Kapitel 2 - Aus Einem werden Zwei



Lehrjahre sind keine Herrenjahre, ok, aber musste es wirklich so laufen? Nach zwei Wochen Arbeit beim „Meister“ hatte Naike keine Lust mehr, sich abzustrampeln. Im Grunde sowieso für nichts, denn sie hatte weiterhin außer Putzen und Ordnen keine weiteren Aufgaben bekommen und war auch nicht befördert worden. Auch eine Hausverschönerung oder gar der Kauf eines PC war bei der mickrigen Entlohnung, die sie erhielt, noch lange nicht ins Sicht.





Aber noch schlimmer war die Einsamkeit. Es kam kein Anruf von Jessica und der Briefkasten beinhaltete täglich nichts außer ab und zu mal einer Rechnung. Naike wusste nicht, ob Adam ihren Brief bekommen hatte, auf eine Antwort wartete sie bisher vergeblich - es war zum Heulen. Sie verfluchte nicht zum ersten Mal ihr sandiges Eiland, hatte aber keine Alternative, als sich mit der Einöde vorläufig abzufinden.





An einem der nächsten Tage, Naike las inzwischen vor lauter Langeweile sogar die jeden Morgen beim Frühstück die angelieferte BILD-Zeitung und bewertete deren „Nackte des Tages“, klingelte endlich mal wieder das Telefon und sie vernahm sehr erfreut Jessicas Stimme, die ebenfalls ein bisschen betrübt klang.





Am Nachmittag saßen sie zusammen im kleinen Restaurant-Bereich des All-In-One-Shops, um einen Snack einzunehmen, denn eine Überfahrt auf das Festland mit besseren Lokalitäten konnten sich beide nicht leisten.





Trotz des ungemütlichen Mobiliars hüpfte Naikes Herz vor Freude, als sie einen appetitlich hergerichteten Salat serviert bekam und mit ihrer Kollegin auf das Wiedersehen anstieß. Sie erzählte ihrer neu gewonnenen Freundin von den unangenehmen Arbeitstagen und ihrer Einsamkeit. Aber auch Jessica war alles andere als glücklich, sie hatte bisher in einem kleinen Wohnwagen gelebt, den ihr aber vor zwei Tagen ein Kunde beschädigt hatte, weil sie ihm prophezeit hatte, dass seine Frau fremdgehen würde. Nun hatte er keine Tür mehr und auch im Innern war einiges verwüstet. “Ja, bist du denn nicht versichert?“, fragte Naike erstaunt. „Was ist das, „versichert sein“, wunderte sich Jessica. Naike runzelte die Stirn und dann kam ihr eine Idee. Doch zuerst gab es noch etwas anderes zu klären.





„Sagen Sie mal, macht es Ihnen eigentlich Spaß, Privates von anderen Leuten zu erlauschen? Was fällt Ihnen überhaupt ein, sich einfach neben uns zu setzen … Sie … Sie … PERSON!?“, fuhr sie Naike junge Frau neben sich an. Sie erntete umgehend Entrüstung. „Meine Name ist Melissa Fuller …“, bemerkte die Braunhaarige gestelzt, „ … und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, jederzeit anderen zu helfen, die in Not geraten sind.“





„Dann helfen Sie sich gleich mal selbst und rubbeln Sie sich trocken!“, schimpfte Naike laut und kippte zu Jessicas Vergnügen Melissa ihr Getränk ins Gesicht, die keine Worte mehr fand, weil sie erstmal eine Weile nach Luft schnappte. "Komm, Jess, lassen Sie uns hier abhauen, sonst stehen wir nachher noch in der BILD-Zeitung!“ - “Eher im Tages-Jünger“, kicherte Jessica.

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Daheim briet Naike schnell zwei Burger und sie setzen ihr Treffen nun unbelauscht fort. Jessica bot das Du an und erklärte, dass der „Tages-Jünger“ die „Leitzeitung für den modernen Jesus-Nachfolger“ sei, ein Blättchen einer religiösen Organisation namens Moderne Jesus Nachfolger, kurz MJN, denen Melissa Fuller und einige andere auf der Insel angehörten. Jetzt erinnerte sich Naike, hatte nicht auch Gerda Kappe so etwas erwähnt? Jess bejahte ihre Nachfrage und erzählte ihr weiter, dass Gerdas Mann Albert der Chef der Truppe und Pfarrer auf der Insel sei und gab den Rat, sich besser von ihnen fernzuhalten, weil sie doch recht extreme Ansichten pflegten.





Als dann das Thema auf Erfreulicheres kam, nämlich den Wunsch beider Damen, eines Tages ein kleines Wahrsage-Café auf der Insel zu eröffnen, hörten sie plötzlich wie jemand draußen vor der Tür durch den Sand stapfte.
„Da ist die doch schon wieder mit ihrer furchtbaren evangelischen Frisur“, schimpfte Naike los. „Psssst!“ Jessica legte die Hand auf Naikes Schulter und veranlasste sie, ruhig sitzen zu bleiben.





Es war tatsächlich Melissa Fuller, die mit klopfendem, aber mutigen Herzen Naikes aktuelle Ausgabe der BILD-Zeitung an sich nahm und an deren Stelle eine andere ablegte. Dann rannte sie vom Grundstück, so schnell ihre Beine sie tragen konnten. „Jetzt hast du den Tages-Jünger!“, lachte Jessica aus vollem Hals und Naike konnte kaum glauben, was sie da gerade gesehen hatte.





