Kapitel 13 - Die Prophezeiung



Auch im Pfarrhaus wurde Geburtstag gefeiert, zuerst wurde Alberts Sohn Hans zum Teenager, dann kurz danach seine Tochter Desdemona, deren Ehrentag aber leider keinen schönen Ausklang fand, denn abends vor dem Schlafengehen fand sie plötzlich Baldur, den II., tot in seinem Käfig liegen.





Während Albert am nächsten Morgen völlig übermüdet am Frühstückstisch saß, weil er die ganze Nacht wegen des mysteriösen tierischen Todesfalls kein Auge zugemacht hatte, wanderte Nicolas' Blick erstaunt hinüber zu Hans, der plötzlich so anders aussah. "Junge ... was hast du mit deinen Haaren gemacht? Du siehst ja aus wie ich!", rief er geschmeichelt. Hans’ Wangen färbten sich rosa. "Du bist mein großes Vorbild, Onkel Nic, ich will so werden wie du!" Na, das war doch mal eine klare Ansage! Nicolas hatte selbst keine Kinder, da seine Frau unfruchtbar war, und so leuchteten seine Augen bei dem Gedanken, sich ab jetzt vielleicht mit seinem Neffen einen würdigen Nachfolger heranzüchten zu können.

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Ein paar Tage später führte Nicolas, ohne das Wissen ihres Onkels Joseph, Julia in die kleine Insel-Taverne aus. Julia genoss die Gesellschaft dieses außergewöhnlichen Mannes, dem sie sich so nahe fühlte, und die beiden unterhielten sich prächtig, das Essen war ein Gedicht. Nicolas hatte längst bemerkt, dass Julia für ihr Alter ungewöhnlich reif war und vieles verstand, worüber andere 15-jährige gelacht hätten. Und das sagte er ihr an diesem lauen Sommerabend auch und streichelte dabei liebevoll ihre Hand.





Dann zog es Julia in die Karaoke-Ecke, in der sich einst kurz vor dem Attentat ihr Vater und Naike romantischen Songs aller Couleur hingegeben hatten, was sie natürlich nicht wusste. Nicolas war ein ganz passabler Sänger und konnte vor allen Dingen alte Blues-Songs sehr gut interpretieren, was Julia schwer imponierte, obwohl sie dieses Musik-Genre noch nie zuvor gehört hatte.





Nachdem sie sich fast heiser gesungen hatten, spazierte Julia bestens gelaunt auf die kleine Aussichtsplattform hinter der Taverne, von der man eine herrliche Aussicht auf den Strand hatte. Ein wenig lasziv setzte sie sich auf den noch warmen Erdboden und schaute versonnen in die Sterne. Bei Nicolas schrillten in diesem Moment die inneren Alarmglocken. Er fühlte sich stärker zu dem jungen Mädchen hingezogen als ihm lieb war, das wurde ihm in dieser Sekunde bewusst, und deshalb beschloss er, den Abend besser frühzeitig zu beenden.





„Nicolas, wo wollen Sie denn jetzt hin, setzen Sie sich doch zu mir!" - "Du, der Abend war wirklich wunderschön, ich danke dir, dass du mitgekommen bist. Aber jetzt wird es Zeit zu gehen, ich bringe dich nach Hause, sonst wird man nachher noch nach dir suchen, es ist schon nach 21 Uhr." - "Aber ...", entgegnete Julia enttäuscht.





Dann holte sie tief Luft, ging auf Nicolas zu und kitzelte ihn kräftig. Er lachte laut und dröhnend und erwiderte ihre Aktion, worauf auch Julia lachte und nach Luft schnappte, denn sie war ganz besonders kitzelig.





Mit einem Ruck zog er sie plötzlich an sich und schaute ihr schweigend in die Augen.





Julia konnte dem Blick des älteren Mannes nicht standhalten und starrte verlegen auf seine Schuhe. Nic sah sie ernst an: "Julia, du … ich ..." Doch Julia unterbrach ihn: "Darf ich Sie etwas fragen, Nicolas?" Jetzt wurde er richtig nervös und er hoffte inständig, dass sich das Kind nicht in ihn verliebt hatte.





