Kapitel 20 - Entzugserscheinungen



"In nomine Patris …





… et Filii et Spiritus Sancti. Amen."





"Hey, Schwester Theresia - warum wird die Heimkehr der Schlampe eigentlich nicht im Fernsehen übertragen?" - "Was weiß ich, ist das denn sehenswert?"





"Zum Teufel mit dir! Scher' dich davon, Flagellum dei!" (Geißel Gottes)





"Wer ist denn der Kerl da jetzt?" - "Den kennst du nicht? Der meistgesuchte Verbrecher ist das! Er hat 666 Frauen auf dem Gewissen, Schwester Martha!"





"Adam? Was machst du hier???"





"Das frage ich dich, Naike." - "Ich habe gerade meine Profess abgelegt und gehöre jetzt zu den barmherzigen Schwestern des Heiligen Aloisius, bitte geh."





"Das ist nicht dein Ernst?!!" - "Verlassen sie sofort meine Kirche, Monsieur Tallis." - "Ist schon gut, Pater Nicolas, er will sich nur verabschieden."





"Irrtum! Ich will mich keineswegs verabschieden. Naike, bitte, komm' raus hier, du machst dich nur unglücklich!!" - "Ad, merkst du nicht, dass du dich lächerlich machst? Kann ich denn noch unglücklicher werden als ich es mit dir war?!"





"Aber ... warum denn, ich ..."





"BÄÄÄH! Vade retro Satana! Schleich dich, du Arsch!"





Adam starrte für einen Moment in das Gesicht seiner Liebsten, das sich plötzlich zu einer hässlichen Fratze verzogen hatte. Er wollte schreien, aber sein Hals war wie zugeschnürt.





Dann ergriff er panisch die Flucht, nahm alle Stufen auf einmal und fiel bäuchlings in den Mittelgang der Kirche. Ein lautes, dreckiges Lachen hallte von den hohen Mauern wider.

*





Adam griff sich an seinen Kopf, der vor Schmerzen pochte, und hörte das grässliche Lachen jetzt nur noch aus der Ferne.





Im Zeitlupentempo richtete er sich auf, wankte durch den Raum und tastete sich dann an der Wand entlang zum Badezimmer …





… als ihn heftige Übelkeit übermannte, die ihn zusammensacken ließ. Er konnte sich gerade noch bis zur Kloschüssel schleifen ...





... über der er den Rest der Nacht bis zum Morgengrauen verbrachte.

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Zwei Briefe waren heute gekommen. Einer trug Adams Absender, Naike zerriss ihn ungelesen und ließ die Schnipsel in den Sand rieseln. Der andere machte einen offiziellen Eindruck, diesen nahm sie mit ins Haus. "Post war da! Irgendetwas Amtliches, scheint mir." Nicolas und Julia, die gerade frühstückten, schauten interessiert.





"Hola, ein Strafbescheid wegen verantwortungsloser Missachtung der vorgeschriebenen Sperrstunde“, gab Naike überrascht von sich, „das Strafmaß beträgt sieben Tage Bootcamp für uneinsichtige Mitbürger, ich habe mich ab Montag um acht Uhr in der ehemaligen Kaserne Blauseidigheide im Wehrbüro einzufinden." - "Selbst Schuld, sag ich da nur. Was hast du auch mitten in der Nacht in anderer Leute Häuser zu suchen", sagte Nicolas streng, grinste aber unmerklich ein wenig verschmitzt. "Nö, da gehe ich nicht hin, die können mich mal, ich habe Besseres zu tun.“ - "Hm, ich fürchte, du musst aber, sonst kriegste nur noch mehr Probleme. Und weißte was? Ich komme mit. Wollte der Heiligen Barbara eh mal wieder einen Besuch abstatten." - "Welcher Heiligen Barbara?" – „Tja, der Schutzpatronin der Artilleristen! Während meiner Zeit beim Bund haben wir ihr oft „gehuldigt“ - sprich gesoffen!", lachte Nicolas laut. Naike räusperte sich.





