Kapitel 21 - Stalking light



"Sind sie von der Polizei? Sie müssen was tun holen sie ihn da runter er fällt sonst er stirbt dann und ist dann tot und das dürfen sich nicht zulassen und ...", ratterte Naike ohne Punkt und Komma wie ein Maschinengewehr. "Mal halblang, junge Dame, erstens bin ich kein Polizist, sondern Brigadegeneral und nur zufällig hier, aber die Polizei ist bereits unterwegs. Ist viel los heute, das geht nicht so schnell. Und zweitens: Sind sie mit dem Spinner da oben verwandt oder warum flippen sie mir hier gleich so aus? Sowas passiert doch dauernd!" Doc Blythe nahm den General verständnislos mit den Augen rollend zur Seite und erklärte ihm kurz händeringend die Situation. Da die Polizei nach fünf Minuten noch immer nicht eingetroffen war, beschlossen die beiden kurzerhand Naike aufs Dach zu schicken. Ob das psychologisch geschickt war, mochte dahingestellt sein, aber jede Minute zählte. "Sie gehen jetzt mit dem Doc und mir da hoch und sagen dem Kerl, dass sie ihn lieben und er doch bitteschön mit ihnen wieder ins Haus kommen möge." Naike sah ihn entsetzt an: "Aber ... " - "Nichts aber, jetzt zählt nur, dass wir die Sache hier geregelt kriegen und niemanden von der Straße kratzen müssen. Und mit ihnen haben wir die Chance!"





Sie ließ sich von dem äußerst zielbewussten General am Arm packen und ins Bürogebäude schleppen. Doc Blythe wimmelte Nicolas ab, der unbedingt hinterher wollte, und quetschte sich dann gerade noch mit in den Aufzug. Als Naike auf das nach allen Seiten hin völlig ungesicherte Dach trat, machte sie zuerst automatisch ihre "Wach-ich-oder-träume-ich-Übung", die eigentlich normalerweise dazu diente, Klarträume zu forcieren, und kam durch die Absurdität ihrer Situation dann zu dem Schluss, in einem Traum zu sein, was ihr Sicherheit gab und ihre Höhenangst unterdrückte.





"Adam?", sagte sie vorsichtig zu dem Häuflein Elend auf dem Dach. "Hau ab, Naike, sie haben dich doch nur geschickt, um mich von meinem Entschluss abzubringen, nicht wahr?! Vergiss es!", gab er rüde zur Antwort.





"Adam - warum nur?! Denk doch mal an deine Tochter, sie hat dich gerade erst wiederbekommen, eine zweite Todesnachricht würde sie psychisch nicht mehr so gut überstehen, jetzt kennt sich dich doch viel besser als damals! Tue euch das bitte nicht an!", flehte sie zitternd. "Ist das alles, was du zu sagen hast? Und du? Wirst du es verkraften?!"





"Was willst du denn jetzt hören? Dass ich dich liebe und es niemals verwinden werde, oder was??!!" Sie klang halb wütend, halb verzweifelt. "Wäre schön", antwortete er und nahm ihre Hand.





"Ich fass es nicht!" Naike ruderte unkoordiniert mit ihren Armen. "Jaaa … verdammt!! Ich liebe dich! Aber würde es dir nie verzeihen, wenn du dein Leben wegwirfst und das anderer in Mitleidenschaft ziehst, nur weil wir keine Chance haben, ein Paar zu sein." - "Aber wenn du mich doch liebst?" - "Das reicht aber nicht, um es ein Leben lang miteinander auszuhalten, kapierst du das nicht??? Ich stelle es mir schrecklich vor, eines Tages umgeben von zig quengelnden Kindern am Herd zu stehen, während du in Feinripp mit einer Flasche Bier auf dem Sofa hockst und Fernsehen guckst. Oder schlimmer, wenn du mich dann mit allem alleine lässt, zu anderen Frauen gehst und nur noch heim kommst, um zu essen, zu schlafen und ab und zu ein Familienmitglied zu verhauen!!!"





