 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
            |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 | Kapitel 8 - Girl interrupted |
|
|
|
|
|
|
|
"WIE BITTE??!!"
|
|
|
|
|
|
"Er ist gestern Abend seinen Verletzungen erlegen, die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun." Joseph kämpfte sichtlich mit seinen Tränen. "Nein, bitte nicht. Joe, Naike ging es gerade etwas besser, wir dürfen es ihr auf keinen Fall sagen!" Er schüttelte den Kopf. "Jessica, das bringt doch nichts, sie muss es wissen, es hat doch keinen Sinn, es ihr zu verschweigen." Die alte Dame seufzte einsichtig. „Ja, du hast schon Recht. Warte bitte eben, ich schaue ob sie besuchsbereit ist."
|
|
|
|
|
|
Jessica schlich zutiefst bedrückt den Flur entlang. Naike war bereits wach und spielte mit dem kleinen Shakespeare.
|
|
|
|
|
|
"Guten Morgen, Naike. Joe ist da, er möchte mit dir sprechen", sagte Jessica mit dünner, zittriger Stimme. "Bin noch nicht angezogen, sag ihm bitte, dass ich gleich komme, ja?!" Doch da stand er auch schon im Zimmer, und als Naike sein Gesicht sah, wusste sie, dass etwas nicht stimmte.
|
|
|
|
|
|
Jess nahm Shakespeare auf den Arm, ging leise in den Nachbarraum und ließ die beiden alleine.
|
|
|
|
|
|
Naike fühlte, wie sich eine kalte Hand um ihr Herz klammerte. "Fahren wir gleich los?" – „Nein, meine Liebe, Adam ...“ Er zögerte, als er sah, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Dann fragte sie leise: "Er ist tot, nicht wahr?!"
|
|
|
|
|
|
"Ja. - Es tut mir so leid, Naike."
|
|
|
|
|
|
Die kalte Hand hielt ihr Herz nun eng umschlossen. "Kann ich ihn noch einmal sehen?"- „Nein, das geht leider nicht. Er wurde bereits nach Thionville überführt, das ist in Frankreich, unser Geburtsort. Dort ist auch das Familiengrab, wo Mutter ruht. Vater hat gleich alles veranlasst." - "Das kann nicht wahr sein, Joe. Mir bleiben nur noch seine ... Bilder?!"
|
|
|
|
|
|
"Wenn ich etwas für dich tun kann, lass es mich wissen", sagte Adams Bruder weinend. Naike hingegen war wie erstarrt. Was sie dachte, konnte er an ihrem ausdrucklosen Gesicht nicht erkennen.
|
|
|
|
|
|
Jessica hatte alles mit angehört. Erschöpft schlurfte sie zurück in die Küche, um mechanisch das Frühstück zu bereiten, obwohl auch sie jetzt keinen Appetit mehr hatte. Sie deckte auch für Naike und Joseph, doch sie kamen und kamen nicht.
"Was ist mit ihr?" - "Ich habe ihr ein Schlafmittel gegeben, sie wird jetzt für einige Stunden durchschlafen, dann sehen wir weiter." Jessica nickte. "Das ist gut. Möchtest du etwas essen?", fragte sie ihn dann. "Eigentlich nicht, aber irgendwas muss ich zu mir nehmen, ich darf nicht auch noch abdrehen." - "Hast du noch mal über den Einzug nachgedacht?" - "Ja, aber ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen." - "Was hält dich noch ab? Naike und Julia werden jetzt dringend eine Art Familie brauchen, Julia zumindest so lange bis ihre Schlampe von Mutter sich endlich meldet“, sagte Jessica wütend, weil Desdemona Kappe nicht dafür gesorgt hatte, dass sie im Notfall erreichbar war. "Es ist ein bisschen eng für vier Personen hier", meinte Joseph. „Ach wo, das kriegen wir schon hin." Er zog die Nase hoch. "Ich sag dir Bescheid, wenn ich aus Thionville zurück bin, ok?!"