„Gibt es da echte Bomben?", fragte Julia mit großen Augen. "Quatsch, die Kaserne Blauseidigheide steht schon seit langem leer, inzwischen ist das halt eine Einrichtung für ... äh … nunja ... sagen wir mal Mitbürger, die die Gesetze nicht so genau nehmen, aber in kein Gefängnis gehören." Naike räusperte sich erneut. "Fein! Das wird bestimmt lustig, ich will auch mit!" - "Aber Julia, die nehmen einen dort ganz schön hart ran, das ist nix für Teenager." – „Och, Nicolas, bitte!!! Ich packe schon mal meinen Koffer, ja?!" - "Mich brauchst du nicht bitten, das musste dann schon mit deinen Eltern klären“, meinte Nic. „Aber Moment, Adam war doch bei deinem "Ausflug" dabei, Naike, dann ist er doch mit im Lager, oder?!" Naike verschluckte vor Schreck ein paar noch nicht gekaute Cornflakes und schüttelte dann den Kopf. "Wenn Adam auch im Camp ist, werde ich dort nicht sein. Und mit Joseph schon gar nicht, ich bin doch nicht irre!!" - "Komm, jetzt bleib mal ruhig, ich regle das schon mit den Behörden.“

*





Da Naike anschließend mit Carla das Telefon heiß quatschte, beschloss Julia ihre Mutter persönlich aufzusuchen, um sich die Erlaubnis für das Camp zu holen, zog sich leise an und schlich, ohne dass ihre Mitbewohner etwas bemerkten, alleine aus dem Haus. Nach dem Gespräch mit Carla, wählte Naike noch eine andere Nummer, denn sie hatte beschlossen, ab sofort ihr Leben zu verändern, und kündigte als erstes ihren ungeliebten Job als Lehrerin. Vielleicht, so dachte sie, könnte ja der Aufenthalt in diesem Camp neue berufliche Möglichkeiten eröffnen, war sie doch schließlich früher durchaus gerne beim Militär. Und noch etwas musste weichen. „So, Schluss, ab auf den Sperrmüll damit!“ Naike machte also Nägel mit Köpfen, entfernte ihren Ex von der Wand …





… und hing schnell ein Poster einer ihrer Lieblingsschauspielerinnen an den freigewordenen Platz. Allerdings schob sie anschließend das nun überflüssig gewordene Gemälde dann doch lieber hinter einen Schrank, statt es wie zuerst geplant von der Müllabfuhr abholen zu lassen. Sie seufzte erleichtert, als es außer Sichtweite war.

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Zur gleichen Zeit betrachtete sich ein junger Mann von sich selbst äußerst angetan im Spiegel.





"Ramon, nun setz' dich endlich in Bewegung, der Flieger geht in zwei Stunden, wir müssen uns noch von Julia verabschieden. Was treibst du eigentlich da?" Beinahe hätte Ramon Alvarez zu seiner Stiefmutter gesagt, dass er nun endlich ein richtiger Mann sei, nachdem er gestern aufgrund eines Gewitters für einige Zeit in der Simlane 10 festsaß und mit Naike Le Normand sein allererstes Schäferstündchen erlebt hatte. Aber das war ihm dann doch zu peinlich, obwohl er es vor lauter Stolz am liebsten jedem auf der Strasse erzählt hätte. Aber seine Freunde in den Staaten würden sich die Geschichte demnächst wohl gleich mehrmals anhören müssen. Dann klingelte es an der Tür.