Was hast du bloß für irre Phantasien?" Adam war völlig entgeistert. "Ich will das alles nicht", begann sie leise zu weinen, "ich will das alles immer so ist wie am Anfang, aber das ist unmöglich. ... Tu was du nicht lassen kannst, Adam, aber nicht wegen mir, ich bin es nicht wert." Adam ging kraftlos in die Knie und verbarg seinen Kopf zwischen den Armen und Naike wurde in diesem Moment eiskalt bewusst, dass sie nicht träumte und ihre Höhenangst meldete sich mit voller Wucht. Keine Minute länger konnte sie die Situation noch ertragen. Schwindelnd wankte sie zur Dachluke und ließ sich von dem dort wartenden Doktor Blythe zurück in Sicherheit ziehen.





"Da bist du ja endlich!!!" Carlas Herz klopfte wie wild, als sie Naike endlich aus dem Bürogebäude kommen sah. "Hast du etwas erreicht? Wo ist er?" - "Nein!“, schrie Naike, "ich habe nichts erreicht, sondern es nur noch schlimmer gemacht. Ich habe versagt, Carla. Ich habe ein Menschleben auf dem Gewissen!!" Ihre Freundin sah sie erschütternd an. "Jetzt red’ doch keinen Scheiß ..."





"Wir haben ihn!", rief der General plötzlich, der inzwischen auch wieder unten angekommen war. "Er ist jetzt im vierten Stockwerk mit dem Doc. Ach, da kommen ja auch endlich Polizei und Notarzt. Mann, die haben Nerven", schimpfte er kopfschüttelnd.





Nach dieser Nachricht brach Naike tief schluchzend in sich zusammen. "Hol den Notarzt, Peter!“, rief Carla. "Ich will nicht ins Krankenhaus, es geht schon wieder", widersprach Naike matt. „Ich will nach Hause, nur nach Hause. Bitte!" – „Ok, dann rufe bitte ein Taxi, Peter, ich spreche eben noch kurz mit dem Arzt, aber ich denke wir können sie dann mitnehmen", meinte Nicolas.

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Am nächsten Morgen war Naike früh als Erste wach, um acht Uhr musste sie mit Nicolas und Julia in Blauseidigheide erscheinen und das wollte sie auch - bloß weg von der Insel!





Sie war noch ein wenig wackelig auf den Beinen, aber genauso hungrig wie Nicolas' mal wieder im wahrsten Sinne des Worte tierisch stinkender Hund Siegfried.





"Und was machen wir, wenn es die ganze Woche regnet?", fragte Julia, die von dem Drama um ihren Vater nichts mitbekommen hatte und es auch nicht erfahren würde. "Na, NATO-Puschen anziehen und durch. Wir sind doch allesamt zäh wie Krupp-Stahl, nicht wahr?", zwinkerte Nicolas seinen beiden Freundinnen zu. Julia grinste. Und auch Naike verzog ihre Mundwinkel ein paar kaum zu erkennende Millimeter nach oben.

*





Wenig später kam auch schon pünktlich das bestellte Taxi und die Reise ins Unbekannte konnte beginnen.





Naike bestellte sich beim Universum nur ein sauberes Bett, schönes Wetter und viel Abwechslung, denn das war im Moment das Einzige, was sie sich wünschte.





Die ehemalige Kaserne Blauseidigheide lag eine knappe Stunde Fahrtzeit entfernt an einem Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten.





Endlich hielt das Taxi vor einer dicken Mauer, hinter der sich das schlichte Gelände mit drei Baracken befand.





"Wo müssen wir’n jetzt hin? Hier ist doch niemand!", fragte Julia und war sich in diesem Moment unsicher, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, sich ihrer Gastmutter anzuschließen.





Doch Nicolas beantwortete ihre Frage erst gar nicht, sondern klingte gleich am Tor, das sich daraufhin surrend öffnete, und ging dann zielsicher zum Eingang der am nächsten liegenden Baracke. Die beide Frauen dackelten ihm brav hinterher.





Irgendwie kommt mir diese Rückseite sehr bekannt vor, dachte Naike, das wird doch nicht ...





