 |
 |
 |
 | Kapitel 22 - Rödeleien |
|
|
|
|
|
|
|
Jeden Tag stand auch ordentlich Rödelei auf dem Plan, so nannten Paul und Nicolas im Fachjargon sämtliche Frischluftbetätigungen im Gelände, die das Leben im Camp äußerst anstrengend machten.
|
|
|
|
|
|
Julia stellte sich sehr geschickt an ...
|
|
|
|
|
|
... kam aber wie alle anderen auf dem Holzparcours mächtig ins Schwitzen.
|
|
|
|
|
|
Joseph war das harte, seiner Ansicht nach übermäßige Training der letzten Tage inzwischen so leid, dass er nach Hause abhauen wollte, was Naike mit ein paar aufmunternden Worten allerdings so gerade noch verhindern konnte.
*
|
|
|
|
|
|
Richtig Spaß hingegen machten kleine handwerkliche Arbeiten, wohl eine Art Beschäftigungstherapie, damit die kleine Mannschaft nicht auf dumme Gedanken kam.
|
|
|
|
|
|
Julia beschlug einen weichen Holzklotz mit zuerst noch unbekanntem Ziel.
|
|
|
|
|
|
Nicolas übte sich im Blumenbinden und fluchte vor sich hin, dass eine solche Arrangement-Station ja wohl kaum in eine Kaserne gehörte ...
|
|
|
|
|
|
… während Naike im Nu einen kleinen Roboter fertig gestellt hatte und stolz wie Oskar war, obwohl er nicht so recht funktionierte, da ihre mechanischen Fähigkeiten arg zu Wünschen übrig ließen.
|
|
|
|
|
|
Aber schon bald konnte Julia Riesen-Bauklötze zaubern ...
|
|
|
|
|
|
... und Nic stellte sein Dauermeckern zufrieden ein, nachdem ihm ein sehr hübscher Strauss gelungen war. Er schenkte die eine Hälfte Julia und die andere Naike, was Joe zum Glück nicht mitbekam, weil er bereits den ganzen Nachmittag über mit Kopfweh zu Bette lag.
*
|
|
|
|
|
|
Abends war er deshalb allerdings um so fitter als seine Mitstreiter. "Nic, Mensch, hör doch mal wie schön sie spielt!", klatschte er begeistert in die Hände, nachdem Naike den Flohwalzer angestimmt hatte. Aber sie konnte auch noch die Träumerei von Schumann spielen, was wiederum Nic ein kleines Tränchen entlockte, da ihn dieses Lied an ein romantisches Erlebnis seiner Jugendzeit erinnerte. Er wischte es sich blitzschnell aus den Augen, ehe es jemand bemerkte.
|
|
|
|
|
|
Als sich Paul jedoch zur Abwechslung an die Tasten wagte, wäre der Abend beinahe gelaufen gewesen, denn ein solch schräges Geklimper konnte nur völlige Genialität oder absolute Unfähigkeit bedeuten. Man tippte eher auf Letzteres und lag damit richtig, Paul konnte nämlich nicht einmal im Takt klatschen.
|
|
|
|
|
|
"Ähem ... ich will Sie ja nicht irgendwie ärgern oder so, aber ... äh ... wollen Sie nicht lieber eine Runde Billard mit uns spielen?", fragte Naike Paul zur Verhinderung eines sich in ihren Ohren langsam einstellenden Tinnitus. "Moment, nur noch die eine Note!" Noch ein verzerrtes Pling ertönte und dann war die Qual endlich vorbei.
|
|
|
|
|
|
"Es hat Ihnen nicht gefallen, oder?!", fragte Paul von sich selbst enttäuscht. "Nunja, mit etwas Übung ginge es sicher bald besser. Grämen Sie sich doch nicht, jeder hat irgendwann mal angefangen." - "Aber Spritzen setzen kann ich dafür gut!", hellte sich Pauls Miene Dank Naikes aufmunternder Worte gleich wieder auf. "Das glaube ich Ihnen aufs Wort, aber bitte nicht demonstrieren!", versteckte sich Naike spielerisch schützend hinter ihren Händen.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Inzwischen war die Woche bereits über die Hälfte verstrichen und es hatte sich ein bisschen Chaos eingeschlichen. Der General hatte die inzwischen verdreckten Klos entdeckt und den San-Bereich doch glatt als „Puma-Käfig“ bezeichnet. Und da Naike ausgerechnet an diesem Tag beim Rödeln schlapp gemacht hatte, wurde die Bedauernswerte von ihm abkommandiert, alles wieder in den einst vorgefundenen Zustand zu bringen.
