Telefon. Naike befreite sich aus Paul Armen, kletterte vorsichtig die Leiter vom Dachboden hinunter und hatte in Gedanken schon geplant, dem nächtlichen Störenfried ordentlich die Meinung zu sagen, als sich eine schniefende Carla am anderen Ende der Leitung meldete. "Nein, macht doch nix ... natürlich darfst du auch mitten in der Nacht anrufen, wenn es ein Problem gibt ... aber warum denn nicht? - Dann setz' dich halt in ein Taxi und komm, wenn du es nicht am Telefon sagen willst, hm?!" Naike seufzte, legte den Hörer auf und zog sich etwas über.





Zehn Minuten später stand ihre Freundin auch schon in ihrem Zimmer. "Also, jetzt aber raus mit der Sprache!" - "Jack hat mich sitzengelassen." Carlas Unterlippe zitterte bedenklich.





"Och nein, das ist jetzt nicht wahr, oder?! Ich hätte damit gerechnet, dass du mit ihm Schluss machst, weil du ja eh in letzter Zeit nicht so recht glücklich warst, aber warum jetzt er mit dir?" Jetzt schaute Carla plötzlich mehr wütend als traurig. "Andere Ische?", fragte Naike vorsichtig nach. "Zwei."





Naike machte Riesenaugen, sagte aber erstmal nichts weiter, weil Carla nun an zu schluchzen fing und erstmal ein paar Minuten gehalten werden musste, bis sie sich wieder beruhigt hatte. „Wir reden am besten morgen weiter, du solltest jetzt erstmal schlafen. Es muss in der Früh keiner von uns raus, kannst ruhig hier bleiben." Carla zog bereitwillig ihre Jeans aus und ließ sich in Naikes Bett schieben. Hier hatte sie bereits schon einmal übernachtet, damals, nach der Kostümparty, hatte Jack sie zugedeckt, jetzt tat es ihre Freundin und schob ihr ihren gelben Teddy mit unter die Decke. Dann legte sie sich daneben, knipste das Licht aus und hoffte, dass Paul während der restlichen Nachtstunden ohne sie nicht vom Heuboden plumpsen würde.



Kapitel 22 - Rödeleien
Kapitel 24 - Das kleine Ei