Kapitel 5 - Wer ist der Schlimmste im ganzen Land?



Am Nachmittag fand die inzwischen ausgeschlafene Naike endlich mal wieder Blumen vor ihrem Haus, aber die beigelegte Karte war an Jessica adressiert. Und dann bog auch bereits Armin um die Ecke. "Hi Naike, lange nicht gesehen!" - "Hallo Armin, wo hast du denn so lange gesteckt? Komm doch rein!" Sie erkannte den Freund ihrer Mitbewohnerin kaum wieder. „Du hast dich ja vielleicht verändert, andere Frisur, Bart - siehst gut aus, markanter als früher." - "Danke! Ja, es war mal Zeit für ein bisschen Veränderung, man wird ja auch nicht jünger", stellte Armin bedauernd fest.





"Jess, da bist du ja, grüß dich!", drückte Armin sie herzlich. „Naike, du brauchst nicht stiften gehen, trink doch eine Tasse Tee mit uns“, schlug Jessica vor. „Ach übrigens, wo warst du eigentlich die ganze letzte Nacht? Ich hätte dich beinahe suchen lassen." - "Gut, dass du es nicht getan hast, der Erdboden hatte mich nämlich verschluckt“, grinste Naike. „Trinkt ihr mal in Ruhe euren Tee, ich bin noch ein bisschen matt“, erklärte sie zwinkernd. Diese Bemerkung entlockte Jessica ein Seufzen. "Das kann nur eines bedeuten, Armin, sie hat ihren Kerl wieder!" Armin wirkte erschreckt. „Den Schwerverbrecher etwa?" - “Pssst, lass sie mal.“ Jess schien endlich etwas gelernt zu haben. „Jetzt aber zu uns, wie siehst du überhaupt aus? Chic, dein neuer Style, wolltest dich mir wohl anpassen, nicht wahr?!“, zwinkerte sie ihrem lange vermissten Schatz zu und griff zur Teekanne.





"Jess, bitte warte. Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Ich bin gekommen, um dir etwas zu sagen", hielt Armin sie zurück und sah plötzlich bedrückt aus. Jessica wusste sofort, dass das nichts Gutes bedeuten konnte, und ihr stockte der Atem - die Karten! Würde sich bereits jetzt herausstellen, dass sie Recht hatten? Armin begann: "Du, ich bin letzte Woche bei meiner Mutter ausgezogen, es wurde höchste Zeit, hab mich lange genug zum Deppen gemacht." - "Aber das ist doch prima, das hatte ich schon lange gehofft. Wo willst du denn jetzt hin? Zu uns?" - "Jess, ich bin bereits woanders untergekommen, bei einer jungen Frau aus dem Bekanntenkreis. Ich habe sie vor einiger Zeit kennen gelernt, Sie hat mich quasi aufgefangen, als es mir nach einem Streit zwischen uns schlecht ging."





"Was?? Und zum Dank dafür bist du gleich mit ihr ins Bett gestiegen??“, rief Jessica entsetzt. „Wer sagt das denn bitteschön, nein! So eine ist sie nicht!", stellte Armin klar. "Und was hält dich bitteschön dann sonst dort?"

Naike traute ihren Ohren nicht, was waren denn das für Neuigkeiten statt einem fröhlichen Wiedersehen? Neugierig wie sie war, räumte sie ein bisschen in der Küche herum, um das Gespräch weiter verfolgen zu können. Armins Stimme begann nun zu zittern: „Sie hat mich davon überzeugt, dass Magie und Okkultismus der falsche Lebensweg ist, es ist Sünde. Sorry, Jess, aber du bist eine Hexe, das kann ich nicht akzeptieren, auch wenn ich dich noch immer liebe, ehrlich. Es tut mir von Herzen leid." Jessica wurde so blass, wie es bei ihrer dunklen Haut nur möglich war, und Naike spürte in sich das dringende Verlangen aufkeimen, Armin für diese intolerante Aussage eine zu scheuern.





"Soso, nicht die richtige Lebensweise?! Was ist denn in den Augen deiner … deiner „Freundin“ die richtige Lebensweise?", brüllte Jessica ihn an. "Ein gottgefälliges Leben! Ich gehe davon aus, du hast schon einmal was von den zehn Geboten gehört?!“ - "Komm, Armin … geh“, winkte sie augenblicklich ab, weil sie in ihrem Leben bereits schlechte Erfahrungen mit derartigen Gesprächen gemacht hatte. „Wenn du es wirklich so willst, dann geh!" - "Jess, ich ..." - "Adieu. Da ist die Tür!"





Armin sah sie noch einmal resigniert an und gehorchte ohne weitere Erklärungsversuche, schlich wie ein geprügelter Hund aus dem Haus und die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Noch auf der Treppe kamen ihm die Tränen und er fragte sich klagend, warum die doch so wunderbare Liebe Gottes stets mit Schmerzen und Leid verbunden war. Er nahm sich vor, sich und allen zu vergeben und noch mehr zu beten. Aber er wusste schon jetzt, dass die Bewältigung dieses Verlustes harte Arbeit an ihm selbst bedeuten würde. Aber wenn es ihm bestimmt war, wollte er es meistern.





Natürlich wurde auch im Haus alles unter Wasser gesetzt, Naike konnte Jess in diesem Moment nicht trösten, da sie sich bereits auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte, als es ihr doch zu peinlich wurde, weiter zuzuhören. Jessica hatte im Gegensatz zu Armin keine Ambitionen zu verzeihen, sie wollte einfach nur noch wissen, wer die Schlange war, die ihr ihren Armin weggenommen hatte. Zitternd wählte sie die Nummer des Einwohnermeldeamtes. Da Sims keinerlei Wert auf Datenschutz legten, hatte sie in Nullkommanichts Armins neue Adresse herausgefunden und machte sich nach dem Genuss eines doppelten Tequilas, dem einzigen alkoholische Getränk, dass sie im Hause hatten, auf den Weg in die Simlane 9 - und das war zu ihrem großen Entsetzen ganz in der Nähe.

