Kapitel 10 - Astralkörper und Sesselpupser



"Am besten hier zwischen den Bäumen!“ Joe zog sein Ungetüm von Fotoapparat durch den Sand in eine einigermaßen standfeste Position. „Na, dann mal los: Käääse!“ Naike kicherte belustigt, Joe zog eine Schnute. „Och menno, so wird das doch nix. Du stehst da wie eine Schießbudenfigur! Außerdem ist das Licht hier ohne spezielle Linse ungeeignet, die habe ich aber irgendwo untergekramt“, flunkerte er. „Lass es uns im Wohnzimmer vor dem Kamin machen, ok?!" Naike wurde rot ob dieser Zweideutigkeit, nickte aber immer noch kichernd. Und auch in einem weiteren Punkt ließ ihr Mitbewohner nicht locker: "Und ich will die Flügel, das ist einfach witziger. Keine Widerrede! Bitte!!“ Naike fand, dass Joe in diesem Moment wie Adam klang, lediglich das „Bitte“ hätte sein verstorbener Bruder bestimmt nicht drangehängt.





Fünf Minuten später im Wohnzimmer. "Aber jetzt nicht gucken, dreh dich um! Wie ich das mache, bleibt mein Geheimnis!"





Joseph war sichtlich amüsiert und sehr gespannt, folgte aber brav Naikes Anweisung und nahm anschließend nur ihr seltsames Gemurmel und die kurzzeitige Erhöhung der Lichtintensität im Raum wahr. "Tädäää - fertig! Du kannst dich wieder umdrehen!"





Völlig perplex starrte er sie an. "Äh ... das gibt's doch nicht! Ist das echt??" – „Was gibt es nicht? Staunst du über die Flügel oder über meinen Astralkörper?“, grinste Naike über den grenzdebilen Gesichtsausdruck ihres Gegenübers.





"Beides ...", antwortete er wie ein Kind Heiligabend unter dem Tannenbaum, „du bist ... du siehst ... das ist um...."





Sie grinste nun nicht mehr, sondern fühlte sich plötzlich unruhig. Alles fühlte sich irgendwie nicht richtig an. "Joe, jetzt mach schon dein Foto, was du unbedingt wolltest!" Er entschuldigte sich höflich und ging verwirrt zu seinem Fotoapparat, aber es war gar kein Film in der Kamera.

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Neben Jess war offenbar auch Julia nicht entgangen, dass zwischen ihrem Onkel und Naike etwas zu laufen schien, da ließ sie sich gar nichts vormachen. "Du, Onkel Joe?" – „Ja, was denn?" - "Hast du auch Probleme mit Frauen wie Papa?" Und wieder einmal wurde jemand in der Simlane 10 puterrot. "Äh … aber nein, wieso das denn?" - "Willst du nicht mit Papas Freundin schlafen?" Nun konnte man es nicht mehr puterrot nennen, Joes Gesicht näherte sich fast der Farbe schweren Rotweins und es brach ihm augenblicklich der Schweiß aus. „Julia!“, sagte er entrüstet, nachdem er sich wieder gefangen hatte, „wo hast du die Idee denn her?" - "Och, ich dachte nur … weil es in unserem Zimmer so eng ist, da könntest du doch gleich drüben bei Naike schlafen und ich hätte mehr Platz. Vielleicht könnten dann wir sogar Shakespeares Körbchen in meinem Zimmer aufstellen!?" Ein dicker Stein plumpste ihm vom Herzen, das hatte sie also bloß gemeint! Er versprach ihr darüber nachzudenken und gönnte sich anschließend erstmal einen dicken Schnaps. Julia grinste verdächtig.





Die kleine gewitzte Kupplerin ließ nicht locker, am nächsten Tag beim gemeinsamen Schachspiel war Naike dran. „Duuu? Darf ich dich mal was fragen?" - "Klar, schieß los!" - „Jetzt, wo Papa tot ist, wäre da nicht Onkel Joe was für dich? Dann musst du nicht mehr so traurig sein." Nun erging es Naike ähnlich wie dem Opfer vom Vortag, was für eine peinliche Frage! "Julchen, so einfach ist das nicht, man wird nicht einfach mal so eben ein Paar, nur weil es gerade so schön passen würde. Erwachsene müssen sich zuerst ineinander verlieben, bevor das klappt." - "Dann mach das doch, der Joe ist doch ein sehr hübscher Mann, fast so wie Papa, nur braunhaarig." Naike konnte sich ein Grinsen nicht verbeißen, so eine kleine Schlingelin. „Das kann man nicht machen, das passiert von allein. Oder halt auch nicht. Das wirst du später noch selbst erfahren." Julia schwieg und dachte nach.