Julia lächelte zaghaft. "Seit ich Sie das erste Mal getroffen habe, geht es mir endlich nach langer Zeit mal wieder so richtig gut. Sie hören mir zu, mit Ihnen gibt es viel zu Lachen und Sie sind für mich auch da, wenn ich etwas auf dem Herzen habe. Mein Onkel kann mir das nicht geben", erzählte Julia traurig. "Und deshalb möchte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht so etwas wie ein Vater für mich sein wollen?" Nicolas rieb sich überrascht, aber auch sehr erleichtert und ein bisschen verlegen die Nase. Er war kein wirklicher Ehrenmann, aber einen Teenager zu verführen, hätte er sich vor Gott niemals verziehen. "Sagen wir mal, ein väterlicher Freund?", entgegnete Nic freundlich. "Das wäre schön!", strahlte Julia und drückte fest seine Hand und alsbald machten sie sich auf den Heimweg.

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Zur gleichen Zeit kam Halina von einem abendlichen Stadtgang zurück und fand das Haus der Fullers leer vor. An der Tür hing ein kleiner an sie gerichteter Zettel, der sie unterrichtete, dass Armin und Melissa auf einen Umtrunk zu den Kappes gefahren waren und dass sie gerne nachkommen möge. Doch Halina war zu müde und entschied sich, früh zu Bett zu gehen. So schloss sie die Tür auf und bemerkte nicht den Schatten, der unbeweglich an der Hauswand verharrte.





Kaum war sie im Inneren des Hauses verschwunden, setzte sich der Schatten samt seinem Besitzer in Bewegung und fing die Tür im letzten Moment auf, bevor sie ins Schloss fiel. Halina ging ins Schlafzimmer der Fullers, um aus ihrem Koffer die Kleidung für den folgenden Tag zu holen und schon einmal zurechtzulegen, darin war sie stets sehr genau.





Unbemerkt huschte ihr die schwarz gekleidete und vermummte Gestalt hinterher.





Als sie den Fremden erblickte, durchfuhr sie der Schreck wie ein Stromschlag. Blitzartig fiel ihr die Meldung der vergangenen Tage ein, die versuchte Vergewaltigung einer der beiden Frauen des kleinen Lädchens Chez Poulain! Der Mann näherte sich ihr langsam und bedrohlich, sagte aber kein Wort.





"Bitte ... bitte tun sie mir nichts!", brachte sie nur leise hervor.





Doch der Mann lies sich nicht beirren und griff beherzt zu ...





... schob den schwarzen Stoff über seinem Mund beiseite und küsste sie innig.





Halina hatte trotz rasender Gedanken schnell erkannt, dass es keinen Sinn machte, sich in irgendeiner Weise zu wehren, es blieb ihr nur zu hoffe, dass Armin und Melissa jeden Augenblick zurückkämen. Aber dies geschah nicht. Der Vermummte zerriss zwar nun in deutlicher Erregung ihre Bluse, war aber ansonsten ungewöhnlich behutsam, ja fast zärtlich zu seinem Opfer. Nur als sie sich einmal aufzurichten versuchte, drückte er sie fest und bestimmt zurück in die Kissen.





Und so schloss sie ihre Augen zu und lies alles, was nun folgte, über sich ergehen.

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"Wie konnte das passieren, Armin, warum haben wir sie alleine gelassen?", weinte Melissa wenige Stunden später, der Tag war noch nicht angebrochen. "Psst, jetzt weck sie doch nicht auf, sie braucht jetzt Ruhe und die soll sie hier bekommen. Das ist das Einzige, was wir im Moment für sie tun können."





"Warum?? Warum nur??!! Ich habe es doch gewusst, aber es hat ja keiner auf mich gehört, das Schwein ist zurück!", flüsterte Melissa verzweifelt. "Ich weiß es nicht, Schatz, ich weiß es nicht", sagte Armin resigniert. "Aber wir sollten uns jetzt keine Vorwürfe machen. Halina ist eine erwachsene Frau, wir hätten sie eh nicht davon abhalten können, das Haus alleine zu verlassen. Komm, lass uns runtergehen und noch einen Wein trinken, wir können jetzt, wie gesagt, absolut nichts für sie tun, außer dafür zu sorgen, dass sie sich ausschlafen kann, zum Glück ist sich nicht verletzt, wie der Doc sagte. Und morgen sehen wir dann weiter, ja?!"





Mit diesen Worten schob Armin seine zitternde Freundin langsam die Treppe hinunter und setzte sie auf einen Sessel. Dann ging er in die Küche, holte zwei Weingläser aus dem Regal und zog den Korken aus einem besonders guten Jahrgang. Melissa stand unruhig wieder auf und schaute ängstlich aus dem Fenster, ihr Herz klopfte laut und wild. Kalter Schweiß vermehrte sich auf ihrer Stirn. Wie sollte es bloß weitergehen? Wie sollte sie sich je wieder wohl und sicher fühlen in diesem Haus?