|
|
|
|
|
|
Mein Gott, was haben die Männer bloß gegessen?! Irgendetwas Seltsames muss in dem Fraß drin sein, den wir hier jeden Tag einschaufeln, Bäh!, dachte sie, aber - als zäh bekannt - hielt sie sich tapfer die Nase zu und betätigte mit voller Kraft die Klobürste, auch wenn ihr durch den unangenehmen Odeur der Schüsseln inzwischen schon leicht schwindelig war. Zum Glück nahte Rettung.
|
|
|
|
|
|
"Das ist aber superlieb, dass Sie mir helfen." - "Ach, ist doch nicht der Rede wert, das ist doch eine Zumutung für Sie zartes Persönchen. Außerdem könnten Sie sich revanchieren. Meine Kondition hat in letzter Zeit ein bisschen nachgelassen, da ich dauernd über meinen Büchern hocke, würden Sie mit mir trainieren? Ich sah, Sie sind ziemlich fit." Naike wurde umgehend rot wegen des netten Kompliments. "Aber klar, gerne. Gleich morgen in der Früh?" – „Gebongt!“, lächelte Paul.
*
|
|
|
|
|
|
Der angehende Mediziner hatte in der Tat Bewegung nötig, wie Naike am nächsten Morgen zur Kenntnis nahm.
|
|
|
|
|
|
Aber das Training mit ihm machte Spaß, endlich durfte sie mal selbst die Trillerpfeife nach Lust und Laune einsetzen.
|
|
|
|
|
|
Und weil die beiden sich gut verstanden, wurde aus dem zuerst eisernen Training bald eine ausgelassene Necker- und Herumtollerei.
|
|
|
|
|
|
So viel Spaß und Lebensfreude hatte Naike lange nicht mehr empfunden.
|
|
|
|
|
|
"Vielen Dank, Paul, Sie haben mir heute sehr den Aufenthalt versüßt." - "Das Kompliment möchte ich absolut erwidern. Und bitte - sagen wir doch du zueinander, ja?!" - "Gerne!", lächelte Naike fröhlich. Dann machten sie sich mit inzwischen mächtigem Appetit wieder auf den Weg zurück ins Lager.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Melissa wachte mitten in der Nacht auf, als sie seltsame Geräusche auf dem Flur hörte. „Armin! … Armin!", rüttelte sie an ihrem Freund, "wach auf, da ist was mit Halina!" Er war sofort wach und sprang mit einem Satz aus dem Schlafzimmer. Die junge Frau stand barfuß in ihrem Erbrochenen und krümmte sich, rannte dann die Treppe hinunter und verschwand im Bad.
|
|
|
|
|
|
"Was ist nur los mit ihr, Armin? Ich hab solche Angst, ob er ihr doch etwas Schlimmes angetan hat!“ Melissa war völlig blass. Armin sah sie ernst an. "Du, ich muss dir etwas sagen, was du noch nicht weißt." Ihr Herz krampfte sich fest zusammen, als er ruhig erklärte: „Halina ist schwanger."
|
|
|
|
|
|
"WAAAS? Du machst Witze?" - "Nein, keineswegs. Es ist wirklich so, die Gewalttat hat, wie du schon vermutetest, tatsächlich Folgen. Ich weiß es selbst erst seit gestern und sie hätte es dir morgen auch selbst gesagt. Ich habe mein Bestes gegeben und sie so gut wie möglich getröstet und schließlich überzeugt, es zu behalten." - "Du meinst, sie wollte es abtreiben?" Melissa war sichtlich geschockt. "Wundert dich das? Würdest du etwa ein Kind von einem unbekannten Verbrecher wollen?" - "Aber es ist Gottes Kind, Armin, sie darf ..." - "Melissa, hallo?? Beruhige dich mal wieder. Sie wird es doch bekommen! Aber ich musste ihr versprechen, dass sie vorerst bei uns bleiben kann, denn das alleine durchzustehen, wäre für sie die Hölle." - "Ja, aber ... aber wie lange denn?" Plötzlich sorgte sich Melissa nicht mehr um Halina, sondern mehr um ihr eigenes Wohl. "Wir warten jetzt erstmal ab bis das Baby auf die Welt gekommen ist und dann sehen wir weiter, ja?!", meinte ihr Freund gleichmütig, aber damit war sie alles andere als einverstanden. Sie wollte Armin endlich wieder ganz für sich haben. Halina hier, Halina da, jeden Tag dasselbe! Und wer kümmerte sich um sie?
