Kapitel 15 - Male



"Mach mich los, bitte ... mir schlafen die Arme ein!" Doch Adam kam der Bitte nicht nach, sondern starrte Naike zuerst nur weiter an. Dann zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche, nahm einen Einhundert-Simoleon-Schein heraus und steckte ihn in ihren Slip. Naike vernahm die Aktion mit Entsetzen: "Du willst mich doch nicht allen Ernstes bezahlen?!" Er grinste. "Verdient hättest du es dir längst, aber das Geld ist für den Satz Unterwäsche, dem ich jetzt den Garaus mache.“ - "Der ist nicht mal die Hälfte wert", entgegnete Naike so sarkastisch wie es ihr in dieser Situation möglich war. Ihre Angst ließ langsam nach und wich einem ganz neuen, unbekannten und undefinierbaren Gefühl. Adam ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. "Nunja, die andere Hälfte wirst du sicher für die Rechnung von Dr. Blythe brauchen, wenn ich mit dir fertig bin", witzelte er, und Naike merkte zum Glück, dass er nur spaßte, sonst wäre sie wahrscheinlich in Ohnmacht gefallen. Ohne Umschweife setzte er schließlich das Messer noch einmal an und wiederholte das vorherige Spiel nun an ihrer Vorderseite. Als die Klinge an ihrem Kehlkopf angekommen war, gab Naike jegliche Kontrolle auf. Aber dann zerschnitt er damit nur ihren schwarzen BH in zwei Teile.





Jetzt war es Julia, die sich über die Geräuschkulisse aus der oberen Etage wunderte, als sie sich vor dem Zubettgehen waschen wollte und durch das von Nicolas in erbärmlichem Zustand hinterlassene Bad watete. "Wundern" war noch milde ausgedrückt, sie bekam es regelrecht mit der Angst zu tun. Mochte es vielleicht der Fernseher sein? Nachzusehen traute sie sich nicht und die anderen Hausbewohner waren bereits in ihren Betten verschwunden. So verkrümelte sie sich schnell in ihr Bett und zog sich das Kopfkissen fest über ihre Ohren. Aber dies wäre unnötig gewesen, denn inzwischen war im Dachgeschoss wieder Ruhe eingekehrt, keiner der beiden Anwesenden nahm den Raum um sich herum mehr wahr, denn der kleine Tod hatte sich ihrer Körper mit voller Wucht ermächtigt.

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Naike schaut hingebungsvoll in das ihr so vertraute Gesicht. "Deine Nase blutet ja!", bemerkte Adam erschrocken und er wirkte zu ihrem Erstaunen so, als würde er jeden Moment zu weinen beginnen. "Das tut mir so leid, Süße, ich habe es nicht bemerkt."





Er streichelte Naikes Kinn, fuhr mit seiner Zunge über ihre Nasenlöcher und küsste sie so innig, dass sie beide ins Taumeln kamen. "Wann sehen wir uns wieder, Adam?" Naike bekam bereits wieder weiche Beine. "Willst du das überhaupt? Du vertraust mir doch nicht“, sagte Adam. „Liebst du mich überhaupt? Ich mein' so richtig?", fragte er dann ernst. "Wann, Adam ... wann?“, drängte Naike und ging nicht auf seine Frage ein.





"Jenseits der Idee von Gut und Böse liegt eine Wirklichkeit - dort werde ich dich treffen!", flüsterte er bedrückt, küsste sie noch einmal, kletterte dann über die Balkonbrüstung und sprang in die Tiefe.





Rumi? Naike schluckte. "Ja, ich liebe dich, verdammt!", rief sie gefährlich laut hinter ihm her. Aber er hörte es nicht mehr. Sie kämpfte erneut mit der fatalen Mischung aus Furcht und Begehren und schaute Hilfe suchend in den Sternenhimmel. Sie stand noch immer ein ganzes Stück neben sich, aber die Affen aber waren still. Sie ging in ihr Zimmer zurück, wusch sich ihr Gesicht mit etwas Wasser aus der Flasche, die stets für nächtlichen Durst an ihrem Bett stand, und wusste wieder einmal gar nichts mehr. Liebte sie diesen Mann tatsächlich oder hasste sie ihn? Vertraute sie ihm oder hatte sie Angst vor seinem Wesen? Beim Nachdenken über diese drängende Frage fiel sie irgendwann recht spät in den Schlaf ... und in einen neuen Traum ...