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Nachmittags, als Naike vom Einkaufen heim kam, saß Carla im Wohnzimmer. Sie stürzte auf sie zu und umarmte sie erleichtert. „Alles klar, keine Sorge“, versicherte ihre Kollegin, „hast du vielleicht Lust, mir die Karten zu legen?" - "Gerne, willst du was Bestimmtes wissen? Erzähl mir aber erstmal, was überhaupt vorgestern passiert ist!" Carla schüttelte den Kopf und zwinkerte dabei verschwörerisch: „Nee, ich will erstmal sehen, ob du etwas darüber in den Karten sehen kannst!“





"Da brauche ich gar nicht in die Karten zu schauen, ich sehe dir schon an deiner Nasenspitze an, dass eine neue Liebe im Anmarsch ist", zwinkerte Naike zurück. Carla lächelte verschmitzt. "Es dürfte aber turbulent werden, da warne ich dich gleich schon mal vor", meinte Naike, aber ihre Freundin blieb cool: "Das soll mir nur recht sein.“





Auch Jessica ließ sich wenig später mal wieder in die Zukunft schauen. Lange betrachtete Naike die Auslage. "Es tut sich nichts, Jess, hier liegt alles unverändert, tut mir leid, dass ich dir nichts Aufregenderes sagen kann." - "Echt? Du, ich habe mir überlegt, ob ich nicht mal etwas nachhelfen soll." - "Nachhelfen, wie denn?" - "Du bist eine Hexe und weißt nicht, wie man es anstellt, einen Mann zurück zu gewinnen?" - "Doch schon, aber das ist nicht ganz ohne, es könnte nach hinten losgehen. Nachher hängst du so fest an Armin, dass du gar nicht mehr allein glücklich werden kannst." Jess wirkte nachdenklich. "Aber es kann auch klappen?" Naike seufzte, denn sie wusste um die Unvernunft verlassener Frauen. „Das kann es in der Tat.“ Jessica entschied sich, noch einmal über die Sache nachzudenken, bevor sie weitere Schritte unternahm.

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Kurze Zeit später stand Julia Tallis' Geburtstag ins Haus und Naike kaufte sich für diese Gelegenheit ein sündhaft teures, aber wunderschönes schwarzes Cocktailkleid, das sie in einem Schaufenster auf dem Festland entdeckt hatte. Es glich sehr Audrey Hepburns Kleid in Frühstück bei Tiffany, so eines hatte sie schon immer haben wollen.





Und da sie durch ihren zweifelhaften Job über mehr als ausreichend Geld verfügte, legte sie sich dazu noch - trotz ihrer sehr empfindlichen Nase - ein Parfüm zu, Sui Love – Wasser der Liebe von Anna Sui, denn sie wurde davon seltsamerweise magisch angezogen und wusste gleich nach den allerersten Schnuppern, dass es ihres war.





Wo sie schon mal auf dem Festland in der Innenstadt war, konnte sie auch gleich noch eine Partie Billard spielen, Joe war an diesem Nachmittag eh auf einer Hochzeitsfeier und niemand erwartete sie zu Hause. Zuerst erblickte sie an einem Spielgerät am Ende des Raumes einen alten Bekannten, einen blonden Sim mit dem Namen Jonas Yogeshwar, den sie früher einmal erstellt und viel mit ihm gespielt hatte. Wie war er wohl in ihre jetzige Nachbarschaft gekommen? Sie beschloss, demnächst mal wieder Kontakt mit Real-Naike aufzunehmen, denn das hatte sie in letzter Zeit vor lauter Turbulenzen in ihrem Sim-Leben völlig vergessen. Doch noch ein weiterer Mann zog ihren Blick auf sich. Er sah von hinten Adam ein bisschen ähnlich, vielleicht war er auch von vorne interessant?