„NEIIIIIIN!!!“ Im Pfarrhaus in der Simlane Nr. 1 stieß Pfarrer Nicolas einen entsetzten Schrei aus, als er von der grausigen Neuigkeit erfuhr und betete die halbe Nacht um Gottes Rat und Schutz für alle weiblichen Inselbewohner.

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Am nächsten Morgen kam Julia und wollte ihren neu gewonnenen "Papa" besuchen. Gerda runzelte die Stirn, setzte ihr aber ein Sandwich vor die Nase, da Nicolas noch im Bad zugange war. Siegfried knurrte sie um ein Stückchen davon an, was Julia aber inzwischen nicht mehr aus dem Konzept brachte. Dann kam Nicolas herein, er sah verstört aus.





"Julia! - Kind, was machst du denn hier? Du darfst doch nicht alleine herkommen!!!", rief er aufgebracht. "Aber warum denn nicht?", fragte Julia verwundert. Da erzählte er ihr, was sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte und brachte das daraufhin ziemlich verschreckte Mädchen zurück nach Hause, bis direkt vor die Tür ihre Wohnhauses, und gebot ihr, es vorläufig nur noch in Begleitung ihres Onkel Joseph zu verlassen und unter keinen Umständen dort alleine zu sein. Dann fuhr er auf schnellstem Wege ins Pfarrhaus zurück.





"Nic, ich habe eine umgehende Sondersitzung der MJN zusammengerufen. Natürlich nur die Männer. Auf Gerda passt Siegfried auf und Halina und Melissa werden von Armin eingeschlossen und sitzen direkt neben dem Telefon." Sein Zwillingsbruder nickte. "Geht klar, das hätte ich jetzt auch so vorgeschlagen. Ich möchte auch, dass Hans ab jetzt immer bei Meetings dabei ist, der Junge ist alt genug, um von uns gefördert zu werden." Albert war sich nicht sicher, ob diese Idee gut war, da er Hans als wenig verantwortungsbewusst empfand. Aber Nicolas hatte entschieden und so galt es wie immer sich zu fügen.





"Wo bleibt denn nur dieser Gieke?", wetterte Nicolas ungeduldig, als sie im Gemeindekeller unter der Kirche Platz genommen hatten. "Hoffentlich hat ihn nicht auch dieser Verbrecher geholt!", grinste Hans. "Halt deinen vorlauten Mund, Junge, und rede nur, wenn du gefragt wirst! Er ist auf die Toilette gegangen, die Sache geht ihm offenbar sehr nahe, er musste sich übergeben", schimpfte Albert, der sich in seiner Vermutung, dass sein Sohn noch nicht reif genug für die Arbeit der MJN war, in diesem Moment bestätigt fühlte. "Gut, dann fangen wir eben ohne das Sensibelchen an", seufzte Nicolas. Dann beriet man sich eine geschlagene Stunde lang, in der Hans immer wieder ungefragt unbrauchbare Vorschläge machte, bis er die Idee mit den Bodyguards auf den Tisch brachte, die alle aufhorchen ließ. "Hervorragend, mein Junge!", sagte Albert plötzlich und warf sich stolz an die Brust, "so machen wir es!"

Und so beschlossen die MJN, in jedes Haus der Insel mit weiblichen Bewohnern ab sofort einen Leibwächter zu setzen. Nicolas selbst hatte in seiner Studienzeit mit diesem Job seinen Lebensunterhalt finanziert, deshalb stellte er sich gleich persönlich zur Verfügung. Für den Rest der Ansiedlung wollte er noch am selben Tag ein paar ehemalige Kollegen zusammentrommeln. Aber vorher musste die Maßnahme noch auf schnellstem Wege durch die Bezirksverwaltung der angrenzenden Stadt, die für die rechtlichen Belange der Insel zuständig war, denn ohne offiziellen Erlass ging schließlich gar nichts! Aber das würde für einen so einflussreichen Mann wie Nicolas Kappe kein Problem sein.





Seine erste Amtshandlung als Aufpasser erledigte er gleich vor der Kirche, als beim Verlassen des Grundstücks eine junge, schick gekleidete Dame auf ihn zukam. Er klärte sie kurz über die zukünftigen Regelungen auf und Verbot ihr strikt das Tragen von hohem Absatzschuhwerk, da es den gesuchten Verbrecher reizen könnte. Er sagte das in einem derart unangenehmen und lauten Tonfall, dass die junge Frau sofort verschreckt ihre Schuhe auszog und barfuss nach Haus flüchtete.