*





Sie fand dort ein hübsches neues Haus mit einer Garage vor, vor der ein orangefarbenes Auto geparkt war. Ohne sich auch nur irgendwie zu tarnen oder sonst wie zu verstecken, lief sie schnurstracks auf die Haustür zu und las das in geschwungener, rundlicher Kleinmädchen-Schrift geschriebene Klingelschild: FULLER.





Jessica blieb dabei unentdeckt, denn zu diesem Zeitpunkt saß Armin mit seiner Neuen gerade auf der Terrasse beim Essen. "Habe ich dir heute schon gesagt, dass du bezaubernd aussiehst, Melissa?!" - Oh, Armin, du bist ja ein richtiger Charmeur“, lächelte sie süßlich.





„Aber das lässt du bitte“, bemerkte sie kurz darauf ermahnend. „Da gehört das böse Händchen nicht hin, pfui!" - "Och, Melli, das ist doch ganz harmlos, ich will nur ein bisschen mit dir kuscheln", schnurrte Armin wie ein Kater.





"Nein, Armin“, sagte Melissa bestimmend, „du kennst meine Prinzipien, insbesondere kein Sex vor Ehe - das ist Sünde!" - "Aber es ist doch keine sexuelle Handlung, wenn ich deinen Po streichle“, widersprach er verständnislos, „jetzt übertreibst du aber!" - "Kein Aber, ich möchte darüber nicht diskutieren. Basta!" - "Ja, ist ja schon gut. Darf ich dich den wenigstens mal drücken?“, bat Armin seufzend. Dieser Bitte gab sie lächelnd statt.

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Als Naike von der Arbeit kam, saß Jess tief traurig in der Ecke. Wenigstens wusste sie, warum, und beschloss ihrer Freundin zu helfen, ihren Kerl so schnell wie möglich wieder aus den Fängen der MJN-Tussi zu befreien. Aber machte sie damit nicht den gleichen Fehler wie Jess, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen? Erstaunt nahm sie Jessicas Bericht zur Kenntnis, dass es sich bei der fremden Frau um Melissa Fuller handelte.

"Jess, komm, lass dich nicht hängen, Armin wird früher oder später zurückkommen, da bin ich sicher. Er hat dich von Anfang an geliebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er jetzt auf Melissa steht, die olle prüde Schnepfe mit dieser unausbalancierten neo-evangelischen Frisur!" Naike schüttelte sich in Gedanken an dieses Friseur-Verbrechen schaudernd. "Aber sie ist viel jünger als ich", jammerte Jessica resigniert. "Ja und? Armin hat doch gesagt, dass seine Entscheidung mit eurem Altersunterschied nichts zu tun hat. Wen du mich fragst, hat er hat sich einfach von Melissa und ihrer Truppe einwickeln lassen. Überleg mal, er wohnte bis vor kurzem noch bei seiner Mutter, denkste er kommt jetzt so plötzlich ohne Leithammel aus? Bei dir konnte er den nicht kriegen, da du oft schwer einschätzbar bist, ein Freigeist halt. - Es wird schon wieder, Süße, mach dir mal keinen Kopf."

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Nachdem Jess völlig erschöpft früh zu Bett gegangen war, empfing Naike ihren Adam zum ersten Mal auf dem neu errichteten Heuboden im Wohnraum, der durch seine doch recht stattliche Höhe vor Blicken gut geschützt war. Allerdings nur vor Blicken, ansonsten gab es direkt unterm Dach durch die noch fehlende Isolierung leider ein massives Schallproblem, was bisher aber noch nicht bekannt war.

“Huch, du hast ja ... äh ... überhaupt nichts an“, grinste er verlegen. "Du hattest dich diesmal doch angesagt, hätte es sich da gelohnt, in Klamotten zu schlüpfen?", zwinkerte Naike ihm zu. „Nee, eher nicht.“ - "Also, worauf wartest du noch? Fass mich an!" - "Wo ich will?" - "Wo du willst." - "Darf ich auch alles machen, was ich will?" - "Na ja, meine Nase und alles andere, was mir lieb und teuer ist, sollte heile bleiben“, bat Naike sich aus und sah ihren Freund dabei ein wenig unsicher an. "Das kann ich dir unmöglich garantieren“, witzelte Adam und griff beherzt und zielstrebig nach ihrem Hintern.





"Dann kannst du eben morgen nicht wiederkommen." - "Aber ich gehe doch gar nicht mehr weg, niiie mehr!" - "Keine Chance“, lachte Naike, „zur Not lass ich dich abholen!" - "Das wagst du nicht!", drohte Adam gespielt. Auf dem Heuboden zu rangeln war nicht ganz ungefährlich, leicht hätten die beiden Turteltauben ins Kippen geraten können, dann hätte Doc Blythe bedeutend mehr zu flicken gehabt als bei Naikes letzter Konsultation. Aber zum Glück ging alles gut, denn sie fielen auf die weiche Matratze, mit der Naike den kleinen Boden ausgestattet hatte, und stießen lediglich vor Übermut mit ihren Köpfen gegen die Wand.