Als sie sich anschickte, dies zu überprüfen, kam plötzlich Pfarrer Albert Kappe angestürzt und umarmte sie zu ihrer großen Überraschung stürmisch. "Fräulein Le Normand, wie schön sie hier zu treffen, wie geht es Ihnen?" Warum war dieser Kerl eigentlich jedes Mal anders, wenn sie ihm begegnete? Einmal beschimpfte er sie, dann war er wieder scheißfreundlich. Und das ausgerechnet jetzt, wo sie in Ruhe eine Runde Billard spielen wollte. Albert strahlte sie wie ein Honigkuchenpferd an. „Gut, dass ich Sie hier erwische! Sie sehen wieder viel frischer aus, aber immer noch ein wenig müde. Wie wäre es, wenn sie mal bei uns vorbeischauen, meine Frau gibt am frühen Abend ihren Yoga-Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene, bitte kommen Sie doch dazu, das wird ihnen gut tun!"





Yoga mit den Modernen Jesus-Nachfolgern? Normalerweise hätte Naike jetzt schnellstens die Biege gemacht, aber irgendwie fand sie den Gedanken witzig, das wollte sie sich nicht entgehen lassen. Und ein bisschen Entspannung vor Julias Geburtstagsparty, um schön erholt auszusehen, konnte auch nicht schaden, dachte sie bei sich.





"In Ordnung, ich komme! Wo findet das statt?" Albert strahlte nun wie ein 1000-Watt-Halogenstrahler. „Bei Armin Sims und Melissa Fuller im Hinterhof. Wissen Sie, wo die beiden wohnen?" - "Äh .. ja, weiß ich zufällig." - "Bestens“, schlug er ihr hart auf den Rücken, so dass sie vorn über kippte und neuen Halt suchen mußte, „dann sehen wir uns nachher!" Zufrieden stampfte er davon und statt Billard zu spielen, fuhr Naike doch gleich heim, um sich noch ein bisschen frisch zu machen.

*





Pünktlich kam sie in der Simlane 8 an und da niemand öffnete, ging sie gleich hinters Haus, wo auch Stimmen zu hören waren. "Ja, wen haben wir denn da, da ist sie ja!", flötete Albert hoch begeistert, als er seinen Gast sah. Naike lächelte gezwungen. Mann, war das peinlich, zumal die Gruppe eher geringes Echo gab.





"Ich habe Fräulein Le Normand für unsere Gruppe gewinnen können“, verkündete Albert seinen Mitstreitern stolz, „wir können also jetzt loslegen!" Naike hoffte indes sehr, dass er von der Yoga-Gruppe sprach und nicht von den MJN, denn das hätte ihr gerade noch gefehlt. Aber nun nahm sie sich vor, mit den Leutchen klar zu kommen, denn das würde das Zusammenleben auf der kleinen Insel deutlich angenehmer gestalten, als wenn sie sich zofften.





Allerdings war der Preis für den Frieden recht hoch, denn Albert wies ihr einen Platz gleich hinter Gerd Gieke zu, was Naike arg in den Augen schmerzte, da war ihr der gute Joe doch ein deutlich appetitlicherer Anblick beim Beugen und Strecken. Gerds Hose war bis zum Zerreißen gespannt. Würde sie etwa vor ihren Augen platzen?





Aber dann konnte sie den Blick von Gerds Sesselpupser-Hintern losreißen und musste lachen, denn Albert Kappe fiel neben ihr sehr unfein auf seine blasse Schnauze und gab dabei einen unbeschreibbar komischen Laut von sich.





Als er wieder auf den Beinen stand, war der Spaß aber sogleich wieder vorbei, denn er ließ es sich nun nicht nehmen, Naike von oben bis unten anzustarren. Für angenehme Entspannung sorgte dies nicht gerade, zumal die im Militärtonfall geäußerten Übungsanweisungen Gerdas eh bereits den eigentlich sonst sehr angenehmen Yoga-Effekt verhinderten. Aber dennoch hatte Naike an diesem Abend gewissen Spaß und immerhin gleichzeitig etwas für gute Nachbarschaftsbeziehungen getan.





Und wieder einmal wurde es – wie in der Sim-Welt üblich – von einer auf die andere Sekunde plötzlich stockdunkel. "Ach kommen Sie doch noch mit auf ein Weinchen in unseren Gemeinschaftsraum unter der Kirche", säuselte Albert nach der letzten Übung und Naike drängte sich in Form seines Atems der Eindruck auf, dass er ein gewisses Quäntchen davon bereits intus hatte. Vielleicht Messwein? Zu derart ausgiebiger Nachbarschaftspflege war sie nun aber nicht bereit und lehnte das Angebot ab.