"Hi, Nai, da bist du ja! Wirst schon erwartet!" Nun traf sie der flüssige Schleimschlag. Was zum Geier wollte der denn hier? Naike winkte Joseph Tallis vor Schreck auch noch zu und wurde von ihm sanft an den Schreibtisch vor ihnen geschoben.





"Name?" - "Le Normand, Naike." Der Mann am Schreibtisch sah auf. "Ach, sie kenne ich doch. Sind sie nicht das Liebchen des Hochhaustänzers von gestern?", fragte er abschätzig. Naike nickte konsterniert. "Und mit wem habe ich die Ehre?" - "Brigadegeneral Hajo von Doberschütz. Ich bin abkommandiert, Leuten wie ihnen hier den Lageraufenthalt zu versüßen und möchte hoffen, dass sie danach geläutert sind. Sie dürfen mich mit Herr General jederzeit ansprechen, außer wenn ich esse." Sie stutze. Von Doberschütz? Das war doch Carlas Familienname. Aber um ihr Vater zu sein, war der Typ eindeutig zu jung, und einen Bruder hatte ihre Freundin ihres Wissens nach keinen.





"Gehen Sie jetzt in die Nachbarbaracke, dort können Sie sich umziehen und ihre Habseligkeiten in einem Spind verstauen. Dann sollten sie sich das Gelände erschließen, besonders groß ist es ja nicht. Gegenüber von der Rezeption, in der sie sich hier befinden, ist der San-Bereich, ansonsten haben wir noch einen Gemeinschaftsraum und hier in der Küche werden die Mahlzeiten eingenommen, die sie selbst aus dem, was vorhanden ist, zubereiten werden. Und hier, bitteschön, unser NATO-Evangelium." Naike nahm die Kladde entgegen, die der General ihr überreichte, kratzte sich am Kopf und sah sich fragend zu Nicolas um. „Das ist die allgegenwärtige Dienstvorschrift!", flüsterte Nic schnell.





Naike nickte und sah sich um, die Küche schaute eigentlich ganz ordentlich aus. - "Noch Fragen?" - "Nein Sir!" – „Dann abtreten! Mögen Sie wie gesagt vom Aufenthalt profitieren!"





Na prima, was für ein arroganter Arsch, dachte sie beim Verlassen des Büros. Während General von Doberschütz die Personalien von Nicolas und Julia aufnahm, folgte sie erstmal einem dringenden Bedürfnis und machte sich auf den Weg zum erwähnten San-Bereich.





Das Gelände war sehr spartanisch bestückt, nur ein paar Zelte, aber immerhin standen auch ein Lagerfeuer und ein Grill zur Verfügung. Dies ließ wenigstens auf nette Abende hoffen. Aber was bitteschön machte Joseph hier?





Nach Betreten der Feuchträume konnte Naike kaum glauben, was sie da sah. Es schien zwar alles recht sauber zu sein, aber dass man hier weder beim Duschen noch beim Klogang Privatsphäre hatte, war nicht zu übersehen. Die Toilettenanordnung glich einem besseren Donnerbalken …





... an den gleichzeitigen Aufenthalt von Männlein und Weiblein hatte offensichtlich niemand damals beim Bau der kleinen Kaserne gedacht.





Naike schaute aus dem Fenster, ob sich jemand näherte, sah aber wie alle zur Schlafbaracke hinübergingen. Uns so flitze sie in großer Eile auf eine der Toiletten. So schnell hatte sie ihr kleines Geschäft noch nie erledigt.





Der Gemeinschaftraum war schon deutlich einladender, Nicolas und Julia freuten sich besonders über den Billardtisch.





"Joe, was hast du hier zu suchen? Die Behörde hat uns versichert, dass du mit Adam in ein anderes Lager kommst! Nicht wahr, Nic?!", fragte Naike scharf. "Mach mich nicht so blöd an, ich kann doch nichts dafür, das andere Camp war proppenvoll, als ich heute in der Früh dort ankam. Adam wurde noch angenommen, aber mich schickten sie dann hier nach Blauseidigheide." - "Na prima", murmelte Nic und rollte seine Augen gen Himmel. Naike rieb sich die Nase und seufzte, den "Tallis-Fluch" wurde sie also auch hier so schnell nicht los.