Naike glaubte für einen Moment, Adam habe eindeutig mehr als nur zwei Hände und schloss ihre Augen. Aber was er nun tat, bereitete ihr Unbehagen. "Adam, hör auf, du machst mir Angst!" - "Vertraust du mir nicht?" Naike zögerte. "Ich würde gerne, aber ..." Sie schluckte. "Entspann dich, Liebes. Glaube mir, es wird dir nichts geschehen." Naike brach der Schweiß aus und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Aber sie fügte sich, denn langsam wurde ihr bewusst, das es genau das war es, was sie wollte. Diesen Kick, nicht zu wissen, was er mit ihr tun würde, die vermeintliche Angst zu spüren und doch genau zu wissen, dass sie absolut sicher bei ihm war.





Jessica war zwar zwischenzeitlich kurz eingenickt, fand aber vor Armin-Kummer nicht in den Tiefschlaf. Aus dem Wohnzimmer bahnten sich seltsame Geräusche den Weg in ihre Ohren. „ Was mochte da wohl vor sich gehen?“, fragte sie sich ängstlich. Sie taperte aus ihrem Schlafzimmer, ging durch den Flur, und je näher sie dem Wohnzimmer kam, desto lauter wurde es. Schnell wurde ihr klar, dass dies kein Einbrecher war, sondern sie in diesem Moment dort nichts zu suchen hatte. Dann war es auf einmal ganz still und ein sehr unwohles Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus. War Naike in Gefahr? Hatte ihr Adam wohlmöglich etwas angetan? Würde er vielleicht auch sie danach ... Ihre Gedanken malten schreckliche Bilder in ihrem Kopf. Jess setzte sich auf das Sofa unter dem Heuboden. Es blieb mucksmäuschenstill. Gespenstisch still. Zunehmend kruder wurden ihre gedanklichen Kreationen, kalter Schweiß lief ihr inzwischen über den Rücken. Dann hielt sie es nicht mehr aus, sie musste etwas unternehmen!





Flink kletterte sie die kleine Holzleiter zum Boden hinauf und war fest entschlossen, Naike - wenn es denn sein musste - unter Einsatz ihres Lebens aus den Fängen des Monsters zu befreien. Als sie oben angekommen war, knarrte es leise unter ihren Fußsohlen und sie erstarrte zur Salzsäule. "Adam? Was ist denn jetzt plötzlich los?“, fragte Naike, weil auch er sich plötzlich mehr rührte. „Nai, ich glaube, ich sehe ein Gespenst, habt ihr so was hier?" Dann erblickte auch Naike die aufgelöste Jessica, die nun zu stottern begann: "Oh … äh … Entschuldigung ... tut mir leid ... ich ... ich hab mich so schrecklich gesorgt, weil ... äh ... du solltest doch heute Nacht wieder Schicht haben. Und dann war da … ja also, ich dachte, dir wäre was passiert!“ Naike seufzte tief. "Jess, können wir das bitte morgen klären, ich dachte, du schläfst längst!" - "Hab ich ja auch und dann wurde ich wach und ..."





Nun räusperte Adam sich. "Frau Jung, äh ... sehen Sie nicht, dass dieser Zeitpunkt ein sehr ungünstiger für ein Pläuschchen ist?" Sein Mund deutete ein verständnisvolles Lächeln an, was Naike sehr beruhigte, denn sie hatte schon befürchtet, dass es nun Probleme geben würde. „Geh’ jetzt bitte, ja!", drängelte sie ihre Mitbewohnerin, die jetzt endlich aktiv wurde und hastig die Leiter wieder abwärts kletterte. Auf halber Höhe aber blieb sie noch einmal kurz stehen: „Und es geht dir wirklich gut, ja?" - "Zieh Leine, Jess!“, brüllte Naike und Adam rieb sich kopfschüttelnd die Stirn.

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Ein halbes Stündchen später …

"Sag mal, warum bist du eben eigentlich so ruhig geblieben? Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, dass du dich auf sie stürzt und sie vom Heuboden schubst." - "Jetzt hör doch endlich mal auf, immer so einen Mist von mir zu denken!", sagte Adam genervt. "Bist du doch selbst Schuld!“, entgegnete Naike ein wenig vorwurfsvoll. "Ja, verdammt“, meckerte Adam. „aber ich fand den Zwischenfall ehrlich gesagt ziemlich witzig, auch wenn ich mich zuerst total erschrocken hab, weil sie wie ein Geist aussah!" In Erinnerung an die köstliche Szene mussten beide lachen.

„Aber mal 'ne ganz andere Frage: Wann darf ich eigentlich mal zu dir kommen?", wollte Naike anschließend wissen. "Das ist keine gute Idee, meine Geschwister streunen ja dauernd durch die Wohnung." - "Ja, und? Joe und ... also, deinen Bruder kenne ich doch längst." Beinahe hätte sich Naike wieder einmal verplappert, Adam konnte ja nicht wissen, dass seine Freundin bereits als Mensch mit seiner Schwester gespielt, ja, sie sogar selbst für das Spiel erstellt hatte! Merkwürdigerweise konnte sie sich aber kaum an sie erinnern, hatte Real-Naike da etwa ihre Finger im Spiel? Adam begann abzulenken: "Treffen wir uns doch wieder hier bei dir, ist doch sehr gemütlich. Wir können aber auch gerne in einem Fotofix ..." - "Herr von und zu Tallis, denken Sie bitte auch mal zwischendurch an etwas anderes?“, rief Naike mal wieder entrüstet. „Ich will doch nur deine Familie mal näher kennen lernen. Besonders Julia. Überlegst du es dir? - Bitte!" Adam runzelte nervös die Stirn. „Lass uns noch ein wenig damit warten, ja?!“

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Naike wollte aber nicht warten, warf sich deshalb am nächsten Tag in Schale und stattete naiverweise ohne Ankündigung der Simlane 6, dem Tallis-Haus, einen Besuch ab. Sie staunte über den Bau und den teuren Wagen davor. Sollte das wirklich alles ererbt sein?