"Nein danke, ist sicher nett gemeint, aber ich bin heute Abend noch verabredet. Albert war sichtlich enttäuscht, anscheinend sogar ein bisschen sauer. Was hatte er sich bloß vorgestellt? Einen lauschigen Abend?

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Naike wurden die nervlichen Anstrengungen der nächtlichen Einbrüche langsam zuviel. Es kam zwar nach und nach mehr Routine ins Spiel, aber sie war inzwischen einfach urlaubsreif. Kurz zuvor noch hatten sie gleich zweimal flüchten müssen und jetzt wollte Joe schon wieder auf Beutezeug. Er erschien ihr unersättlich in seinem Bestreben nach Nervenkitzel.





"Du, das ist heute für mich vorher der letzte Einbruch“, entschied sie, „danach brauche ich mal eine Auszeit, ich kann nicht mehr, bin total fertig." Statt einer langen Überzeugungsdiskussion willigte Joe gleich ein. „Ja, ist gut, das machen wir. Heute wird es übrigens leicht, dieses Haus hier steht teilmöbliert zum Verkauf, da wird uns garantiert keiner überraschen." - "Aber dafür gibt es auch so gut wie nichts zu holen", stellte Naike resigniert fest.





"Na, warte mal ab, manchmal lassen die Vorbesitzer so einiges zurück. Es hatte sogar mal einer Bargeld in einem Tresor vergessen!“, erwähnte er grinsend. Naike ließ sich im Schlafzimmer des Hauses erschöpft auf das Bett sinken. „Was machst du denn jetzt?" – „Ausruhen, was sonst?! Wenn hier eh keiner zuhause ist, kann ich es mir ja wohl mal für ein paar Minuten gemütlich machen. Mein Rücken tut mir von gestern noch tierisch weh."





"Ich wüsste eine sehr spezielle Art, sich auszuruhen. Zieh mal den ganzen lästigen Kram aus!", forderte Joe sie begehrlich auf und entledigte sich ebenfalls seiner Ausrüstung. "Ist das denn auch rückenfreundlich?", fragte Naike, streifte aber dabei bereits Rucksack und Gürtel ab. Sie wusste ganz genau, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo kein Zaudern mehr angebracht war. Sie war zwar nicht gerade im siebten Himmel, aber Joseph war mehr als attraktiv, seinem Bruder in mancher Hinsicht ähnlich - wenn auch trotz seines Berufes von wesentlich sanfterer Natur - und überhaupt wollte sie einfach nur wieder glücklich sein und Spaß haben.





"Darf ich?", frage Joe vorsichtig. „Frag nicht, tu es einfach!" Er lächelte sie zärtlich an und ließ es sich nicht noch ein zweites Mal sagen.

*





Sie übernachteten sorglos in dem unbewohnten Haus. Naike schlief entspannt und von den üblichen Alpträumen verschont, Joseph lag noch lange überglücklich wach, denn er wähnte sich am Ziel seiner Begehrlichkeiten.

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"Guten Morgen!" Naike wusste zuerst gar nicht wo sie war. Dann realisierte sie die vergangene Nacht und betrachtete den schönen jungen Mann, der sie so liebvoll in seinen Armen hielt. "Ein Frühstück kann ich dir hier leider nicht ans Bett bringen, Naike, das müssen wir gleich zuhause einnehmen." Sie lächelte. "Klar, das macht doch nichts. Wir könnten auch in der kleinen Taverne frühstücken, wenn die so früh schon auf haben. Komm, lass uns mal nachschauen gehen!"





Und so begann ein neuer, viel versprechender Tag ... und für Joseph und Naike ein etwas anderes Leben.





"Ha! Habe ich doch richtig gelegen!“, triumphierte Jess, als sie die beiden am späten Abend beim Löffelchenliegen vorfand. Sie war sich zwar noch unsicher, ob sie das Ganze für eine gute Entwicklung hielt, denn Joseph war und blieb nun mal ein Tallis - und sie dachte an die vielen Merkwürdigkeiten, die sie in den letzten Wochen mitbekommen hatte - aber sie hoffte sehr, dass ihre Freundin mit ihm mehr Glück haben würde als mit seinem Bruder.

