Kapitel 11 - Der krude Plan



"So, Leute, lasst uns auf unsere wundervolle große Julia anstoßen! Sie lebe hoch!!" Joe tat übertrieben fröhlich und lächelte wie ein Zirkusclown, was der scharfen Beobachtungsgabe von Voodoo Mom nicht entging.





"Joseph, lass es gut sein, mach dich nicht lächerlich", flüsterte sie ihm ernst ins Ohr, "es ist besser, wenn du die Party jetzt mal langsam beendest, du bist doch völlig neben dir."





Er hielt inne, überlegte kurz, schüttete sich dann das ganze Glas Champagner auf einmal die Kehle hinunter und begann sich von seinen Freunden zu verabschieden.

*





"Wo ist eigentlich Naike abgeblieben? Ich habe sie seit mindestens einer halben Stunde nicht mehr gesehen." - "Weiß ich nicht", sagte Joe tonlos. Julia sah zu Jess hinüber, die sich dem Abwasch widmete, aber diese zuckte ebenfalls mit den Schultern. "Na, dann geh sie schon suchen!"





Joseph trat vor die Tür und rief nach ihr. Aber dann sah er, dass sein Auto nicht mehr in der Parkbucht stand.





"Hast du sie gefunden?", fragte Jess und wischte sich die nassen Hände an ihrem Rock ab.





"Nein“, antwortete Joe traurig. „Du, ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht. Es war noch zu früh, sie zu fragen." Jessica war sofort klar, was er meinte. "Du hast um ihre Hand angehalten???", rief sie überrascht. "Ja, aber sie hat verneint." - "Hätte ich auch. Sorry, aber ich will ehrlich sein. Ihr seid doch erst seit kurzem ein Paar und der Verlust von Adam ist gerade mal ein paar Monate her." - "Ja, das ist mir inzwischen auch klar", sagte er betrübt. „Ach, Kopf hoch, junger Mann“, versuchte ihn die alte Dame ein wenig aufzumuntern und streichelte seine Schulter, „sie wird schon gleich zurückkommen. Lass es ruhig angehen, heute ist nicht aller Tage Abend."

Dann ging sie zurück ins Haus. Im Gegensatz zu ihrem Mitbewohner war sie an diesem Abend sehr glücklich, denn Armin war gekommen. Die beiden hatten zwar nicht wirklich geflirtet, aber Jessica hatte dennoch bemerkt, dass Armin sie hin und wieder beobachtet hatte. Außerdem hatte sich ein entspanntes Gespräch ergeben. Voller Hoffnung ging sie nun zu Bett.

*





Adam und Naike waren inzwischen in der Simlane 6, dem Haus der Tallis', angekommen. Naike hatte sich auf der Fahrt durch den frischen Wind wieder ein bisschen gefangen, aber im Wagen mehrmals übergeben müssen, und der Boden schwankte noch immer ein wenig unter ihren Füßen, als sie aus dem Wagen stieg. "Adam, warte ... bitte bring mich wieder nach Hause, schau doch wie ich aussehe!" Er schüttelte verständnislos den Kopf. "Du machst dir jetzt Gedanken über dein Aussehen? - Reinkommen, aber dalli!!!" Sie musste unwillkürlich lächeln, das war der alte Adam, keine Bitten, sondern Befehle.





"Komm, setz dich zu mir und trink erstmal einen Schluck Wasser." Sie zögerte und wirkte leicht verwirrt. "Ad ... ich ... die anderen werden mich suchen ... ich muss Bescheid sagen, dass ..."





"Nichts wirst du tun, sollen sie doch die Insel absuchen, bis sie schwarz werden!!", lachte Adam höhnisch, dann schubste er Naike aufs Sofa und riss mit einem gezielten Griff ihr sündhaftteures Cocktailkleid in zwei Hälften.





"Los! Ab unter die Dusche, du riechst wie ein Heckenpenner, meine Süße!"





Unter dem warmen Wasserstrahl konnte sich Naike langsam wieder entspannen. Alles fühlte sich an wie ein wunderbarer Traum - und sie hoffte, dass er nie zu Ende ginge.