Nachdem sie sich eine gute halbe Stunde über den Begriff „evangelischen Frisur“ und die doch recht absurden Artikel im „Tages-Jünger „ beömmelt hatten, fiel Naike ihre Idee von vorhin wieder ein und sie fragte ihre neue Freundin geradeheraus, ob sie wegen ihres unbewohnbaren Wohnwagens nicht bei ihr wohnen wolle, zumindest bis sie eine neue Bleibe gefunden hatte. Jessica war begeistert!

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Es zeigte sich zwar nach ein paar Tagen, dass das Zusammenleben in dem doch sehr winzigen Haus nicht gerade einfach umzusetzen war, Jessica war ein recht schludriger Typ Sim, der keinen Gedanken an Putzarbeiten verschwendete, regelmäßig beim Duschen das Bad unter Wasser setzte und sogar die Teller nur abschleckte, statt sie zu spülen, aber Naike freute ich zu sehr über das Leben, was mit ihr ins Haus gekommen war, als sich darüber aufzuregen.





Ein auf Dauer nicht haltbarer Zustand waren aber die Schlafgelegenheiten. Mangels Geld für Neuanschaffungen wechselte man sich in der Nacht mit Bett und Sofa ab, was beide Frauen nicht gerade erfrischt am Morgen aufwachen ließ.





Wie lange würde es noch dauern, bis endlich genug Geld in die Kassen kam, um mehr als ein paar Gardinchen für die Fenster kaufen zu können? Und nach wie vor ungelöst war auch Naikes Beziehungssituation, wenn man das überhaupt so nennen konnte. Fast ununterbrochen dachte sie an ihren Adam und wie leer ihr Herz ohne ihn war.





Sie fuhr aus ihren Gedanken hoch und schmiss den Putzschwamm in eine Ecke, als das Telefon klingelte. Adam? Endlich Adam? Nein, es war Melissa Fuller, die sich für ihren Lauschangriff von neulich entschuldigte und Naike zum monatlichen Treffen der Modernen Jesus Nachfolger entlud. Zuerst war Naike überrascht, schließlich hatte sie dem Mädel ein Getränk ins Gesicht gekippt, was doch ziemlich übertrieben gewesen war, und sie entschuldigte sich ebenfalls für ihr Verhalten. Aber dann nahm das Gespräch eine unschöne Wende …





„Sie werden sehen, Fräulein Le Normand, bei uns sind sie in guten Händen. Wir werden ihnen gerne helfen, ihren bisherigen Lebenswandel zu ändern und wieder glücklich zu sein. Wir haben schon unheimlich vielen ….“ Naike unterbrach Melissas Redeschwall. Hatte sie richtig gehört? „Äh … von was für einem Lebenswandel sprechen Sie bitte?“ - “Sie betreiben Wahrsagerei, ist mir zu Ohren gekommen, das ist Teufelswerk, das wissen sie genau! Aber es gibt Hoffung …“, versprach Melissa salbungsvoll. „Was soll dieses bescheuerte Theater?“, wütete Naike entrüstet. „Das ist doch großer Quatsch, ich …“ - „Ich kann ihren Unmut sehr gut nachvollziehen, Fräulein Le Normand, ihre Reaktion ist völlig normal, niemand stellt sich und sein Verhalten gerne in Frage. Aber es wird heilsam sein. Also … sehen wir uns am Donnerstag im Gemeinderaum unter der Kirche?“ - „Auf jeden Fall!!“, zischte Naike ironisch in den Hörer und knallte ihn anschließend so fest auf die Gabel, dass er halb aus der Halterung flog.





Nachdem Naike den Hörer auf die Gabel geknallt hatte, klingelte es erneut. Gerade wollte sie etwas sehr Unüberlegtes in die Sprechmuschel brüllen, als sich eine sonore Männerstimme meldete. Naikes Herz kam für einen kurzen Moment ins Stolpern, aber es war nicht Adams Stimme, sondern der Mann am anderen Ende der Leitung stellte sich als Armin Sims vor und wollte Jessica sprechen, die zu diesem Zeitpunkt aber einkaufen war.

"Jess, ich bin bisher immer noch nicht befördert worden, obwohl ich immer wohlgenährt, gut gelaunt und bestens vorbereitet zur Arbeit gegangen bin. Ehrlich gesagt, vermute ich einen Bug, einen defekten Hack oder sowas, das kann doch nicht …" Zum Glück hatte ihre Mitbewohnerin nicht richtig zugehört, denn sie versuchte gerade aus einem der chinesischen Esskartons vom Vortag noch einen Rest „Ente süß-sauer“ zu klauben. „Nun hör doch mal auf damit, das ist doch eklig, bestell’ dir eine Pizza!“ - “Wenn du meinst, dass die Luft als Bezahlung dafür nehmen“, grummelte Jessica. „Wenn das so weitergeht mit unseren Finanzen müssen wir bald in die Suppenküche oder Brosamen der MJN annehmen!“ Das Körnchen Wahrheit in dieser Aussage ließ sich leider nicht verneinen. Naike seufzte.





