Kapitel 1 - Der Schlag



Nicht schon wieder, dachte Naike und duckte sich schnell beseite. „Jessica?“, rief sie dann. „Adam kommt, sag ihm bitte, dass ich nicht da bin, ok!?“ Ohne auf die Antwort ihrer Freundin und Mitbewohnerin des Hauses Simlane 10 zu warten, schlüpfte sie schnell ins Bad.





Plötzlich hörte sie seine Stimme direkt hinter der Tür, war die Haustür wieder nur angelehnt gewesen? "Naike-Babe, ich weiß, dass du da bist, dein Duft liegt in der Luft!" Naike seufzte. "Adam, ich bin hier im Bad. Mir geht's nicht so dolle. Ich bin unpässlich, es geht heut eh nicht, ich ruf dich an, ok?!" Er lächelte amüsiert. "Komm ... verzieh dich, ich will jetzt wirklich nicht."





Keine Antwort - war er gegangen? Sie öffnete vorsichtig die Tür und hatte keine Sekunde später einen schwarzen Herrenschuh, Gr. 43, im Türspalt. "Los, geh in dein Zimmer, wir müssen reden", brummte Adam leicht verstimmt. "Au, lass’ meinen Arm los!" - "Was ist los, hm? Hast du einen anderen?" Naike verneinte entrüstet. "Gut. Ich liebe dich nämlich, du gehörst zu mir und zu niemand anderem, hast du gehört?" - "Natürlich, ich hab gesunde Ohren", bestätigte sie nun ihrerseits verstimmt. "Sollte dich je einer anpacken …“





"Adam, jetzt hör aber auf, du weißt ja nicht was du redest. Es gibt keinen Grund, so etwas zu sagen, alles ist in Ordnung. Aber ich lasse mir nicht vorschreiben, wann ich Besuch empfange und wann nicht. Du platzt hier einfach rein und willst von mir wer weiß was. Mensch, ich hab heut’ voll den Stress mit Jessica gehabt, mir ist nicht nach Schäferstündchen, ich bin traurig und wütend, ich will einfach nur mal meine Ruhe haben!!“ - "Weißt du, dass du noch anziehender aussiehst, wenn du wütend bist", sagte Adam zärtlich.





"Nein, das weiß ich nicht. Und ich will es auch gar nicht wissen!“, schimpfte Naike. „Ich will, dass du meine Bedürfnisse ernst nimmst, ich bin doch kein Roboter!" - "Stimmt, blechern fühlst du dich wirklich nicht an!", witzelte Adam und griff ihr an den Po. "Komm, hab dich nicht so, nur einmal ganz kurz, ja?" - "ADAM!!! Du bist ein gefühlloses Testosteron-Monster, von wegen Liebe - nimm deine Pfoten weg!!!





Wenn man liebt, respektiert man auch die Bedürfnisse des Partners, das kannst du offenbar nicht mal im Ansatz!!!“ - "Jetzt mach aber mal halblang, man wird doch wohl noch einen harmlosen Wunsch haben dürfen, oder?!" - "Harmloser Wunsch? Und gleich viele davon tagtäglich? Du bist doch schon nicht mehr normal, Adam. Lass’ dich mal untersuchen, da kann doch was nicht stimmen!"





"Jetzt reicht' s aber langsam, ich muss überhaupt nichts untersuchen lassen, ich bin KERNGESUND und in den besten Jahren!!!“, beteuerte er mit bedrohlichem Blick und sein Atem ging plötzlich sehr schnell, das machte ihr Angst. "Du, wir telefonieren morgen, ja, heute ist der Wurm drin, es wird so eh nichts mehr mit uns“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen.





Aber er griff nach ihrem Arm. "Nichts werde ich tun, KOMM ... JETZT ... ENDLICH ... HER!!!"





"Adam, lass mich los!“, schrie sie, spürte dann aber nur noch den dumpfen Aufschlag seiner Hand auf ihrem Gesicht. Sie schnappte nach Luft und Sterne tanzten ihr vor den Augen.