"Was ist, wenn ich doch gleich aufwache? Das würde ich nicht überstehen." Adam hob sanft ihr Kinn und küsste ihre geschlossenen Augen. "Was kann ich denn tun, damit deine Zweifel endlich verfliegen, du ungläubiger Thomas?", fragte er liebevoll lächelnd. Für einen Moment war es still im Raum, lediglich das Wasser, das aus der Düse kam, machte ein leises, summendes Geräusch und rann über ihre eng aneinander geschmiegten Körper. "Zeig mir Deine Narbe!" - "Kein Problem, sie ist nicht zu übersehen!"





Naike ging langsam in die Knie und glitt mit Mund und Nase über seine Brust bis zu seinem Bauch hinunter. Und da war sie tatsächlich. Nicht besonders groß, aber deutlich zu sehen und auch zu spüren, als sie mit ihrer Zunge sanft darüber fuhr.





Plötzlich zog Adam sie an den Schultern. "Komm hoch … komm bitte hoch!“ Seine Stimme brach und er zitterte am ganzen Körper. "Ich werde dich nie wieder loslassen!"





"Lass mich nie wieder allein, Adam", begann sie zu schluchzen und auch ihm rannen die Tränen. "Ich liebe dich, meine Süße, auf Gedeih und Verderb. Du wirst jetzt für immer meins sein. Dafür werde ich sorgen, so wahr ich Adam Tallis heiße."

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Der Heilige Mensch beharrt im Wirken des Nicht-Tun.
Wandeln, nicht Rede ist seine Lehre.
Alle Wesen treten hervor und er entzieht sich ihnen nicht.
Er erzeugt und besitzt nicht,
Er wirkt und gibt nichts darauf,
Ist verdienstliches vollendet, besteht er nicht darauf.
»Weil er nicht darauf besteht,
Darum es ihm nicht entgeht«.

Laotse, Tao te king, Buch 1, Kap. 2





"Die Sonne nimmt Abschied, Liebster, Ihr solltet Euch eilen!"





"Aber mich hungert und dürstet, bereitet mir bitte noch ein Mahl."





"Nehmt dies, mein Gemahl wird es nicht zählen. Aber nun müsst Ihr bitte gehen!"





"Nun, gute Nacht! So süß ist Trennungswehe!" - "Gehabt Euch wohl und gute Heimkehr!"





"Was muss ich sehen in meinem Hause? Mein Bruder mir mein Weibe nimmt??"





"Sie war Dein, nun ist sie die Meine, denn Ihr habt sie verkannt. Also nehmt es hin oder ich kämpfe um sie, Bruderherz." - "Nichts da, niemals werde ich von ihr scheiden, drum verlass das Haus oder nimm meinen Handschuh!"





"Ich wähle das Duell, Adam, aber ich trage keine Waffen. Mit bloßer Hand soll es entschieden werden."





"Das ist nicht rechtens, haltet ein!!!"





"Ich flehe Euch an, bezähmt Eurer Hände Schlag!"





"Hinfort mit Euch, schändlich Metze (Anm.: Ehebrecherin), diese Stund' ist uns Mannen allein, auf dass wir sehen, wer Dein Gemahl sich zu nennen vermag!"





"Kleiner Bruder, worauf wartet Ihr? Schlagt schon zu!"





"HÖRT AUF!!!"





"ADAM!!! NEIN!!!"





"Und tschüss, Du alte Schweinebacke, leb' wohl!"