Später am Abend schnappte sie sich die Tageszeitung und ging die Stellenanzeigen durch. „Hm … ich überlege, ob nicht ein Stellenwechsel Sinn machen würde. Die Magie-Karriere ist zwar eigentlich maßgeschneidert für mich, aber was bringt die Schufterei, wenn ich nur einen Bruchteil vom Gehalt anderer verdiene und Beförderungen gänzlich ausbleiben!?“

Viel Auswahl gab es noch immer nicht, Wahlk(r)ampfmitarbeiterin? Bloß nicht jeden Tag mit irgendwelchen Besserwissern disputieren. Wachfrau? Vielleicht musste sie dann im Gefängnis auf Adam aufpassen? Ach was - Träumerei! Und Rekrutin – sich durch die Gegend scheuchen lassen? Alles Käse. Naike überlegte, warum man für die Paranormal-Karriere eigentlich an der Uni studieren musste, das war doch wohl ein nichts als ein fauler Scherz von Maxis, den Spielentwicklern! So gerne hätte sie das gemacht. „Rekrutin klingt doch ganz gut“, meinte Jessica dann nach kurzem Nachdenken, „überlege mal, du hättest jeden Tag zig stramme Kerle in deiner Nähe, und wenn du dann aufgestiegen bist, kannst du sie sogar nach Lust und Laune befehligen!“ Sie zwinkerte keck und Naike musste grinsen. Das waren doch feine Aussichten. Sie überlegte nicht mehr lange und griff dann zum Hörer, konnte ihren Ansprechpartner in der Kaserne aber kaum verstehen, weil es Jessica partout nicht gelang, mit dem Kichern aufzuhören.





Das Vorstellungsgespräch am nächsten sehr frühen Morgen war erfolgreich. Naike wurde gleich mit einigen durchaus interessanten organisatorischen Aufgaben betraut, die sie mit Bravour meisterte, schließlich war sie einst ausgebildete Chefsekretärin gewesen. Und siehe da, auch die erste Beförderung heimste sie gleich am ersten Tag ein und somit auch eine mehr als nötige Erfrischung für die Haushaltskasse. In der Kaserne hatte sie auch ihre Nachbarin Manuela Bretz wieder getroffen, die zum Glück, wie sich nach einem netten Gespräch herausstellte, nicht zu den Modernen Jesus Nachfolgern gehörte. Aber sie kannte Armin Sims und beschrieb ihn ihr als einen relativ gut aussehenden, ungebundenen Mann von ca. 30 Jahren. Naike wunderte sich, dass er sich in seinem Alter für Jessica interessierte.





An einem der darauf folgenden Abende rief besagter Armin erneut an und diesmal bekam er Jessica an den Apparat. „Nein, nein, nein, heute ist unmöglich, ich muss noch das Bad putzen!“ Naike, die gerade Sushi rollte, horchte auf. „Leider morgen auch nicht, Armin, tut mir sooo leid, da ist Wahrsagerinnen-Kongress in Sim-City. Ich melde mich wieder, ja?!“ Seit wann putzte ihre Freundin freiwillig das Bad? Und was bitte sollte das für ein Kongress sein? Jessica hatte eine solche Veranstaltung nie zuvor erwähnt. Das konnten nur Ausreden sein!





Irgendwie war Jess plötzlich komisch. Sie hatte schlechte Laune, erzählte nicht so fröhlich wie sonst von ihren Tageserlebnissen und kaute missmutig an ihrem Essen herum. Und es kam dann, wie es in der virtuellen Welt kommen musste. Das Sozi-Häschen gab sich ein Stelldichein, tröstete die Unglückliche und versuchte sie zu überzeugen, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehörte, sondern lediglich einen wenig typgerechten Style und kaum Selbstbewusstsein hatte. Jessica kam ins Nachdenken.





„Wie findest du mich? Also so äußerlich?“ - “Och … sehr nett“, antwortete Naike etwas zögerlich. „Nett? Das hatte ich befürchtet“, jammerte Jess und zog ein trauriges Schnütchen. Es brauchte daraufhin eine gute Stunde bis Naike sie davon überzeugt hatte, sich einfach mal ein bisschen optisch zu verändern. Sie verabredeten für den nächsten Tag einen Gang zum All-in-One-Shop, wo es auch Kleidung gab, und ihr Schminkköfferchen hatte Naike eh immer parat.

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Fröhlich über Männer im Allgemeinen und Armin Sims im Besonderen tratschend, trafen sie am Morgen im Shop ein und besetzten erst einmal den Fotofix, um ein Vorher-Foto knipsen zu lassen. Jessica gefiel sich darauf richtig gut und erklärte, sie wolle die Verschönerungsaktion doch lieber lassen. Aber Naike zeigte ihr einen Piepvogel und durchwühlte die Klamottenständer. Leider gab es nur geschmacklos gemusterte Polyester-Fummel.





„Klamotten für die alte Schranze da? Dat können se vergessen!“, feixte der Verkäufer an der Kasse, nachdem Naike ihn nach weiteren Stücken gefragte hatte. Was für eine Unverschämtheit Jessica hatte es leider gehört und fing an zu weinen. Dann rannte sie aus dem Laden. Naike warf dem Verkäufer einen verächtlichen Blick zu, der in ihm das Gefühl weckte, einen Stoß in die Magengegend kassiert zu haben, was nicht verwunderlich war, denn sie hatte ihn verflucht, ein paar Tage an Durchfall leiden zu müssen - ihre beliebteste Rache, wenn jemand so dreist war. Doch als sie den Laden verließ, um ihrer Freundin zu folgen, klingelte ihr Handy und sie wurde für einen umgehenden Sonderdienst in die Kaserne zitiert.