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Am Nachmittag hatte sich Jess noch immer nicht angezogen. Sie vertrödelte den Tag mit malen und dachte über die Ungerechtigkeiten des Lebens nach. Naike aber verhielt sich seltsam fröhlich. "Jessilein, rate mal, was vor der Tür lag?! Der Tagesjünger kommt wieder! Und gucke mal, was ich damit mache ..." Sie faltete die Zeitung zu einem Papierflieger und warf ihn begleitet von seltsamen Lauten von einer Ecke des Raums in die andere. "Sssschuuu ... brummmm ... meck meck meck ...." Jessica traute sich kaum zu gucken, was hinter ihr geschah. Als Naike den Raum wieder verlassen hatte, zog sie sich schnell etwas über und lief ihr hinterher.
|
|
|
|
|
|
Und dann fand sie ihre Freundin völlig neben sich auf dem Wohnzimmerboden sitzend.
|
|
|
|
|
|
Ohne noch eine Sekunde zu zögern rannte sie zum Telefon und rief den Psychiater an, den Dr. Blythe ihr vor kurzem empfohlen hatte. Hier war sofortiges Handeln angesagt, das war offensichtlich.
|
|
|
|
|
|
Zum Glück war der Arzt in Minutenschnelle vor Ort. Jessica hätte beinahe grinsen müssen, wäre die Lage nicht so ernst gewesen - der Typ sah nicht nur irgendwie aus wie Jean Pütz, sondern schien auch aus Köln zu stammen. "Ja, wat hammer denn daa?“, waren seine ersten Worte. „Hat die junge Dame irgendwat erlebt, wat se nich verkraftet hat? Oder hat sich niemand um se jekümmert?" Jessica rollte ihre Augen. "Natürlich haben wir uns gekümmert, aber ihr Freund ist gestern gestorben, sie hat es heute Morgen erfahren, er lag schon seit Tagen im Koma."
|
|
|
|
|
|
"Dä Tallis?", fragte der Doc. "Ja, Adam Tallis" - "Ach, mir ham sinne Schwester bei uns in der Klinik, schlimmer, schlimmer Fall!", murmelte der Psychiater bedauernd. Jessica schluckte.
|
|
|
|
|
|
"Und? Haben Sie eine Idee, Doc?" - "Tabletten nimmt se nich, oder?!" - "Nein, woher wissen sie das?" - "Hab nach vielen Jahren'n Blick dafür jekriecht. Dat Mädschen hier sieht nich danach aus. Ich würd vorschlagen, se machen mal 'ne Party, damit se wieder in Jesellschaft kütt un’nich länger auf sich selbst fixiert is. Se muss merken, dat et auch noch anderet auf der Welt jibt." Jessica glotze den Jean-Pütz-Verschnitt entgeistert hat. "Eine Party? - Sind Sie sicher?" Der Doc nickte überzeugt. "Ja, probiern se's mal, se werden sehen, dat klappt!" Sehr skeptisch verabschiedete sie ihn anschließend. Nun ja, wenn der Doktor meinte ...
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Gesagt, getan. Nachdem Joe von der Beerdigung zurückgekehrt war, lud Jess ein paar der engsten Freunde ein und kaufte sogar eine Bar für die kleine Party. Leider startete der Abend bereits unter schlechten Vorzeichen, Naike verlor ihren Job wegen zu langer Fehlzeiten.
"Naike, da bist du ja! Gut siehste aus, hast dich ja richtig in Schale geworfen!", begrüßte Joe sie betont fröhlich, obwohl es nicht stimmte, was er sagte, denn Naike war noch immer furchtbar blass, ihre Partyklamotten wirkten an ihr wie eine gut gemeinte, aber eher misslungene Verkleidung. Und inzwischen sah sie auch dauernd einen mannsgroßen rosa Plüschhasen in ihrer Nähe herumwuseln und versuchte diese seltsame Erscheinung so gut wie möglich zu ignorieren. Völlig unlustig bereitete sie sich ein Mixgetränk …
|
|
|
|
|
|
… musste dann aber doch ein bisschen lachen, als das rosa Riesenviech plötzlich Doktor Blythe veräppelte.
|
|
|
|
|
|
Dann tapste sie zur Sitzgruppe, wo Jessica und Julia Platz genommen hatten. Auch das kleine Mädchen wirkte noch alles andere als fröhlich, obwohl wenigstens ihre Mutter am Vormittag endlich angerufen hatte. Desdemona Kappe konnte kaum glauben, was geschehen war, und obwohl sie Adam aus tiefsten Herzen dafür hasste, was er ihr angetan hatte, war sie zutiefst geschockt. Sie versprach, so bald wie möglich zu kommen, was sich aufgrund ihrer finanziellen Lage allerdings noch eine Weile hinziehen würde.