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"Meister?"





„Diesmal lasse ich mich nicht verkackeiern, ich weiß schon gleich, dass ich träume“, kicherte die Träumende. "Hey, Traum-Instanz, verarschen kann ich mich selbst! Soll das etwa die Antwort auf meine Frage sein, ob ich diesem Scheißkerl vertrauen kann?"





"Schau genau hin, Schäfchen!", forderte plötzlich eine dunkle, körperlose Stimme, die Naike zutiefst erschreckte: "Ist das ...? Oder ...?" Und dann wurde sie unbewusst.





"Oh mein Gott, vergebt mir, Rabbi! Es ist unverzeihlich, dass ich Euch verkannt habe. Bitte vergebt mir!", hörte sie sich aufgebracht rufen, wobei ihre Stimme von allen Seiten widerhallte. "Erheb dich, Maria, ich zürne dir nicht. Es seien dir alle Sünden vergeben!"

"Dominus vobiscum." (Der Herr sei mit euch.)
"Et cum spiritu tuo." (Und mit deinem Geiste.)
"Sursum corda." (Erhebet die Herzen.)
"Habemus ad Dominum." (Wir haben sie beim Herrn.)
"Gratias agamus Domino Deo nostro." (Laßt uns danken, dem Herrn, unserm Gott.)
"Dignum et iustum est." (Das ist würdig und recht.)

"Vere dignum et iustum est,
invisibilem Deum Patrem omnipotentem
Filiumque eius unigenitum,
Dominum nostrum Iesum Christum,
toto cordis ac mentis affectu
et vocis ministerio personare.

(In Wahrheit ist es würdig und recht, den verborgenen Gott, den allmächtigen Vater, mit aller Glut des Herzens zu rühmen und seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn Jesus Christus, mit jubelnder Stimme zu preisen.)

Qui pro nobis aeterno Patri Adae debitum solvit
et veteris piaculi cautionem pio cruore detersit."

(Er hat für uns beim ewigen Vater Adams Schuld bezahlt und den Schuldbrief ausgelöscht mit seinem Blut, das er aus Liebe vergossen hat.)





"Ich liebe dich, meine Schwester in Christo, was auch immer geschieht."

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Was der Putzmann Maximilian Sanders am nächsten Tag sah, als er das Bett abzog, bleibt besser ungenannt. Jedenfalls war er sehr blass, als er seine Arbeitstelle nach getanem Werk verließ und dachte ernsthaft darüber nach, seinen Dienst in diesem Hause zu quittieren.





"Was war denn bloß mit dir los gestern Nacht, Naike? Musstest du so laut fernsehen?", fragte Joseph beim Frühstück vorwurfsvoll. "Hast du schon mal einen Fernseher in meinem Zimmer gesehen?", antwortete sie frech, nahm sich eine Schüssel Müsli und lies ihn einfach in seiner Verwunderung stehen.





"Was ist denn nun wieder los? Warum stehst du da so abseits und setzt dich nicht zu uns an den Tisch?", bohrte Joseph weiter. "Und warum um alles in der Welt trägst du an einem Sommermorgen einen Schal?" Auch Jessica bedachte ihre Mitbewohnerin mit irritiertem Blick …





... und fing sie wenig später im Bad ab: "Naike, mit dir stimmt doch etwas nicht! Warum redest du nicht mit Joe? Habt ihr euch schon wieder gezankt? War ja ein ganz schöner Lärm gestern Abend bei dir oben, wie ich im Halbschlaf mitbekommen habe. Und überhaupt erst dieser Schal! Jess schüttelte den Kopf. Spinnst du jetzt völlig?" - "Nein, das ist doch jetzt die neue Mode, Jessica, sag bloß, du kaufst dir deine BILD der Frau nicht mehr, weil du dich für zu alt hältst?" - "Na, jetzt mach' aber mal halblang, ich sehe ja wohl jetzt besser sogar besser aus als früher, oder?!" - "Ja klar!", lachte Naike verdächtig übermütig, aber sie bemühte sich nach besten Kräften von dem Thema Schal-Mode abzulenken. Sie dachte nach. Jessica sah in letzter Zeit tatsächlich deutlich verjüngt aus, als würden die Spuren der Zeit völlig an ihr vorüber gehen. Eigentlich bewirkte so etwas nur die Liebe, aber Jess war nach wie vor solo. Die attraktive Seniorin war aber nun durch das Kompliment zum Glück wieder völlig auf sich fixiert und betrachtete sich zufrieden im Spiegel. So nutzte Naike schnell die Chance und floh auf ihr Zimmer.