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"Schau Armin, da kommt es im Fernsehen! Wir waren kein Einzelfall, in mehreren Häusern auf unserer Insel und auch auf dem Festland wurde eingebrochen!", sagte Melissa aufgebracht. Armin runzelte die Stirn. "Oje, das klingt nicht gut. Wir sollten uns endlich eine neue Alarmanlage kaufen, das hatte uns ja letztens auch schon der nette Polizist empfohlen, der die vermissten Gegenstände protokollierte." - "Aber ich habe Angst, Schatz. Jetzt ist der Schwerverbrecher endlich beim Herrn – Gott hab ihn selig - und nun gehen Diebe um. Was ist das hier nur für ein schrecklicher Ort?!" Armin legte seinen Arm um sie, um sie zu beruhigen. „Ach, ein zweites Mal kommen die bestimmt nicht zu uns, wir ...“ Das Telefon klingelte. „Wer ruft denn so spät noch an?", meckerte Melissa und vergaß vor Empörung ihre Diebesangst. Armin sprang auf.





„Jessica! Hallo! Wie schön das du mal wieder anrufst. - Wie? Am Siebzehnten? Klar, gerne würde ich miterleben wie Julia ..." Melissas Mimik glich augenblicklich einen herannahenden Gewitter und noch ehe Armin das Gespräch beendet hatte, redete sie ihm rücksichtslos hinein: "Wenn du in die Simlane 10 gehst, kannst du direkt dableiben, das sag ich dir gleich!" Armin fühlte sich gedemütigt. "Ja, tschüss Jess, ich melde mich dann morgen noch mal, muss jetzt auflegen!“ Er hängte den Hörer zurück in die Gabel. „Melissa, wieso sagst du sowas? Es ist doch nur Julias Geburtstagsfeier, ich wäre so gerne dabei! Bitte, es ist ein völlig harmloses Event, es sind viele Leute da.





"Mach was du willst, Armin, aber du weißt jetzt, was ich darüber denke", grummelte Melissa, gab sich verschnupft und ließ ihn stehen.





Damit war für sie die Sache gegessen und Armin tief enttäuscht. Hatte sie denn kein Vertrauen zu ihm? Was bloß ließ sie derart hart und unerbittlich reagieren?

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Und dann war Julias Geburtstag gekommen. "Na, Shakes, was meinst du, soll ich es wagen?" Der kleine Hund schleckte zutraulich an Josephs Hand. Er streichelte ihn, gab ihm ein Leckerchen und ging anschließend in die Küche, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.





Langsam trudelten die Gäste ein. Jess war es ziemlich flau im Magen, aber angenehm flau, denn Armin hatte sich gegen Melissa durchgesetzt und war tatsächlich gekommen. Joe bereitete die Cocktails vor und war noch aufgeregter als Jessica. Einerseits wegen Julias bevorstehendem Älterwerden - er hoffte, es würde alles rundherum gelingen – andererseits wegen einem sehr großen Wagnis, dass er sich vorgenommen hatte.





Naike musste sich schwer das Lachen verkneifen, als sie Doktor Blythe ziemlich steif und ungelenkt tanzen sah. Voodoo Mom hüpfte ja schon albern genug herum, so dass sie sogar stolperte, aber der Doc war noch köstlicher anzusehen. Diese Party nahm bereits von Anfang an einen deutlich besseren Verlauf als die letzte. Zumindest schien es so …





Und dann war es soweit, Julia schickte sich an, die Kerzen auszupusten. Alles ging sehr schnell, aber es war für Naike wie immer spannend, Geburtstage in der virtuellen Welt miterleben zu können.





Ein Sprung, ein buntes Blitzen ...





... und das kleine Julchen war im Handumdrehen ein attraktiver Teenager geworden, so dass alle nur staunten. Naike war erleichtert, die Chirurgie-Station würde nicht zum Einsatz kommen müssen, Adams Gene hatten sich bewährt. Es war die richtige Entscheidung gewesen, mit Julia in der schweren Phase nach dem Tod ihres Vaters zu Jess und Naike zu ziehen, dachte Joseph, und er war sehr mit sich sehr zufrieden, denn er hätte es sich niemals verzeihen können, wenn seine Nichte von einem guten Wege abgekommen wäre.