|
|
|
|
|
|
"Blythe, diese Party ist der reinste Schwachsinn. Schau dir doch Naike an, nie und nimmer ist das ein guter Weg. Sag Jess, sie soll das Ganze sofort abblasen, eh die Arme uns noch aus den Latschen kippt. - Dieser bescheuerte Psycho-Stümper!“, schimpfte Voodoo Mom wütend. „Sie braucht jetzt Ruhe und viel Zuwendung und sonst gar nichts." Gilbert Blythe seufzte und nickte. Ausnahmsweise waren sie sich mal einig.
|
|
|
|
|
|
Naike stand am Buffet und konnte sich sichtlich kaum auf den Beinen halten. "Naike? Hey, Naike, was ist denn los?", fragte Joe sehr besorgt.
|
|
|
|
|
|
"Es tut mir leid, mir ist ein bisschen schwindelig, ich gehe besser auf mein Zimmer. Seid mir bitte nicht böse, ja?!" Sie schwankte durch die Küche Richtung Flur und Doktor Blythe lief ihr hinterher.
|
|
|
|
|
|
"Da seht ihr es, Schluss mit dem Affentheater jetzt. Joe, du ziehst morgen sofort hier ein, wie Jess es vorgeschlagen hat! Es gibt keinen Grund zu zögern“, befahl Voodoo Mom mit ihrer natürlichen Autorität. Joe nickte, er wusste, dass sie Recht hatte. Er musste einfach über seinen Schatten springen, vielleicht würde ja alles gar nicht so kommen, wie er es befürchtete.
|
|
|
|
|
|
"Willkommen in unserem Hause, mein Lieber. Ich hoffe sehr, dass wir zusammen für Naikes und Julias Wohlbefinden sorgen können." - "Ich werde tun, was ich kann, Jessica, das verspreche ich." - "Gut. Ich werde dir mein Vertrauen schenken, auch wenn du ein Tallis bist." Joe schluckte betreten. "Danke. Ich fahre eben die Koffer holen, wir bleiben dann direkt da."
|
|
|
|
|
|
Julia nahm die Entscheidung mit einem eher teilnahmslosen Kopfnicken hin und machte ein Geheimnis daraus, was sie dachte. Aber da sie mit Shakespeare spielte und dabei lächelte, schien sie wirklich einverstanden zu sein.
|
|
|
|
|
|
Als Joe zurück war und sich für seine erste Nacht in der Simlane 10 bettfertig gemacht hatte, schaute er noch einmal nach Naike und war mehr als entsetzt, in welchem Zustand sie sich noch immer befand.
|
|
|
|
|
|
Es würde ein hartes Stück Arbeit werden, sie wieder auf den Weg zu bringen, aber er wollte es versuchen, denn er liebte sie seit dem Tag, an dem er sie das erste Mal sah - leicht dicklich, mit Gurkenmaske und albernen Flügeln. Und das war der Grund, warum er so sehr gezögert hatte, zu ihr zu ziehen.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Vier Wochen waren vergangen und Naike hatte sich inzwischen wieder einigermaßen berappelt. Sie war zwar noch immer arbeitsunfähig geschrieben und schlief oft, aber die ersten Lebensgeister waren dabei, wieder zu erwachen, sicher nicht zuletzt wegen Jess’ und Josephs liebevollen Bemühungen. Auch mit Julia hatte sie sich inzwischen angefreundet, nur von Adam sprach sie seit seinem Tod kein einziges Wort.
|
|
|
|
|
|
Something stupid tönte aus dem Radio. Das Lied, das sie mit Adam einst in der kleinen Taverne beim fröhlichen Karaoke gesungen hatte. An einem Abend, an dem sie überglücklich gewesen war und sich gewünscht hatte, er würde nie vergehen. Sie hörte es sich an, ohne weinen zu müssen, und da wusste sie plötzlich, dass es richtig war, was Voodoo Mom in der schwersten Zeit zu ihr gesagt hatte: Adam würde wollen, dass sie glücklich ist! Und so beschloss sie augenblicklich, sich ihrem Leben zu öffnen und ihm wieder Farbe zu geben.
|
|
|
|
|
|
Am Abend nahm sie ihr Pilates-Training wieder auf, auf das sie in den Wochen zuvor keinerlei Lust mehr gehabt hatte. Und es tat verdammt gut.
|
|
|
|
|
|
"Aber hallo! Was ist denn hier plötzlich los?", freute sich Joseph, als er Naike wieder in Bewegung entdeckte. "Pssst ... leise ... bring mich nicht aus der Mitte."