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Als sie nach der Arbeit daheim eintraf, sah sie etwas Seltsames vor ihrem Haus sitzen. Was war nun das für eine Darbietung?





„Magst du eine Limo?“, fragte Jessica mit dünnem Stimmchen. „Für dich auch gratis.“ - “Sag mal, was um alles in der Welt treibst du hier??“ - „So bin ich alter Nichtsnutz wenigstens noch zu was nütze.“ Naike zog hörbar den Atem ein, das durfte doch jetzt nicht wahr sein! Aber sie beschloss, es von der humorvollen Seite zu nehmen. „Mit dem Outfit wird dein Umsatz wohl eher niedrig bleiben. Wie wäre es, wenn ich dir jetzt gleich die Haare schneide, hm?! Jessica schaute skeptisch, ließ sich dann aber ohne Protest mit ins Haus nehmen.





Naike war zwar keine Friseurin, hatte sich aber schon öfter selbst die Haare geschnitten und die Kunst eines vorteilhaften Make-ups beherrschte sie auch, also war schnell ein alter Spiegel aufgestellt und sie konnte sich ans Werk machen. Jessica schloss die Augen und ließ die Prozedur brav über sich ergehen.





„Augen auf, meine Liebe! Ist schön geworden!“ Jessica blinzelte kurz und kniff die Augen dann schnell wieder zusammen, denn sie hatte sich vor ihrem eigenen Spiegelbild erschrocken. „Nein, nein, nein, mach’ das sofort wieder wie es vorher war, ich will das ganz und gar nicht so!!“, jammerte sie laut. „Mensch, jetzt schau’ doch erstmal in Ruhe, es sieht wirklich gut aus, gleich 10 Jahre jünger, glaub mir!“





Die Runderneuerte öffnete ihre Augen noch einmal ganz vorsichtig, stand dann auf, trat näher an den Spiegel und betrachte sich erstaunt. „Das bin ich?“ - „Nein, das ist deine jüngere Schwester!“, lachte Naike. "Jess, du siehst jetzt wirklich top aus, der neue Haarschnitt bringt deinen Typ super zur Geltung. Ich wusste gar nicht, dass ich so ein Talent habe. Schau mal hier, hab dir auf dem Rückweg vom Dienst noch eine schöne Kombination mitgebracht, probier’ mal an!“





Schnell war alles übergestreift und passte auch sehr gut. Die neue Jessica kam aus dem Staunen kaum heraus.





"Danke, das hast du wirklich toll hingekriegt, eines Tages werde ich mich revanchieren, versprochen", lächelte sie glücklich.





Und an diesem Abend sagte Jess sofort zu, als ihr Verehrer wieder einmal anrief, um mit ihr auszugehen.





Naike freute sich mit und beneidete ihre Freundin, denn sie fühlte sich neben ihr jetzt irgendwie ziemlich farblos. Außerdem wurde Jessica nun von einem Mann zum Essen ausgeführt und sie würden sicher einen schönen Abend verbringen, während sie selbst bei der Warterei auf Pappnase Adam beinahe verschimmelte. Tief seufzend nahm sie sich eine Tüte Chips aus dem Kühlschrank, die natürlich aufgrund dieses absurden Aufbewahrungsortes nicht mehr so recht knusprig waren, und beschloss, während sie sich die zähen Dinger mit vollen Händen in den Mund stopfte, so schnell wie möglich auch an ihrer Erscheinung etwas zu verändern. Schließlich konnte Adam ja jeden Augenblick vor der Tür stehen! Hoffte sie jedenfalls weiterhin …

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„Frischer Wind kommt auf, du solltest langsam mal ziehen, meine Liebe, sonst nimmt die Partie nachher noch ein nasses Ende.“ Jessica hatte sich mit ihrem jungen Verehrer Armin Sims im kleinen Café Petit getroffen, was vor wenigen Tagen auf der Insel eröffnet hatte. Keine umwerfende Location, aber so mussten die Inselbewohner nun wenigstens nicht mehr zwangsweise aufs Festland fahren, um nachmittags oder abends ein bisschen Freizeitspass zu haben. Jessica lächelte nervös. Armin gefiel ihr sehr und seine interessierten Blicke irritierten sie einfach zu sehr, um sich ernsthaft auf das Spiel konzentrieren zu können.





Sie brachen ihr Schachspiel ab, weil es tatsächlich leicht zu regnen begann, und kamen über alles Mögliche ins Gespräch. Dem Altersunterschied zum Trotz verstanden sie sich prächtig und schienen auf einer Wellenlänge zu sein. Fröhlich lästerten sie über einige der anderen Café-Besucher, machten sich gegenseitig Komplimente und kamen sich dabei schnell näher. Sehr schnell näher!





Vielleicht sogar ein wenig zu schnell, aber Jessica konnte einfach nicht anders, als Armins Wange zu streicheln, als er ihr plötzlich tief in die Augen sah. In diesem Moment dachte sie nicht nach, sondern gab sich dem Augenblick mit dem Herzenswunsch nach einem zweiten Frühling völlig hin.