"Das ist jetzt nicht wahr, oder?!" - "Sei doch froh, Schatz, ein Problem weniger. Und jetzt ab durch die Mitte!" - "Wie ... wie redet Ihr denn?" Moment, wo bin ich überhaupt? Hier stimmt doch was nicht! ... Ich ... ICH TRÄUME … träume … träume …





"Einen wunderschönen guten Morgen, du Murmeltier, da bist du ja endlich wach! Ich habe uns Tee gemacht und ein paar Brezeln aufgebacken, kann aber gleich gerne noch Eier in die Pfanne hauen, sollst ja nicht darben", zwinkerte ein frisch geduschter Adam Naike zu, die sich noch völlig verdattert aus den Kissen erhob. "Träume ich noch? Oder bist du wirklich echt?" Adam lächelte. "Willst du jetzt schon wieder eine Testreihe starten wie gestern? Gerne, lang' nur zu!“ Naike verzog den Mund und eine Träne rollte leise über ihre Wange. Adam streichelte sie weg. „Hey, wer wird denn hier weinen? Es ist alles in bester Ordnung, trink' jetzt erstmal einen heißen Tee, wir haben einiges zu besprechen."





"Was willst du besprechen?" - "Na, wie wir es anstellen, dich ebenfalls für tot erklären zu lassen, damit wir beide zusammen ein für immer glückliches Geister-Dasein fristen können." Naike traute ihren Ohren kaum. "Wie bitte?!" - "Nur Spaß“, neckte Adam, „wir wollten uns doch überlegen, wie wir in Sachen Joseph und Julia vorgehen, damit die beiden nicht aus allen Wolken fallen. Komm, leg dich zu mir!"





"Nun komm schon, ich beiße nicht. Äh ... jedenfalls nur selten", zwinkerte er ihr verdächtig guter Laune zu. Naike konnte immer noch nicht so recht glauben, dass da vor ihr auf dem Bett ihr Liebster lag, den sie noch gestern tot geglaubt hatte. Aber dies war kein Traum, er war zurück und zum Anbeißen wie eh und je.





"Ad, es ist mehr als grausam, was Joe uns angetan hat. Wie konnte er das bloß tun? Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen: Er kam einige Tage nach der Tat zu mir und berichtete von deinem plötzlichen Tod. Er gab sich so echt, weinte selbst verzweifelt, ich hatte keinen Moment den Grund zur Annahme, dass es nicht die Wahrheit war. Und Julia! Sie hat so sehr gelitten." Adams Blick verdüsterte sich. "Und mir hat er erzählt, du wärest derart entsetzt über die Enthüllung gewesen, dass ich seit meiner Jugend ein Verhältnis mit meiner Schwester hatte, dass du mich nie wieder sehen wolltest. Und ich Idiot hab' das tatsächlich geschluckt!" Er biss sich auf die Unterlippe und starrte voller Hass ins Leere.





"Das ist Wahnsinn! Ich verstehe es nicht. Das kann doch keine Liebe sein, das ist purer Egoismus", sagte Naike tief betroffen. "Das ist es, ja. Der Kerl ist ja schlimmer als ich“, schmunzelte Adam. „Ich kenne ihn nun schon seit über 30 Jahren, er war im Gegensatz zu mir immer ein eher ausgeglichener Typ, du musst ihm völlig das Hirn verdreht haben." - "Was soll ich jetzt machen, Adam? Ich muss gleich in die Simlane zurück, sonst kommen die noch auf die Idee, die Polizei zu rufen. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mich ihm gegenüber verhalten soll!" Adam atmete einmal tief ein, sah sie festen Blickes an und erörtere ihr nun seinen Plan: "Ich habe mir folgendes überlegt: Sag ihm erstmal gar nichts. Spiele ihm Theater vor! Tue so, als wäre nichts gewesen, distanziere dich aber über die nächsten Tage immer weiter von ihm, so schnell wie es halt möglich ist. Und dann trennt euch! Wenn ich dann auf den Plan trete, ist die Gefahr, dass er völlig austickert und weiteres Unglück geschieht, bedeutend geringer. Hm? Was meinst du?"