Adam rannte wütend aus dem Haus. Naike wankte zu ihrem Bett, ließ sich darauf nieder und betastete vorsichtig ihr schmerzendes Gesicht.

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Eine halbe Stunde später saß sie in der Simlane 4, der Praxis von Dr. Gilbert Blythe.





"So, Fräulein Le Normand, ihre die Nase hätten wir. Sie ist leicht angebrochen, aber mit dem Gipspflaster müsste es relativ schnell folgenlos abheilen, ich hoffe es zumindest. Bitte auf jeden Fall in der nächsten Zeit beim Duschen aufpassen, es sollte keine Feuchtigkeit darunter gelangen! Aber jetzt nehmen Sie doch endlich mal die Brille ab, damit ich auch einen Blick auf das Auge werfen kann." - "Danke Doc, aber das ist nicht notwendig, es ist schwillt schon langsam wieder ab."





Dr. Blythe runzelte ungläubig die Stirn. „Ich will Ihnen ja nicht zu nahe treten, aber wie genau ist das überhaupt passiert? Wie um alles in der Welt haut man sich selbst eine Tür gegen die Nase?“ - "Ach, das ist einfach blöd gelaufen, ich bin gestolpert, hab mich an der Türklinke aufgefangen und dabei ist die Tür halt aufgegangen“, erzählte Naike in so glaubwürdigen Ton wie möglich, aber der Doktor sah eher nachdenklich als überzeugt aus. "Ok, gute Besserung! Und wenn Sie sonst irgendwelche Probleme haben - kann ja immer mal sein - rufen Sie mich ruhig an, ich habe bisher noch für alles eine Lösung gefunden!" Naike lächelte und hoffte, dass sie niemandem auf dem Heimweg begegnen würde.





Zuhause machte sie sich einen starken Cappuccino und erntete einen kurzen, argwöhnischen Seitenblick ihrer Mitbewohnerin Jessica. "Na, hat dich der feine Herr „Ich-hol-mir-was-ich-will"-Tallis an der falschen Stelle erwischt oder bist du vor lauter Lust und Liebe vor eine Litfasssäule gelaufen?“ Naike seufzte, denn sie hatte geahnt, dass ihr verpflastertes Äußeres ihre Mitbewohnerin zu unangenehmen Sprüchen hinreißen würde. Jessica schüttelte den Kopf und seufzte ebenfalls: „Ja ja, ist schon gut, ich sag nix mehr dazu, du musst selbst wissen, was du tust.“

Naike wusste aber keineswegs so genau, was sie tun sollte. Alles hatte so viel versprechend begonnen, sie hatte ihm eine Chance gegeben und er schien sich gewandelt zu haben. Sie erinnerte sich, wie alles begann …





Die Sim-Frau Jeanne war einst die Verlobte von Jonas, dem ersten Sim, mit dem die reale Naike gespielt hatte, nachdem sie das Spiel einst erworben hatte. Jeanne hatte mit Jonas eine Familie gegründet, trennte sich dann aber von ihm, weil sie sich auseinander gelebt hatten. Sie zog zu Adam Tallis, einem charismatischen Frauenheld mit einer nicht ganz unproblematischen Charakterschwäche und unschöner Vergangenheit, aber einem guten Herzen, kam aber auch mit ihm im Alltag auf Dauer nicht so recht klar. Eines Tages, nach einem dicken Streit mit ihm, geschah plötzlich etwas sehr Seltsames, Jeanne wurde während ihrer Arbeit als Online-Kartenlegerin plötzlich in den PC gesaugt!





Und zeitgleich geschah dies auch dem Menschen Naike, die das Spiel gerade spielte, und die daraufhin in genau dem Sims-Haus unweich landete, das vorher noch Jeanne beherbergte.





Erst kapierte sie gar nicht, was geschehen war, aber nach einer Weile realisierte sie, dass sich ein Teil ihrer Seele als Alter Ego in der virtuellen Sim-Welt materialisiert hatte.