|
|
|
|
|
|
"Nix Mitte, komm, wir gehen ins Kino und danach was essen!" - "Kommt nicht in Frage, ich muss mich jetzt um mein leibliches Wohl kümmern. Deine Freundin wird doch sicher Zeit haben, oder?" - "Freundin? Welche Freundin?", fragte Joe verdutzt und wurde rot. "Du hast keine?", wunderte sich Naike gespielt. Jetzt wusste sie, was sie wissen wollte. "Nein, wie kommst du darauf?" - "Och, nur so. Du bist doch ein hübscher Kerl, du kannst unmöglich Single sein!" – „Du, ich habe im Moment andere Sorgen als Freundinnen", entgegnete Joe, wurde aber gleich noch ein bisschen röter. Dann grinste er und kniff ihr in den Hintern. Nun war sie definitiv nicht mehr in ihrer Mitte, sondern boxte ihren frechen Mitbewohner kichernd gegen seinen Oberarm.
|
|
|
|
|
|
Joseph hatte sich als perfekter Familienmann entpuppt. Er half neben seiner Arbeit im Haushalt mit ...
|
|
|
|
|
|
... kümmerte sich um die Hygiene des inzwischen schon ein ganzes Stück größer gewordenen Shakespeare ...
|
|
|
|
|
|
... und beschäftigte sich regelmäßig liebevoll mit Julia, als wäre sie sein eigenes Kind.
|
|
|
|
|
|
Eine Art kleine Familie waren sie inzwischen geworden, es ging wieder viel fröhlicher zu in der Simlane 10. Jessica ließ keinen Scherz aus und brachte die anderen immer wieder mit der Darbietung ihrer unkonventionellen Esskünste oder lustigen Anekdoten aus ihrer Jugendzeit als Wahrsagerin zum Lachen.
|
|
|
|
|
|
Julia blühte sichtlich auf, denn auch ihre Mutter Desdemona war zwischenzeitlich eine Woche zu Besuch gewesen und hatte ihr Bestes getan, ihre kleine Tochter wissen zu lassen, dass sie ihr trotz der Ausbildung in den USA das Wichtigste auf der Welt war.
*
|
|
|
|
|
|
"Du, hast du Lust mit mir heute Abend wieder Schach zu spielen?" - "Nette Idee, würde ich gerne, aber ich muss heute Abend noch mal weg." Naike zog einen Flunsch. "Och, schon wieder? Du bist ja fast jeden Abend weg, was treibst du denn dauernd auswärts um so späte Zeit?" - "Äh ... ja, fotografieren halt“, erklärte Joe, „das ist nun mal mein Beruf und da gibt es auch spätere Termine, bin oft auf Hochzeiten eingesetzt. "Aha. Schade. Dann vielleicht ein andermal." - "Klar, gerne", versprach er und schickte sich an, das Haus zu verlassen. Naike schaute ihm nach und fragte sich, warum er seine Ausrüstung nie mitnahm, als er sich noch einmal umsah: „Sag mal, spionierst du mir irgendwie nach?" - "Quatsch! Wie kommst du denn jetzt darauf?", rief sie sich ertappt fühlend. Doch dann lächelte der junge Mann auch schon wieder. "Entschuldige, das war wirklich Quatsch, bitte vergiss es. Ich wünsche dir einen schönen Abend, wir sehen uns dann morgen." - "Ok, viel Erfolg beim Fotografieren!"
|
|
|
|
|
|
Als die Tür ins Schloss gefallen war, flitzte sie in sein Zimmer und fand seine Fotoausrüstung genau an der Stelle, wo sie sie vermutet hatte, unter seinem Bett. Da muss doch etwas faul sein, schlussfolgerte sie.
|
|
|
|
|
|
Sie brühte sich einen Cappuccino auf und überlegte. Hatte er vielleicht doch eine Freundin, die er nachts besuchte? An seine Erklärung, auf Hochzeiten zu fotografieren, glaubte sie jedenfalls nicht, solche Feiern fingen doch nicht erst nach 23 Uhr an! Sie beschloss, ihn besser genauestens im Auge zu behalten.