„Oje, wie soll das denn gehen? Was, wenn er sich nicht darauf einlässt?“ Naike überlegte einen Moment. „Aber eigentlich … hm … eigentlich habe ich ja sogar einen guten Grund, mich ihm gegenüber distanziert zu verhalten, schließlich habe ich gestern seinen Heiratsantrag abgelehnt." Adam riss die Augen auf. "Du hast WAS???" - "Jetzt reg dich bloß nicht auf, so war es halt. Ich fand es unpassend, mit uns war es einfach noch nicht so weit. Einige Wochen später hätte ich aber vielleicht zugestimmt.“ Seine Augen wurden noch ein wenig größer, so setzte sie gleich noch einen drauf: „Aber warum auch nicht, du warst doch tot!! Und er war sehr lieb zu mir, jedenfalls hat er mir nie die Nase gebrochen." Peinlich berührt sah Adam seine Freundin an, dann räusperte er sich, bevor er zu eigentlich Thema zurückkam. „Zweiter Teil meines Planes ist übrigens, dass du Julia auf meine Rückkehr vorbereitest, indem du sie behutsam an die Idee heranführst, dass Totgesagte manchmal wieder auftauchen. Verstehst du, wie ich das meine? Schaue irgendwelche Filme mit ihr zu diesem Thema - die gibt es ja wie Sand am Meer - und sprich mit ihr vorsichtig darüber, ja?! Und schau, dass sie gute Freunde hat, die sie zur Not seelisch unterstützen können."

Naike überlegte, eigentlich war dieser Vorschlag psychologisch geschickt. Auf jeden Fall besser, als seine Tochter mit seiner Wiederkehr urplötzlich zu konfrontieren. Aber leicht würde es sicher nicht werden, sie bekam bereits jetzt beinahe die Krise, als sie daran dachte, was alles schief gehen könnte. Seufzend nickte sie. „Also gut, ich werde es so machen.“





Adam strahlte erfreut. "Danke, meine Liebste, ich weiß, dass es schwer für dich werden wird, aber du kriegst das hin, da bin ich ganz sicher. Tue es für unsere Zukunft, ja?" Für unsere Zukunft, wie das klang! Und in Adams Armen liegend schmolzen ihre Zweifel plötzlich dahin wie Eis an der Sonne.





Aber dann überwand sie sich und mahnte zum Aufbruch. "Du, ich muss jetzt dringend los, habe aber ein Problem, nämlich kein Kleid mehr." - "Ach ja, ich hatte es gestern zerrissen, entschuldige“, grinste Adam süffisant. „Aber es war eh hinüber, du hast es ja ordentlich ..." Naike verdrehte ihre Augen. "Danke, erinnere mich bloß nicht dran, weiß der Geier, was ich alles getrunken hatte. Aber in Unterwäsche kann ich jetzt wohl kaum nach Hause fahren." – „Stimmt, bei dem furchtbaren Liebestöter, den du da an hast“, meinte Adam frech und tat so, als ob er sich ekelte. „Also bitte! Schließlich hast du dich nicht angekündigt", entgegnete Naike entrüstet, gab ihm insgeheim aber Recht. „Ach, alles kein Problem, hier sind doch noch die Sachen meiner Schwester. Schau, alle fein säuberlich einsortiert. Erinnerst du dich, ihr hattet durch Zufall mal die gleichen Klamotten gekauft. Ziehe also einfach ihr Exemplar davon an und niemand wird es merken!"





"Wie bitte? Ich soll die Klamotten der Frau anziehen, die dich beinahe umgelegt hätte???", rief sie entsetzt. "Nee, also das kann ich nicht, da wird mir gleich wieder kotzübel, sorry." – „Lamentier' nicht, jetzt zieh' es schon an! Dir bleibt eh keine Wahl.“





Naike empfand es als Zumutung, Nastassja Tallis’ Kleidung zu tragen. Sie beschloss, nie wieder auch nur einen Tropfen Alkohol anzurühren.