Armin nahm Jessica an die Hand und steuerte mit ihr die gemütlichste Ecke im Innenteil des Cafés an. Als sich ihre Lippen das erste Mal berührten, war sie sich schlagartig sicher, dass er der Mann ihres Lebens sei ...

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Zum gleichen Zeitpunkt stand Naike daheim in der in der Simlane 10 müde von einem arbeitsreichen Tag vor dem Spiegel und überlegte, ob eine Haartönung vielleicht ein bisschen mehr Farbe in ihr eintöniges Leben als Sim bringen würde. Sie hatte im All-In-One-Shop eine Packung unbekannter Hersteller erworben, die Seidigkeit und Farbbrillianz höchster Güte versprach und sich für den Ton „Aubergine“ entschieden, mit dem sie in ihrem anderen Leben bisher immer gute Erfahrungen gemacht hatte. Sie öffnete den Karton, bereitete alles nach Anleitung zu und strich sich die ziemlich unangenehm riechende Masse auf ihr langes dunkles Haar. Dann beschloss sie sich während der Einwirkzeit schnell ein Fertiggericht zu machen.

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Hätte jemand eine knappe halbe Stunde später zufällig ins Fenster des kleinen grünen Hauses geschaut, wäre er wohlmöglich verschreckt oder zumindest sehr erstaunt schnell wieder abgehauen, denn dort lag eine Person mit grell lilafarbenem Haarschopf mit ihrem Gesicht auf einem Teller mit Steak, Erbsen und Kroketten und schlief tief und fest.





„Naike? - NAIKE??“ Die Angesprochene schreckte plötzlich hoch, eine platt gedrückte Erbse fiel ihr von der Nase und sie wusste für einige Sekunden überhaupt nicht wo sie war. Jessica hatte sich zuerst nicht getraut, ihre Mitbewohnerin zu wecken, denn das Bild, was sich ihr nach ihrer Rückkehr aus dem Café Petit bot, war im wahrsten Sinne des Wortes haarsträubend. Aber dann konnte sie doch nicht ins Bett gehen, ohne Naike zu wecken.





Langsam realisierte diese ihren Standort, sah aus den Augenwinkeln rechts und links ihres Gesichts etwas buntes Buschiges, was bei Bewegung raschelte, befühlte es vorsichtig und stieß dann einen entsetzten Schrei aus: „Jess, meine Haare!" Ihre Freundin wusste zuerst nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. „Ja, um Himmels Willen, was ist denn mit dir passiert?“ Eine kleine Träne bahnte sich den Weg aus Naikes Auge über ihre Wange. Jessica nahm sie zärtlich wie eine Mutter ihr Kind in den Arm. "Ach Mensch, Maus, komm’ mal her .. was machst du denn bloß für Sachen?“ Naike schluchzte leise und beweinte in diesem Moment nicht nur allein ihre Haare sondern auch ihre unendliche Sehnsucht nach Adam. „Leg dich jetzt erstmal hin und schlaf dich aus, morgen sehen wir weiter und finden bestimmt eine Lösung. Ich rufe morgen in der Kaserne an und melde dich krank, ok?! In diesem Zustand kannst du eh nicht arbeiten."

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Am nächsten Morgen saß eine äußerst muffelig gelaunte Naike am Frühstückstisch und fragte sich, woher der überdimensionierte Blumenstrauß wohl gekommen war? Aus dem Badezimmer war lautes Geplätscher in Kombination mit fröhlichem Gesang zu vernehmen.





Jessica runzelte die Stirn, als sie ihre Mitbewohnerin mit erneut außergewöhnlichem Kopfschmuck im Wohnraum vorfand. „Lass’ mich raten, dein Adam hat angerufen und dir vorgeschrieben, du mögest ab nun Kopftuch tragen bis er aus dem Gefängnis heimkehrt, damit dich kein anderer Mann …" - "Danke, toller Witz! Was sind das überhaupt für blöde Rosen hier?!" - "Aber, aber … meine Liebe, verstehst du etwa keinen Spaß mehr? Du siehst einfach zum Kaputtlachen aus in dieser Verkleidung!", zwinkerte Jessica ihr fröhlich zu. "Weiß ich doch selbst! Aber du sollst nicht immer über Adam lästern." - "Wie sollte ich anders? Was du mir bisher über ihn erzählt hast und ich in der Zeitung gelesen habe - wie sollte ich mir da eine gute Meinung von ihm gebildet haben? Der Typ ist nix für dich, such dir doch jemand ordentlichen, so schwer kann das ja wohl nicht sein! So einen wie Armin zum Beispiel", schlug Jess allen Ernstes vor. "Ich pfeif auf Deine Ratschläge!", schimpfte Naike entrüstet. "Auch auf meine Bemühungen, einen guten Friseur für dich zu finden?“, kicherte Jessica und kassierte einen weiteren bösen Blick. Aber an diesem Morgen konnte sie nichts außer Fassung bringen, denn sie war ja frisch verliebt.