"Julia! Wo kommst du denn jetzt her? Und wo ist Nic?" - "Hihi, ich bin entwischt. Hab keinen Bock mehr, dauernd bewacht zu werden, dieser blöde Vergewaltiger ist doch bisher gar nicht mehr aufgetaucht. Find' das Theater lächerlich, vor allen Dingen am Tage, wo sich eh genug Leute auf den Straßen aufhalten. Aber erzähl mal von dir, was gibt es Neues? Du siehst irgendwie anders aus als sonst, strahlst ja wie ein Christbaum! Freust du dich schon auf die Uni?" - "Und wie. Schade, dass du noch nicht mitkommen kannst." - "Ja, das geht halt nicht“, sagte Julia bedauernd, „ich muss die Schule halt noch beenden. Aber so lange ist es nicht mehr hin, ich denke ich komme zu euch rüber, wenn es soweit ist und werde auch studieren." - "Echt jetzt??? Spitze!! Na, dann leg dich aber mal ordentlich ins Zeug!", freute sich Ramon ehrlich, denn seine fragwürdige Aktion hatte seine Zuneigung zu seiner Freundin keineswegs gemindert.





Die beiden gingen ins Haus und Julia sprach mit ihrer Mutter über ihren Wunsch, Naikes Camp-Aufenthalt beizuwohnen. Zuerst war Desdemona skeptisch und ihre Tochter argumentierte wie eine Wilde, aber dann sah sie ein, dass das Mädchen dort genauso gut aufgehoben sein würde wie in Naikes Haus, zumal Blauseidigheide einige Kilometer von der Insel entfernt war und so eine deutlich geringere Gefahr bestand, dass ihr geliebtes Julchen Opfer des Gewalttäters werden könnte.





"Pass auf dich auf, mein Schatz, ja?! Ich schicke dir dann ein Flugticket, sobald du das Abi in der Tasche hast. Es wird dir bei uns gefallen, Ramons Vater und ich haben ein wunderschönes Haus in Louisiana. Und sag’ deinem Vater einen Gruß von mir, er ist jederzeit willkommen, an Geld mangelt es ihm ja nicht." - "Danke, Mama", nuschelte Julia ein bisschen traurig, denn es fiel ihr schwer, sich nun schon wieder von ihrer Mutter zu trennen. Aber es waren ja nur noch wenige Monate bis sie sie wieder sehen würde. Und Ramon. Er drückte sie liebevoll. "Mach's gut, Julia, wir chatten so oft es geht, ok?!" Dann gab er ihr noch einen Kuss auf die Wange, umarmte sie noch einmal fest und ließ sie anschließend gehen.

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Als Naike abends aus dem Bad in ihr Dachzimmer kam, spürte sie sofort deutlich, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte ihr Gefühl nicht einordnen, es war, als wäre eine vertraute Aura ganz in ihrer Nähe, aber das Zimmer war leer.





Doch dann sah sie etwas und wusste, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Warum hatte sie bloß die Balkontür offen stehen lassen? Aber sonst wäre es zum Schlafen zu stickig geworden, denn der Herbst präsentierte den Bewohnern der Insel dieser Tage noch so manchen recht heißen Tag. Sie starrte auf die massiven Messer, die vor ihr auf der Kommode lagen und musste nicht lange warten, bis sich ihr der späte Besucher offenbarte.





"Such dir eins aus. Das kleine? Oder vielleicht lieber doch lieber große!" Naike schloss die Augen und rührte sich nicht vom Fleck. In diesem Moment hätte sie eine der Klingen zum Schneiden der Luft verwenden können, so süsslich-schwer waberte diese durch den Raum, erst wieder durchbrochen von erneuten Lauten der ihr so vertrauten tiefen Männerstimme. "Na, was ist? Nimm es schon in die Hand ..."





Adam kam auf sie zu, drehte sie vorsichtig zu sich herum und nahm ihre Hände, was ihre Schockstarre langsam löste. "Warum zitterst du so? Glaubst du wirklich immer noch, ich tue dir was an?" - "Du bist ein unbelehrbarer Ignorant, Adam, und weißt ganz genau dass ich weder dich noch deine Spielchen hier mehr dulde. Wie oft willst du es noch hören???"