Ein lang gezogener elektronischer Gong ertönte, als Naike aufgeregt den Klingelknopf drückte. Adam öffnete die Tür. „Hallo, ich bin’s!“, stellte sich sie sich unnötigerweise vor. „Das sehe ich“, sagte Adam ernst und schien ihr Erscheinen für keine gute Idee zu halten. „Hey, freust du dich denn gar nicht?", fragte Naike betrübt. "Äh, doch, klar! Aber was hast du da an?" - "Wieso, ganz neu und schön kurz. Jetzt erzähl mir bloß, es gefällt dir nicht?!“ - "Äh …doch, sehr“, äußerte Adam sich irritiert. „Aber ... Moment ... ich muss mal eben was klären. Komm schon mal rein, aber warte hier bitte eine Sekunde im Flur, ja?!"





Naike linste vorsichtig um die Ecke ins Wohnzimmer, wo sich alle drei Tallis-Geschwister aufhielten. Und jetzt wusste sie auch, warum sie warten sollte. "Naike? Komm doch bitte!", begleitete sie Adam nun höflich hinein. Joseph rief ihr ein freundliches Hallo zu und schien sich zu freuen, sie zu sehen. Aber als sie dann seine Schwester begrüßte, verfinsterte sich seine Miene.





"Hi, ich bin Nastassja, Adams Schwester!", sagte diese cool und scannte Naike mit scharfem Blick von oben bis unten ab. "Grüß dich! Du, tut mir echt leid, dass ich offenbar im selben Laden war wie du." Beide Frauen trugen das gleiche Outfit - wie peinlich! "Ach was“, lachte Nastassja einen Tick zu laut, „ist doch kein Problem, konnte doch keine von uns wissen!"





Adam trat von einen Fuß auf den anderen und sah abwechselnd vom einen „Zwilling“ zum anderen, was Naike nicht entging. „Schlimm, Adam?" - "Quatsch, warum denn? Ich hab mich nur eben an der Tür erstmal erschrocken, zumal ihr auch noch die gleiche Frisur tragt. Ich dachte, ich müsse zum Augenarzt“, kicherte er, wirkte aber noch immer alles andere als gelöst. „Mensch Joe, sei nicht so schüchtern und gib ihr doch mal die Hand!“, tadelte er daraufhin ablenkend seinen jüngeren Bruder.





"Ich bin überhaupt nicht schüchtern!“, protestierte Joe und folgte der Aufforderung. „Hallo, schön, dich wieder zu sehen!“ Und dann setzte er flüsternd hinzu: „Dir steht das Teil übrigens besser als Nasti!“ Leider hatte er nicht leise genug geflüstert. Naike wurde rot und versuchte die peinliche Situation zu retten: „Oh, danke. Aber deine Schwester ist ohne Frage auch eine attraktive Frau!", sagte sie lieb und meinte es auch wirklich ehrlich. "Das kann ich nicht beurteilen, bin ja nur ihr Bruder“, bemerkte Joseph und warf Adam einen scharfen Blick zu. „Aber Adam kann sicher mehr dazu sagen!"





"Papaaaa!" - "Hey, Julchen, du bist ja schon zurück! Ist heute eine Stunde ausgefallen?" - "Nein, donnerstags haben wir doch immer nur bis halb vier." Adam nickte, jetzt fiel es ihm wieder ein. "Du, wir haben Besuch, darf ich dir Naike vorstellen!?"





"Hallo, bist du Papas Freundin?", fragte die kleine Julia ohne Scheu. "Ja, das bin ich. Hallo, Julia!" - "Warum hast du Tante Nastis Klamotten an?" Oh, ein aufmerksames Kind, dachte Naike und räusperte sich. „Ähem … du, das sind meine. Wir haben wohl nur zufällig im gleichen Laden gekauft." - "Aha. Ich hab übrigens Rennmäuse, willst du sie sehen?" - "Tatsächlich? Cool, meine Kinder haben auch welche ... äh ... ich meine viele Kinder haben heutzutage Rennmäuse, ist groß in Mode!" Naike brach der Schweiß aus und sie ärgerte sich über sich selbst. Schon wieder so ein dummer Versprecher! Warum hielt sie nicht einfach die Klappe und ließ die anderen reden?





"Aber einen Vogel will ich auch noch! Meine Freundin hat einen Wellensittich, der heißt Harry.“ - "Ist er nach Harry Potter benannt?" - "Ja, genau!", kicherte Julia, „fehlt nur noch die Brille!“ Alle lachten. "So, Julia, jetzt setz dich aber mal brav da hin und schnapp uns nicht gleich die Naike weg“, sagte Adam zwinkernd, „wir wollen ja auch noch mit ihr reden!" - "Aber Sie gucken gleich die Mäuse, ja?", hakte das Mädchen noch einmal nach. "Gerne!"