Naike erhob sich und erklärte, dass sie sich doch auf den Weg zur Arbeit machen würde. Jessica stellte sie sich so halb vermummt beim Militär vor und konnte sich ein Grinsen wieder kaum verkneifen, obwohl Naike ihr gleichzeitig auch leid tat.
„Mal im Ernst, willst du mit dem Kopftuch etwa tatsächlich zum Dienst?" - "Na, besser als mit lila Haaren, oder?!", brummelte Naike und schlüpfte in ihre Armeeklamotte.

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Am späten Vormittag klingelte plötzlich ein unbekannter Mann an der Tür. Jessica schaute ihn sichtlich beeindruckt von oben bis unten an, denn er sah aus, wie frisch einem Männermagazin entstiegen. Armin war lediglich Durchschnitt gegen sein beeindruckendes Äußeres! Er stellte sich freundlich mit dem Namen Tallis vor und sie erstarrte augenblicklich zum Eisklotz. Das musste wohl Adam sein! Der junge Mann sah auch tatsächlich dem auf dem kleinen, halb verknitterten Bild, was Naike stets wohlbehütet in ihrem Portemonnaie aufbewahrte, sehr ähnlich. Aber konnte diese Erscheinung tatsächlich ein Ex-Sträfling sein?





Als Herr Tallis nach Naike fragte, taute Jessica wieder auf und wies sie ihn äußerst unwirsch mit den Worten, er solle sich lieber schnell wieder vom Acker machen, ab. Er ließ sich zuerst nicht von dieser Unhöflichkeit beeindrucken und bat sie, wenigstens einen Brief hinterlassen zu dürfen. Jess nahm zwar zögernd den Brief - zu dem auch eine Rose gehörte, was ihre Vermutung über Herrn Tallis Identität bestätigte - wiederholte daraufhin aber noch einmal ihre Aufforderung. Und als dann noch Armins Stimme ungeduldig aus dem Hintergrund ertönte, entschloss sich der Besucher kopfschüttelnd zum raschen Verlassen des Grundstücks - nicht ohne sich zu wundern und über die attraktive, aber sehr unfreundliche ältere Dame zu ärgern.

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Als Naike aus der Kaserne kam, und zwar ohne Kopftuch, ihre Kollegen hatten über sie gespottet und es dann einfach geklaut, fielen ihr zuerst Brief und Rose auf dem Tisch gar nicht auf, sonderte sie ärgerte sich wieder einmal über die heruntergeklappten Wände in ihrem Haus. Merkte Jessica das denn nicht? Aber dann sah sie das Schriftstück. "Hi! Was ist denn das da auf dem Tisch?" Jessica wirkte für einen Moment irritiert und bis sich leicht auf die Lippe. "Och, nur ein Liebesbrief von Armin.“ Sie errötete zart. „Er schreibt mir jetzt dauernd welche, ist das nicht süß? Huch, wo ist denn dein Kopftuch?" - "Ich steh’ jetzt zu meinem Style“, log Naike, „was schreibt er denn Schönes?" Sie näherte sich dem Brief. "Hey, Finger weg, das geht dich nix an!" Doch Naike hatte ihn sich bereits näher angeschaut. "Hm, die Unterschrift sieht gar nicht nach „Armin“ aus, ich les' da eher „Adam“. ADAM???"





"Jess, woher stammt dieser Brief wirklich!!??" - „Nee echt, den hat ein Unbekannter heute Morgen hier abgegeben, während du bei der Arbeit warst“, erklärte Jessica seelenruhig mit Unschuldsblick. „Armin ist sehr romantisch und lässt sich immer wieder neue Überraschungen für mich einfallen." - "Ah ja?! Und warum ist die Anrede wegradiert worden? An der Stelle, wo sie offenbar gestanden hat, ist das Papier richtig rau und zeigt graue Schlieren, da stimmt doch was nicht!" Jetzt wurde die ältere Dame doch etwas nervös. „Quatsch, das bildest du dir nur ein, weil du immer noch glaubst, Adam würde sich eines Tages zurückmelden. Dieser Brief hier ist aber von Armin, lies genau! Naike zog bedrohlich die Augenbrauen zusammen, so leicht ließ sie sich nicht hinters Licht führen. „Jaja, gut, ich habe tatsächlich etwas wegradiert“, gab Jessica dann schließlich zu, „nämlich eine sehr anzügliche Anrede, die besser keiner lesen sollte, da hat mein Süßer ein bisschen übertrieben. Sie grinste verschmitzt. „Komm’, sei doch nicht traurig. Adam wird sich eh nie mehr melden, vergiss’ den Kerl endlich. Er ist schlecht für dich, schlimmer als Pete Doherty für Kate Moss!"





"Jess, weißt du was? Du kannst mich mal!“, erhob sich Naike entrüstet. „Du bist nicht meine Mutter, also stell’ endlich deine Vorträge ein, wie und mit wem ich mein Leben zu leben habe, sonst kannst du dir eine andere Bleibe suchen!

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In den folgenden Tagen brachte Hoch „Friedhelm“ die Inselbewohner zum Dauerschwitzen. Jedes Kleidungsstück war innerhalb von fünf Minuten voll gesogen und die Wasserzähler bewegten sich im Rekordtempo. Lediglich in den frühen Morgenstunden ließ es sich draußen gut aushalten und so nutzen Jessica und Naike diese Zeit, um sich mit ihren künstlerischen Ambitionen ein bisschen Geld dazuzuverdienen, schließlich stand dringlich ein Hausanbau samt Renovierung bevor.