Er ließ sich nicht beirren. "Und du weißt genau, dass du das nicht ernst meinst. Ich sehe es doch an deinen Augen, du begehrst mich mit Haut und Haaren und willst nichts anderes als in meinen Armen untergehen." Naike schnappte nach Luft - wie dreist und selbstbewusst war der Kerl eigentlich? Und das Schlimmste war, er hatte auch noch Recht, seine Anziehung war ungebrochen. Seine goldbraun-grünen Augen funkelten nicht lüstern wie sonst, sondern strahlten eine zärtliche Wärme aus, so dass sie unweigerlich ins Schmelzen geriet. Aber dann schaffte es der Affe, der ihre Vernunft vertrat, doch wieder die Oberhand zu gewinnen. "Verschwinde auf der Stelle aus meinem Schlafzimmer, Adam Tallis, sonst schreie ich das Haus zusammen und Nicolas ist mit einem Satz oben. Mit ihm würde ich mich an deiner Stelle lieber nicht anlegen."





"Aber ..." Unverhofft ging Adam nun in die Knie und redete schnell und kaum verständlich, während er sich an seinen schrecklichen Traum von letzter Nacht erinnerte.





Doch Naike blieb hart, ging festen Schrittes an ihm vorbei und streifte ihn dabei versehentlich harsch an seiner Schulter.





"Los, raus mit dir! Klettere den Balkon genauso wieder herunter, wie du hinaufgekommen bist!", befahl sie dann streng, wie sie es von ihrer Zeit beim Militär gewohnt war.





Adam versuchte sie erneut mit Beteuerungen umzustimmen ...





... was sein Gegenüber aber lediglich mit einem gezielten Tritt quittierte, der ihr unmittelbar schon wieder Leid tat. Und so schlich er dann ohne weitere verbale Gegenwehr wie ein geprügelter Hund zurück auf den Balkon und schaute über die Brüstung in den Sand. Und während er in den nächsten Minuten dort stand, drangen ihm düstere Gedanken wie regenschwere Wolken in sein Gemüt.





Naike legte sich völlig entkräftet ins Bett und ließ ihren Tränen freien Lauf. Jetzt bloß schnell einschlafen und diesen Zwischenfall vergessen. Adam vergessen. Wie bloß? Sie starrte hellwach an die Decke, an der sich wild bewegende Muster abzuzeichnen schienen.





Obwohl die Tage teils noch recht heiß waren, konnte es in den Nächten schon recht kühl werden. Adam war nicht gegangen, sondern stand noch immer, inzwischen in seinem dünnen Hemd ziemlich frierend, auf dem Balkon und wartete bis Naike eingeschlafen war.





Als sie sich nicht mehr rührte, ging er leise zurück ins Zimmer, nahm ihren geliebten alten gelben Teddy vom Bücherstapel unter dem Schreibtisch und legte ihn vorsichtig zur ihr unter die Decke.





"Lebwohl, du einzige Liebe meines sinnlosen Lebens. Es tut mir alles so leid", flüsterte Adam schwermütig und war in diesem Moment der festen Überzeugung, dass er sie das letzte Mal sah.

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Am nächsten Morgen fand Naike gleich mehrere Emails von Adam vom Vortage in ihrer Mailbox, in denen er sich angekündigt hatte. Aber das war nun nicht mehr wichtig.





Sie drückte sie ins Daten-Nirwana und fühlte sich plötzlich wieder genauso entkräftet wie am Abend zuvor, nachdem sie ihn hinausgeworfen hatte.

*





Auch abends hatte sich ihr Gemütszustand nicht gebessert. So einfach war es also doch nicht, einfach Adieu sagen und weiterzuleben. Und dann war da auch noch die Sache mit Ramon, an die sie sich trotz ordentlichem Schwips durchaus erinnerte und die sie sehr belastete.





Als Nic sich ihr näherte, das Feuer im Kamin anzündete und sich anschließend seinen Allerwertesten daran wärmte, konnte sie aber endlich wieder ein bisschen lachen.





"Was ist dir wieder für ein Gespenst begegnet, hm?! Du wirkst nicht gerade entspannt und zufrieden, sondern irgendwie ziemlich erschöpft. Komm, wird schon nicht so heftig mit dem Camp! Julia hat das Ok von ihrer Mutter bekommen und ich komme auch mit - wir machen uns eine gute Zeit und kommen mal wieder so richtig in Schwung, ja?! Und überleg’ mal, die Sorgen wegen dem Inselschreck sind auch für eine Woche mal passé."