"Joseph, was machst du eigentlich beruflich?", nahm Naike dann den Faden des Erwachsenengesprächs wieder auf. "Na, er kocht Spiegeleier!", witzelte Adam frech dazwischen. Joe zog eine Schnute. "Ad, jetzt erzähl keinen Scheiß, ich bin freiberuflicher Fotograf!" Adam schmunzelte. "Ja, Aktfotograf. Wag dich lieber nie alleine in seine Nähe“, warnte er Naike, „sonst bist du für immer abgelichtet, wie Gott dich schuf, und in einschlägigen Publikationen zu bewundern!" - "Ha, ha, ha, sehr witzig, Bruderherz. Portraitfotograf bin ich, den Schmuddelkram überlasse ich lieber meinem Herrn Bruder, der hat ja sonst nichts zu tun“, flachste Joseph zurück. Jetzt schmunzelte Naike. So richtig grün schienen sich die Brüder nicht zu sein. Was mochte Julia darüber denken, ob das den ganzen Tag über so ging? Sie sorgte sich ein wenig um das Wohl der Tochter von Desdemona Kappe. Dann fragte sie Joe: "Adam fotografiert? Ich dachte, er hätte Romanistik studiert?"

"Hab ich auch“, warf dieser ein und sah langsam ein bisschen genervt aus. „Und Philosophie." Joseph winkte abschätzig ab. "Ja, klasse, genau wie Vater! Und dann wurde unser Herr Professor gefeuert", fügte er grimmig hinzu. "Joe, ich glaube, dass ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt …“ Adam zog bedrohlich seine Augenbrauen zusammen. Naike war noch verwirrter. "Hört mal, ihr Zwei, was soll das Ganze jetzt? Ich blick’ nicht mehr durch." - "Na, Adam war Professor für Romanistik und Philosophie an der Uni von Sim-City. Aber dann ist er mit einigen seiner Studentinnen ... äh … ich will es jetzt nicht so genau formulieren“, erklärte Joe und schielte ein wenig nervös zu Julia. Adam trat seinem Bruder auf den Fuß. "Joe, wolltest du uns nicht Spiegeleier zubereiten???" - "Wir hatten aber Chili geplant!" - „Dann mach’ halt das!“, befahl er in unfreundlichem Ton und Naike überlegte, ob es nicht besser sei, die beiden Streithähne sich selbst zu überlassen. Aber die Sache mit den Studentinnen beschäftigte sie sehr. Was mochte da genau vorgefallen sein? Sie fühlte sich sehr unbehaglich, aber es sollte noch schlimmer kommen, denn Julia hatte auch noch etwas auf dem Herzen: "Frau Naike, darf ich Sie mal was fragen?" - "Aber klar, Julia, nur zu!", antwortete Naike und amüsierte sich über das lustige „Frau Naike“. "Schmust du eigentlich auch mit Papi?"





Adam holte hörbar Luft und auf seinem Gesicht machte sich Entsetzen breit. Im Raum war es auf einmal sehr still. Was mochte Julia meinen? Naike wagte nicht näher nachzufragen, denn die Situation war plötzlich derart angespannt, dass das nächste falsche Wort das Zuviel hätte bedeuten können. "Klar, Julia, ich habe deinen Papa sehr lieb", antwortete sie auf die Frage des kleinen Mädchens. Es klang unsicher, aber sie war überzeugt, dass dies in diesem Moment die einzig richtige Antwort war.





Zum Glück wechselten Kinder oft im Handumdrehen ihr Thema, wenn sie etwas anderes plötzlich mehr interessierte. "Soll ich dir was zeigen? Kuck mal, was ich kann!“, rief Julia, stand auf und machte einen fast perfekten Handstand. "Hey, du bist ja eine richtige Sportkanone!", staunte Naike und lachte erleichtert, während sich die Tallis-Brüder noch ein wenig weiter kabbelten. Aber dann verschwand Joe endlich in der Küche.

*





Ein wenig später wurde es unerwartet doch noch recht lustig im Hause Tallis. Julias offene und fröhliche Art steckten Naike und Adam an, und bald hauten sich die drei die Sofakissen um die Ohren und veranstalteten einen Wettbewerb, wer die meisten Seifenblasen mit dem Mund zum Platzen bringen konnte. Aus der Küche strömten verheißungsvolle Chili-Düfte und Nastassja hatte sich zum Glück bereits nach der Begrüßung auf ihr Zimmer verkrümelt.

Irgendwann war es dann Zeit für Julia ins Bett zu gehen. Adam nahm sie zärtlich in den Arm. „Nacht, mein Häschen, schlaf gut!" - "Von mir auch eine gute Nacht“, sagte Naike und lächelte die Kleine lieb an. "Bitte lies mir noch eine Geschichte vor, Papa, ja?!" - "Heute mal nicht, wir haben doch Besuch, Schatz." - "Frau Naike darf auch zuhören!“, bettelte Julia „Außerdem wollte sie doch noch die Rennmäuse gucken!“ - "Na gut“, gab ihr Vater nach, „wir kommen gleich hoch, geh bitte schon mal vor und putz’ dir die Zähne, ja?!" Julia tat brav was ihr geheißen und Naike war gerührt und erleichtert, wie lieb ihr Freund - aller Unkenrufe zum Trotz - mit seinem Kind umging.





Der Besuch hätte einen schönen Abschluss finden können, wäre nicht Nastassja plötzlich wieder auf der Bildfläche erschienen. "Ich lese meiner Nichte eine Gute-Nacht-Geschichte vor, das habe ihr gestern bereits versprochen. Sie können jetzt ruhig nach Hause gehen", versuchte sie Naike mit garstigem Blick aus dem Haus zu treiben. Naike dachte, sie höre nicht recht, wusste aber in diesem Moment nicht, ob sie sich mehr über Adams dreiste Schwester oder Real-Naike ärgern sollte, die die Haustreppe nur halb eingeblendet hatte, so dass sie wie eine Geisterstiege wirkte. "Nastassja!! Was ist denn in dich gefahren?", rief Adam entzürnt.