|
|
|
|
|
|
Armin zeigte keinerlei Verständnis für ihre Ansichten und das Gespräch endete im Streit. „Halina bleibt hier, sonst werde ich deine unbarmherzige Einstellung mal bei der nächsten MJN-Sitzung auf die Tagesordnung bringen", zischte Armin enttäuscht und aufgebracht und ließ seine Freundin einfach stehen. Er schaute noch kurz ins Bad nach der Schwangeren, die sich zwar erneut übergeben, aber inzwischen schon wieder Farbe im Gesicht hatte, und legte sich dann für den Rest der Nacht nachdenklich auf die Wohnzimmer-Couch, bis er schließlich einschlief.
|
|
|
|
|
|
Melissa wusste weder ein noch aus - was sollte sie tun? Natürlich hatte sie Mitleid mit Halina, aber musste Armin sie in letzter Zeit so vernachlässigen, nur weil es ihrer Freundin nicht gut ging? Schwanger ist schließlich nicht krank, dachte sie verbittert, und legte sich ermattet zurück in ihr Bett.
*
|
|
|
|
|
|
Am nächsten Morgen war gleich wieder Halina Thema Nr. 1 im Fuller'schen Haushalt. Gerd Gieke war zum Frühstück gekommen und sie verkündete allen scheu ihre Schwangerschaft, wobei sich Armin gebärdete, als wäre er der Kindsvater persönlich. Und als er ihr auch noch zärtlich die Hand tätschelte und liebevoll Mut zusprach ...
|
|
|
|
|
|
... floh Melissa vom Frühstückstisch und fasste einen folgenschweren Entschluss.
*
|
|
|
|
|
|
"Wie hätten Sie es denn gerne, junge Dame? Ein bisschen kürzer und frecher? Oder eine neue Haarfarbe?", fragte der Friseur, den Carla und ihre Schwester Fiona vor einiger Zeit für ihr kleines Lädchen namens Chez Poulain eingestellt hatten, um ihren Kunden auch Haar- und Kosmetikservice bieten zu können. "Eine neue Haarfarbe, bitte. Und ansonsten nicht kürzer sondern länger!", forderte Melissa fest entschlossen. "Länger? Sie meinen Extensions?" - "Ja, die längsten, die Sie haben, in Ordnung?!" - "Sind sie sicher, das ist ganz schön teuer!" - "Kosten sind egal, mein Mann soll staunen!", freute sie sich bereits jetzt schon vor. Der Friseur lachte. „Geht klar, das kriegen wir hin!" Doch die mutige Veränderungswillige hatte sogar noch mehr Wünsche: "Und ich möchte auch eine Stil-Beratung!" - "Gerne, das übernimmt dann zwischendurch unsere Chefin, Mlle. Fiona."
|
|
|
|
|
|
Die gesamte Prozedur dauerte mehrere Stunden, aber Melissa hielt Dank fünf Tassen Kaffee, die Carla ihr regelmäßig servierte, und einem Berg Klatschzeitschriften tapfer durch und schaute zwischendurch sogar kein einziges Mal in den Spiegel. Doch dann durfte sie endlich. "Und - gefällt es ihnen? Ist es so, wie sie es sich vorgestellt hatten?" - "Wow! Aber 1a!", rief sie begeistert und gab ihrem Friseur sogleich ein sattes Trinkgeld ins Hemd. Carla grinste in sich hinein. Was hatte Melissa bloß vor in diesem Aufzug?, fragte sie sich insgeheim. Dann flitzte sie zum Telefon, um ihrer Freundin Naike von dieser abstrusen Neuigkeit zu berichten. Aber als niemand ans Telefon ging, erinnerte sie sich daran, dass sie ja noch im Lager war.