Sie hatte kaum eine halbe Stunde Zeit, sich in ihre neue Rolle als "Jeanne-Ersatz" einzufinden, da begegnete sie auch bereits deren Freund Adam, der den Tausch zum Glück nicht bemerkte. In den darauf folgenden Tagen, suchte sie zuerst noch verzweifelt nach einem Weg, das Geschehene rückgängig zu machen, aber dann bekamen Neugier und Abenteuerlust die Oberhand und Naike beschloss zu bleiben.





Zuerst versuchte sie in der Sim-Welt einiges in Ordnung zu bringen, was sie in der letzten Zeit gespielt hatte, denn vor dem PC zu sitzen war doch völlig anders, als unter den Sims zu sein, es überfiel sie ein gewisses Gefühl von Mitleid. Ihr erster Weg führte sie zu einer Sim-Frau namens Desdemona Kappe und sie versuchte diese zu motivieren, Adam anzuzeigen, denn sie war vor einigen Sim-Jahren Opfer eines sexuellen Übergriffs seinerseits geworden und hatte kurz danach ein Kind von ihm bekommen, was weder er noch sonst jemand wusste, aber Naike natürlich schon, denn sie hatte ja am Bildschirm alles live miterlebt und - wir wollen es nicht verschweigen - auch schließlich selbst so geplant.

Als sie dann bei Desdemona und ihrer kleinen Tochter Julia am Tisch saß, wusste sie, dass es ein doppeltes Spiel war, was sie da trieb, aber sie war hin und her gerissen zwischen ihrem Sinn für Gerechtigkeit und der plötzlich unaufhaltsam aufkeimenden Liebe zu Adam. Außerdem wirkte Desdemona nicht unglücklich und Julia hatte sich prächtig entwickelt.





Zuerst siegte die unverhoffte Zuneigung zu dem schwarzhaarigen, attraktiven Mann und Naike konnte sich nicht durchringen, Desdemona zu einer Anzeige zu motivieren. Aber dann kam es eines Abends zu einem Streit mit Adam, in dessen Verlauf sie ihn mit ihrem Wissen über seine uneheliche Tochter konfrontierte und ihm androhte, ihn zu verraten, sollte er die Sache nicht von selbst ins Reine bringen. Da er den Vorwurf abstritt und für absurd erklärte, und auch in den darauf folgenden Tagen nichts unternahm, ging Naike schweren Herzens doch noch zur Polizei.





Die darauf folgenden Tage fühlte sie sich so einsam wie nie und war sich nicht mehr sicher, ob ihre Entscheidung richtig war. Adam hatte inzwischen gestanden, auch wenn er sich an den betreffenden Tag und die Tat nur noch nebulös erinnern konnte, und musste nun sowohl verarbeiten, dass er Vater einer sechsjährigen Tochter war, als sich auch mit der Tatsache abfinden, nun eine lange Zeit im Gefängnis verbringen zu müssen.





Blass und übernächtigt sah er aus, als sie ihm ein paar Sachen aus seinem Haus brachte. Adam betrachtete die Frau, die ihn hinter Gitter gebracht hatte, mit traurigen Augen. „Ist schon Recht so“, sagte er dann und bat sie unmißverständlich zu gehen.





Nach einer durchweinten Nacht in einem kleinen Motel wachte Naike am nächsten Morgen mit der Idee auf, über einen öffentlichen PC auf einem Gemeinschaftsgrundstück Kontakt mit der echten Naike, also ihrem Alter Ego aufzunehmen. Und das funktionierte tatsächlich.





Nachdem die beiden sich einige Zeit über Skype beschimpft hatten, weil eine der anderen die Schuld an dem was passiert war in die Schuhe schob, heckten sie zusammen einen Plan aus, wie Naikes Sim-Leben denn nun weitergehen sollte. Man handelte dann eine wunderschöne Insel-Nachbarschaft aus, bleibendes Bewusstsein über ihre Herkunft, und Sim-Naike bestand außerdem darauf, Adam in nicht allzu langer Zeit wiedersehen zu dürfen.