-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Shakespeare zeigte keinerlei Neigung zur Dichtkunst wie sein berühmter Namensgeber, sondern suhlte sich lieber täglich mit großer Freude im Schmutz, so dass es eigentlich besser gewesen wäre, wenn der liebe Gott ihm ein braunes Fell geschenkt hätte. „Wo warst du bloß wieder, du kleiner Dreckspatz, hm?“, tadelte ihn sein Frauchen gerade, als Joseph mit einer Fremden ins Badezimmer kam. "Hi Nai, hast du'n Moment Zeit, ich möchte dir jemanden vorstellen." Das ist Carla, eine Kollegin von mir, wir arbeiten oft zusammen."
|
|
|
|
|
|
Überrascht begrüßte sie die blonde Frau, die ungefähr in ihrem Alter war. Carla lächelte sie freundlich an: „Ich freue mich, dich kennen zu lernen, Josephs Freunde sind auch meine Freunde." Dann bat sie, kurz die Toilette benutzen zu dürfen und Joseph setzte sich noch für einen Moment mit Naike in die Küche.
|
|
|
|
|
|
"Joe, komm bitte, wir müssen jetzt los", drängte Carla zehn Minuten später dann zum Aufbruch. "Was habt ihr vor, gibt es jetzt noch einen Termin? Es ist bereits nach 22 Uhr?", fragte Naike ohne Umschweife neugierig. "Klar, die besten Bilder macht man auf Hochzeiten doch erst zu später Stunde, wenn alle lockerer sind", erklärte Carla und zwinkerte grinsend.
|
|
|
|
|
|
Aha, lockerer. Lockerer? Naike schmunzelte und beobachtete wie die beiden Nachtschwärmer ins Auto stiegen. Natürlich wieder ohne Arbeitsgeräte. Und dann brausten sie in die Nacht davon. Sie muss seine Freundin sein, dachte Naike, aber warum gab er das bloß nicht zu? Da fielen ihr ihre Karten ein, die schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr angerührt in der Schublade lagen, und sie beschloss, sie gleich am nächsten Morgen zu befragen.
*
|
|
|
|
|
|
Es ergab sich ein höchst seltsames Bild. Dort lag Joseph, aber eindeutig ohne eine Frau in der Nähe. Dafür zeigte sich aber eine spezielle Kombination, die „Unrecht“ bedeutete. Unrecht? Um was für ein Unrecht mochte es sich handeln? Aber auch wenn sie es nicht näher definieren konnte, Naike fühlte sich zumindest in ihrem Verdacht bestätigt, irgendetwas war faul mit ihrem Mitbewohner. Dann mischte sie die Karten erneut und legte auch für sich selbst aus. Aber auch daraus wurde sie nicht viel schlauer, offenbar musste sie erst wieder in Übung kommen. Da lag ein Mann direkt neben dem Herz, aber ganz weit entfernt von ihr. Im Geiste erschien ihr Adam Gesicht. Er lächelte sie zärtlich an. Naike sammelte hastig die Karten ein, schmiss sie gereizt in die Schublade zurück und schloss sich für die nächste halbe Stunde im Badezimmer ein, was ihr ordentlich Ärger mit Jessica brachte, der sie dadurch den Toilettengang verwehrte.
*
|
|
|
|
|
|
Am nächsten Abend war Joe erneut zu fortgeschrittener Stunde abmarschbereit und trank wie immer vorher noch einen Espresso. Naike nahm sich ebenfalls einen und setzt nun in die Tat um, was sie inzwischen beschlossen hatte, ihn einfach direkt zu fragen, was er tatsächlich trieb. "Du, kann ich dich mal was fragen und eine ehrliche Antwort bekommen?“ - "Nur zu." - "Tust du irgendetwas Unrechtes?" Jetzt war es raus. Und sie sah, dass sie richtig lag, denn Joseph wirkte plötzlich wie ein irritiertes Kaninchen. „Wie bitte?“ Doch dann wehrte er ab. "Nai, ich muss jetzt los, wir reden morgen weiter, ja?! Lass uns zusammen ausgehen, irgendwas essen oder so, ich habe abends nichts vor." Sie ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken und hielt es für besser, nicht weiter nachzubohren. "Ok, geht klar." Übereilt erhob sich Joe und stieß sich dabei den Schenkel an der Tischplatte. Morgen nagele ich ihn fest, dachte Naike entschlossen, und nahm sich vor, zur Not auch Wahrheits-Serum einzusetzen.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Insgesamt gesehen war das Leben in der Simlane 10 wieder recht angenehm geworden. Naike hatte ihre Mitte gefunden und sie entglitt ihr nur noch in den Momenten, in denen sie etwas an ihre große Liebe erinnerte. Sollte das denn nun schon wieder vorbei sein? Am Abend fuhr sie mit Joseph wie verabredet zur Aussprache in ein Restaurant und staunte nicht schlecht, als sie sah, wohin ihr „Date“ sie ausführte!