Auch der Schlafraum war wie erwartet alles andere als komfortabel, sondern bestand aus reinem Jugendherbergs-Luxus. Im Spind hatten sich ein paar Spinnen Nester gebaut und die Matratzen waren zum Teil durchgelegen und quietschten fies beim Draufsetzen. Aber für eine Woche würde es schon gehen und so zog man sich wie befohlen die bereitliegenden Kleidungspakete an. "Nic, dieses grüne Ungetüm von langer Unterhose ist das köstlichste, was ich seit langem gesehen habe", lachte sich Julia kaputt. "Normal halt, NATO-Erotikdämpfer im Fach-Jargon", zwinkerte Nic. "Dann hoffe ich mal, dass Joe gleich zwei übereinander anzieht", bemerkte Naike trocken, konnte sich ein Grinsen aber auch kaum verbeißen.





"Hihi, gar nicht so schlecht, das Zeugs, wenn meine Freundinnen mich jetzt sehen könnten!", kicherte Julia noch immer. "Naike? Hallo Naike, was ist?", wedelte sie der plötzlich blass gewordenen Mitbewohnerin zu, die nun unbewegt zur Tür starrte.





"Hallo zusammen, willkommen in Blauseidigheide! Ich bin Paul O'Meara und greife General von Doberschütz bei eurer Betreuung ein bisschen unter die Arme. Eigentlich bin ich Sanitätsoffiziersanwärter, hänge aber in den letzten Zügen meines Medizinstudiums und kann deshalb nicht mehr für größere Aufgaben eingeteilt werden, muss noch ordentlich büffeln." Der blonde junge Mann lächelte fröhlich. "Hi, ich bin Julia", winkte die Jüngste im Raum dem Soldaten fröhlich zu und fragte sich, warum er ihr bloß so bekannt vorkam? Naike hatte sich von ihrem ersten Schrecken erholt und grinste sich einen. Was hatte Carla im Naniwa bei ihrem Gespräch noch gesagt? Wir sind hier nicht im Kino? Da hatte sie sich wohl geirrt! - "Und ich Naike Le Normand", zwinkerte sie dem äußerst strammen Paul zu und versuchte nach besten Kräften nicht in lautes Lachen auszubrechen. Real-Naike war doch ein unglaublicher Schlingel!





Während Paul O'Meara folgend noch einiges zum Ablauf der Woche erzählte, stierte Joseph Naike unentwegt an, was sie ganz kirre machte.





"Starr’ mich nicht so an, Tallis, ich bin kein Ausstellungsstück!", wetterte sie zur Überraschung aller im Raum plötzlich los. "Siehst aber so aus in deiner grünen Kluft", witzelte Joseph frech. "Na, na, meine Herrschaften, jetzt aber mal halblang, hier wird nicht gestritten, sonst gibt es gleich eine kalte Dusche mit anschließendem Geländelauf", mahnte Paul die beiden Streithähne.





Doch man knurrte sich weiterhin an, lediglich ein bisschen leiser. "Lassen Sie es mal gut sein, O`Meara, die beiden haben eine schwere Zeit hinter sich und sollten eigentlich nicht hier zusammen im gleichen Lager sein, ich habe ein Auge drauf, ok?!", sagte Nicolas und zollte dem Sanitätsoffiziersanwärter einen perfekt ausgeführten militärischen Gruß, den sein Gegenüber sofort gekonnt erwiderte. Naike schüttelte verständnislos den Kopf, ließ sich aber von Julia aus dem Schlafraum ziehen ...





... in dem nun eine heiße Diskussion startete. Sie konnte nicht hören, was genau Nicolas zu Joseph sagte, aber nach Gestik und Mimik der beiden zu urteilen, schien da gerade einer ordentlich zusammengeschissen zu werden. Das konnte ja was werden!





"Und nun, Kamerad?!" - "Erstmal Essen fassen." - "Einverstanden."