Dann bekam sie eine unbekannte Adresse und musste mit dem Bus dorthin fahren, der ewig nicht kam. Aber dann zockelte er nach langer Warterei doch noch heran und fuhr sie zu einem fast leeren Grundstück, auf dem sich nichts als eine Art Riesenautoreifen befand. Zuerst stand sie nur unschlüssig herum, doch dann wusste sie plötzlich, was sie zu tun hatte, denn natürlich hatte sie mal Stargate im TV gesehen!





Es war also sonnenklar, sie musste hindurch, um zu ihrem zukünftigen Wohnort zu gelangen. Zuerst traute sie sich nicht so recht, aber im Film hatte auch immer alles gut geklappt, warum sollte also hier irgendwas daneben gehen? Und schließlich wusste sie ja auch, dass sie dabei von ihrer „Spielerin“ beobachtet wurde.





Und so nahm sie einen tiefen Atemzug, ging in winzigen Schritten immer näher auf das Dimensionstor zu und konnte bald vor Helligkeit nichts mehr sehen, außer blitzendem Gewimmel.
Dann glitt sie sanft hindurch ...

... das Spiel konnte beginnen!

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Den Gang durch das Dimensionstor hatte Naike sich aufregender vorgestellt, sie glitt einfach nur hindurch und befand sich plötzlich auf einem kleinen Schiff, das kurz darauf an einem Hafen anlegte. Real-Naike hatte also Wort gehalten und ihr gepixeltes Alter Ego wunschgemäß auf einer Insel abgesetzt.





Zuerst sah sie sich ein wenig um und entdeckte an einem der Holzhäuser eine Pinnwand mit einigen Anschlägen.





Neben ein paar Werbezettel für diverse Veranstaltungen auf dem nahe liegenden Festland, fanden sich auch einige viel versprechende Immobilienanzeigen angepinnt. Ein hübsches Strandhaus, ein großzügiges Grundstück mit Wohnhaus und See und ein möbliertes grünes Holzhaus.





Die Insel an sich war offenbar bisher eher gering bevölkert, wie ein kleines, Foto zeigte, das die Sonne bereits ziemlich verblichen hatte. Aber Naike erkannte sofort im Osten den Hafen und konnte sich so schonmal ein wenig orientieren.





Sie notierte sich die Telefonnummer des Maklerbüros und stellte sich anschließend kurz noch für einen Kaffee an, denn vielleicht ließen sich so erste Kontakte mit den Inselbewohnern knüpfen.





Doch keiner beachtete sie und sie fühlte sich äußerst unwohl unter diesen Wesen mit den seltsam comic-haften Maxis-Gesichtern. In diesem Moment hätte sie ihr Abenteuer am liebsten gleich wieder zu einem schnellen Ende gebracht und einem Jungen mit unschönem Flachschädel am liebsten einen Tritt versetzt, als er sie anrempelte, aber so tat, als hätte er es nicht bemerkt.





Zum Glück war der Baristo schon freundlicher. "Kann ich Ihnen helfen, junge Dame?" Naike fand, dass der Mann Albert Kappe ähnlich sah, einer Figur, mit der sie schon oft gespielt hatte. Aber auf seinem Namensschild war „Alfons Gast“ zu lesen, sie schien also falsch zu liegen. Als sie einen Coffee-to-go bestellt hatte, bekam sie einen dicken Schrecken - hatte sie überhaupt Geld dafür? Diese Frage erledigte sich glücklicherweise schnell nach einem hastigen Griff in die Hosentasche, Real-Naike hatte zum Glück an alles gedacht.





Sie bedankte sich, trank den zum Glück nicht allzu heißen Kaffee trotz fehlender Milch und ohne Zucker in zwei Zügen aus, was grausig schmeckte, und durchquerte anschließend das Hafengelände auf der Suche nach dem Telefon, auf das sie der Baristo hingewiesen hatte, um den Makler anzurufen.