Doch kaum war sie oben angekommen, hörte sie Carlas Stimme draußen vor dem Haus, sie hatte ganz vergessen, dass ihre Freundin heute zu Besuch kommen wollte. Natürlich waren auch ihre Schwester Fiona und ihr Bodyguard, ein Schrank namens Peter Bockhorn, mitgekommen, um jegliches Risiko für ihr Leib und Leben zu vermeiden. Deshalb blieb Naike lieber auf ihrem Zimmer. Carla umarmte fröhlich ihren Co Joseph und spürte erstmals nach ihrem schrecklichen Erlebnis mit dem schwarzen Unbekannten wieder das Verlangen, eine neue Einbruchstour zu starten. Fiona gefiel es gar nicht, wie ihre Schwester den adretten Nachbarn so innig umarmte. Warum war sie nicht an ihrer Stelle? War sie denn nicht deutlich attraktiver?





Als Carla sich auf den Weg ins Haus machte, um Naike zu suchen, schmiss sich ihre Schwester gleich mit einem übertriebenen Kompliment für seine Oberarme an das Objekt ihrer Begierde heran. Dieser nahm ihre Anmache mit Gelassenheit und lud sie und Herrn Bockhorn freundlich zu einem zweiten Frühstück ein.





"Ach hier bist du, warum kommst du nicht runter?" - "Hi! Mensch, wie geht es dir, Carla? Langsam wieder besser?" - "Na klar, ich bin doch nicht aus Zucker. Im Gegensatz zu dieser Halina habe ich ja auch noch Glück gehabt, Jack sei Dank!" Carla lächelte versonnen, als sie an ihren Freund und Retter dachte.





Doch dann hielt sie inne. "Huch, warum wird es denn plötzlich draußen so dunkel? Regnet es etwa?“ Naike hätte beinahe erwähnt, dass ihr Alter Ego in der realen Welt offenbar inzwischen das Spiel-Add-on Vier Jahreszeiten installiert hatte, konnte sich aber im letzten Moment beherrschen. Wahrscheinlich wäre Carla diese Bemerkung aber sowieso entgangen, da sie sie nicht hätte einordnen können. Sie meinte nur: „Na, öfter mal was Neues. Hoffentlich wird es nicht auch noch kalt, das kann ich ja gar nicht ab. Apropos, seit wann trägt frau Schal im Sommer?"





Naike war genervt. Warum konnte man hier nicht einmal mehr anziehen, was man wollte?! Deshalb antwortete sie deutlich zu barsch: "Darum!" Carla hob eine Augenbraue. "Was hat das denn jetzt zu bedeuten, was bist du denn so zickig zu mir? Ich habe doch nur gefragt!", bemerkte sie beleidigt. "Frag mich alles, nur nicht das!", moserte Naike völlig ungerecht. „Na, dann kann ich ja gleich wieder gehen", grummelte ihre Freundin. "Aber nein, so war das doch nicht gemeint, bitte bleib!" - "Dann sag mir jetzt sofort, wofür der Schal ist, da ist doch eindeutig was faul!" Carla ließ sich nicht so leicht abspeisen wie Jessica. Sie war von Natur aus sehr neugierig und stets an Ungewöhnlichem interessiert. Man stritt sich ein wenig ...





... aber dann fasste Naike den Entschluss, sich ihrer Freundin und Kollegin anzuvertrauen und legte den Schal ab. Carla war durch ihren Beruf darauf trainiert, auf Details zu achten und staunte nicht schlecht, als sie ihren Hals sah. Sie wendete sich angewidert hab, schluckte kurz und fragte dann: "War ER es?" Zuerst dachte Naike, Carla wüsste bereits von Adams Rückkehr, aber dann wurde ihr klar, dass sie den gesuchten Vergewaltiger gemeint hatte. „Meinst du den Typen, der dich angegriffen hat?", fragte sie noch mal vorsichtig nach. Carla nickte. "Ja, natürlich, wen sonst?! Naike, ist das wirklich wahr? Das tut mir so Leid für dich, ich habe wenigstens nichts zurückbehalten, außer einer kleinen Schramme am Oberarm und einem Riesenschrecken. Aber das sieht ja richtig böse aus, du musst sofort zur Polizei gehen!! Hat er dich etwa auch ... du weißt schon ...?"