|
|
|
|
|
|
Fiona Poulains scharfer Geschäftssinn schaltete sich sofort erneut ein, als sie sah wie ihre Kundin dem Friseur das große Trinkgeld ins Hemd steckte, und sie entschloss sich deshalb, ihr zusätzlich eine teure halbe Stunde auf ihrer neu angeschafften Sonnenbank, einem Modell namens Bräter 2009, angedeihen zu lassen. "Kann denn da nichts passieren?", fragte Melissa auf ihre doch eher vorsichtige Art. "Aber nein, keine Sorge, Sie bekommen lediglich einen zart gebräunten Teint, der ihr neues Outfit noch mehr zur Geltung bringen wird", versprach Carlas Schwester, gab ihr kurz ein paar Anweisungen und verließ dann den Raum.
|
|
|
|
|
|
Melissa war zwar noch immer nicht ganz so überzeugt, aber sie hatte sich vorgenommen, alles zu tun, um Armin wieder ganz für sich haben zu können. Welcher Mann wünschte sich keine langhaarige Blondine?, dachte sie. In ihrem Wahn fiel ihr jedoch nicht ein, dass Halina und auch Armins Ex Jessica keineswegs über Wallehaar verfügten, sondern beide ihre Haare stets kurz trugen.
|
|
|
|
|
|
Also schritt sie zur Tat. Dass der Deckel klemmte, beunruhigte sie nicht weiter, mit einem gezielten Ruck war er dann fest geschlossen. Und bald in der wohligen Wärme auch ihre Augen.
|
|
|
|
|
|
Im Nachhinein konnte keiner genau nachvollziehen, wie lange Melissa im Bräter gelegen hatte, aber es musste deutlich mehr als eine halbe Stunde gewesen sein. Irgendwann kam Fiona Poulain in den Raum, weil ihr wieder eingefallen war, dass da ja jemand ihre Sonnenbank nutze, und holte sie schleunigst, aber ohne großes Aufheben, aus dem Gerät. Erst auf dem Heimweg bemerkte Melissa ein unangenehmes Brennen, zuerst im Gesicht, dann auch an ihrem restlichen Körper.
*
|
|
|
|
|
|
"Wer sind Sie? Was machen Sie hier in meinem Haus?", rief Armin erschreckt, als er von einer Stadt-Besorgung heimkehrte und die Kehrseite einer unbekannten Blondine am Herd vorfand.
|
|
|
|
|
|
"Me ... me ... mememe ... MELISSA??!!"
|
|
|
|
|
|
"Hallo Schatz", begrüßte sie in schüchtern mit unschuldiger Lady-Di-Mimik. "Ich weiß, es ist ein bisschen rot geworden … äh, meine Haut, meine ich. Aber das gibt sich wieder. Sie lächelte zaghaft.
|
|
|
|
|
|
Armin jedoch weniger zaghaft, denn nachdem er den ersten Schreck verdaut hatte, lachte er so brüllend laut wie lange nicht mehr.
|
|
|
|
|
|
Melissa hielt seine Reaktion zuerst für einen Scherz und lachte ein bisschen mit, aber dann verzog sich Armins Gesicht plötzlich und er wurde sauer. "Was um alles in der Welt soll das denn bitteschön sein? So kann ich doch mit dir nicht mal mehr zum Einkaufen gehen, du schaust ja aus wie eine Kreuzung aus Pamela Anderson und einer Mohrrübe!", knurrte er verständnislos. In diesem Moment wäre die arme Melissa liebsten im Boden versunken.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Die sieben Tage waren wie im Fluge vergangen. Für den letzten Abend im Camp wurde ein kleines Abschluss-Grillfest veranstaltet und - oh Wunder! - General von Doberschütz hatte aufgrund guter Führung sogar sein Ok dafür gegeben. Während die Kohle durchheizte, setzte man sich nett beisammen um das gemütlich knisternde Lagerfeuer und ließ die vergangene, doch relativ angenehm verlaufene Woche gemeinsam noch einmal gründlich Revue passieren.