"Ja, sag mal, Schätzchen, was sehe ich denn da? Bist du schwanger oder haben wir uns ein prächtiges Bäuchlein angefuttert?", kicherte Jessica auf einmal frech.





"Danke, meine Liebste, das musst du gerade sagen!“, entgegnete Naike mürrisch. "Aber wenn es doch stimmt“, ließ ihre Mitbewohnerin nicht locker, „… ich weiß ja nicht, ob dein Adam auf üppige Formen steht, mein Armin tut es jedenfalls, er liebt jede Rundung an mir und füttert mich sogar noch mit köstlichen Leckereien!“ - "Ja, ja, schön für dich!", knurrte Naike. Was konnten Verliebte doch nervig sein! Aber sie wusste, dass ihre Freundin es nicht böse meinte.





Auf diesen alarmierenden Hinweis hin gönnte sich sie sich erstmal eine große Tüte Schokokekse, um den Frust zu dämpfen. Naike erstaunte es sehr, wie ähnlich ein virtueller Körper doch dem menschlichen war. Realität oder Virtualität – zuviel des Guten führte in beiden Fällen zu vermehrtem Hüftgold. Allerdings blieb die Sim-Taille trotz Gewichtszunahme bemerkenswert schlank. Und die tollen Möpse, die sie nun hatte, waren auch nicht von schlechten Eltern.

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Aber dennoch war es ihr zuviel, denn die Kleidung saß nicht mehr so gut wie vorher. Deshalb entschloss sich Naike am Abend, die überflüssigen Pfunde einfach wegzuzaubern. Wozu hatte sie jahrelang Hohe Magie studiert, wenn das gar keinen alltagspraktischen Wert hatte? In einem ihrer alten Lehrbücher fand sie auch tatsächlich einen Ritus, der angeblich Körperfett an unerwünschten Stellen in Nullkommanichts schmelzen ließe. Die Formel klang kompliziert, aber ein Versuch war es wert.

Und wieder einmal war es ein großes Glück, dass niemand zum Fenster des grünen Häuschens hereinschaute, denn die meditative Haltung, die Naike jetzt einnahm, sah mehr als merkwürdig aus. Dazu die wirre lila Haarpracht und auch noch eine hautpflegende Gurkenmaske! Nicht auszudenken, wenn zum Beispiel Melissa Fuller oder ein anderes Mitglied der Modernen Jesus Nachfolger in diesem Moment ins Haus marschiert wäre! Dass es sogar noch schlimmer kommen könnte, hatte sei nicht bedacht. Irgendetwas juckte nach Aussprache der Zauberformel plötzlich ganz komisch am Rücken, aber der Bauch war noch genauso rund wie vorher. Sie kam nicht mehr dazu, herauszufinden, woher das Jucken kam …





"Guten Abend!“, grüßte sie ein attraktiver junger Mann, der unverhofft im Wohnraum stand. „Naike? Naike Le Normand?" - "Nein ... äh …doch, ja klar … also das bin ich! - ADAM??????? Naike brach augenblicklich der Schweiß aus und sie kniff ihre Augen zusammen, um ihren Besucher trotz fehlender Sehhilfe genau erkennen zu können.





„Was … was machst du denn hier? Wo kommst du her?“, stammelte sie völlig überrascht und wirkte dabei nicht ganz bei Trost. „Aber Moment, du siehst irgendwie anders aus als sonst. Warst du beim Friseur?"





"Nein, Naike …“, sagte der Mann lächelnd, „… Sie verwechseln mich mit meinem Bruder. Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Joseph Tallis. Es tut mir sehr leid, dass ich so unhöflich war, hier einfach hereinzuplatzen, aber die Tür war nicht verschlossen und mein Klingeln hatte niemand gehört, obwohl Licht brannte. Da schaute ich ins durchs Fenster." - "Adam hat einen Bruder??? Davon hat er mir nie erzählt, ich kenne nur seine, äh ... eure Schwester. - Wo ist er überhaupt?" - "Noch im Gefängnis. Ich bin vor ein paar Tagen auf die Insel gezogen und da er wusste, dass Sie inzwischen auch hier leben, gab er mir einen Brief und eine Rose für Sie mit. Haben Sie ihn denn nicht erhalten?"

Also doch! Naike biss sich auf die Unterlippe und verwünschte Jessica in Gedanken. Joe redete weiter: "Er macht sich große Sorgen, weil Sie seine Briefe nie beantwortet haben, telefonieren darf er ja leider nicht." - "Mir wird gerade einiges klar“, seufzte sie betrübt, „ich fürchte, die fehlenden Antworten hat er meiner Mitbewohnerin zu verdanken. Bitte sagen Sie ihm, dass ich nie eine Nachricht bekommen habe, aber ab jetzt sicherstellen werde, dass alles ankommt, ok?! Es tut mir so leid, aber ich kann es Ihnen gerade nicht näher erklären, Sie sehen ja selbst ..."