*





In der Küche war Naike bereits fleißig zugange und kochte irgendwelche komische Grütze. Ein Fünf-Sterne-Menü hatte aber eh niemand erwartet. "Na los, Tallis, greif ihr mal unter die Arme anstatt sie zu ärgern, oder soll sie alleine für uns alle kochen, nur weil sie eine Frau ist?" Joe schüttelte den Kopf und schritt zur Tat.





"Kann ich dir helfen?" Das hatte er sehr lieb gesagt. Naike schaute in sein schönes Gesicht, roch den typischen Tallis-Geruch nach Leidenschaft und Lebendigkeit, den kein Parfüm je hätte nachahmen können, und fühlte sich ungünstigerweise umgehend wieder zu ihm hingezogen. Nicht halb so schlimm wie bei Adam, aber ebenso unvermeidlich. "Nein danke, nett von dir, aber ich bin gleich eh fertig. Heute Abend kannst du ja grillen, wenn du magst." Joe blieb trotzdem neben ihr stehen und beobachtete jeden Handgriff, was Nicolas zum Glück gerade nicht bemerkte, da er in ein Gespräch mit Julia vertieft war. Aber Naike transpirierte deutlich mehr als sonst.





Und auch beim Essen wich er ihr nicht von der Seite, was Nicolas nun aber auffiel. "Hey, was hockst du uns hier wie ein Gespenst auf der Pelle? Soll Julia da drüben etwa alleine sitzen?"





Joseph hatte schon verstanden und trollte sich von seinem Platz. Solange Nic anwesend war, bestand für ihn keine Chance auf ein Vier-Augen-Gespräch mit seiner Ex-Freundin, das er ganz offensichtlich anstrebte.





Da er selbst während des Essens noch immer interessiert herüberschaute, begann Nicolas provokant mit Naike zu flirten.





Julia war gleich klar, dass es sich um einen Spaß handelte.





Aber Joe war nun völlig irritiert und riskierte für den Rest der gemeinsamen Mahlzeit nur noch vorsichtige Blicke.

*





"Biste jetzt mit dem Kappe zusammen, oder was?!" - "Wäre das schlimm?", zwinkerte Naike. Joe grummelte sich etwas Unverständliches in seinen Bart und beschloss, Naike nicht beim Geschirr abspülen zu helfen.

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Den Rest des ersten Tages widmete General von Doberschütz den seiner Meinung nach "weichlichen" Körpern seiner Schützlinge. Seit Ewigkeiten hatte Naike nicht mehr so intensiv trainiert, aber es tat ihr gut, lenkte es doch bestens von ihrem ansonsten immerwährenden Gedankenkarussell ab.





Während die Männer den San-Bereich widerspruchslos akzeptierten, obwohl nur kaltes Wasser aus den Hähnen kam ...





... und sich auch keinen Zwang antaten, sich gemeinsam ihrer Notdurft zu entledigen und dabei auch noch angeregt über Schwänke ihrer bisherigen Leben zu quatschen ...





... hatte Naike hinter dem Bürobereich in Baracke 1 versteckt ein fein beheiztes kleines Klo entdeckt, in das sie sich ab sofort regelmäßig heimlich schlich.





Doch hier überfielen sie wieder ihre trüben Gedanken. Wie sollte es bloß weitergehen nach dem Camp-Aufenthalt? Wie ging es Adam? Was wenn der Insel-Übeltäter weiterhin nicht gefasst werden würde – was dann? Sie empfand ihre Situation weiterhin als kaum erträglich.





"Hey, was machst du hier in meinem Klo?", kam Nicolas plötzlich herein, denn sie hatte vergessen, abzuschließen.





"Wie – dein Klo? Das ist meins, ich habe es zuerst entdeckt!!" - "Hey, was macht ihr hier an meinem Lieblingsplatz?", stob nun auch noch Julia grinsend zur Tür herein. Kichernd verließen sie dann gemeinsam das Luxus-Refugium und machten sich auf in ihre Betten, die nach dem langen Tag mit viel Bewegung an frischer Luft bereits einladend auf sie warteten.