|
|
|
|
|
|
Doch dann gesellte sich ein Mann zu der fröhlich plaudernden Truppe, dessen plötzlicher Anblick Naike spontan dazu veranlasste, vor Schreck ein wenig in die Hose zu pinkeln, da sie bereits zwei Hefe-Weizen intus hatte. Einerseits, weil er der Letzte war, den sie an diesem Abend im Lager erwartet hätte, und andererseits aufgrund seines Camouflage-Outfits, das ihn noch unwiderstehlicher aussehen ließ als sonst, denn Naike hatte nicht nur für Bärte, sondern auch für schicke Uniformen jeglicher Art eine große Schwäche.
|
|
|
|
|
|
Während sich die anderen ihre Überraschung nicht anmerken ließen, nur Julia "Hey, Papa!" rief, sprang Joseph wie von einer Tarantel gestochen auf und bestürmte seinen Bruder aufgebracht, was er denn bitteschön in Blauseidigheide zu suchen habe? Adam blieb völlig gelassen, stellte den großen Kasten Bier, den er mitgebracht hatte, auf den Boden und entgegnete, dass er aus Langeweile getürmt sei. In seinem Lager war nämlich niemand auf die Idee gekommen, ein Grillfest zu feiern, alle wollten einfach nur so schnell als möglich wieder zurück nach Hause und waren bereits um 21 Uhr in ihren Betten verschwunden.
|
|
|
|
|
|
Naike hatte sich inzwischen auch erhoben, um schnell auf die bitter nötige Toilette zu entwischen, aber Joe hielt sie zurück. "Sag mir sofort Bescheid, wenn er dich auch nur im Ansatz belästigt, ja?" Sie runzelte die Stirn. "Werde ich tun, mein Lieber. Und ich sage auch ihm Bescheid, wenn du mich auch nur im Ansatz belästigst", bemerkte sie sarkastisch, ließ ihren verdutzt aus der Wäsche guckenden Ex-Freund einfach stehen und rannte hurtigst hinüber zur San-Baracke.
|
|
|
|
|
|
Aufgewühlt stürzte sie sich ein Glas Wasser ihre trockene Kehle hinunter und fühlte sich vorerst in Sicherheit.
|
|
|
|
|
|
Aber ewig verstecken konnte sie sich an diesem Ort nun auch nicht. Nachher würde Adam sie wohlmöglich noch suchen und alleine hier antreffen. Aber im Moment bewegte er sich nicht von der Stelle, wie sie durch das kleine Fenster gut beobachten konnte.
|
|
|
|
|
|
Naike war stinksauer, war sich aber nicht recht einig, auf wen überhaupt genau. Die Tallis-Brüder oder eher sich selbst? Sie nahm sich eine frische Hose aus dem Spind und wechselte sie gegen die feuchte, die sie aus dem Fenster ins Gras warf. Mochte sie doch ein glücklicher Japaner finden, der für sowas eine Vorliebe hatte.
|
|
|
|
|
|
Als sie frisch an den Ort des Geschehens zurück kam, hatten sich bereits alle - bis auf Julia natürlich, aber sie durfte mal nippen - über Adams Bierkasten hergemacht. Zum Glück wusste General von Doberschütz nichts von diesen fremd eingeführten zusätzlichen Alkoholika, sonst hätte es wohl ordentlich Ärger gegeben. Obwohl die Grillkohle bereits längst ausreichend zum sofortigen Auflegen durchgeglüht war, kümmerte sich in der nächsten Stunde kein Schwanz mehr um Nahrung. Vielmehr wurde lauthals gelacht und dröhnend gesungen. Besonders Nicolas brüstete sich mit einem Lied nach dem anderen aus seiner Bundeswehr-Zeit, die natürlich auch Adam und Paul kannten, die sich interessanterweise gleich bestens verstanden:
"... Vor der Kaserne, vor dem großen Tor Stand mal ne Laterne Und steht sie noch davor Bei der Verdunklung brennt kein Licht Ein Mädchen hatt ich rumgekricht Sie hier Lili Marleen
Ich drück sie an den Pfosten Mädchen sei nicht dumm Denn diese Laterne Die fällt beim Stoß nicht um So habe ich zum ersten Mal Gevögelt am Laternenpfahl Mit der Lili Marleeeeeen ..."