"Lass gut sein, mein Lieber, ich geh dann mal besser!", sagte Naike irritiert und betroffen. „Aber bitte, nein! Wir wollten doch noch Chili zusammen essen, Joseph hat bestimmt lecker ..." Aber sie ließ sich durch Adams Worte nicht aufhalten, nickte den Brüdern kurz zum Abschied zu und ging dann Richtung Haustür. Irgendwie scheinen die Tallis-Geschwister alle einen Schuss weg zu haben, dachte sie bei sich und schüttelte bedauernd den Kopf. "Naike, jetzt warte doch!"





"War das jetzt nötig, du blöde Kuh?!", raunte Joseph böse. "Ja, das war sehr nötig“, bestätigte Nastassja dreist, die wäre sonst nie wieder gegangen!" - "Sie ist Adams Freundin und hat das Recht, hier freundlich empfangen zu werden." - "Pah … musst du gerade sagen! Du hast Adam doch am Anfang ordentlich schlecht gemacht, was wolltest du eigentlich damit erreichen, häh? Ihre Aufmerksamkeit auf dich lenken???" Joseph schüttelte wütend den Kopf und verzog sich dann mit einer Schüssel Chili auf sein Zimmer. Im Gegensatz zu seinem Bruder ließ er sich zum Glück nicht so schnell zu unüberlegten Handlungen provozieren, auch nicht von seiner älteren Schwester.





"Naike, jetzt warte doch, lass dich doch bitte nicht von Nasti vergraulen!" - "Es ist besser so, Adam, glaube mir, ich hätte schon viel eher gehen sollen. Die Luft bei euch war ziemlich schlecht, abgesehen von deiner bezaubernden Tochter. Wir sehen uns dann morgen, ok?!" - "Ach, Mensch“, jammerte Adam, „ich hab dir doch gestern gesagt, dass ein Besuch keine gute Idee ist, aber du wolltest ja unbedingt." Naike blieb stehen und sah dem Mann tief in die Augen, für den sie brannte. "Ist schon gut", sagte sie ein wenig traurig. Adam strich ihr zärtlich über die Wange. „Kein Abschiedskuss?" - "Doch, natürlich."

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Nachdem Adam Julia am nächsten Morgen in die Schule gebracht hatte, sah er seine Schwester in ihrem Zimmer am Fenster stehen. Er hatte schlecht geschlafen und wollte sie eigentlich gar nicht sehen, aber sie wirkte verstört. Etwas schien nicht zu stimmen. Er ging hinein und begrüßte sie tonlos. "Bitte geh wieder raus und mach die Tür hinter dir zu, ich möchte alleine sein." - "Was ist denn mit dir los, Nasti, hm?" - "Nichts, alles bestens, und jetzt geh“, antwortete sie ablehnend. "Es ist wegen Naike, nicht wahr?!" Mit Leichtigkeit hatte Adam den wunden Punkt getroffen. Aufgebracht brach es aus Nastassja hervor: "Warum schleppst du schon wieder eine Tussi an, die dann einige Zeit hier wohnt, bis es mal wieder vorbei ist?! Und ich darf mir das Geschmuse und später dann die dauernden Streits die ganze Zeit antun! Ich bin es so satt, Adam. Bleib ich denn immer nur zweite Wahl, wenn dir gerade nichts Besseres in die Quere kommt???"





"Diesmal wird alles anders", sagte Adam ruhig. "Das sagst du doch immer! Und dann bist du eines Tages doch wieder weg!", beschwerte sie sich bitterböse. "Ich darf nicht bei dir sein, Nastassja. Und ich will es auch nicht mehr. Ich habe mich verliebt und möchte mein Leben neu ausrichten. Ich habe schon viel zu viele Fehler gemacht, zwar einiges gewonnen, aber viel mehr verloren. Bitte versteh das."





Nastassja drehte sich ruckartig herum und brach in Tränen aus. "Sag, dass das nicht wahr ist, was du da erzählst! Adam, ich liebe dich doch! Und du liebst mich, ist es nicht wahr?! Schon immer und für immer!“





"Natürlich liebe ich dich. Ach Mensch, jetzt komm' doch mal her.“ Tief bedrückt umarmte er sie. „Aber als meine Schwester. Du kannst niemals meine Frau sein und das weißt du auch.“





"Und wieso nicht, hat doch bisher auch geklappt, oder?!", schluchzte Nasti verzweifelt.





"Jetzt mach aber mal halblang, ich hab dich nie als meine Frau gesehen, wie kommst du bloß auf diese absurde Annahme? Du hast das bekommen was du wolltest, und dann hat sich die Sache verselbständigt und ist zur Gewohnheit geworden. So sieht es aus!!! Mehr war und mehr ist es nicht!!!" Adams Herz schlug ihm aufgebracht bis zum Hals. Seine ältere Schwester sah ihn zutiefst enttäuscht an. "Und jetzt? Soll es jetzt vorbei sein? Einfach so? Ganz plötzlich, so mal eben?" - "Ja, das soll es. Vergiss einfach, was war! Es ist Vergangenheit und nicht mehr wichtig. Für keinen von uns. Du bist eine schöne junge Frau und ich ein attraktiver Mann, die Welt steht uns offen, du wirst keine Probleme haben, einen Mann zu finden!!!“ - "Wenn ich aber nun mal nur dich will?" - "Dann hast du Pech gehabt, verdammt noch mal!!!", brüllte er sehr laut, um sie endlich zu Verstand zu bringen.