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Nachdem die neue Vorsichtsmaßnahme offiziell genehmigt war, beriet man sich auch im Hause Simlane 10. "Och, bitte!! Warum denn nicht? Erlass ist Erlass, wir können uns eh nicht davor drücken“, meinte Julia, „Onkel Joe ist fast den ganzen Tag aus dem Haus, wir müssen auf jeden Fall einen Leibwächter aufnehmen, warum dann nicht gleich Nicolas Kappe?“ Jessica schauderte. "Kindchen, Herr Kappe bekleidet eines der höchsten Ämter der MJN, sowas setze ich mir doch nicht in die Bude, der observiert mir doch das gesamte Haus!" – „Aber nein, er ist total lieb. Ich kenne ihn sehr gut, wir haben schon viel zusammen unternommen. Er war wenigstens für mich da, wenn ihr mal wieder keine Zeit für mich hattet!", schimpfte Julia jetzt los und versetzte ihren drei Mitbewohnern einen gehörigen Schrecken. "Aber Julia! !", rief Joseph empört. Seine Nichte stand auf und stampfte mit dem Fuß auf. "Wenn nicht er sondern ein anderer in unser Haus kommt, ziehe ich aus und fliege zu Mama!" Dann rannte sie in ihr Zimmer und knallte die Tür zu. Jess, Naike und Joseph sahen einander an und seufzten. Ein paar Worte später hatten sie begriffen, dass es keine vernünftige Alternative gab.





"Julia, ich halte es immer noch für eine bescheuerte Idee. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du einen Mann als "lieb" bezeichnest, der ein Schwein ist." Julia frohlockte und amüsierte sich über die alte Dame und ihre oft vorschnellen Urteile.

*





"Naike, jetzt warte doch mal, eine alte Frau ist doch kein B-Zug!", keuchte Jessica. "D-Zug, Jessica!", lachte Naike und rannte den kleinen Hang zu Voodoo Moms Haus hoch.





"Na ihrs, seid willkommen! Lieb, dass ihr mal vorbei schaut!" - "Zu zweit am Tage dürfen wir ja wenigstens noch. Außerdem ist der Kappe-Knilch noch nicht da, er wird heute am Abend eintreffen", verriet Jessica, die den Hang inzwischen gemeistert hatte und wunderte sich: "Sag mal, seit wann hast du denn ein Motel direkt vor der Nase?" Voodoo Mom runzelte bei dem Wort „Motel“ die Stirn. „Nun ja, die Insel baut sich so langsam leider wie von selbst zu". Während die beiden älteren Damen über die modernen Zeiten die Nase rümpften, trat Naike nervös von einen Fuß auf den anderen und linste zu besagtem Motel hinüber.





Nach Betreten des Hauses lüftete Voodoo Mom ein lange umrätseltes Geheimnis, nämlich die Seltsamkeit, dass es von außen deutlich größer erschien als von innen, wo sich sichtbar nur ein einziger Raum nebst Bad befand. Nun aber murmelte die schwarze Hexe ein paar Worte, das Bücherregel schwang unmittelbar zur Seite und legte den Eingang zu einem weiteren Raum frei. Naike staunte nicht schlecht und sah sich neugierig um.





"Setzt euch doch, ich mache uns erstmal einen guten Tee."





Dann bekakelten die drei Damen die aktuelle Situation auf der Insel. Voodoo Mom weigerte sich strikt, sich einen Bodyguard ins Haus setzen zu lassen. Sie hatte es geschickt mit einem kleinen Zauber belegt, der ungebetene Gäste fernhielt, und so konnte sie sich ungestört zurückziehen, denn jeder Mensch vom Amt, der die Hexe aufsuchen wollte, hatte vor ihrem Haus plötzlich vergessen, was er dort eigentlich wollte. Und so erschien bald niemand mehr. Naike fand den Zauber sagenhaft und überlegte, ob sie sich ihn zeigen lassen sollte, um Joseph zukünftig ohne mühsame Ausflüchte von ihrem Schlafzimmer fernzuhalten.





"Vielen Dank für den Tee, Voodoo Mom, aber irgendwie hat er bei mir eine treibende Wirkung." - "Ist ja auch Abführtee", grinste ihre Gastgeberin. Jess sah sie entsetzt an, Voodoo Mom kicherte amüsiert.