"Wann sehen wir uns wieder, Adam? Ich glaube nicht, dass ich es länger als eine Minute ohne dich aushalte. Vielleicht auch nur 60 Sekunden." Er lächelte liebevoll. "Komm heute Abend, wenn alle ins Bett gegangen sind, wieder hierher, ja?! Ich koche uns was und wir verbringen den Großteil der Nacht zusammen. Vor dem Morgengrauen schleichst du dich dann zurück, ok?!" - "Aber wie willst du hier leben, ohne dass dich jemand entdeckt? Das klappt doch nie!", gab sie besorgt zu bedenken. „Lass das mal meine Sorge sein, ich bin schon vorsichtig. - Und nun fahr' und vergiss mich nicht!" Er biss sie zum Abschied zärtlich ins Ohrläppchen und schubste sie anschließend zum Jeep seines Bruders. Noch ein Kuss und dann rauschte sie ziemlich aufgelöst Richtung Simlane 10.

*





Ihr war äußerst unbehaglich zumute, als die die Stufen zu ihrem Haus hochstieg. Vor der Türe angekommen zögerte sie. Wie würden Jess und Joe reagieren? Insgeheim hoffte sie, dass keiner da sei und der Drang, auf der Stelle zurückzufahren, war enorm. Aber dann holte sie tief Luft und ging hinein.





"Mensch, Naike, da bist du ja endlich! Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wo hast du bloß gesteckt?", rief Joe sogleich, als er sie erblickte. Und auch Jessica war natürlich ausgerechnet gerade in der Küche. "Kind, bald hätten wir die Polizei informiert, was ist denn passiert?"





"Ich ... äh ... ich ... mir war nicht gut, hatte zuviel getrunken und bin deshalb spazieren gegangen. So ein bisschen am Strand ... ja …“, stotterte sich die späte Heimkehrerin zurecht. „Und dann habe ich mich in den Sand gesetzt und muss irgendwann eingeschlafen sein. Ihr wisst ja, dem Wellengang zu lauschen, macht sehr müde." Lügen war gar nicht so einfach. Joe sah sie skeptisch an und schmunzelte. "Aha, ja, das kenne ich. Aber darf ich fragen, wo dein schwarzes Cocktailkleid ist?" Naikes Wangen begannen zu glühen. "Hm ... nun ja, es ... es ist ein bisschen nass geworden. Und da ich in der Nähe vom Chez Poulain lag, bin ich eben kurz zu Carla rüber und haben mir etwas Frisches von ihr ausgeliehen.“





Naike war zufrieden mit dieser Blitz-Erklärung, aber Joe schien dennoch nicht wirklich zufrieden: „Ich habe Carla, ehrlich gesagt, noch nie in diesem Kleid gesehen, aber dich… Moment ... ja! Du hattest es damals bei deinem Besuch bei uns an und Nasti war stinkig, weil sie dasselbe trug." - "Ja, ähem ... das war halt mal im Sonderangebot und Carla hat es auch gekauft.“ Inzwischen hatte sich kalter Schweiß auf ihrer heißen Haut gebildet, das fing ja „toll“ an. Sie musste das Gespräch so schnell wie möglich beenden. „Seid mir nicht bös', aber ich brauche noch eine Mütze Schlaf in meinem weichen Bett und vorher eine Dusche, bin total durch den Wind. Wir sehen uns später, ja?" Sie drehte sich auf dem Absatz um, aber Joe griff ihren Arm und hielt ihn fest wie im Schraubstock. Zum Glück schaltete Jessica sich ein. "Komm, Joe, sie ist doch jetzt wieder da, ihr könnt euch später zusammensetzen." Sie nahm ihn zur Seite und scheuchte Naike mittels Handgeste und einem freundlichen "Ich-habe-alles-im-Griff-Zwinkern" Richtung Bad.





Als sie endlich alleine war und das heiße Wasser über ihren Körper prasselte, beruhigte sie sich langsam wieder. Das Zittern wich einer wohligen Entspannung und Wogen eines unbeschreiblichen Glücksgefühls streichelten ihr Herz, denn sie dachte nur an IHN.





Doch wie lange konnte sich die Glückseligkeit gegen die Sorgen durchsetzen, die sie nun zu plagen begannen. Würde der Plan gelingen? Mit Julia zu sprechen, schien eher unproblematisch. Aber wie sollte Naike Joseph bloß davon überzeugen, dass sie nicht füreinander geschaffen waren?