Plötzlich veränderte sich Nastassja Gesichtsausdruck unheilvoll vom Wütenden ins Süßliche. "Duuuu?“, säuselte sie. „Warst du nicht gerade erst im Gefängnis?" Adam blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen. "Ich denke mal, du willst doch sicher so schnell nicht wieder in den Knast zurück, nicht wahr?! Oder hat es dir dort etwa gut gefallen?“ - "NASTASSJA!!! Spinnst du???“ Adam packte seine Schwester fest am Arm und schüttelte sie kräftig. Aber sie riss sich los und legte sich seelenruhig aufs Bett.





Nastassja legte sich auf ihr Bett und zeigte sich plötzlich von einer gänzlich anderen Seite. „ Du solltest dich nicht so aufregen, bist ja nun auch nicht mehr der Jüngste. Komm, setz dich mal in Ruhe zu mir." Adam schüttelte energisch den Kopf. "Nichts dergleichen werde ich ..." - "Setz’ dich!!“, bestimmte seine Schwester noch weitaus energischer.





"Ich mache dir einen Vorschlag, mein Lieber. Noch ein einziges Mal und dann lasse ich dich gehen!" - "Du bist echt nicht mehr ganz dicht“, entgegnete Adam bitterböse, doch davon ließ sich Nastassja in keinster Weise beeindrucken. „Wenn du meinst. Aber ansonsten werde ich zur Anzeige bringen, dass du mich jahrelang verführt und missbraucht hast." - "Aber das stimmt doch überhaupt nicht, das weißt du genau!!!“, rief Adam verzweifelt. "Na und? Wen interessiert es? Du bist ein Ex-Sträfling und hast einen beschissenen Ruf, glaubst du allen Ernstes, man glaubt dir in dieser Hinsicht noch irgendwas?"

Die Affen in Adams Kopf meldeten sich zurück und hangelten sich diesmal noch viel wilder von Gehirnwindung zu Gehirnwindung. Er war kein ängstlicher Typ, aber in dieser Situation spürte er eine eiskalte Hand in seinem Nacken. Ins Gefängnis zurück? Diesmal wohl gleich für noch viel länger – niemals! Eher würde er seinem Leben ein Ende setzen, wonach er allerdings keinerlei Bedürfnis empfand. Die Affen boxten wild auf seine Synapsen ein bis einer von beiden gewann. "Einmal noch? Ein einziges Mal?", fragte er schwach. „Gerne, zum Abgewöhnen sozusagen“, witterte seine Schwester, dass sie offenbar gewonnen hatte. „Versprichst du mir das auch?" – „Selbstverständlich!“





Adam legte sich innerlich bis aufs Äußerste angespannt neben seine Schwester aufs Bett, schloss die Augen und stellte dann völlig resigniert sein Denken ein. Vor seinen Augen sah er Naike, die ihn zärtlich anlächelte. Dann ging er mechanisch dazu über, sich seinen Schlüssel zur endgültigen Freiheit zu erarbeiten.

*





Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist der Schlimmste in diesem Land? Und der Spiegel sprach: "Adam, Ihr seid der Schlimmste hier, tausend Mal schlimmer als andere neben dir." Die Affen lachten. Adam brüllte wie ein waidwunder Stier, holte dabei mit geballter Faust aus und schlug einen dicken Sprung in den Spiegel.





Dann versuchte er den letzten Rest seiner Vergangenheit in den Abfluss zu spülen. Von nun an würde alles anders sein. Wirklich? Die Affen amüsierten sich prächtig und lachten ihn aus.

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Auch Naike fühlte sich beschissen, um es harmlos auszudrücken. Das erste Mal in ihrem Leben bereute sie es, sich die Karten gelegt zu haben, denn sie sprachen von einem Kind und dem Tod, und das jagte ihr große Angst ein. Eigentlich gab es keine echte Begründung für diese Angst, denn Tod – im Kartenbild unter anderem durch den Sarg dargestellt - bedeutete grundsätzlich erst einmal mal nur das Ende einer Sache oder einen Stillstand. Und das Kind spricht in seiner Grundbedeutung nicht nur von einem Menschenkind, sondern kann ebenso einen Neuanfang bedeuten. Das Kartenbild war also nicht zwangsläufig rein negativ zu betrachten. Aber auch Gefühle und unbenennbare Eindrücke, die so genannte Intuition, spielen beim Kartenlegen eine große Rolle und oft die deutlichste Sprache.





Naike fühlte eisige Kälte auf ihrer Haut und ihr Magen zog sich zusammen. Was hatte sie heute bloß gegessen? Doch nur ein Knäckebrot mit Käse und ein bisschen Salat, denn sie hatte eh nicht viel Hunger gehabt. Sie hoffte, sich nichts eingefangen zu haben.





Doch dann lief ihr in typischer Weise der Speichel im Rachen zusammen und sie musste sich übergeben.





Ausgerechnet heute, wo sie doch abends noch etwas vorhatte. Sie beschloss, sich ein Stündchen aufs Ohr zu legen, danach würde es ihr sicher wieder besser sein.

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Am Abend ging es ihr tatsächlich recht gut, auch wenn sie sich noch etwas schwacher fühlte als sonst. Offenbar hatte sie sich einen kleinen Virus eingefangen oder vielleicht doch etwas gegessen, was bereits hinüber war? Was aber eigentlich sehr selten passierte, da sie so etwas durch ihre äußerst feinfühlige Nase meist schon im Vorfeld vermeiden konnte.