|
|
|
|
|
|
Naike stocherte hungrig und missmutig im Lagerfeuer herum, in das sie für sich und Julia zwei Folienkartoffeln gelegt hatte. Die ganze Woche lang hatte fast nur sie für alle gekocht, und jetzt grillten die feinen Herren nicht mal zum Abschluss. Tolle Schote! - "Komm Naike, gräme dich nicht, sind halt große Jungs", bemerkte Julia altklug, konnte ihre große Freundin damit aber nicht aufheitern.
|
|
|
|
|
|
Als das Bier langsam alle ging, schlug die feucht-fröhliche Stimmung auch bei den Männern in Missmut um. Vielleicht ging es auch um etwas ganz anderes, aber das bekam Naike nicht mit.
|
|
|
|
|
|
Während Nicolas ihr von angeblichem Rattenbefall des Grillguts in der Camp-Küche berichtete, gingen plötzlich die Tallis-Brüder ohne erkennbaren Grund aufeinander los.
|
|
|
|
|
|
Normalerweise wäre Nic schnell dazwischen gegangen, aber der Rattenfund schien ihm derart zugesetzt zu haben, dass er noch immer davon faselte, obwohl ihm längst keiner mehr zuhörte, Naike hatte ihr Kotelett eh bereits abgeschrieben. Adam und Joseph schrieen sich an und ballten ihre Fäuste. Julia bekam Angst, denn so wütend hatte sie Vater und Onkel noch nie erlebt.
|
|
|
|
|
|
Zum Glück verhinderte dann General von Doberschütz, der durch den Lärm auf dem Hof seine späte Arbeit unterbrechen musste, um nach dem Rechten zu sehen, Schlimmeres. Seine Trillerpfeife gebot umgehend Einhalt, worauf alle gleich so taten, als sei nichts gewesen. Aber die Stimmung war nun endgültig dahin. Joseph funkelte Naike böse an, als könnte sie irgendetwas dafür, dass Adam aufgetaucht war.
|
|
|
|
|
|
"So, Schicht jetzt hier, räumen sie ihren Kram zusammen!!", wetterte der General und entdeckte im selben Moment den Fremden: „Und Sie kenne ich nicht, Käpt’n Haddock, verlassen Sie sofort das Gelände, sonst dürfen Sie die nächste Woche auch hier bei mir antreten!!! - Äh ... ist vielleicht noch eines der Bierchen für mich da?"
|
|
|
|
|
|
Diese Drohung ließ sich Adam lieber nicht zweimal sagen. Mit einem etwas halbherzigen Militärgruß packte er seinen fast leeren Bierkasten, drückte dem General schnell noch eine Flasche in die Hand und lief dann Richtung Tor. Natürlich nicht ohne sich noch einmal umzudrehen, Joseph einen Stinkefinger zu zeigen und Naike eine Kusshand zuzuwerfen, was diese schon wieder beinahe aus der Fassung brachte.
|
|
|
|
|
|
Und so endete der letzte Abend abrupt und leider nicht halb so schön, wie es sich alle Teilnehmer am Tag zuvor erhofft hatten. Besonders Nicolas war frustriert, da sich plötzlich sein Bauch meldete, da man ja das Grillen vergessen hatte und dann aufgrund der Verunreinigung auch nicht mehr nachholen wollte. Er nahm sich die letzte Dose Bier und hockte sich damit ein wenig enttäuscht in die Küche. Naike gesellte sich müde noch für ein paar Minütchen dazu, denn sie war noch viel zu aufgeregt, um schon ins Bett gehen zu können.
|
|
|
|
|
|
Als Paul O'Meara das eklige Chaos im Speisesaal und erst recht das tatsächlich von Ratten angenagte Grillfleisch auf der Küchenanrichte entdeckte, schiss er noch weitaus heftiger als der General es bisher tat alle Anwesenden zusammen. Und so mussten Nicolas, Naike, Joe und Julia auch noch abspülen und Oberflächen wienern, obwohl es bereits nach ein Uhr nachts war.
|
|
|
|
|
|
Erst gegen zwei Uhr fiel Naike als letzte völlig fertig in ihre Muhle mit der Kuhle.