"Ui, dann laufe ich mal schnell zum Motel rüber und suche mir eine bequeme Schüssel. Komme gleich wieder!" Und schon war die Jüngste im Bunde aus dem Raum geflitzt.





"Sag mal, spinnt sie jetzt völlig? Ich habe doch auch eine Toilette im Haus! Außerdem war das mit dem Abführtee doch nur ein Scherz." - "Hm, vielleicht wollte sie deines nicht beschmutzen?", mutmaßte Jessica. Voodoo Mom runzelte erneut ihre eh schon sehr runzelige Stirn und überlegte, was Naike wohl wirklich im Motel wollte? Dann sprachen sie über Doc Blyths Pläne, seine Praxis zu vergrößern. Nach einer vollen Stunde kam Naike endlich zurück und sah sehr erleichtert aus.

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Während im Haus von Voodoo Mom inzwischen schon die dritte Tasse Tee gehoben wurde, lag Gerda Kappe daheim in ihrer Badewanne und gab sich einer beginnenden leichten Depression hin. Ihr Schwager Nicolas war im Begriff sich zu verabschieden. Nun würde alles wieder so langweilig werden wie vor seiner Ankunft, trauerte sie.





Völlig fix und fertig war Hans, der sich so sehr an sein neues großes Vorbild gewöhnt hatte und stets in seiner Nähe sein wollte. Warum sollte sein Onkel nur jetzt bei diesen grässlichen Hexen wohnen? Ob er Julia lieber hatte als ihn?





"Aber Junge, du wirst doch nicht etwa weinen? Willst doch mal ein gestandener Mann wie ich werden, oder? Dann darfst du dir keine schwachen Momente leisten! Außerdem bin ich nicht aus der Welt, sondern wohne lediglich ein paar Häuser weiter. Es ist meine Pflicht, wir müssen das Schwein dingfest machen und verhindern, dass er noch mehr Frauen belästigt, das wirst du doch sicher verstehen.





Aber dann zeigte Nicolas doch noch seine weiche Seite und umarmte seinen Neffen mit festem Griff. "Halt die Ohren steif, meine Junge, wir schaffen das!" Hans schniefte und hatte gerade kein Taschentuch bei der Hand, so wischte er sich die Nase an seines Onkels Jackett ab.





Als es Abend geworden war, stand auch schon das Taxi vor der Tür, welches Nicolas und sein Gepäck hinüber in die Simlane 10 bringen sollte. Seine Neffen und Nichten begleiteten ihn mit jeweils mehr oder weniger trauriger Miene zum Wagen, in den er dann schnell mit einem kurzen Gruß einstieg. Lediglich Albert schaute sehr zufrieden und erleichtert aus dem Fenster, als sein Zwillingsbruder das Pfarrhaus verließ und freute sich schon riesig, kommende Nacht endlich wieder in seinem eigenen Bett schlafen zu können.

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Blass, blond, schlechte Zähne und ohne jegliches Haar am Körper - vielen Dank, Real-Naike, dachte Sim-Naike und zürnte ihrem Alter Ego. "Willkommen in unserem bescheidenen Heim, Herr Kappe, vielen Dank, dass sie sich die Mühe machen und uns bewachen wollen … äh ... und sich auch so nett um Julia gekümmert haben", begrüßte die Hausbesitzerin ihren Gast überfreundlich, um die kommende gemeinsame Zeit unter einem Dach gleich von Anfang an so vernünftig wie möglich zu gestalten.





"Ja, danke, sehr nett. Ich werde mein Ding schon drehen", entgegnete Nicolas deutlich weniger höflich und besah sein Gegenüber mit relativer Geringschätzung. Er war sich nicht sicher, ob diese Frau überhaupt beschützt werden musste, hatte sie sich doch schließlich völlig freiwillig mit einem Straftäter eingelassen! Und an dieser alten Hexe Jessica würde sich wohl eh niemand vergreifen, war sein Gedanke. Im Grunde fühlte sich Nicolas also hauptsächlich für Julia zuständig, nahm sich aber vor, allein aus Prinzip auch die erwachsenen Frauen des Haushalts im Auge zu behalten. Vielleicht bekam er hier sogar Hinweise auf die Identität des Frauenschänders?





Siegfried verstand sich nach erstem Beschnuppern sogleich gut mit dem kleinen Shakespeare. Wenigstens gab es mit den Tieren schon mal keine Probleme, wie zuerst befürchtet.