|
|
|
|
|
|
"McDonalds??? Sag mal, Joe, hast du noch alle Bienen auf dem Kronleuchter? Das nennst du Date?", rief Naike entrüstet und fühlte sich unwert behandelt. "Erstmal heißt es "Birnen" auf den Kronleuchter und zweitens habe ich die noch, denn wir haben überhaupt kein Date, sondern du wolltest unbedingt etwas wissen. Und um dir das zu sagen, brauche ich kein schönes Ambiente, hier schmeckt es auch." Peinlich berührt ließ Naike sich in den Fastfood-Tempel ziehen und fand den Start des Abends alles andere als berauschend.
|
|
|
|
|
|
"So, dann schieß mal los! Ich sage dir gleich - falls du dir schon irgendwelche Ausflüchte zurecht gelegt hast – die Karten lügen nie, es gibt nur unfähige Deuter und zu denen gehöre ich definitiv nicht. Was hast du also mit irgendeinem Unrecht zu tun, bitteschön!?" Joseph seufzte genervt. "Nicht so voreilig, junge Dame, und schon gar nicht so aggressiv. Lass uns erstmal in Ruhe etwas zu Essen besorgen, ich hab Hunger." Die Burger waren schnell geholt. Zuerst sagte keiner der beiden mehr etwas. Doch dann übernahm Naike wieder die Gesprächsführung. Sie war einfach zu neugierig und auch ein bisschen ängstlich. Offenbar konnte es keinen Tallis geben, der nichts auf dem Kerbholz hatte. Warum sollte also ausgerechnet Joe aus der Reihe fallen?
|
|
|
|
|
|
"Wir waren beim Thema Unrecht", begann sie, „wem tust du Unrecht? Wobei "Unrecht" noch viel zu harmlos ausgedrückt ist, in den Karten lag die Kombination für „kriminelle Energien“!!! Stiehlst du alten Damen die Handtaschen? Überfällst du Banken? Oder nimmst du Jungfrauen brutal die Unschuld in öffentlichen Grünanlagen?" Naike klopfte während ihrer glühenden Rede das Herz bis zum Hals. Hatte sie sich zu weit aus dem Fenster gelehnt?
|
|
|
|
|
|
Joe blieb völlig cool. „Nichts davon, aber sowas Ähnliches. Ich steige nachts in Häuser ein und nehme mit, was ich tragen kann." Von seinem Gegenüber war nur noch ein Prusten zu hören, Naike hatte vor Schreck einen Teil ihres Cheeseburgers eingeatmet. "Geht es? Oder soll ich dir auf den Rücken klopfen, Fräulein Lenormand?", fragte Joe grinsend, aber sie hüstelte nur noch ein wenig und starrte Adams Bruder anschließend regungslos an. Dann sagte sie nur: "Das ist jetzt ein Scherz, oder?!“ Joe lachte. „Aber nicht doch, ich scherze nicht, Und ich will, dass du zukünftig mit mir gehst. Du bist eh im Moment arbeitslos, aber eindeutig nicht mehr krank, du kannst also wieder etwas leisten. Was meinst du, hm? Du weißt jetzt eh Bescheid und hängst somit sowieso mit drin. Selbst Schuld!“, zwinkerte er frech.
Liebes Universum, sag mir jetzt bitte, dass das nicht wahr ist! Das muss wieder einer meiner irren Träume sein, dachte Naike und kniff sich selbst in den Arm. Aber es war kein Traum. "Na, komm schon, sag ja!“, drängte Joe. „Es wäre mir eine Ehre, mit dir zu arbeiten. Ich hätte gern zukünftig ein Dreier-Team, weißt du?! Carla kennst du ja schon." Er legte seine warme Hand auf Naikes, so dass sie gleich noch nervöser wurde und ihn statt einer Antwort nur etwas schräg lächelte. Warum, das wusste sie selbst nicht, denn ihr war eigentlich weniger zum Lachen zumute, aber er wertete es offenbar als prompte Zustimmung.