Die blonde junge Frau redete wie ein Wasserfall und war ganz außer sich, Naike wusste sie kaum zu bremsen. "Aber nein, du hast mich missverstanden, ich bin ihm zum Glück bisher nicht begegnet!" Hoffe ich jedenfalls, dachte sie bang nach dem Aussprechen dieses Satzes. Carla wirkte verwirrt und ihre Phantasie ging mit ihr durch: "Ja, aber ... hast du dich versehentlich beim Gardinen aufhängen stranguliert, oder was? Sowas kommt doch nicht angeflogen!" - "Adam war's." Carla hob nun gleich beide Augenbrauen und starrte ihre Freundin an, als sei diese verrückt geworden.





Und dann erzählte Naike ihr die ganze Geschichte und ließ nichts dabei aus. Carla fühlte sich wie in einen schlechten Film versetzt und wusste nicht, worüber sie am meisten geschockt sein sollte, dass Adam lebte oder dass ihr Kollege Joe so ein feiger Lügner war?





Dann aber doch von keiner dieser beiden Tatsachen, nämlich der wirkliche Hammer war eindeutig, dass Naike den Verdacht äußerte, Adam könne der Frauenschänder sein, was nicht gerade aus der Luft gegriffen war. Es musste eine furchtbare Zwickmühle für ihre Freundin sein, die auch gar nicht mehr aufhörte zu weinen. "Und du solltest doch eigentlich glücklich sein, hm?" Carla nahm die Schluchzende fest in den Arm und versuchte sie so gut wie möglich zu trösten. "Es wird alles gut, alles wird wieder gut, Süße." Sicher war sie sich allerdings nicht.





"Hallooo? Was geht denn hier bitteschön ab?"





"Joseph, kannst du nicht wenigstens anklopfen?", herrschte Carla ihn an und er umgehend zurück: "Geh nach unten zu den anderen, Carla, und lass mich mit meiner Frau alleine, ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was mit ihr los ist, ich halte das Spielchen keinen Tag länger aus!!!" - "Sie ist nicht deine Frau!", sagt Carla böse, doch das beeindruckte ihn nicht im geringsten: "Jetzt zisch' ab!" Sie schüttelte den Kopf und stürmte aus dem Zimmer, während er sich an Naike wandte.





"Kannst du mir jetzt endlich mal sagen, was dieses lächerliche Theater soll?? Erst beachtest du mich seit meinem Antrag nicht mehr, dann schläfst du mit mir, aber dann ist erneut Funkstille. Vor dem Theater mit dem Insel-Verbrecher warst du außerdem abends dauernd unterwegs und kamst immer erst am Morgen heim! Und jetzt machst du einen Heidenlärm in deinem Zi...." Joe hielt plötzlich inne und kam mit prüfendem Blick näher auf seine Freundin zu.





"Was ... was ist das?" Naike sagte nichts. Aber in Josephs Hirn fing es augenblicklich an zu rattern. Irgendwie fügte sich plötzlich alles zu einer einzigen Erklärung zusammen. Naikes Abwesenheit, die ihm vorenthaltene Zuneigung, der nächtliche Lärm in ihrem Zimmer und die Male an ihrem Hals, die er nicht das erste Mal an einer Frau sah. Dies alles ließ nur einen Schluss zu: Adam.





Joseph wurde es augenblicklich schwindelig und der kalte Schweiß brach ihm aus. Vorerst war es nur eine Vermutung, sagte er sich schnell, aber seine Zweifel waren nur unbedeutender Natur, dafür kannte er seinen Bruder zu gut. Und ebenso Naikes Neigung, die Kontrolle aufzugeben und sich ihm ohne Rücksicht auf Verluste völlig hinzugeben.





Naike fühlte sich plötzlich sehr schwach auf den Beinen. "Bitte lass mich allein und schicke mir Carla wieder hoch, ja?!" Ohne ein Wort und käsebleich verließ Joe das Zimmer und tat wie ihm geheißen. Anschließend stellte er sich unter die eiskalte Dusche.