"Na, dann meinen herzlichen Glückwunsch, Süße. Jetzt darfst du Hochprozentiges trinken! Prost!" Julia schaute argwöhnisch. "Bist du irgendwie beschwipst, Naike? Ich bin jetzt Teenager, aber noch kein Erwachsener. Außerdem würde ich selbst volljährig keinen Killepitsch anrühren, das Zeug stinkt widerlich!“ Naike kippte sich ungerührt einen Doppelten hinter die Binde. "Soll ich dir nicht lieber einen Fruchtsaft holen, Tantchen?“ – „Tantchen?“, wiederholte Naike entrüstet und hickste dabei, „du spinnst wohl, mich so zu nennen! Aber gib mir ruhig mal’n Saft rüber.“ Julia schüttelte grinsend den Kopf und machte sich auf die Suche.





Sie fand den Fruchtsaftspender abseits des lauten Party-Getümmels auf der Terrasse. Doch plötzlich musste sie an ihren Vater denken. Warum konnte er nicht dabei sein, wenn sie aufwuchs? Julia war plötzlich zum Heulen zumute, aber sie fing sich, zog kurz die Nase hoch und mischte sich dann wieder unter ihre Gäste, ohne noch an den Fruchtsaft zu denken.





Und gleich noch jemand hatte es auf den hochprozentigen Killepitsch abgesehen. Joseph nahm bereits zum dritten Mal einen sehr großen Schluck, denn er musste sich ein bisschen Mut antrinken.





"Naike, kann ich dich kurz sprechen?" - "Aber natürlich, immer doch! Was ist denn?" Sie stand auf und lächelte ihren neuen Partner offen und liebevoll an. Joe zog sie an sich und sah ihr tief in ihre großen grün-braunen Augen.





"Weißt du, ich ... wo wir doch jetzt zusammen sind ... ich dachte ... vielleicht wäre es ... wir also, wir könnten doch ... willst du meine Frau werden?"





Naike überkam augenblicklich das Gefühl, von einem Holzhammer getroffen worden zu sein. "WAS?! Joe, ich ... das geht doch nicht ..." - "Wieso geht das nicht? Liebst du mich denn nicht?", fragte er alles andere als freudig überrascht. Naike seufzte. „Ach Joe, darum geht es nicht ... aber ich bin ... es ist noch zu früh! Ich habe deinen Bruder noch nicht vergessen. Ich möchte das Geschehene erst komplett verarbeitet haben, bis ich mich fürs Leben binde. Bitte verstehe das!" Joseph schluckte schwer. "Ja, ist schon gut, ich glaube, du hast Recht. Ich werde warten. Bitte gib mir ein Zeichen, ja?" Naike streichelte über seine Wange. "Das werde ich."





Dann wandte sie sich von ihm ab und überlegte, wo sie sich für wenigstens einen Moment verkriechen konnte.





Joe schaute ihr betrübt nach.





"Kann ich etwas für dich tun, Naike?" - "Danke, nein, Voodoo Mom, ich muss nur mal ein bisschen Luft schnappen", antwortete sie und ging ein wenig schwankend nach draußen, wo Dr. Blythe bereits ein Geburtstagsfeuer angezündet hatte, das nun warm vor sich hin knisterte und die Nacht erhellte.

*





Naike setzte sich ans Feuer und dachte nach. Mit einer solchen Entwicklung des Abends hatte sie weiß Gott nicht gerechnet. Was hatte sich Joe nur dabei gedacht? Sie waren doch erst seit kurzer Zeit ein Paar! Es hätte sich einfach nicht richtig angefühlt, ja zu sagen. Was für ein blödes Spiel! Warum konnten unbeschwerte Zeiten hier nicht mal länger als bloß ein paar Wochen andauern???





Während Naike weiter vor sich hinfluchte, knirschten hinter ihr Schritte im Sand. "Hi Nai!", sagte leise eine ihr wohlbekannte tiefe Stimme hinter ihrem Rücken. Sie erkannte sie sofort. „Hau ab, du doofes Gespenst, du fehlst mir gerade noch, ich hab jetzt keinen Bock auf sowas!!"





"Es tut mir leid. Ich weiß, dass du mich nicht mehr sehen willst, aber ich wollte dich noch einmal sehen und dir endgültig Adieu sagen, bevor ich das Land verlasse. Ich werde in meiner alten Heimat ein neues Leben anfangen." Naike pfiff abschätzig durch die Zähne. "Ja, ja, bla bla bla … Dankeschön, Geisterwelt, ich hab's gerafft, ihr könnt mich nicht mehr foppen, Ton aus!"