Dieser meldete sich zwar sofort, hatte aber keine guten Nachrichten. Das Grundstück mit dem kleinen See war bereits vermietet, das Strandhaus unerschwinglich – Naike wusste, dass sie als gerade erst gestarteter Neu-Sim lediglich 20.000 Simoleons zur Verfügung hatte – und von dem kleinen grünen Holzhaus riet er ihr ab. Da ihr aber nichts anderes übrig blieb, musste sie zugreifen. Mit dem Gedanken, es demnächst zu verschönern, falls es wirklich so scheußlich war, sagte sie also zu und verabredete sich mit dem ein wenig windig klingenden Makler zum Abschluss der Formalitäten für den Nachmittag.





Obwohl sie jetzt ein Bleibe hatte, war Naike verärgert, denn ein bisschen attraktiver hätte sie sich ihre Insel schon vorgestellt. Am Hafen stank der Müll, was ihre empfindliche Nase kaum ertragen konnte, und auf ihre grasgrüne Bretterbude war sie alles andere als gespannt. Warum konnte es nicht das hübsche Strandhaus sein?





Aber dann kam auch schon das bestellte Taxi und brachte sie wenigstens weg von dem miefenden Abfall, der ihren Geruchssinn inzwischen fast gelähmt hatte.





Die Fahrt dauerte keine zwei Minuten und führte lediglich um ein paar Ecken, dennoch verlangte der Taxifahrer die horrende Summe von 100 Simoleons, die Naike zähneknirschend und leise vor sich hin fluchend zahlte. Da war es also, das grüne Etwas! Umgeben von einem sandigen Nichts.





Im Inneren war das Haus wie zu erwarten nicht schöner als von außen. Ein Raum mit Kochnische, dazu wenigstens ein Bad mit Dusche. Die Möbel schienen allesamt vom Trödel zu stammen. Naike ließ sich erschöpft und frustriert auf die Couch im "Spinatstyle" fallen, die trotz ihres Leichtgewichts empört quietschte und kleine Staubwölkchen absonderte. Für einen Moment dachte sie an Adam und seufzte.





Wenigstens fanden sich im Kühlschrank Milch und Cerealien, denn langsam hatte Naikes Magen zu knurren begonnen. Aufgrund der Tatsache, dass Sims sogar Cornflakes in Kühlschränken aufbewahrten, musste sie schmunzeln, schon oft hatte sie sich beim Spielen darüber amüsiert.





Nachdem sie das wenig nahrhafte pappige Zeug aufgegessen hatte, sah sie den ersten Sim draußen auf der Strasse. War das nicht dieser Maxis-Sim Benjamin Lang mit seiner albernen karierten Knickerbocker-Hose? Naike hatte wenig Lust, ihm zu begegnen und schloss deshalb schnell ihre Haustür. Aber im Haus war es noch sehr warm und stickig, da es wohl längere Zeit unbenutzt gewesen war, deshalb schnappte sie sich die aktuelle Tageszeitung und einen Küchenstuhl und setze sich so weit wie möglich von der Strasse entfernt nach draußen, mit Blick auf das Meer, der wirklich schön war.





Doch hier blieb sie nicht lange wie erhofft unentdeckt, denn kurze Zeit später tummelten sich bereits weitere Sims auf ihrem Grundstück und schienen Interesse an der neuen Bewohnerin des grünen Häuschens zu haben. Naike linste vorsichtig rechts an der Zeitung vorbei, erkannte aus dem Augenwinkel Gerda Kappe und Manuela Bretz, ebenfalls bereits im Spiel ab Werk installierte Sims, doch wer war noch der Typ? Plötzlich fiel ihr ein, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung gelernt hatte, einen Unsichtbarkeitszauber anzuwenden. Doch für die erfolgreiche Durchführung war mentale Stille vonnöten. Würde ihr das hier und jetzt gelingen? Die Zeitung raschelte, weil Naikes Hände zitterten. Wie würde es sein, leibhaftig Figuren gegenüber zu stehen, deren Wohl und Wehe sie vor kurzem noch selbst gesteuert hatte?





Von mentaler Ruhe konnte nicht die Rede sein. Auch inständiges Beten und sich mit Zeitung zu umhüllen, nützten Naike nichts. Im Nu war sie von ihren zukünftigen Nachbarn umstellt und vernahm auch prompt die schneidende Stimme von Gerda Kappe: "Guten Tag, ein feines Plätzchen haben Sie hier!"