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------





"Schatz, würdest du bitte mal das Buch weglegen? Gleich schlafe ich schon."





"Ist doch in Ordnung, Armin. Ruhe dich ruhig aus, wenn du müde bist, solche Bedürfnisse sollte man nicht unterbinden."





"Ich bin aber nicht müde, sondern in groooßer Schmuserlaune, rrrrrrrrr!" – „Lass das doch“, kicherte Melissa, obwohl sie sich unangenehm berührt fühlte.





"Du bist lieb, mein kleiner Armin-Schatz. Aber du weißt doch, wie ich darüber denke, nicht wahr?!" - "Melissa, ich will doch nur ein bisschen schmusen, mehr wirklich nicht. Gib mir doch wenigstens mal einen klitzekleinen Kuss!", jammerte Armin und bekam seinen Wunsch auch gleich erfüllt. Aber es war nur ein winziger, kaum bemerkbarer Kuss.





"Aber jetzt möchte ich das Kapitel noch zu Ende lesen. Weißt du, als Moses das Volk der Israeliten aus Ägypten führte. Das ist vielleicht spannend! Soll ich dir vorlesen?" Er verdrehte die Augen. "Äh, nee danke, ich gehe noch mal runter und schaue ob alle Elektrogeräte ausgeschaltet sind." Das fand seine Freundin sehr aufmerksam. "Ja, mach das, danke dir!" Armin ging aber aus einem ganz anderen Grund noch einmal hinunter ins Wohnzimmer. Er war zutiefst frustriert. Viele Wochen wohnte er jetzt schon bei Melissa, die ihn aufgenommen hatte, da er durch den Auszug bei seiner Mutter wohnungslos geworden war und kein ausreichendes Einkommen hatte, um sich selbst ein Haus zu kaufen. Für sie war er den MJN - den Modernen Jesus-Nachfolgern, einer merkwürdigen christlichen Sekte - beigetreten, für sie hatte er seine Freundin Jessica Jung, Naikes ältere Mitbewohnerin, verlassen, und für sie übte er sich nun schon seit langer Zeit in Enthaltsamkeit, denn Melissa lehnte jeglichen Beischlaf vor der Ehe aufgrund ihres Glaubens ab. Er war sich selbst nicht ganz im Klaren, was er für sie empfand. War es Liebe? Oder lediglich Freundschaft aus Dankbarkeit? Jedenfalls empfand er im Moment sich nicht in der Lage, seine persönliche Situation zu verändern.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------





"Guten Morgen, mein Liebling! Was machst du denn da? Kriegen wir Besuch?" - "Ja, Armin, eine frühere Schulfreundin von mir, Halina Fiechter, kommt für ein paar Wochen zu uns. Sie ist eine ganz liebe, ich habe sie Ewigkeiten nicht gesehen!", freute sich Melissa. „Gleich ein paar Wochen?“ Armin war deutlich weniger begeistert von dem Gedanken, eine fremde Frau für so lange Zeit unter „seinem“ Dach beherbergen zu müssen.





Er änderte seine Meinung aber schnell, als er vom Brötchen holen kam und eine bezaubernde rothaarige junge Frau in der Küche saß, die ihm gleich sympathisch war. Melissa unterhielt sich gerade angeregt mit ihr. "Stell dir vor, Halina, die treiben Magie! Hier auf unserer Insel, gleich um die Ecke! Ich ... Oh, Armin, da bist du ja. Darf ich vorstellen, das ist meine Freundin Halina."





"Hallo, hallooo!“, rief er überrascht und nahm sogleich Halinas Hand. „Herzlich Willkommen bei uns, meine Verehrteste!" Armin konnte sehr höflich und charmant sein. Aber für Melissa ging sein galanter Handkuss bereits ein Schrittchen zu weit.





"Melissa, eine prima Idee, mal einen Gast einzuladen!“, wandte er sich dann an seine Freundin, doch die machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Melissa? Was ist denn?"





"Du bist doch nicht etwa sauer? Och Mensch, ich habe doch nur deine Freundin herzlich begrüßt, weil ich mich über ihren Besuch wirklich freue. Bitte nicht gleich falsch verstehen!" Melissa schnaubte unüberhörbar.