|
|
|
|
|
|
Und da waren sie mal wieder, die berühmt-berüchtigten Affen im Kopf. Einer meinte, es wäre tierisch spannend, so etwas zu tun, statt zukünftig jeden Tag irgendeine langweilige Arbeit verrichten zu müssen. Der andere Affe war der Meinung, dass es irre sei, sich auf so etwas einzulassen. Der dritte Affe wollte es sich noch überlegen und noch ein vierter verlangte nervtötend quengelnd nach einem Biss in den inzwischen erkalteten Burger. Affe Nummer 5, der bekloppteste, war nur darauf aus, Joe augenblicklich zu küssen, der inzwischen einen goldigen Hundeblick aufgesetzt hatte. "Und, kommen wir jetzt wieder heraus aus der Starre, junge Frau? Wir trinken einen drauf, ja?" – „Prost, Joe“, sagte sie matt und tonlos. „Wie? Echt jetzt? Du begleitest mich wirklich?“, strahlte der junge Ganove. „Na dann, Prost! Auf gute Zusammenarbeit!" Naike fühlte sich völlig überrumpelt.
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Joe hatte bereits am nächsten Tag alles arrangiert, Naike bekam bei einem seiner Kollegen eine Art Ausbildungsplatz, der Stundenplan war sehr umfangreich und sie fragte sich nicht nur einmal, ob das alles überhaupt nötig war, bloß um nachts in Häuser einzusteigen? Es war eine brisante Entscheidung, sich ihrem Mitbewohner anzuschließen, aber sie hatte lange darüber nachgedacht und sich erinnert, dass sie sich lediglich in einer virtuellen Welt befand und ihr Alter Ego Real-Naike stets ein Auge auf sie hatte. Also stand ihr Beschluss fest: Auf ins Abenteuer!
|
|
|
|
|
|
Joseph richtete wenig später auch noch zu Hause einen Trainingsparcour ein, um seine zukünftige Co in möglichst kurzer Zeit wieder topfit zu kriegen.
|
|
|
|
|
|
"Äh ... wie bitte? Da soll ich rüber? Das habe ich seit meiner Anfangszeit beim Militär damals nicht mehr gemacht." - "Na, dann wird es aber Zeit!“, lachte ihr zukünftiger Kollege aufmunternd.
|
|
|
|
|
|
"Fang du an, ich will was sehen!", neckte sie zurück und war ziemlich gespannt, was der durchtrainierte Körper ihres Freundes wohl zu leisten im Stande war.
|
|
|
|
|
|
Und wie sie staunend feststellen musste, verfügte er über keinerlei Defizite, bewegte sich flink und geschmeidig. „Ups, du kannst es ja!" – „Natürlich“, ächzte Joe, „was hast du denn gedacht? Bin doch keine Couchpotatoe!"
|
|
|
|
|
|
"So, jetzt du!“ Naike zögerte, da sie Angst vor Blamage hatte. „Na, los!"
|
|
|
|
|
|
Aber es blieb ihr nichts anderes übrig als seiner Aufforderung Folge zu leisten und unerwarteterweise klappte es sogar einigermaßen. "Schon recht gut, Le Normand“, lobte er sie zur Motivation, „aber ein bisschen schneller dürfte es sein, das kriegen wir mit einigen Trainingseinheiten bald hin.Und bitte binde dir beim nächsten Mal die Haare hoch, ja?!"
|
|
|
|
|
|
Neugierig wieselte Jessica heran und fragte sich, woher das laute Gestöhne kam? Die werden doch nicht etwa im Garten ..., sagte sie zu sich selbst und dachte schaudernd an die Nacht, in der sie Adam und Naike auf dem Heuboden in eindeutiger Position vorgefunden hatte. „Joe ist ein Tallis - das darf ich nicht vergessen“, murmelte sie besorgt vor sich hin, als müsste sie sich diese Tatsache stets präsent halten.
|
|
|
|
|
|
„ ... ich muss ihn im Auge behal ... - "Kinder!!! Ja, was macht ihr denn da? Und was ist mit unserer Hauswand passiert?", rief sie verblüfft, denn was sich nun ihren Augen darbot, hatte sie weiß Gott nicht erwartet.
|
|
|
|
|
|
Dann fiel ihr Blick auf eine verdammt echt aussehende Waffe. „Wa … aaaa … as ist da …da da …das? Mit hämmerndem Herzschlag lief sie zum Trainingsparcour hinüber.