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"Mit euch gibt das wohl nichts mehr, hm?", warf Jessica auf, nachdem der Besuch gegangen war. "Jess, du bist wahrhaft eine Hellseherin“, seufzte Joe, „kannst du mir vielleicht mal die Karten legen?" - "Seit wann interessiert dich das denn? Du hast doch bisher immer laut getönt, was das für ein Humbug wäre!" - "Bitte, ich muss etwas unbedingt wissen!" – Jessica schüttelte den Kopf. "Nö, du hast mich zu oft damit aufgezogen, dazu habe ich keine Lust, man muss schon mit einer gesunden Portion Ernst an die Sache gehen." Joe nickte resigniert.





Als Jessica beim Einkaufen war, holte er sich die Karten aus dem Schrank und legte sie sich selbst. Er sah lauter bunte Bildchen, ein Schiff, ein Herz, einen Hund und noch viel mehr. Aber vor seinen Augen verschwammen sie zu einem bunten Mischmasch, der ihm nicht das Geringste offenbarte.

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Julia traute ihren Ohren kaum, ihre Mutter rief an, und endlich – sie würde kommen!





Joseph lenkte sich von seinen düsteren Gedanken ab, indem er am Besuchstag eine wundervolle flambierte Eisbombe zubereitete. Er warf Naike einen üblen Blick zu, der in Worten nicht zu beschreiben war, als sie in die Küche kam.





"Joe, lass uns heute bemühen, das Wiedersehen für Julia so schön wie möglich zu gestalten und unseren Privatkram mal außen vor lassen, ja?! Ich bitte dich!", forderte sie ihn inständig auf. Er nickte stumm.





Und dann dauerte es auch nicht mehr lange, bis Desdemona eintraf. Julia hatte bereits auf der Treppe gesessen und sehnsüchtig nach ihrer Mutter Ausschau gehalten. Als sie sie dann erblickte, rannte sie wie der geölte Blitz auf sie zu. "Mama!!!"





Die beiden begrüßten sich mit großer Zärtlichkeit. Julia war erstaunt, wie schlank ihre Mutter aussah. Nur die Liebe konnte sie so verändert haben, denn Desdemona hatte in den USA einen wohlhabenden Mann kennen gelernt, einen Argentinier namens Alvarez, und ihn vor kurzem geheiratet.





Aber noch erstaunter war sie über den blutjungen Mann, der ihre Mutter begleitete. „Darf ich dir vorstellen, Schatz, das ist Ramon Alvarez, der Sohn deines neuen Stiefvaters. Er ist also jetzt quasi dein Bruder!" Ramon lächelte Julia an und schüttelte ihr höflich die Hand. Julia wusste gar nicht, was sie sagen sollte und war ganz perplex, welch eine Überraschung!





Während sie den hübschen Jungen anstaunte, wurde es 19 Uhr und wieder einmal schlagartig dunkel, was keinen Sim außer Naike je zu stören schien. Aber auch sie heute nicht, denn sie und Joe waren ebenfalls völlig überrascht von Desdemonas äußerer Wandlung. "Mein Gott, Desdi, du siehst einfach toll aus! Ich erinnere mich noch genau an unser letztes Treffen, weißt du es auch noch? Meinen herzlichsten Glückwunsch nachträglich zu deiner Vermählung!"





"Danke!! Oh ja, erinnere mich bloß nicht daran, ich war ziemlich aus dem Ruder. Danke, dass du mir damals Mut gemacht hast, Adam anzuzeigen. So war der Knoten geplatzt und ich konnte mich wieder freuen. Und ganz herzlichen Dank auch für die Betreuung von Julia, sie hat sie ja wunderbar gemacht, das werde ich euch beiden nie vergessen!", strahlte Desdemona. Naike schluckte. Bloß schnell weg mit der Erinnerung an Adams Gefängnisaufenthalt, auch wenn er zweifellos seinen Zweck erfüllt hatte.