"Aber ich will nicht mit den Tallis-Brüdern zusammentreffen, nicht schon wieder!", jammerte Naike. "Na, da mach’ dir mal keine Sorgen. Ich habe das längst geregelt, sie kommen in ein anderes Camp." Ihre Miene hellte sich auf. "Nee, echt jetzt?!" Sie konnte es zuerst gar nicht glauben – so ein Glück!





"Jep! Man hat mir versichert, dass das klar geht." - "Nic, du bist 'ne Wucht!", jubelte Naike erleichtert. Und um seiner emotional arg gebeutelten Mitbewohnerin ein wenig mehr Wohlgefühl und Entspannung zu verschaffen, legte Nic anschließend eine DVD ein, und sie schauten gemeinsam - gemütlich gewärmt durch das Feuer im Kamin - den alten Hollywood-Klassiker Casablanca.





Nach dem Film jedoch war sie nicht mehr müde, saß noch eine Weile im Tagebuch schreibend auf der Terrasse und dachte darüber nach, wie wohl ihr alter Lieblingsteddy vergangene Nacht in ihr Bett gekommen war?

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Am Tag darauf, einem Sonntag, wollte Naike statt mit ihrer Freundin Carla wieder stundenlang an der Strippe zu hängen, lieber mal wieder richtig schön ausgehen. Dafür bot sich das neu eröffnete Sushi-Restaurant Naniwa in der Stadt sehr an, aber Nicolas bestand aus dem üblichen Grund darauf, mitzukommen. Und auch Peter Bockhorn, der Bodyguard von Carla und ihrer Schwester Fiona, war natürlich nicht zu überzeugen, daheim zu bleiben. Nachdem er Fiona, die sich geweigert hatte, mitzukommen, in ihrem Haus eingeschlossen hatte, machten sie sich zu viert auf den Weg, das war's dann also mit Frauengesprächen. Aber als die Gruppe am Restaurant ankam, war die schlechte Stimmung gleich verflogen, denn es bot sich ihnen allen ein atemberaubender Anblick inmitten der sonst so kahlen Betonwüste der Innenstadt auf dem Festland – ein richtiges Kleinod.





Nicolas war über die typisch japanische elegante Schlichtheit der Einrichtung völlig hin und weg und lockte seinen Kollegen Bockhorn gleich zur großen Gaumenfreude versprechenden Sushi-Theke, um ihm schon mal einige der vielen Köstlichkeiten schmackhaft zu machen.





Am anschließend gewählten Tisch war reichlich Platz, insofern gab es vielleicht doch noch eine Chance auf das eine oder andere vertraute Wort zwischen den beiden Damen, zumal Nic und Peter leicht miteinander ins Gespräch kamen, obwohl sie sich bisher nur flüchtig kennen gelernt hatten.





"Wo isch'n hier die Pittza?", studierte Peter fragend die Karte, "isch neehm uff jeden Fall zwee Megaa, hab voll’n Kohldampf." Carla, Nic und Naike grinsten sich an. "Hallo? Etwa noch nie beim Japaner gewesen, Herr Bockhorn?", kicherte sein weiblicher Schützling, und erzählte ihm dann von rohem Fisch und dass es darunter auch einen gäbe, dessen Genuss zum Tode führen würde, wenn der Koch ihn zuvor nicht vollständig ausgeweidet hat, und das man dafür eine spezielle Prüfung ablegen müsse. Peter bekam Augen so rund wie der gerade erwähnte Fisch namens Fugu, der Kugelfisch, bestellte sich dann doch lieber vorsichtshalber schnell drei Portionen Teriyaki-Hühnchen und verabschiedete sich innerlich bedauernd von seinem Wunsch nach Mega-Pizza.





Naike wurde etwas mulmig zumute, denn Adam hatte einst erzählt, in Tokio eine solche Fugu-Lizenz erworben zu haben und daran erinnerte sie sich jetzt.