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Um Punkt fünf Uhr morgens schreckten am zweiten Tag alle durch den ungemein durchdringenden Ton einer penetranten Trillerpfeife aus dem Schlaf. "Kompaniiiiiiiie - aaaaauuuuuf-schteeeeeehn! Sofortiges Antreten zum Appell!"





Während Naike und Julia sich benommen aus ihren Betten schälten, war Nicolas gleich hellwach und begrüßte General von Doberschütz fröhlich. Er hatte gleich in voller Montur geschlafen, wie er es offenbar aus seiner Wehrzeit gewohnt war. Julia mutmaßte, dass ihm die Zeit bei der Bundeswehr damals sicher mehr Freude gemacht hatte, als seine Tätigkeit als Pfarrer einer Sekten-Gemeinde heute. Wie er bloß dazu gekommen war?





"Und Sie Schlafmütze? Rein in die Puschen oder erinnern Sie sich nicht mehr an ihre Jugend, wie fix das gehen muss? Mit ihnen würden wir glatt den Krieg verlieren!", motzte der General. "Ich war nie beim Bund, sondern habe Wehrersatzdienst geleistet", brummte Joe. „Aha, dann wird mir alles klar, ein ehemaliger Urinkellner also, Himmel, Arsch und Zwirn! Das ich mir das antun muss.“ Joseph hatte zu dieser frühen Stunde noch keinen rechten Biss und schlüpfte deshalb, ohne weiter in das unschöne Gespräch einzusteigen, apathisch in seine Klamotten.





"Und los jetzt - auf zum Orientierungsmarsch!!!" Der gute Herr General und seine Trillerpfeife schienen siamesische Zwillinge zu sein, das Teil klebte geradezu an seinen Mund.





"Jetzt aber Hackengas, Tallis, Ihnen kann man ja beim Laufen die Schuhe klauen." – „Arschgeige!", knurrte Joe wütend und wurde zum Glück nicht genau gehört.





"Wenn Gott gewollt hätte, dass Sie mich anlabern, dann wären Sie meine Frau geworden! Also, weiter im Schritt, wenn Ihnen Efeu an den Stiefeln wächst, dann waren Sie zu langsam!", brüllte der General unbeeindruckt weiter. Und so rannten unsere "verantwortungslosen Missachter der Sperrstunde" und ihre Getreuen gleich mehrmals unfreiwillig um das Grundstück herum, bis ihnen die Füße qualmten. Bis auf Nicolas japsten alle wie räudige Hunde bei 40 Grad im Schatten.

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Joseph war auch nach Tagen nach wie vor erfreut, wenn er Naike in der Nähe wusste.





Kaum hatte sie im Speiseraum Platz genommen, wieselte er auch schon heran. "Na, kommste inzwischen ohne meinen Bruder klar, der ja anscheinend inzwischen zum Schornsteinfeger-Handwerk gewechselt hat?" - "Haha, sehr witzig." Jetzt wusste Naike, dass Joe von Adams Hochhaus-Abenteuer Wind bekommen hatte. "Liebst du ihn eigentlich deshalb mehr als mich, weil ich solche Mutproben für dich nicht begangen habe?"





"Verdammt, lass es, Tallis! Warum quälst du das Kind unentwegt, häh?! Lass endlich deine dreckigen Pfoten von ihr, sonst ..."





"Äh … hallo? Könntet ihr euer Ringkämpfchen bitteschön woanders austragen? Und Nicolas, vielen Dank für deine Verteidigung, aber ich bin kein Kind mehr und kann mich durchaus selbst mit Joe auseinandersetzen", bemerkte Naike beleidigt und verzog sich schnell nach draußen.





Joe wurde plötzlich klar, dass er über die Stränge geschlagen und sich peinlich benommen hatte. Er wusste selbst nicht recht, warum er es tat und ging schnell nach draußen, um sich bei ihr zu entschuldigen, fand sie aber nirgends.



Kapitel 20 - Entzugserscheinungen
Kapitel 22 - Rödeleien