Naike hatte sich eine Überraschung für Jess ausgedacht, die allerdings gänzlich anders verlief als geplant, was zu einem kleinen Tumult unter den Anwesenden führte. „"Frau Dederichs, also wirklich! Sie können doch Kerle zaubern, oder?!“, schnaubte Naike tief enttäuscht. „Dieser Hafenarbeiter Jack war klasse, den hätte ich gerne genommen, wenn er nicht gerade in einem unpassenden Moment gekommen wäre, und das Thomas-Magnum-Muskelpaket Bruno war zwar ehrlich gesagt nicht gerade mein Fall, aber sicher kein schlechter Mann für einen gewissen Frauentyp. Aber was sie sich heute Abend hier geleistet haben, obwohl ich ihnen doch nun wirklich einen ordentlichen Batzen Simoleons bezahlte habe, spottet jeglicher Beschreibung!“, stellte sie vorwurfsvoll fest. "Wenn Sie meinen." Frau Dederichs reckte schwer beleidigt ihre Nasenspitze in die Höhe und fühlte sich in ihrer Berufsehre gekränkt. Jessica schien jeden Moment einen Anfall zu bekommen, so wie ihre Mundwinkel zitterten, sie blieb aber erstaunlich ruhig.





"Ja sind sie denn blind?! Das ist doch ein Penner! Er ist uralt, war wahrscheinlich zig Jahre nicht beim Friseur und riecht außerdem … äh … exotisch!" - "Für minge Haare kannisch nix, dä Frisör schneidet kene Senioren wie misch!", bemerkte der ältere Herr sich entschuldigend und machte sich schnell für alle sichtbar die Fingernägel sauber. Die Damen schauderten.





Dann fuhr er fort: "Tut mir leid, dass isch Ihne nit jefalle tu, sie sind ne dolle Frou!“ Jessica musste unwillkürlich grinsen. Höflich war er, das musste man ihm lassen. „Netter Versuch, Naike“, sagte sie dann, „ich weiß, du hast es lieb gemeint. Aber wie du damals niemand anderen als Adam wolltest, will ich jetzt keinen anderen als Armin, capito?“ Mit diesen Worten ließ sie ihre Freundin und den weißbärtigen alten Mann stehen und begleitete Frau Dederichs aus dem Haus. Als der Obdachlose Naike anschließend noch ein Abo der Stadtzeitung "Was-ist-wo-wann-los-und-interessiert-doch-niemanden" andrehen wollte, wurde ihr wieder speiübel und sie bekam ihn gerade noch aus dem Wohnzimmer geschoben, bevor sie sich auf den Terrakotta-Fußboden erbrach.

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Zu später Stunde saß Adam mit Joseph auf dem Dach ihres Hauses an der Bar. Joe versuchte sich an einem neuen Mix-Getränk. "Das Mixen kannste dir gleich sparen, ich will einen Doppelten pur", bestellte Adam. Sein Bruder grinste. "Du trinkst doch sonst nix, außer ab und zu ein Glas Wein. Ein Doppelter schmeißt dich glatt aus den Latschen, das lassen wir besser." - "Ja und? Was soll’s. Öfter mal was Neues." - "Nun sag schon was los ist, was ist über die Leber gelaufen, hm?" Adam zögerte einen Moment und starrte düster vor sich hin. "Kann ich dir vertrauen, Joe?" - "Ey, haste sie noch alle? Hab ich dich je im Stich gelassen, großer Bruder?" Adam runzelte die Stirn. "Na gut, dann hoffe ich, du kannst ordentlich was verkraften. Mach dir am besten schon mal einen Doppelten!" Und dann erzählte er …

Joes Gesicht verzog sich mehr und mehr, aber er schien nicht wirklich überrascht.





"Mit wie viel Jahren hat das angefangen?", fragte er, nachdem Adam geendet hatte. "Ich war 14, sie drei Jahre älter, also 17." - "Uff. Weiß sonst noch jemand davon?" – „Nein, ich wüsste nicht." Joseph sah seinen Bruder ernst an. „Ich weiß jetzt ehrlich gesagt nicht, ob ich dir eine scheuern oder dich bemitleiden soll. Ich glaube, ich entscheide mich für letzteres, das ist alles eh schon heftig genug." - "Hat sie dich eigentlich nie angefasst? Gab es keinen Versuch?", wollte Adam wissen.





"Nein, verdammt, hat sie nicht! Das hätte sie mal wagen sollen!“, rief Joseph wütend. „Außerdem war sie bei dir eh an der besseren Adresse. Du denkst doch seit Jugendtagen an nichts anderes! Und wenn du es nicht kriegst, brichst du unschuldigen Frauen die Nase!!! - Weißt du was? Ich finde dich zum Kotzen!!! Du bist ein Monster!!!", brüllte er weiter. Dann senkte er seine Stimme unerwartet wieder und seufzte tief. „Aber wer ist schon ohne Fehl und Tadel?" - "Wieso, was hast du denn verbrochen?" Joe beugte sich auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr.





Adam machte ein unbeschreibliches Gesicht. "Das ist jetzt nicht wahr, oder?!“ - Doch, das ist wahr, ich habe es die ganze Zeit gewusst und darüber geschwiegen, das war auch nicht gerade eine Heldentat. – Weißt du was? Tue dasselbe wie ich, Adam, so als ob nie etwas gewesen wäre und mache es ab sofort besser! Denk mal darüber nach. Es ist niemandem geholfen, wenn du noch mal ins Gefängnis gehst. Bei dieser Sache gab es keinen Täter, sondern nur zwei Opfer.“ Adam sah ihn traurig an. Seine Augen waren verhangen, kraftlos sein Blick. Aber er verstand. „Ich trink mir jetzt den Doppelten und gehe dann gleich ins Bett, Ad.“ - "Joseph?" – „Ja?“ - "Danke." Joe nahm sich sein Glas, schlug Adam aufmunternd auf die Schulter und stieg dann die Dachtreppe nach unten.



Kapitel 4 - Versöhnungen
Kapitel 6 - Gegeben und wieder genommen