"Ich bin kein Geist, was soll der Blödsinn, Naike?" - "Na klar, du bist mein lieber süßer Adam, am Kreuze gestorben, hinab gestiegen in das Reich des Todes und am x-ten Tage auferstanden von den Toten. Und jetzt kommst du vor der Auffahrt in den Himmel noch einmal bei mir vorbei", blaffte sie aggressiv.





"Nix Reich des Todes, ich war einige Wochen zur Reha in Liechtenstein. Hat Joseph dir das nicht gesagt oder hast du nicht zugehört?" - "Liechtenstein???“, lachte Naike genervt, musste aber grinsen, denn das war eindeutig der Blödeste aller ihrer bisherigen Träume!





Jetzt hatte sie aber wirklich genug von diesem Affentheater. "So Feierabend, ich gehe wieder rein, du kannst dich jetzt guten Gewissens wieder entmaterialisieren. Und suche mich bitte nicht mehr weiter in meinen Träumen auf, du tust mir damit keinen Gefallen." Dann drehte sich Naike vorsichtig um. Welches Kostüm er wohl diesmal trug?





Keines. Unheimlich echt sah er aus. Es schauderte ihr und sie zweifelte für einen kurzen Moment an ihrem Traumzustand.





Sie sah sich um. Hatte sie zuviel getrunken? Im Haus war die Party weiterhin in vollem Gange, alles schien normal. Es gab weder Unregelmäßigkeiten in der Atmosphäre noch Zeitsprünge. Bisher zumindest nicht. Ängstliche Unruhe breitete sich in ihrem Geist aus, die ersten Affen hangelten sich durch ihrem Kopf. Aber dann kam ihr eine Idee, schließlich hatte sie sich in ihrem anderen Leben ausgiebig mit Traumarbeit beschäftigt.





"Na warte, jetzt mache ich den ultimativen Traumtest und kneife dir in den Hintern!"





"Nur zu, das ist doch schon mal ein guter Anfang!!!“, lachte die Adam-Erscheinung zustimmend.





Gesagt, getan. Aber statt des erwarteten Griffs ins Leere, fühlte Naike einen wohlgeformten, bestens trainierten, kräftigen Männerarsch und stutzte völlig irritiert. "Bist du tot oder nicht?", fragte sie und ihre Lippen begannen zu zittern. "Kannst gerne auch gleich noch mal vorne nachfühlen, um ganz sicher zu gehen“, zwinkerte er ihr zu, wirkte aber plötzlich selbst nachdenklich.





Dann zog er sie an sich. „Sag mal, wie viel hast du heute Abend schon getankt, Mädchen?“ Der Adam-Geist schnupperte. „Hm ... das müssen mindestens fünf Schnäpse gewesen sein." Naike sah inzwischen seltsame kleine Sternchen quirlig umher tanzen. "Ich ..."





"Moment mal. Hat mein Bruder dir etwa erzählt, ich sei tot?" - "Nicht?", brachte sie noch lahm über die Lippen und knickte dann ein, so dass Adam sie gerade noch aufschnappen konnte, obwohl auch ihm mächtig schummerig war." Er zog hörbar die Luft ein. Dann lachte er bitter. "Mädchen, Mädchen - ich glaube wir sind ordentlich beschissen worden! Mir hat Joe erzählt, du wolltest wegen meiner Vergangenheit nichts mehr von mir wissen.“ Naike schielte ihn an und nahm jetzt gleich zwei Gespenster wahr. „Ist er gerade bei euch im Haus?" - "Ja ... aber bitte tu ihm nichts“, wimmerte sie schwach, das Schlimmste befürchtend, denn sie wusste um seine gefährliche Unberechenbarkeit.





"Keine Sorge, ich mache jetzt erstmal etwas ganz anders, ich werde dich einfach stehlen!"





Naike sagte gar nichts mehr, als Adam sie zum Auto trug, auf den Beifahrer-Sitz legte, die Zündung kurzschloss und mit ihr in die sternenklare Nacht davonbrauste.



Kapitel 9 - Schätze zwischen Unterhosen
Kapitel 11 - Der krude Plan