"Du, der Wicht ist ja wohl unsympathisch hoch drei, oder?", raunzte Joe genervt. "Ach, komm, es hilft doch alles nichts, wir stehen das jetzt durch. Ich kann nur sehr hoffen, dass sie den Gesuchten bald haben, denn viel schlimmer als die Anwesenheit dieses Mannes ist doch die Ausgangssperre für uns." Joe lächelte wieder einmal sein unwiderstehliches Tallis-Lächeln. "Ich begleite dich wohin du willst und wann du willst, ok?!" – Na, das fehlte mir jetzt noch, dachte Naike, entgegnete aber ziemlich trocken: "Ja, danke dir."





Sein erstes Abendessen im Hause Le Normand fand Nicolas schlecht und verzichtete deshalb auf jegliche Nahrungsaufnahme. Er setzte sich aber immerhin dennoch mit an den Tisch und breitete dort Schachfiguren aus. Nun ja, Hauptsache, man(n) langweilte sich nicht. Die anschließende Dusch-Arie, bei der er eine halbe Stunde lang seltsam an sich herumzwirbelte, bekam zum Glück keiner mit. Danach wagte er noch ein Tänzchen mit Julia auf der Terrasse, wo er auch bereits die Sonnenliege mit Beschlag belegt und für sich zum Schlafen hergerichtet hatte. Offenbar hatte er vor, die gesamte Nacht über das Grundstück im Visier zu behalten.





"Ja“, flüsterte Naike hinter dem Haus in ihr Handy, „ich weiß, dass die gesamte holde Weiblichkeit der Insel nachts Ausgangssperre hat, und jetzt ist auch noch seit heute Nachmittag dieser Kappe-Leibwächter da. Aber denkste, ich halte mich daran? Der schläft auf der Terrasse, da kann ich mich schon irgendwie wegschleichen. ... Wo ist das? ... Ja gut, das finde ich schon, wozu gibt es Taxis und Fähren, komme schon irgendwie von dieser vermaledeiten Insel runter. ... Ja, ich passe auf mich auf, habe mein Pfefferspray dabei. Bis nachher, Schatz!"

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Sie hatte also nicht vor, sich an die Vorschriften zu halten, viel zu groß war ihre Sehnsucht nach ihrem Liebsten. Adam war inzwischen aus dem Motel wieder ausgezogen, da es ihm zu brenzlig erschien, sich weiter auf der Insel aufzuhalten, und wohnte nun vorübergehend im Haus eines alten Schulfreundes in der Stadt, der für einige Zeit mit seinen WG-Kumpanen verreist war. Sie staunte nicht schlecht, als sie vor dem außergewöhnlichen Loft stand.





"Hi Ad, das ist ja toll hier!" - "Da bist du ja endlich! Ja, das ist schon 'ne verrückte Bande, die sonst hier wohnt, so 'ne Art Spät-Hippies." - "Und du hast den Kleiderschrank deiner Gastgeber geplündert, wie ich sehe. Nennst du dich jetzt nicht mehr Franco, sondern Wotan?", spielte Naike auf das T-Shirts ihres Freundes an. Beide lachten. "Jo, ein bisschen ungewohnt, aber bequem. Eine Stil-Änderung war eh angesagt, dann erkennt mich im Notfall keiner auf den ersten Blick. Außerdem fühle ich mich jetzt um Jahre verjüngt", grinste Adam.





"Wir sind doch wirklich noch jung, Professorchen. Du könntest dich mit weniger Bart doch glatt unter Studis mischen und keiner würde es merken. Hast Du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, dich nach dem Theater hier wieder an einer Hochschule zu bewerben?" - "Weiß nicht, ob das Sinn macht, weil ich ja gesessen habe. Aber wir werden sehen, ich würde schon gerne." Naike bestaunte noch immer das geräumige Haus. "Ach, ich wünschte, ich hätte auch soviel Platz bei uns daheim, wir treten uns dauernd auf die Füße." - "Ich hoffe, Joe tritt dir nicht zu nahe", knurrte Adam, „schon was Neues in Sachen feiner Bruder?" Sie schüttelte den Kopf und bestätigte ihr Bemühen um baldige Klärung. Dann zog Adam sie die Treppe hinauf ins Obergeschoss, während die Kaffeemaschine vor sich hinblubberte und ihren angenehmen Duft verströmte.





"Schau, hier oben ist noch mal soviel Platz, wir haben zig Matratzen zur Verfügung, welche willst du?", fragte Adam keck und nestele bereits wieder an ihrer Kleidung herum.