"Klärt ihr das mal alleine", sagte Halina ein bisschen verstimmt, „ich bringe schon mal meinen Koffer nach oben und mache mich ein wenig frisch." - "Melissa! Musste das jetzt sein?", schimpfte Armin leise. Aber statt einer Antwort zog sie nur einen dicken Flunsch und begann übertrieben polternd die Geschirrspülmaschine auszuräumen.

*





Später vor dem Zubettgehen gestaltete sich alles ähnlich wie am Vorabend. Ungeduldig lag Armin auf dem Bett und war überhaupt noch nicht müde. "Melissa, bitte rede doch mal mit mir. Gott hat dich doch sicher längst erhört, du betest doch schon seit einer geschlagenen halben Stunde!", beschwerte er sich und fühlte sich wie ein Mensch zweiter Klasse.





Sie beendete ihr Abendgebet tatsächlich umgehend, grummelte jedoch als Antwort nur etwas Unverständliches und legte sich schnell unter die Decke.





Eine Viertelstunde verging und Armin konnte nicht schlafen. Melissa auch nicht. Das konnte sie nie, wenn sie Streit hatten. Deshalb tat sie nur so als ob sie schliefe, wartete bis von Armin endlich gleichmäßige Atemzüge zu hören waren und stand dann noch einmal auf. Vielleicht würde ein Gang ums Haus ihr Mütchen kühlen?





Durch Melissas Rascheln wurde der nur halb Eingenickte wieder völlig wach und bemerkte ihren Fortgang. Er schlich auf Zehenspitzen durch den Flur an Halinas Bett vorbei, die Treppe hinunter, und sah gerade noch, wie Melissa das Haus verließ. Erleichtert schob er ein paar Bücher im Regal neben dem Fernseher beiseite, griff einen der Videofilme, die er dahinter versteckt hatte und beschäftigte sich noch eine Weile, bis er richtig müde wurde, unfreiwillig mit sich selbst.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------





Zur selben Zeit war ein anderer Mann ausnahmsweise mit der Herstellung von Essbarem beschäftigt und freute sich auf sein Mädchen.





"Ja, alles fit hier, im Dunkeln ist gut munkeln. Bring Hunger mit! - Wie, den hast du immer? - Nein, doch nicht auf mich, ich habe was gekocht!“, lachte Adam amüsiert. „Du hast schon gegessen? - Na gut, dann eben doch auf mich. Bis gleich!", grinste er in sich hinein.





Adam hatte tunlichst vermieden, ein Licht im Haus einzuschalten, damit niemand darauf aufmerksam würde, dass wieder jemand anwesend ist. So schlich er sich nun unbesorgt in der Dunkelheit zum Mülleimer, um die Abfälle seines Kochabenteuers zu entsorgen …





... und zuckte kräftig zusammen, als er hinter sich ein fragendes Hallo vernahm, was definitiv nicht aus Naikes Mund kam. Er drehte sich ruckartig um ...





... und starrte entsetzt in ein ihm nur zu gut bekanntes, sommersprossiges Gesicht. Und dieses Gesicht starrte ebenso entsetzt in seines.





Zuerst bewegte sich keiner von beiden. Doch dann fing sich Melissa als Erste wieder, stieß einen kaum hörbaren, erstickten Schrei aus und floh im Affenzahn vom Grundstück der Tallis’ in die Dunkelheit.





Adam rannte ins Haus, jeweils drei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hoch ins Schlafzimmer und riss alle Kommoden und Schränke auf. Er zog sich blitzschnell ein T-Shirt über und stopfte soviel Kleidung und andere Dinge in eine Reisetasche, wie sie fassen konnte.





Dann hielt er kurz inne, denn es war ihm ziemlich flau in der Magengegend. Ganz so einfach würde sein Plan wohl doch nicht vonstatten gehen, nun war er bereits am ersten Tag entdeckt worden! Aber würde man Melissa glauben? Überstürzt verließ er dann das Haus, die Spaghetti dampfend sich selbst überlassend.