|
|
|
|
|
|
Fast als letzte, denn draußen saß noch jemand einsam und nachdenklich unter einem wunderschönen klaren Sternenhimmel auf einer schmuddeligen Kiste.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Am Morgen der Abreise langte General von Doberschütz noch einmal in die Vollen und ließ seine Schützlinge drei Mal um den Pott laufen und anschließend Frischluftgymnastik absolvieren, um deren Kater zu vertreiben und natürlich seine geliebte Trillerpfeife nicht verrosten zu lassen.
|
|
|
|
|
|
Dank Paul O'Meara, der seinen Vorgesetzten davon überzeugte, dass die Truppe nun wirklich genug geleistet hatte und sicher nie wieder gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen würde, war gegen neun Uhr endgültig Schluss und man trollte sich zum Aufbruch.
|
|
|
|
|
|
Zur Erinnerung durften sie ihre Klamotten behalten und der General war bei ihrer Verabschiedung plötzlich voll des Lobes, sogar gegenüber Joseph, den er die Woche über am meisten auf dem Kieker hatte. Julia weinte ein kleines bisschen, als Paul sie zum Abschied drückte. Und auch Naike bedauerte, den netten jungen Arzt ab jetzt nicht mehr sehen zu können.
|
|
|
|
|
|
Dann fuhr auch schon das Taxi vor und sie stiegen ein, um das Kasernengelände Blauseidigheide zu verlassen.
|
|
|
|
|
|
"Hey!", rief Paul dem Wagen hinterher, der deshalb noch einmal anhielt. Naike kurbelte die Scheibe herunter.
|
|
|
|
|
|
"Bis bald vielleicht?", fragte er lächelnd. Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte erfreut.
|
|
|
|
|
|
„Dann ruf’ mich an, wenn du mal Lust hast, ok?!“ Naike nickte, winkte noch einmal und kurbelte das Autofenster anschließend wieder hoch. Joseph räusperte absichtlich laut. Und dann ging es endlich ab nach Hause in die Simlane mit der Nummer 10.
*
|
|
|
|
|
|
Ich fass' es nicht, endlich wieder heimatlichen Boden unter den Füßen!", staunte Julia, als das Taxi in der Simlane hielt und alles noch genauso aussah wie zuvor. "Solange waren wir doch gar nicht fort", schmunzelte Nic ...
|
|
|
|
|
|
... aber da hatte das junge Mädchen sich auch schon glücklich um seinen Hals geworfen und bedankte sich überschwänglich dafür, dass sie zu dem kleinen Abenteuer hatte mitkommen dürfen. "Wir bleiben ewig zusammen, ja?!" - "Aber Julchen, bald hast du dein Abi in der Tasche, dann geht es ab nach Ami-Land!" Das erste Mal freute sich Julia nicht uneingeschränkt auf ihren demnächst beginnenden neuen Lebensabschnitt, denn sie wusste schon jetzt, dass sie Nicolas, ihren Vater Nr. 2, schrecklich vermissen würde, auch wenn sie bald noch einen dritten dazu bekäme, nämlich den neuen Mann ihrer Mutter und Vater von Roman, Veto Alvarez. Ob er mit Nic und Adam würde mithalten können?
|
|
|
|
|
|
"Nai, was ist los? Wollen wir nicht hineingehen? Oder fürchtest du dich vor braunem Wasser aus den Leitungen? Hey, wir waren nur sieben Tage weg!" Naike Le Normand lachte. "Aber nein, ich muss nur erstmal realisieren, dass wir tatsächlich wieder zuhause sind, ich habe alles hier so vermisst. Aber es war eine tolle Abwechslung, das will ich keinesfalls verkennen. Danke vielmals, dass ihr Zwei dabei wart, ohne euch hätte ich das nie durchgestanden!" - "Och, Paul war doch da, er und der Herr General hätten dich schon vor Good Old Uncle Joe gerettet", zwinkerte Julia. "Was meinst du, wirst du ihn wieder sehen?" - "Ich weiß es noch nicht." Naike legte ihren Arm um Julias Schulter und schob sie Richtung Haustüre. "Ab in die heiligen Hallen, ich mach' uns erstmal ein leckeres zweites Frühstück!"
|
|
Kapitel 21 - Stalking light Kapitel 23 - Mayday
|