"Du, ich möchte heute mal ausgehen“, drückte sie ihn sanft von sich. Wir müssen ja nicht gerade die beliebtesten Clubs aufsuchen, wo bekannte Gesichter herumhängen könnten, aber im Moment bleiben die meisten Nachbarn doch eh zuhause. Ich muss einfach mal raus, brauche Tapetenwechsel!" – „Aber diese Tapeten hier sind doch auch seeehr außergewöhnlich, äh … gewöhnungsbedürftig, oder?!", witzelte Adam. "Aber wenn du möchtest, ich kenne eine Bar, die ziemlich neu ist, also sicher noch nicht gut besucht, da könnten wir hin." Naike strahlte und kuschelte sich im Taxi, welches sie nach einem kurzen Kaffee dann nahmen, glücklich an Adams breite Brust, hatte sie also doch umsonst befürchtet, dass er sich für nichts anderes als den Austausch von Zärtlichkeiten eignete.





An besagter Bar angekommen, wurde Adam allerdings doch sogleich argwöhnisch von einem Typen in roter Jacke angeglotzt. Dieser sprach ihn zwar nicht an …





... doch er fühlte sich danach nicht mehr halb so sicher wie vorher, drehte kurz vor der Eingangstür abrupt um und zog Naike zurück ins Taxi.





Aber so schnell aufgeben wollte er nicht. In der Stadt fand an diesem Tag die alljährliche Nacht der Museen statt und so entschieden sich die beiden, ihren Ausflug in das nahe gelegene Museum für moderne Kunst zu verlegen, wo wie üblich eh kaum jemand zu erwarten war.





"Gefallen dir die Bilder, Adam?" - "Hm ... ist wohl eher was für Joseph, er ist total geil auf moderne Kunst. Ich mag ehrlich gesagt viel lieber die alten Meister." - "Ich auch! Schon damals im Kunst-Leistungskurs an der Kollegschule fand ich d..." Naike klappte mitten im Satz ihren Mund verschreckt zu, das gehörte doch gar nicht zu diesem Leben! "Was ist denn eine Kollegschule? ... Hey, was ist denn plötzlich los, Kleines? Warum schaust du so traurig?" Plötzliche Momente der Erinnerung an ihr anderes Leben brachten sie jedes Mal völlig aus dem Konzept. Was sollte sie sagen? Adam, wir sind nur bunte Pixel? Wohl kaum. Deshalb brachte sie schnell eine andere Sache zur Sprache, die sie erwartungsgemäß bedrückte: „Du, das mit Joseph ist so schwierig. Ich hasse es, mich immer wieder zu dir schleichen zu müssen, ich will immer bei dir sein. Jetzt sofort!" Aber es gab noch etwas, was sie noch viel mehr bedrückte, aber das behielt sie vorerst für sich. Zu sehr fürchtete sie sich vor Adams Reaktion auf diese sehr unschönen Gedanken.





"Mir geht es doch genauso. Aber irgendwie ist es doch auch aufregend, oder?! Stell dir vor, wir säßen tagtäglich zusammen im Wohnzimmer und hätten beim Sex Wollsocken an!“, lachte Adam und zwinkerte seiner Freundin aufmunternd zu. „Komm, du wirst es schon schaffen, bald können wir an die Öffentlichkeit gehen. Hast du denn schon mit Julia gesprochen?" - "Nein, noch nicht. Bin jetzt erstmal mit Joe beschäftigt, er ist in den vergangenen Tagen sehr unzugänglich, ich habe ihm wohl an dem Tag, an dem ich zur dir ins Motel fuhr, ordentlich vor den Kopf gestoßen. Aber er wollte mich aufhalten." Adam legte seine kräftigen Arme um sein zartes Mädchen und küsste sie hingebungsvoll. Niemand nahm zwischen den Bildern Notiz von ihnen, außer ...





... eine ältere Dame, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte, sich zuerst als Mlle. Marguerite Kurte vorstellte und Adam anschließend kräftig eins mit ihrer Tasche überzog, die offenbar mit Beton gefüllt war, denn er sah für einen Moment Sternchen. Sie murmelte etwas von Anstand und Sitte, konnte den groß gewachsenen Mann jedoch damit nicht im geringsten beeindrucken. Er brauchte nichts zu erwidern, schob nur seine Sonnenbrille auf die Nasesitze und sein dadurch freigelegter drohender Blick, bei dem die buschigen schwarzen Augenbrauen seine Augen beinahe komplett verdeckten, reichte aus, um Mademoiselle Kurte hurtigst Reißaus nehmen zu lassen. Naike grinste, da sie die alte Moral-Schachtel ja bereits aus vielen Stunden beim Spielen am Rechner kannte.