"Ja, Julia hat sich wirklich toll entwickelt. Aber wen hast du denn da mitgebracht?" – „Ramon, komm doch mal her!", rief seine Stiefmutter. "Hi, Mrs. Tallis, ich bin Ramon Alvarez", zwinkerte er Naike leicht schüchtern zu und gab ihr zur Begrüßung die Hand. Er hatte eine merkwürdige Aussprache, irgendwie Amerikanisch mit spanischem Akzent. Naike lächelte verwundert und runzelte die Stirn. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, was hatte sich Real-Naike denn da bloß wieder einfallen lassen? Würde sie demnächst auch noch Brad Pitt installieren? – „Was haben Sie gesagt?" - "Öh ... nichts, ich begrüß' dich ganz herzlich, willkommen bei uns!", sagte sie und räusperte sich. "Ich heiße aber nicht Tallis, sondern Le Normand, kannst aber ruhig Naike zu mir sagen."





Als Hausbewohner und Gäste am Tisch saßen und die Eistorte genossen, traf sie beinahe allesamt der Schlag, als plötzlich Nicolas im knatschroten Adamskostüm in die Küche kam und sich ebenfalls mit einem Teller der Leckerei beglückte.





Desdemona und Ramon starrten leicht verstört auf ihre Teller und taten, als ob sie nichts bemerkt hätten. Naike brach der Schweiß aus. Schließlich nahm Jess sich ein Herz und verscheuchte den Nacktflitzer aus dem Wohnraum, nicht ohne ihm gleich mehrere Packungen Quark für seine geschundene Haut mitzugeben.





"Julia, du brauchst ihn nicht zu verteidigen, er ist wie er nun mal ist, das habe ich inzwischen kapiert, und ehrlich bringt er mich inzwischen täglich zum Lachen." Das tat Jessica dann auch und der Rest der Gruppe stimmte schmunzelnd ein, als sie sie über die Umstände aufgeklärt hatte, warum sich dieser Mann in ihrem Haus befand.





Dann machten sie es sich am Kamin gemütlich.





Desdemona war über Jess' Schilderung deutlich beunruhigt. Ausgerechnet ein Vergewaltiger war hier auf der Insel unterwegs! Sie wusste nur zu gut, was es bedeutete, so etwas erleben zu müssen, obwohl Adam damals kein Unbekannter für sie gewesen war. Irgendetwas ihn ihr gab ihr zu verstehen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen war, um Julia zu erzählen, unter welchen Umständen sie entstanden war. "Julchen, ich möchte dir etwas erzählen, wenn du willst. Es ist an der Zeit, dass du etwas über deinen Vater erfährst, was wir dir bisher verschwiegen haben." Naike wurde blass.





Joseph griff sofort ein. "Komm, Nai, lassen wir die beiden mal allein." Sie atmete tief ein, stand auf und ging ohne Umschweife mit ihm vor die Tür. Dort setzten sich die beiden schweigend auf die Treppenstufen am Eingang und in Naike machte sich die Eisbombe deutlich wieder auf den Weg nach oben, besonders als Joseph den Arm um sie legte, was eigentlich als tröstende Geste gemeint war. Aber sie empfand es als Hölle auf Erden. Eigentlich war nun auch für sie eine günstige Gelegenheit der Aussprache gekommen, bei der sie ihrer Beziehung zu Adams Bruder endlich ein Ende hätte setzen können und sollen. Aber sie fühlte sich derart schwach, dass sie kein Wort hervorbrachte und nur stocksteif abwartete, bis Desdemona und Julia ihr Mutter-Tochter-Gespräch endlich beendet hatten.

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Desdemona stieg also derweil mit Julia hinauf auf den kleinen Heuboden und redete dann nicht lange um den heißen Brei herum. "Kind, ich möchte dir eigentlich deine positiven Erinnerungen an deinen Vater nicht zerstören, aber ich bin der Meinung, dass jeder Mensch seine Biografie komplett kennen sollte, um zu verstehen, warum sich Familienmitglieder und andere Menschen in der Umgebung so und nicht anders verhalten. Sicher hast du dich schon öfter gefragt, warum wir vor deines Vaters Tod nicht als Familie zusammengelebt haben, oder?" Julia nickte und fühlte sich sehr unwohl in ihrer Haut, denn ihre Mutter betrachtete sie mit sehr ernster Miene.





"Ich hatte im Jahr vor deiner Geburt mit meinem Freund, meiner Schwester und deren Mann in einem Haus zusammengewohnt. Eines Tages kühlte unsere Liebe ab, wir stritten uns nur noch und hatten keinen rechten Zugang mehr zueinander."