"Darf ich mich vorstellen, ich bin Ihre neue Nachbarin. Mein Name ist Gerda Kappe und ich wohne mit meiner Familie ganz in Ihrer Nähe.“
Naike hätte beinahe „ich weiß“ gesagt, konnte es sich aber gerade noch verkneifen. Sie schüttelte gezwungen lächelnd die Hand der ziemlich kurios, ein bisschen im Stil der 60er Jahre gestylten Frau. „Ich bin Naike Le Normand, ich …“
Aber Frau Kappe ließ sie gar nicht aussprechen, sondern startete umgehend mit der offensichtlich etwas längeren Geschichte der Insel und erzählte, seit wie vielen Generationen ihre Familie bereits hier lebte und welch wichtigen Status sie dadurch angeblich inne hätte. Als Naike ein Gähnen nicht unterdrücken konnte, hielt Gerda konsterniert inne und stoppte ihren Redefluss, wobei sie ein bisschen beleidigt aus der Wäsche guckte. Dann lief sie ohne ein weiteres Wort Richtung Haus, welches zuvor bereits Manuela Bretz ohne Einladung betreten hatte, wie Naike aus den Augenwinkel bemerkt hatte.





"Fräulein Le Normand, ich möchte Sie gleich warnen: Spiegeleier enthalten viel zu viel Cholesterin, Sie sollten sich auf keinen Fall welche braten, ich habe vor kurzem eine Vollwertkochkurs gemacht, da meine Blutwerte ... bla bla bla ..." Naike starrte den männlichen Sim, der sich ihr nicht einmal vorgestellt hatte, überrascht an. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein?! Warum belaberte er sie mit seinen Weisheiten, obwohl er nicht einmal ihre Essgewohnheiten kannte? Vielleicht mochte sie eh keine Eier? Inzwischen hatte er seinen Vortrag zum Glück abrupt beendet und lief wie die beiden Frauen zuvor ebenfalls ohne jegliche Aufforderung dazu in Naikes kleines grünes Häuschen. „Sims!“, fluchte sie leise vor sich hin und lief dann schnell hinterher, weil sie sich um den Inhalt ihres Kühlschranks sorgte. Oder vielleicht würden sie auch noch das Klo verdrecken?





Aber nein, sie spielten brav Dart. Naike entschied, diesen Antrittsbesuch über sich ergehen zu lassen – schließlich hatte sie eine gute Kinderstube gehabt - und begrüßte höflich die blonde Sim-Frau im rosa Blümchenkleid. "Hallo, ich bin Naike und Du?" - "Manuela Bretz ist mein Name, grüß dich!" Das hatte das Mädel sehr warmherzig gesagt, also sollte sie eine Chance bekommen. "Wollen wir uns setzen?"





Das war ein Fehler, denn nun legte Manuela wie auch eben Gerda Kappe los und erzählte geschlagene fünfzehn Minuten nur über sich selbst. Mit keinem Wort fragte sie, woher Naike gekommen war oder für was sie sich interessierte.





Plötzlich schreckte Naike hoch, war sie kurz eingenickt? Manuela jedenfalls zeigte eine entrüstete Miene. „Äh … warte, Manu, soll ich Dir vielleicht ein Spiegelei braten?" Aber die junge Nachbarin stand nun ruckartig auf und verließ ohne sich zu verabschieden das Haus. Gerda und der braungebrannte Mann mit dem Cholesterin-Problem waren längst nicht mehr da. Naike runzelte die Stirn, eigentlich konnte es ihr nur recht sein, was sollte sie mit solch egozentrischen Langeweilern?