"Und ob ich das sehe!“, lachte Joe jetzt schallend. „Ich frage Sie jetzt lieber nicht, was Sie hier treiben, will Sie nicht in Verlegenheit bringen, aber ich kann irgendwie nicht glauben, dass Sie die Naike sind, von der Adam mir seit Monaten immer wieder erzählt. Er ist ein ziemlicher Aufreißertyp und steht normalerweise auf schlanke Schönheiten, Sie passen irgendwie so gar nicht in sein Beuteschema.“ Naike schluckte, schaute zu Boden und biss sich erneut auf die Unterlippe, diesmal um ja nicht weinen zu müssen. “Oh, sorry, bitte nicht falsch verstehen“, versuchte Joseph seine wenig sensiblen Ausführungen zu entschuldigen und wurde rot.





"Ist schon gut, ich weiß schon, wie Sie das meinen", versuchte Naike die unüberlegten, wenig schmeichelhaften Worte von Adams jüngerem Bruder zu überspielen. "Na, dann bis bald, ich muss mal wieder los!“, zwinkerte er verlegen. „Rufen Sie mich an, wenn der Briefwechsel weiterhin nicht klappt, dann helfe ich Ihnen gern, ja?!", nickte Joe ihr noch kurz zu und verschwand dann draußen in der Dunkelheit.





Erst jetzt wurde Naike so richtig bewusst, welch oberpeinlichen Eindruck sie auf Joseph Tallis gemacht haben musste. Sie war nicht nur fast nackt, dicklich und haargefärbt, sondern hatte nun auch die Ursache für das Jucken auf ihrem Rücken entdeckt. Der vorhin falsch artikulierte Zauberspruch hatte ihr ein Paar überdimensionale Schmetterlingsflügel auf den Rücken verpasst!!

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Nach ihrem blamablen Auftritt folgte aber ein noch deutlich schwerwiegenderes Problem, Joseph hatte vergessen, ihr seine Telefonnummer zu hinterlassen, und so konnte Naike auch weiterhin mit keinem Mitglied der Tallis-Familie Kontakt aufnehmen. Briefe trudelten ebenfalls weiterhin keine ein, aber Jessica wollte sie deswegen lieber doch nicht zur Rede stellen, denn falls sich der Verdacht als unzutreffend herausgestellt hätte, hätte sie damit höchstwahrscheinlich einen riesigen Krach heraufbeschworen. Das Problem musste also irgendwie anders gelöst werden, sie wollte ihre mütterliche Freundin unter keinen Umständen verlieren.

Was hatte Jessica nur gegen Adam? Er mochte ein Verbrechen begangen haben, ja, aber schließlich büßte er das Vergehen an Desdemona Kappe ordentlich ab - kannte sie denn kein Verzeihen? Aber Jess dachte zu dieser Zeit eh drei Viertel des Tages nur an Armin und das andere Viertel war er anwesend oder mit ihr unterwegs. Er wohnte inzwischen schon beinahe inoffiziell in der Simlane 10, so oft war er im Hause. Naike hielt sich deswegen verstärkt in der Kaserne auf und arbeitete viel, denn es fiel ihr schwer, die beiden Knutschenden und sich auf dem alten kleinen Sofa lümmelnden auf Dauer zu ertragen.





Und da sie nun so oft unterwegs war, bekam sie auch nicht mit, dass Joseph immer wieder anrief, aber von Jessica jedes Mal mit immer phantasievolleren Geschichten abgewimmelt wurde.

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So gingen einige Wochen ins Land. Mit Hilfe eines guten Friseurs, den Jessica in der nächst größeren Stadt auf dem Festland ausfindig gemacht hatte, konnte Naike ihre Haarpracht retten, die inzwischen auch wieder ordentlich gewachsen war. Aber ihr Gewichtsproblem hatte sich gehalten, Woche um Woche nahm sie nach wie vor zu und fühlte sich inzwischen schon sehr behäbig. Roter Tee, der ihr von ihrer Nachbarin und Kollegin Manuela Bretz zur Gewichtsreduzierung ans Herz gelegt worden war, hatte leider außer Steigerung der täglichen Toilettenbesuche nichts geholfen. Naike beneidete ihre Mitbewohnerin, die zwar ebenfalls etwas beleibt war, aber sich überhaupt nichts daraus zu machen schien, und auch noch einen Mann hatte, der sie so liebte, wie sie war. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Adam es ebenso sähe. Aber wie gut kannte sie ihn überhaupt? Ihre Zeit zusammen war zwar heftig, aber doch sehr kurz gewesen.





Aber nicht nur das bevorstehende Wiedersehen mit ihrem Liebsten war ein Grund, nun endlich etwas Handfestes gegen die überflüssigen Pfunde zu unternehmen, sondern auch ihre inzwischen höhere Position beim Militär. Also entschloss sie sich zähneknirschend, bewusst statt aus Frust zu essen und regelmäßig Sport zu treiben, das Hoch „Friedhelm“ war zum Glück längst den ersten angenehm kühlen Winden des bevorstehenden Herbstes gewichen.





In den Nächten träumte sie oft in den kuriosesten Fassungen von Josephs Besuch. Einmal kniff er sie in den Po und lachte sie dabei so laut aus, dass sie sich ihre Traumohren zuhalten musste, ein anderes Mal aß er ihr die Gurken vom Gesicht. Aber immer endeten diese Träume auf die gleiche Weise - mit Traum-Tränen, die in echte übergingen, als sie aufwachte. Warum meldete er sich bloß nicht mehr?



Kapitel 1 - Der Schlag
Kapitel 3 - Zukunftsschau