"Ich wurde zunehmend trauriger und deshalb beschloss meine Schwester, mir einen Gefallen zu tun und verabredete mich mit einem ihrer Bekannten, der für seinen Charme und seine Wirkung auf Frauen bekannt war, um mir einen schönen Abend zu verschaffen. Ich fand die Idee doof, offenbar sah sie mich als Mauerblümchen, das dringend einen Flirt brauchte, um wieder mehr Selbstbewusstsein zu gewinnen und auf andere Gedanken zu kommen."





"Ich willigte aber vor lauter Frust und Langeweile ein - und zugegebenermaßen auch, um meinem Freund eifersüchtig zu machen Also traf ich mich mit diesem Mann, deinem Vater natürlich, in einem Restaurant. Der Abend war wirklich schön, Charme konnte man das schon nicht mehr nennen, er hatte ein derart einnehmendes Wesen, dass ich unser Treffen wirklich genoss."





"Nach dem Essen gingen wir noch ein bisschen im Park neben dem Restaurant spazieren und Adam führte mich an eine abgelegene Stelle, wo er mich zu küssen begann. Zuerst fand ich es wunderbar, so sehr hatte sich lange niemand mehr um mich bemüht, ich fühlte mich sehr geschmeichelt, obwohl er deutlich angeheitert war und jede Menge Mist erzählte, den ich eigentlich nicht hätte Ernst nehmen sollen, von wegen Liebe, usw."





"Doch dann wurde er immer wilder und ... na ja, vielleicht kannst du es dir vorstellen, ich weiß nicht, ob du bereits einen Freund hattest?" Julia schüttelte den Kopf.





"Egal … ich bat ihn jedenfalls, mich nach Hause zu bringen, aber er ging nicht darauf ein, sondern ließ mich nicht mehr los. Ich war mich nicht sicher, ob er überhaupt wusste, was er tat, denn er hatte wie gesagt über den Abend verteilt eine größere Menge Alkohol getrunken." – „Aber Papa verträgt doch keinen Alkohol", bemerkte Julia.





"Eben. Und deshalb lief die die Situationen unter anderem wohl auch aus dem Ruder. Aber abgesehen davon, war er auch ein Mann, der sich offenbar immer nahm, was er gerade wollte. Und das tat er dann. Am Anfang wehrte ich mich noch, aber als er mich dann schlug, gab ich mich auf."





Julia stockte der Atem. Verständnislos blickte sie ihre Mutter an. Das konnte sie sich doch nur ausgedacht haben!





Desdemona erriet die Gedanken ihrer Tochter. "Nein Julia, es ist wirklich so gewesen." – „Aber zu mir war er doch immer so lieb, kein einziges Mal hat er mich auch nur angeschrieen, nicht mal geschimpft, wenn ich etwas ausgefressen hatte!"





"Das ist doch etwas ganz anderes, du warst sein Kind, das er zum Glück offenbar geliebt hat. Aber Frauen scheint er lediglich als Objekte gesehen zu haben, ich habe keine Ahnung, was diesem Mann in seiner Kindheit oder Jugend widerfahren ist, dass er sich dahingehend zu einer Art Monster entwickelt hat. Na ja, jedenfalls bin ich im Morgengrauen im Park aufgewacht. Von Adam war weit und breit nichts mehr zu sehen.“





„Ich schleppte mich nach Hause und ging in der folgenden Zeit seelisch durch die Hölle, versuchte vergeblich zu vergessen, was geschehen war. Und neun Monate später brachte ich plötzlich dich an einem Abend zuhause auf die Welt. Von der Schwangerschaft hatte ich bis dahin nichts bemerkt. Obwohl, bemerkt schon, aber völlig verdrängt."





Julia fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.





"Es tut mir so leid, meine Süße. Aber Menschenleben verlaufen nun mal nicht immer in Friede, Freude und Eierkuchen. Ich wünschte, ich hätte dir einen anderen Vater ermöglichen können." - "Hast du ihm jetzt verziehen?" - "Ja, nach langer Zeit ist es mir gelungen, Julia, als er seine Strafe bekam. Und jetzt ist er eh tot. Ich würde mir nur selbst schaden, wenn ich immer noch einen Hass auf ihn hätte." - "Dann will ich es ebenfalls", sagte Julia leise und drückte ihre Mutter so fest sie konnte.



Kapitel 14 - Sag mal, vertraust du mir?
Kapitel 16 - Ein ungebetener Gast