Dann wurde es draußen wie üblich von eine auf die andere Sekunde dunkel und Naike beschloss schlafen zu gehen, das Fernseh-Programm wollte sie sich an diesem Tage nicht auch noch antun. Das Bett quietschte und knarzte und sonderte noch mehr muffigen Staub ab als das Sofa, was sie tierisch in der Nase kitzelte. Außerdem war es viel zu warm unter der schweren Decke, die Luft stand. Aber dann schlief die neue Bewohnerin des Hauses Simlane 10 doch schnell ein und träumte von Gerda Kappe, die sie in eine mysteriöse Organisation namens „Moderne Jesus Nachfolger“ aufnehmen wollte und ihr eine Steintafel mit zehn Geboten überreichte, die ihr schmerzhaft auf die Füße fiel. Gerda lachte hämisch und erklärte, dass dies die Rache dafür sei, das Naike sie einst in einer anderen Nachbarschaft einem Brand zum Opfer fallen ließ!

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Am nächsten Morgen lungerte eine ältere Frau in einem grotesken Outfit vor dem kleinen grünen Holzhaus herum. Nachdem Naike ihre Kontaktlinsen eingesetzt hatte, erkannte sie, dass es eine der Wahrsagerinnen war, bei denen man seltsame Tränke kaufen und sich sogar einen Partner für einsame Stunden bestellen konnte! Sie freute sich, eine Kollegin zu treffen, und hoffte, dass sie nett und gut ausgebildet sei, damit sie sich vielleicht austauschen könnten. "Hallo, ich bin die Nai ..." - "Halt … stop! Sagen Sie nichts, meine Liebe, ich schaue kurz in meine Kugel, dann weiß ich ALLES! Moment nur, sie ist ein bisschen belegt, heute ist es wieder so warm", stellte die aus der Nähe sehr sympathisch erscheinende Dame mit dem albernen Kopftuch wenig begeistert fest. "Ahaaa, Sie heißen Gabriele, sind 25 Jahre alt und von Beruf Damenschneiderin. Und … oh jee, das tut mir aber jetzt sehr leid, Sie sind schrecklich unglücklich verliebt.“ Sie ließ Naike nicht zu Wort kommen, obwohl diese es versuchte. „Ihr Freund - ein anerkannter Wissenschaftler mit Brille - ist bereits verheiratet und will nicht mit ihnen hier leben, das ist aber auch wirklich ein trauriges Schicksal, meine Kleine. Na, was sagen Sie - stimmt`s?“, flötete die Wahrsagerin fröhlich und sehr von sich überzeugt. „Ach übrigens, ich heiße Jessica Jung."

Naike runzelte die Stirn, von guter Ausbildung konnte wohl leider nicht die Rede sein, eher von Tuten und Blasen keine Ahnung. "Äh ... nunja, ich bin unglücklich verliebt, ja, aber das ist, ehrlich gesagt, das Einzige, was stimmt." Jessica schüttelte ungläubig den Kopf. „Es muß an diesem ewigen feuchten Beschlag liegen, furchtbares Klima hier auf der Insel“, murmelte sie frustriert und bearbeitete angestrengt ihre Glaskugel mit einem Schwamm.





"Kommen Sie, Jessica, jetzt schauen sie doch nicht so trübselig, Übung macht den Meister! Ich heiße Naike, habe die Dreißig bereits überschritten - vielen Dank übrigens für das Kompliment mit dem Alter – und bin von Beruf ebenfalls Wahrsagerin, verwende aber Karten als Medium und keine Kugel. Vielleicht sollte sie darauf umsteigen, denen macht feuchte Luft nichts aus!“ Jessica sah sie mit erstaunten großen Augen an. „Ehrlich? Wir sind Kollegen? Das ist aber toll! Vielleicht können wir ja gegenseitig voneinander lernen … äh … oder ich zumindest etwas von Ihnen?“





„Na, jetzt stapeln sie aber mal nicht gleich so tief, jede von uns liegt auch mal daneben. Und unglücklich verliebt bin ich ja tatsächlich, nur Ihre Beschreibung trifft nicht so ganz zu, er ist kein Wissenschaftler mit Brille, mein Adam sitzt gerade im Gefängnis und wir haben seit längerer Zeit schon keinen Kontakt mehr", erzählte Naike traurig. "Oh, das tut mir sehr leid, Fräulein. Aber ich hätte da eine Idee, ich kann nämlich tolle Liebhaber herbeizaubern. Mache Ihnen auch einen günstigen Preis!"