Dann wandte sich Adam trotz seines schmerzenden Kopfes wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zu. Seinen Vorschlag eines Schäferstündchens zwischen den Kunstwerken lehnte Naike jedoch ab, obwohl es ihr sehr verlockend erschien. Aber was war, wenn wegen Erregung öffentlicher Erregung die Polizei kam? Gar nicht auszudenken! Also lieber nicht, vielleicht später einmal.

*





Und so gingen die beiden draußen noch ein wenig spazieren, unterhielten sich über Gott und die Welt und begegneten in der kleinen Parkanlage des Museums einer der vielen Wahrsagerinnen der Sims-Welt. Zum Glück war es nicht Jessica, aber die praktizierte ja schon lange nicht mehr, weil sie sich inzwischen auf das lukrativere Romanschreiben konzentriert hatte. Die Wahrsagerin schaute wie üblich seeehr geheimnisvoll und bat zuerst um Adams Hand, betrachtete seine Handfläche, runzelte leicht die Stirn, und schloss anschließend seine Finger zu einer Faust. Dann nahm sie Naikes, die es ebenfalls geschehen ließ und Adam schnell grinsend zuflüsterte: "Sie werden bald heiraten ..." - "Ihr werrrdet einander in nicht allzu langerrr Zeit heirrraten ...", bestätigte die alte Dame mit starkem Akzent Naikes Vermutung sogleich. Naike zwinkerte Adam zu und flüsterte wieder: "Und Ihr werdet bekommen viiiele Kinderlein!" - „Und du wirst drei Kinder von diesem Manne zur Welt bringen ...", setzte die Wahrsagerin erwartungsgemäß fort.

Adam grinste wie ein Honigkuchenpferd und Naike lachte. Das waren die typischen Standardaussagen, die Pärchen regelmäßig prophezeit wurden, die glücklich miteinander aussahen. Sie war schließlich selbst vom Fach, was ihre Kollegin ja eigentlich hätte "sehen" müssen, würde sie ihr Handwerk verstehen. "... einen Jungen und zwei Mädchen", vollendete die seltsam gekleidete Damen dann aber noch anschließend ihren vorher begonnenen Satz. „Derrr Junge wird Sean heißen, die Mädchen Johanna und Marie. Aber seht euch vor, ihr werrrdet ein Leben lang um eure Liebe zueinander kämpfen müssen, wenn ihr keinen verrrnünftigen Weg findet, eure unrrruhigen Geister zu zähmen!" Naikes Lachen ging augenblicklich in einen eher erstaunten, beinahe erschreckten Gesichtsausdruck über und Adam kratzte sich schmunzelnd leicht verlegen am Kopf. Die Wahrsagerin nickte noch kurz und verschwand dann so schnell wie sie gekommen war wieder in der Dunkelheit, ohne einen Simoleon für ihre Prophezeiung zu verlangen.





"Und jetzt?" - "Was und jetzt?" - "Was denkst du?" - "Weiß nicht, was du?" - "Das war schon ganz schön unheimlich“, sagte Adam kleinlaut, „machst du auch manchmal so seltsame Voraussagen?" Naike schmunzelte statt zu antworten, ihr leicht verwirrter Gesichtsausdruck brachte ihr Gegenüber wieder zum Lachen. "Na, dann lass uns doch gleich mal an der Verwirklichung der Prophezeiung arbeiten, damit sich die alte Tante nicht blamiert", schlug Adam gewitzt vor. "Da hinten ist ein hervorragendes Gebüsch, um Sean, Johanna und Marie ins Leben zu rufen." Jetzt lachte auch Naike wieder und boxte Adam ob dieser absurden Idee kräftig gegen seinen Arm. Dann brachen sie aufgrund der späten Stunde auf. Er brachte sie zum Hafen und ließ sich von ihr versprechen, dass sie nach ihrer Ankunft sogleich ein Taxi schnurstracks nach Haus nehmen würde. Beinahe hätte die Fähre ohne Naike abgelegt, da sie an ihrem Liebsten klebte wie ein Kaugummi unterm Schuh. Und noch einen Kuss ... und noch einen ... und dieser klitzekleine noch ...



Kapitel 12 - Der Hierophant
Kapitel 14 - Sag mal, vertraust du mir?