|
|
|
|
|
|
"Sagt mal, habt ihr noch alle Tassen im Schrank?", wetterte sie lautstark. „Naike muss doch wieder fit werden und ich helfe ihr dabei“, erklärte Joe atemlos hechelnd. „Aber die Pistole?“ – „Sportschiessen“, meinte Joe kurz angebunden und ließ sich danach nicht mehr aus dem Konzept bringen. Jessica schüttelte verständnislos den Kopf und trollte sich wieder. Dabei machte sie einen riesigen Bogen um die Schießeisen, die auf komischen Holztischen parat lagen. Sie nahm sich vor, lieber von innen genau zu beobachten, was abging. Ob die beiden beim Film anfangen wollten?
|
|
|
|
|
|
"So, jetzt der nächste Punkt auf der Liste. Kannst du schießen?" – „Jein, habe ich schon mal gemacht, mein Mann war früher im Schießverei ..." Naike schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund, dies war der erste dumme Versprecher nach langer Zeit. „Dein Mann?" Joe schaute sie durchdringend an und verzog dabei seine Augenbrauen ein bisschen so wie sein Bruder es immer getan hatte. „Wie, mein Mann? Hab ich mein Mann gesagt? Du musst dich verhört haben“, sagte Naike schnell und versuchte den Fauxpas wieder auszubügeln: „Magnum, sagte ich. Die hatte einen Mega-Rückstoß, sag ich dir!" Sie lächelte und nickte dabei übertrieben. Zum Glück kam keine Nachfrage mehr, sondern ihr Gegenüber zeigte lediglich ein leichtes Stirnrunzeln und wandte sich anschließend wieder seinem Vorhaben zu.
|
|
|
|
|
|
"Der Rückstoß, genau. Darauf musst du unter anderem achten, sonst triffst du daneben. Aber es gibt noch mehr." Naike überfiel ein unbehagliches Gefühl und das bestimmt nicht wegen des Quadratmusters, dass der Boden plötzlich für einige Minuten zeigte. „Was soll ich denn bitte treffen?" - "Keine Sorge, es wird sicher auch mal brenzlige Situationen geben, aber die sind super selten, wenn man gut plant."
|
|
|
|
|
|
In diesem Moment sah Naike im Geiste Nastassja, wie sie hasserfüllt auf Adam zielte, und ihr wurde übel. "Ich kann nicht auf Menschen schießen, Joe, das kommt für mich nicht in Frage. Adam wurde doch ...“ Joe legte seine Hand auf ihre Schulter. "Ach so, ich vergaß, tut mir leid. Aber du solltest es wenigstens geübt haben.“
|
|
|
|
|
|
"Na, schon ein bisschen höher, sonst hängt die Kugel gleich im Fundament." Naikes Hand zitterte. "Ich kann das nicht." - "Doch, kannst du, vergiss mal für ein paar Minuten meinen Bruder." Sie drückte den Abzug, der Schuss löste sich und schlug unmittelbar in die Zielscheibe ein. „Genug für heute“, sagte sie dann, drückte ihrem Lehrer die Waffe in die Hand und ging mit weichen Knien zurück ins Haus.
|
|
|
|
|
|
Worauf hatte sie sich bloß eingelassen? Das Turnen hatte viel Spaß gemacht, außerdem war es eh nötig. Aber die Schießerei? Früher hatte es ihr auch das Freude gemacht, als Sport. Aber wie könnte sie je auf Menschen schießen? Es ist unwahrscheinlich, dass das je der Fall sein wird, sagte der erste Affe. Lass es lieber bleiben, giftete der zweite. Aber könnte Albert Kappe sein, witzelte der dritte frech. Naike holte Luft und tauchte ins Wasser. Die Affen schwammen laut protestierend davon.
------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
|
|
|
|
|
|
Jess beobachtete ihre Mitbewohner von nun an sehr genau. Was hatten die vor? Ging da irgendwas zwischen den beiden? Oder wollte Joe sie vielleicht erschießen, damit er mit Naike alleine im Haus wohnen konnte? An viel Phantasie hatte es der alten Dame noch nie gemangelt und wieder einmal wurde sie mit diffusen Ängsten dafür belohnt.
|
|
|
|
|
|
Die jungen Leute umarmten und neckten sich zwar herzlich, aber nach einer sich anbahnenden Liebesbeziehung sah es nicht aus, dachte Jessica.
|
|
|
|
|
|
Und nun war sie es, die sich fragte, wohin die beiden an mehreren Abenden pro Woche wohl fuhren.
|
|
Kapitel 7 - Geteiltes Leid Kapitel 9 - Schätze zwischen Unterhosen
|
|
 |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
  |
 |
 |
 |
|
|