Naike dachte mit Schrecken an die Typen, die die Wahrsagerinnen damals im Spiel immer vom Himmel plumpsen ließen. Einen solchen wollte sie sich unter keinen Umständen an den Hals binden, zumal sie davon überzeugt war, dass ihr eh niemand Adam ersetzen konnte. "Nein danke, Jessica. Aber Sie würden mir eine Freude machen, wenn Sie mir verraten würden, wo ich her auf der Insel ein bisschen was einkaufen kann." Für die Beantwortung dieser Frage bemühte Jessica doch tatsächlich erneut ihre Kugel!

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Aber diesmal stimmte ihre Aussage sogar. Naike schmunzelte und betrachtete den Miniaturladen namens All-In-One-Shop, den sie erblickte, nachdem sie dem Taxi entstiegen war, dessen Fahrer diesmal netterweise nur fünfzig Simoleons abgerechnet hatte. Hier sah es aus, als wäre seit den 70er Jahren nichts mehr renoviert und investiert worden. Und schon wieder ein Typ in Knickerbockern! War hier etwa die Zeit stehengeblieben?





Naike schüttelte sich und stellte verwundert fest, dass bei ihrem Eintritt in den Laden fast die gesamte Fassade verschwand. Wie dilettantisch von Real-Naike, das würde hässliche Fotos geben! Zuerst ließ sie in einem alten Fotofix ein Bild von sich anfertigen, um es einem Brief an Adam beizulegen. Dann kaufte sie sich eine Staffelei für die nächsten langweiligen Stunden und die Aneignung von Kreativ-Skills, und noch ein paar Leckereien, die auch allesamt nicht mehr ganz frisch aussahen, wie halt auch der Laden, der sie verkaufte.





Wieder daheim angekommen, diesmal zu Fuß, um Geld zu sparen, klingelte endlich mal das Telefon, es war Jessica Jung, die Naike einen Job bei einem angeblichen Meister der Magie zu empfehlen hatte. Ihr Herz hüpfte freudig, das musste wohl eine Karriere sein, die Real-Naike irgendwo downgeloadet hatte – viel besser jedenfalls als Wachfrau, Postraumtechnikerin oder Taschendiebin, was über die hiesige Tageszeitung angeboten wurde. Sie sagte sofort zu und versorgte anschließend fröhlich pfeifend ihre Einkäufe, natürlich alles in den Kühlschrank, auch die Konservendosen.





Danach schrieb sie den Brief an Adam, legte die Fotofix-Aufnahme hinein und hoffte inständig, dass er sich bald bei ihr melden würde.

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Am nächsten Tag passierte bis zum Nachmittag rein gar nichts, Naike langweilte sich furchtbar, malte ein bisschen an der Staffelei und briet sich entgegen des Rates ihre Nachbarn gleich zwei Spiegeleier. Niemand rief an, keiner kam sie besuchen, zum Glück auch nicht erneut die Nachbarn.

Am späten Nachmittag ging es dann das erste Mal zur neuen Arbeitsstelle. Ihr Chef, der sich nur „Der Meister“ nannte war zwar freundlich, nahm sie aber gleich mit niederen Arbeiten ordentlich ran. Stundenlang musste sie Kessel putzen und uralte Bücher entstauben. Naike war völlig platt und frustriert, als sie in der Nacht nach Hause kam, die Arbeit hatte sie geistig völlig unterfordert, schließlich war sie bereits vorgebildet und kein Anfänger mehr, aber dafür hatte sich „Der Meister“ nicht interessiert. Außerdem musste sie sich mit mickrigen 65 Simoleons Lohn begnüngen, wobei bereits 50 davon für den Fahrdienst drauf gingen, und sie war nicht einmal auf die nächste Stufe befördert worden.
Sollte das etwa in den nächsten Wochen so weiter gehen? Wann würde sie genug Geld für einen PC zusammen gespart haben, um sich mit Real-Naike unterhalten zu können und so herauszufinden, wann Adam endlich aus dem Gefängnis entlassen würde?



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Kapitel 2 - Aus Einem werden Zwei