Melissa flitzte derweil in persönlicher Rekordzeit wie von der Tarantel gestochen nach Hause.





"Armin, Armin!", krächzte sie atemlos und fiel ihrem Freund, der den Weg ins Bett auch noch immer nicht gefunden hatte, aber jetzt bedeutend entspannter war als zuvor, um den Hals.





"Ja, Melissa, Liebling, um Himmels Willen, was ist denn passiert?! Du bist ja leichenblass!", rief Armin erschreckt. "Der Verbrecher ...", hechelte sie noch immer nach Atem ringend, "ist wieder da, hier ... auf unserer Insel ... vor seinem Haus, da stand er ... nackt und groß ... und er starrte mich böse an!!!“ Melissa begann zu heulen. Armin war sehr verwirrt, seine Freundin so aufgelöst zu sehen. "Mensch, jetzt beruhige dich doch erst mal. Was denn für ein Verbrecher?"





"Der Tallis, der schwarze." - "Joseph?" - "Nein, sein Bruder!!" Melissa kam in ihrer Erregung nicht auf seinen Namen. "Adam Tallis?", fragte Armin entsetzt. "Melissa, er ist tot!" - "Nein, nein, nein", sie wand sich aus seinem Arm, "ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen, wenn ich nicht weggelaufen wäre, hätte er mich umgebracht!" Armin musste Melissa nun schütteln, denn sie war derart in Panik, dass sie beinahe hyperventilierte. Es fiel ihm sichtlich schwer, aufgrund ihrer abstrusen Schilderung Verständnis für ihren merkwürdigen Anfall aufzubringen. "Melissa, jetzt reg' dich endlich mal ab, du musst dich irren. Vielleicht sah ihm jemand ähnlich, was weiß ich?! Aber Adam ist tot, er wurde erschossen! Das weißt du so gut wie ich!"





Nur langsam kam Melissa wieder zur Ruhe. Halina war durch den Lärm im Erdgeschoß aufgewacht und hatte ihre Freundin beruhigt, ihr ein paar Baldrian-Tropfen eingeflößt und sie anschließend zu Bett gebracht. Armin konnte sich das absurd erscheinende Theater seiner Freundin nicht erklären und rief kurzerhand den Chef der MJN, Albert Kappe, an, von dem er wusste, dass er abends eh immer lange aufblieb, um wenigstens einen Teil des Tages ohne Kinderlärm verbringen zu können.





Auch Albert war überrascht. „Das ist eine sehr merkwürdige Sache. Ich finde, wir sollten das schon ernst nehmen und Untersuchungen anstellen. Aber nicht mehr heute, es ist bereits kurz vor Mitternacht. Kommen Sie doch einfach morgen früh mit Melissa um 9 Uhr zu uns zum Frühstück. Dann kann sie uns ihr Erlebnis gleich persönlich schildern. Wir haben übrigens gerade meinen Bruder für ein paar Tage zu Besuch, er führt die MJN europaweit. Er ist ein sehr intelligenter Mann und weiß immer einen Rat. Gehen Sie jetzt erstmal beruhigt schlafen und passen sie auf Melissa auf. Wir sehen uns dann morgen, ok?! - Ja, ebenso. Gute Nacht!





Zur gleichen Zeit war Naike wie verabredet eingetroffen, stand nun vor der verschlossenen Tür der Simlane 6 und klingelte sich die Finger wund. Warum hatte sie bloß ihr Handy zuhause gelassen? Und wo war Adam bloß hin, er hatte sie doch vor einer halben Stunde noch angerufen?! Beunruhigt trat sie den Heimweg an, war sich aber dennoch intuitiv sicher, dass es eine sinnvolle Erklärung für sein plötzliches Verschwinden gab, denn schließlich war er keinerlei Gefahr ausgesetzt, außer vorzeitig entdeckt zu werden.



Kapitel 10 - Astralkörper und Sesselpupser
Kapitel 12 - Der Hierophant