"Du, Adam hat `ne Fugu-Lizenz", flüsterte Naike ihrer Freundin zu. "Nee, echt jetzt? ... Äh, Moment, wieso redest du denn jetzt schon wieder von ihm, wo ihr doch gerade Schluss habt, ist da etwa wieder was im Busch mit euch?", runzelte Carla ihre Stirn. "Er stand gestern plötzlich bei mir im Zimmer", seufzte Naike, "aber ich habe ihn rausgeworfen!" Jetzt hatte Carla die Kugelfisch-Augen. "Lass uns gleich draußen ein bisschen in Ruhe quatschen, das musst du mir näher erzählen, ja?!" Naike nickte und versuchte vergeblich, einen seltsamen kleinen gelben Balken zu greifen, der über dem Tisch schwebte. Wo kam denn der bloß her?

*





Nach dem Essen verkrümelte man sich also nach draußen, während Nic und Peter weiterhin tüchtig dem überaus köstlichen Sake zusprachen. "Mensch, was macht Adam denn bloß für ein Theater? Da kriegt man ja Gänsehaut. Nachher wird er noch zum Stalker, der dich nicht mehr in Ruhe lässt." – „Ach was, das glaube ich nun nicht. Er will es wohl einfach nicht wahrhaben, dass es vorbei ist, und wird schon irgendwann seine Annäherungsversuche einstellen." Aber ganz überzeugt war Naike von ihrer eigenen Aussage nicht und jammerte: „Ach, menno, warum kommt nicht einfach ein toller Kerl daher? Ein cooler, so’n Brad Pitt oder George Clooney, und rettet mich vor meinem eigenen Alptraum?", seufzte sie. "Weil wir nicht im Kino sind?", mutmaßte Carla, und beide Frauen seufzten.





"Na, bei dir bleibt es jedenfalls wenigstens spannend, während bei mir tote Hose angesagt ist. Jack ist zwar ein netter Kerl, aber nicht halb so rassig wie er ausschaut." - "Du langweilst dich mit ihm???" Naike glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. "Hm, wenn ich ehrlich bin, ja, schon ein bisschen. Und jetzt komm' mir nicht mit den üblichen Tricks, eine eingeschlafene Beziehung wach zu küssen, ich stehe nicht auf Kerzenromantik in der Badewanne." - "Das klingt ja fast, als würdest du euch als altes Ehepaar empfinden, welches bereits Jahre verheiratet ist." Carla verzog leicht resigniert die Mundwinkel, konnte aber nichts Weiteres dazu sagen, da Nicolas und Peter laut rufend zum Aufbruch mahnten. Aber ein kleiner Spaziergang kam allen nach dem umfangreichen Essen sehr entgegen und so stiefelten sie Richtung Hafen.





Circa zweihundert Meter vom japanischen Restaurant entfernt war die Strasse blockiert und es hatte sich ein kleiner Menschenauflauf gebildet. "Was geht denn hier ab? Und was macht der Doc hier?" - "Wie wäre es, wenn du gleich ihn fragst statt mich?", schlug Carla ihrer verwunderten Freundin vor und war selbst neugierig.





"Hey, Doc Blythe! Lange nicht gesehen!", sprang sie dem Arzt daraufhin in die Arme. "Mensch! Gut, dass Sie da sind, Mademoiselle Le Normand, Sie kommen gerade recht", sagte Gilbert mit erleichterter, aber düsterer Miene. "Wir haben hier ein ernstes Problem, zu dessen Lösung sie hoffentlich beitragen können." Naike sah ihn zuerst verständnislos an ...





… doch dann bemerkte sie, dass die restlichen Passanten auf der Straße aufgeregt plappernd zum Dach eines Bürohauses hinauf schauten.





Und was sie dann dort oben sah, war unbeschreiblich, und ließ ihr vor Entsetzen für einen Moment die Sinne schwinden.



Kapitel 19 - Hurensöhne
Kapitel 21 - Stalking light